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Die Systemischen Therapien

Die Entwicklung der systemischen Familientherapie begann in den USA in der Zeit der Blüte der sogenannten "humanistischen Psychologie". Allein waren damals Fritz Perls und Carl Rogers bekannt, wohingegen erst einige Zeit später die Begründer der 1. Palo-Alto-Gruppe prominent wurden, vor allem Gregory Bateson und Paul Watzlawick. Ihre theoretisch grundlegenden ersten Arbeiten erschienen äußerst trocken und fernab von der in dieser Zeit üblichen Orientierung am therapeutischen Handeln und der Entwicklung von Methoden. Damals interessierte allgemein mehr, wie Veränderung/Heilung durch therapeutische Interventionen praktisch erreicht werden kann, als ein theoretisches Erklärungsmodell dafür zu finden, wie sich der Weg vom Problem zur Lösung vollzieht.

Unterschiedliche Varianten können als Übersetzungsversuche unterschiedlicher systemtheoretischer Ansätze in die klinische Praxis angesehen werden, also gibt es weder einen einheitlichen Systembegriff noch "die" systemische Therapie. Gemeinsam ist allen systemischen Ansätzen die Perspektive, Probleme und Symptome nicht als Pathologie eines Individuums, sondern als jeweilige Problemdefinitionen und Festschreibungen im Kontext eines sich entwickelnden sozialen bzw. familiären Bezugssystems zu sehen. Die systemische Therapie wurde ursprünglich als Familientherapie, später als systemische Familientherapie bezeichnet. Gegenwärtig wird sie meist verkürzt systemische Therapie oder systemische Psychotherapie genannt. Die "ursprüngliche" Familientherapie wurde in den 50er Jahren in den USA entwickelt und im Laufe der 70er Jahre nach Europa importiert. Seit Beginn der 80er Jahre entwickelte sich die systemische Therapie über den Rahmen der Familientherapie hinaus zu einem Ansatz mit eigenen klinischen Theorien und Praxisformen. Systemische Therapie bedeutet, daß alle Personen und/oder Institutionen, die an dem Problem beteiligt sind, welches zur Beratung oder Therapie ansteht, in den Beratungsprozeß mit einbezogen werden. Die systemische Therapie kann als eine Rahmentheorie verstanden werden, die es gestattet, die Komplexität menschlichen Erlebens und Handelns zu beschreiben, zu erklären und Veränderungsmöglichkeiten für verschiedene Arten menschlicher Systeme zu gestalten.

Die systemische Therapie versucht, die Gedanken der Systemtheorien für die Psychotherapie nutzbar zu machen. Im Begriff des Systems sind sowohl das Ganze als auch die Teile eines Systems beinhaltet. Systemtheorien lenken den Blick auf Muster, Zusammenhänge und Dynamiken. Sie beruhen auf dem Grundgedanken, daß sich Teilstrukturen und Teilprozesse eines sich in der Zeit wandelnden Systems wechselseitig beeinflussen und das Netzwerk der Interaktionen das entscheidende Band zwischen Teilen und Ganzem eines Systems ist.

Besonderes Interesse richtet sich dabei auf die Dynamik und Organisation interpersoneller Beziehungen, die individuellen Erlebens und Verhaltensmuster sowie auf die in Sprache gefaßte Bedeutung der Erlebens- und Verhaltensqualitäten.

Die Konzentration in der systemischen Therapie ist daher nicht nur auf den Betroffenen, den Symptomträger, gerichtet, sondern auf das gesamte Lebensumfeld. In den Entwicklungsanfängen dieser Therapieform lag der Schwerpunkt auf dem Geschehen in der Familie, doch wurde im Laufe der Zeit die Orientierung an der Familie mehr und mehr hinterfragt, da die Familie ja nur eine soziale Interaktionsform darstellt. Die Aufmerksamkeit wurde daher schließlich auf das gesamte Herkunftssystem der Betroffenen und deren Lebensbedingungen ausgedehnt. In jeder sozialen Gruppe kommt es im Laufe der Zeit zu einer speziellen Sichtweise der Realität, d.h., eine eigene Perspektive auf die Realität wird individuell "konstruiert". So entstehen verschiedene Sichtweisen, was jeweils unter Realität verstanden wird, abbweichende Wahrnehmungen können sich nur noch sehr schwer oder gar nicht mehr durchsetzen. Der systemische Therapeut versucht daher, sich in diesen verschiedenen Realitäten zu bewegen und unterstützt die Beteiligten, über ihre Situation und die Wahrnehung der Realität aktiv nachzudenken.

Die Anwendung der Theorie der Selbstorganisation von Systemen hat für die psychosoziale Praxis, für die Diagnose und Therapie von Familien weitreichende Folgen. Im Sinne dieser Theorien ist eine Diagnose immer abhängig von den Handlungen und Unterscheidungen, die der Therapeut als Beobachter etwa eines Familiensystems vornimmt. Was er wahrnimmt, ist immer auch eine Folge seiner Handlungen und Interaktionen mit dem Klientensystem. Therapeuten können nicht von außen einseitig bestimmen, was Klienten zu denken, zu erleben und wie sie zu handeln haben. Was ein Klient wahrnimmt, erinnert, aus der Komplexität des therapeutischen Geschehens auswählt, ist abhängig von seinen Wahrnehmungsmustern, seinen Mustern der Sinnkonstruktion, oder, im Falle des sozialen Systems Familie, von dem Glaubenssystem, dem Lebensskript der Familienmitglieder oder von im Familiensystem vorherrschenden Regeln, Interaktions und Kommunikationsmustern.

Es ist daher ein Mythos, daß es der Therapeut ist, der soziale Systeme verändert. Therapie ist eher in der Bedeutung von Konsultation oder Konversation zu verstehen. Ein zentraler Fokus systemischer Therapie ist die Annahme, daß kognitive und kommunikative Konstruktionen wie auch die sprachlich in Geschichten gefaßten Erfahrungen (Narrationen) von Individuen oder Familien in Zusammenhang mit der Erzeugung von menschlichen Problemen stehen. Es wird angenommen, daß eine Veränderung dieser spezifischen Konstruktionen oder Narrationen zu einem veränderten Erleben und auch Verhalten führen kann. Die mit Klienten gemeinsam erarbeitete Thematisierung, Veranschaulichung und Veränderung des wechselseitigen Bezugs von vorgestellten Problemen und Symptomen mit interpersonellen Beziehungs- und Deutungsmustern ist daher ein wesentliches Mittel und Ziel systemischer Therapie. Es gibt verschiedene Ansätze:

Die Skulptur (Familienaufstellung) Der oder die Betroffenen begeben sich in Körperstellung zueinander, die sie mit Problemsituationen assoziieren und spiegeln so die damit verbundenen Gefühle wieder. Auf diese Weise geschaffene symbolische Repräsentationen von Familienbeziehungen können auch ohne Sprache verstanden werden. Diese Technik ist unabhängig von Altersstufen, sprachlichen Problemen, sowie der aktuellen Problematik einsetzbar. Wenn die Aufstellung erfolgt ist, wird mit den Rückmeldungen über die entstandenen Gefühle gearbeitet. Beispiel: Ein Paar soll durch gegenseitige Aufstellung seine Gefühle verdeutlichen. Der eine Partner wird vom anderen so "aufgestellt", wie dieser ihn sieht. Wenn der eine den anderen z.B. als sehr dominant erlebt, wird der Aufstellende den Partner in einer dementsprechenden Position plazieren. Der aufgestellte Partner gibt danach wieder, wie es ihm in dieser Position erging, was er gefühlt hat, was für ihn stimmig war und was nicht.

Das zirkuläre Fragen Der Betroffene wird nach seinen Vermutungen über die Einstellungen, Meinungen, Werte usw. der anderen Beteiligten befragt. Auf diese Vermutungen hin können die Beteiligten Stellung nehmen und ihre Sichtweise der Dinge erklären. Bestimmte Verhaltensweisen, unterschiedliche Formen von Gefühlsausdrücken und Symptome haben auch eine kommunikative Bedeutung, deren Sinn von außenstehenden Menschen oftmals nicht gleich verstanden wird. Durch hinterfragen können diese kommunikativen Bedeutungen sichtbar gemacht werden und zu einem besseren Verständnis untereinander führen.

Siehe dazu generell Systemisches Fragen.

Interventionen Der Therapeut bringt Einwände, Bemerkungen, Aufgabenstellungen mit ein, um dem Therapieverlauf eine neue Richtung zu geben, blockierende Verhaltensmuster zu unterbrechen, oder auch um den beschrittenen Weg zu stabilisieren.

Splitting Team Ein Teil des Therapeutenteams, das ggf. den Prozeß von außen beobachtet, diskutiert mit den Betroffenen die Arbeit, nimmt vielleicht konträre Standpunkte ein. Dies kann unter Umständen eine provozierende und aktivierende Wirkung auf die Betroffenen haben.

Überblick über einige Psychotherapierichtungen und -schulen



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