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Hypnotherapie

Hypnotherapie nimmt in gewisser Hinsicht einen Sonderstatus unter den Therapieformen ein. Sie ist von den anthropologischen Prämissen her eine humanistische Psychotherapie, ohne forschungsfeindlich zu sein, wie etwa die Gestalttherapie. Sie kann in ihrer Begründung auf sehr unterschiedliche Befunde empirischer Grundlagen- und Anwendungsforschung zurückgreifen. Sie ist in der Vorgehensweise problemorientiert und direktiv wie die Verhaltenstherapie, betrachtet dabei aber die Transparenz der Intervention nicht als notwendige Voraussetzung für deren Nützlichkeit. Sie bezieht sich wissenschaftstheoretisch auf eine konstruktivistische Grundposition, hat aber nicht darauf verzichtet, ihre Befunde mit positivistischen Methoden abzusichern. Sie ist außerdem eine medizinische Behandlungsmethode, die sich dabei psychologischer Mechanismen bedient und eine psychologische Behandlungsmethode, die ohne Kenntnis somatischer Mechanismen nicht angewendet werden kann. Sie stellt ein Bindeglied zwischen beiden Aspekten der psychosomatischen Betrachtung dar. Die Hypnotherapie nimmt daher in fachwissenschaftlicher wie berufspolitischer Hinsicht eine Mittlerrolle ein (Revenstorf & Prudlo, 1993).

Wie bei jeder Therapieform geht es auch bei der Hypnotherapie darum, dem Klienten bei der Erreichung gewisser Ziele zu unterstützen, wobei die Hypnotherapie dazu veränderte Bewusstseinszustände - Trancezustände - nutzt, in denen die Aufmerksamkeit fokussiert und meist auf das innere Erleben gerichtet wird. Hypnose gilt als ältestes Verfahren mit medizinischer, psychotherapeutischer und psychosomatischer Tradition, wobei die mit ihrer Hilfe induzierte Trance als Bewußtseinszustand mit vermehrter psychosomatischer Durchlässigkeit und kognitver Flexibilität betrachtet werden kann (verbesserte Vorstellung, Assoziations- und Dissoziationsfähigkeit, Wahrnehmungs- und Zeitverzerrung u.a.). Hypnose umfaßt als Sonderform solche Verfahren wie Meditation, autogenes Training, Entspannung u.ä. Die Erklärung der Hypnose und ihrer Erscheinungen stützt sich auf verschiedene Forschungsbereiche der Wahrnehmnungs- und Kognitionspsychologie (subliminale Wahrnehmung), der Sozialpsychologie und Psychophysiologie. Es sind zahlreiche Auswirkungen des hypnotischen Zustandes auf physiologische Korrelate nachgewiesen: hirnphysiologisch (Durchblutung, theta-Aktivität, evozierte Potentiale), endokrinologisch (Stresshormone), immunologisch (Leukozytenmobilität, bessere Wundheilung), zentralnervös (Tonusveränderung), vegetativ (trophotrope Umstellung). Diese Veränderungen haben erhebliche Bedeutung für die klinischen Anwendungen der Hypnose im Bereich der Schmerz-, Angst- und Stressbewältigung, der Behandlung allergischer Reaktionen und für die Wundheilung.

Trance ist jedoch kein Zustand von Bewusstlosigkeit, der zwangsläufig von einer Amnesie (Vergessen) begleitet sein muss, sondern eine leichte Trance in hypnotherapeutischen Sitzungen ähnelt dem Zustand, den man kurz vor dem Einschlafen erlebt. Charakteristisch ist das selektive Ausblenden der meisten Sinnesreize aus der Außenwelt und eine Intensivierung des inneren Erlebens. Ein solch eingeengter Bewusstseinszustand taucht manchmal auch im Alltag auf, etwa wenn man ein Buch liest und alles um sich herum vergisst, oder völlig in sich versunken einen Film ansieht.

Der Hypnotherapeut versetzt die KlientInnen in Trance, um bestimmte Vorteile, die dieser Zustand mit sich bringt therapeutisch zu nutzen, wobei der Trancezustand verschieden tief sein kann und gekennzeichnet ist durch

 

Verstärkung bzw. Intensivierung des inneren Erlebens: In Trance findet eine Intensivierung des inneren Erlebens statt. Wenn man jemandem im Wachzustand sage, er solle sich vorstellen, durch einen Wald zu laufen, dann wird dies je nach Person eine relativ abstrakte Vorstellung sein. Im Traum hingegen sieht man die Bäume deutlich vor sich, spürt den Waldboden unter den Füßen, den Wind in den Ästen und vielleicht etwaige Monster, die einen verfolgen und verschwitzt aufwachen lassen. Das Erleben in Trance bewegt sich zwischen diesen beiden Extrempolen, wobei die Vorstellungen realer wirken, Gefühle verstärkt werden können und je nach Vorstellungskraft des Klienten sehr viel intensiver sind als im Wachzustand.

Einengung der Aufmerksamkeit: Ein weiterer wichtiger Effekt ist die Konzentration der Aufmerksamkeit auf einige wenige Reize. Im normalen Wachzustand nehmen wir eine grosse Anzahl an Reizen gleichzeitig wahr – die hypnotische Sprache hilft uns, unser Aufmerksamkeit auf bestimmte Dinge zu richten, diese aber um so stärker wahrzunehmen.

Entspannung: Meist wird mit der hypnotischen Kommunikation auch ein Zustand der Entspannung erzielt, es sei denn, man will andere Emotionen verstärken wie z.B. Wut.

Offenheit gegenüber Suggestionen: Im normalen Wachzustand schliessen Menschen mit ihrem kritischen Denken viele Möglichkeiten von vornherein aus („Ich kann mich sowieso nicht konzentrieren“, „Ich werde die Prüfung sicher nicht bestehen“), im entspannten Trancezustand sind sie hingegen viel offener für Ideen, Vorstellungen und Anregungen („Warum sollte ich mir nicht vorstellen dürfen, wie es ist, einmal konzentriert zu arbeiten?“, „Und wenn ich die Prüfung nun doch bestehen würde?“). Ausserdem wirken Suggestionen besser, weil die Aufmerksamkeit darauf konzentriert ist und man innere Bilder intensiver wahrnimmt.

Hypnotherapie unterscheidet sich von der Technik der Hypnose durch eine Reihe von Charakteristika. Sie verbindet tiefenpsychologische Betrachtungsweisen der Störungsgenese mit praktisch verhaltenstherapeutischen Vorgehensweisen der Einübung und Exposition. Sie nutzt kognitive Interventionen sowohl zur Umstrukturierung (Fixierung von Bedeutung) wie zur Konfusion (Labilisierung von Bedeutung). Außerdem wurden systemische Strategien insbesondere von der Hypnotherapie Ericksons abgeleitet, die sich u.a. in der Familientherapie wiederfinden. Hypnotherapie hat bei relativ breiter theoretischer Anbindung an die allgemeine Psychologie und Psychophysiologie aufgrund der technischen Vielfalt und der empirischen Validität gute Voraussetzungen zu einer Therapieform sui generis (Revenstorf & Prudlo, 1993).

Geschichte der Hypnose (nach Revenstorf & Prudlo, 1993)

Als erste Ära der Hypnose dürfen die alten hinduistischen Meditationspraktiken der Fakire und Yogis gelten, die bis ins 2. vorchristliche Jahrtausend zurückverfolgt werden können. Das bis heute verbreitete Yoga hat in der Induktion und dem Zielzustand des ungetrübten Bewusstseins (Trance) starke Ähnlichkeit mit der Hypnose. Aus dem antiken Ägypten gilt das Papyrus Eber (circa 1500 v. Chr.) als ältestes schriftliches Zeugnis für hypnotische Induktionstexte (Edmonston, 1986). Der Tempelschlaf aus Ägypten (Isis- und Serapis-Kulte) und Griechenland (Asklepius-Kult) wurden als rituelle Induktion des Orakels benützt (etwa 500 v. chr.), der neben der Heilung hellseherischen Zwecken diente (Weinreich, 1909). Die keltischen Druiden im ersten vorchristlichen Jahrtausend, verwendeten reimende Gesänge, um Medien in einen Schlaf mit hellseherischen Träumen zu versetzen. Mittels Handauflegen, das schon im alten Testament bei König David vorkommt, heilten Jesus und seine Jünger, häufig verbunden mit Augenfixation (Petrus, Paulus), wurden auch schon in den ägyptischen Papyri beschrieben. Ähnlich verfuhren im Mittelalter viele kirchliche Würdenträger und weltliche Fürsten zum Teil in Massenzeremonien. Häufig spielen bei den Vorläufern der Hypnose bestimmte Körperhaltungen (liegend, knieend, Lotussitz u.a.) und zeremonielle Instruktionen eine Rolle. Seit der Antike bis ins Mittelalter wurde die heilende Wirkung der hypnoseähnlichen Anwendungen im allgmeinen einer übermenschlichen Kraft zugeschrieben (z.B. bestimmten Göttern oder Halbgöttern) - meist vermittelt durch menschliche Medien. Aus dieser langen Tradition hypnotischer Praktiken wird klar, dass es schon immer Riten gegeben hat, die Menschen in die Lage versetzen, innerhalb physiologischer Grenzen, die im allgemeinen als solche nicht bewusst wahrgenommenen psychologischen Grenzen des Denkens und körperlicher Reaktionen zu überschreiten. Derartige psychologische Grenzen können durch Glaubenssätze oder durch soziale Normen und Kontextbedingungen bestimmt sein.

Erst mit dem Aufklärer Mesmer (1734-1815) wird die Hypnose endgültig des mystisch-religiösen Charakters entkleidet, indem Mesmer die exorzistischen Heilungen des Paters Gassner als natürlich erklärt. Damit setzt die zweite Ära der Hypnose ein, in der sie nicht mehr als spirituelle, sondern als natürliche Kraft gedeutet, aber außerhalb des Menschen lokalisiert wird. Seit der Zeit des Paracelsus (1493-1541) sind Kuren körperlicher Leiden durch Handauflegen oder ähnliche Behandlungstechniken (Streichungen, Passes) schon als Magnetisierung gedeutet worden, die Mesmer später als animalisch statt mineralisch charakterisierte. Mesmers Versuch der wissenschaftlichen Akkreditierung der Hypnose durch die Akademie der Wissenschaften in Paris (1784) misslang. Seine hypnotischen Kuren hatten das Aussehen hysterischer Krisen (Mesmer, 1781). Er führte seine Behandlungen oft als Gruppensitzungen durch und kann von daher als erster Gruppenpsychotherapeut angesehen werden.

Seit der Mitte des letzten Jahrhunderts wird in der dritten Hypnose-Ära die Annahme einer Kraft fallen gelassen, die außerhalb des Patienten zu suchen sei. Dennoch wurde die Hypnose - so benannt von Braid (1795-1860) - als abnormes Phänomen betrachtet. Braid geht von physiologischen Veränderungen aus, die er zunächst als Schlaf beschrieb ("Hypnose"), der durch die Monotonie der Fixation herbeigeführt wird (Braid, 1843) . Von englischen und schottischen Ärzten wird die Hypnose in dieser Zeit erfolgreich zur Analgesie bei chirurgischen Eingriffen eingesetzt. Esdaile (1808-1859) beschrieb über 300 schmerzfrei durchgeführte und gut verheilende Amputationen unter Hypnose (Esdaile, 1851) . Die analgetische Verwendung der Hypnose verschwand weitgehend mit der Einführung der Betäubungsmittel Äther, Chloroform und Lachgas um 1850. Von dem Neurologen Charcot und seinen Schülern (u.a. Janet und Freud) wurde sie Ende des Jahrhunderts als psychiatrisches Phänomen wieder aufgegriffen. Charcot etwa betrachtete den hypnotischen Zustand als künstlich herbeigeführte Neurose.

In der vierten Ära seit Ende des letztes Jahrhunderts wurde die Hypnose von Liebeault (1823-1904) und Bernheim (1840-1919) in Nancy als normalpsychologisches Phänomen erkannt, das auf Suggestion beruht. Daran knüpft die heutige Auffassung der Hypnose an: Voraussetzung ist die Fähigkeit des Individuums, die Fremdsuggestionen in Autosuggestionen und lebhafte Vorstellung umzusetzen (Bernheim, 1888). Diese Interpretation der Hypnose als im wesentlichen innerpsychisches Geschehen steht im Gegensatz zur älteren Auffassung von einer heteronomen Einwirkung spiritueller (Antike), magnetischer (Mesmer) oder psychologischer Natur.

Die Tradition der beiden französischen Schulen (Charcot in Paris und Bernheim in Nancy) wurde im deutschsprachigen Raum von zahlreichen bekannten Psychiatern und Neurologen weitergeführt. In Zürich von Forel (1848-1930) und dessen Nachfolger Bleuler (1857-1939), von Benedikt (1835-1920) und seinen Nachfolgern Krafft-Ebing (1840-1903), Wagner-Jauregg (1957-1940) und später Hoff und Berner in Wien; in Jena von Heidenheim (1843-1897), dessen Schüler Pavlow (1849-1936) und Vogt (1870-1959) waren. Vogt gründete später in Berlin ein eigenes Institut, und führte u.a. die Fraktionierungstechnik ein. Freud (1856-1939) interessierte sich zunächst sowohl für die Auffassung von Charcot wie die von Bernheim, verwarf die Hypnose später jedoch, weil er sie nicht für zuverlässig genug hielt und hat so vermutlich zum Rückgang dieses Verfahrens in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts beigetragen. Sie lebte als Heilverfahren in der reduzierten Form des autogenen Trainings (Schultz, 1932) als Selbsthypnose mit formelhaftem Inhalt, und als gestufte Aktivhypnose weiter (Kretschmer, 1946).

Seit den dreißiger Jahren entwickelte sich an den Universitäten eine experimentelle Hypnoseforschung, die sich mit der Standardisierung der Phänomene und der psychometrischen Erfasssung der Suggestibilität befasst (Hilgard, 1965; Hull, 1933; Weitzenhoffer, 1957) . In neuerer Zeit sind besonders die Notwendigkeit formeller Induktion und die spezifische Qualität des durch Hypnose herbeigeführten Zustandes durch Autoren wie Sarbin, Barber und Spanos experimentell untersucht worden (Barber, 1984; Sarbin, 1956; Spanos, 1986). Diese Autoren betonen den sozialpsychologischen Aspekt der Kooperation bei den hypnotischen Phänomenen. Autoren wie Hilgard oder Orne dagegen versuchen, die These vom hypnotischen Sonderzustand experimentell zu stützen (Hilgard, 1986; Orne, 1972).

Schon nach dem Ersten Weltkrieg setzte eine Entwicklung ein, Hypnose zur Behebung funktioneller Störungen, amnestischer Erscheinungen und posttraumatischer Neurosen zu verwenden. Seit etwa 1950 gewinnt die Hypnose zunehmend an klinischer Bedeutung, indem sie bei Verhaltensproblemen, Neurosen und psychosomatischen Erkrankungen und in der Medizin erfolgreich angewendet wird. Einen wesentlichen Anteil hieran hatte Erickson (1901-1980), der eine große Vielfalt von hypnotischen und damit verknüpften allgemeinen psychotherapeutischen Vorgehensweisen in den unterschiedlichsten klinischen Bereichen einführte. Erickson gründete die American Society of Clinical Hypnosis (ASCH) und das international führende Journal auf diesem Gebiet (American Journal of Clinical Hypnosis). Die von ihm entwickelte Hypnotherapie ist von zahlreichen Autoren zusammenfassend dargestellt und konsolidiert worden (Bandler, 1975; Erickson & Rossi, 1979; Erickson, Rossi, & Rossi, 1976; Gilligan, 1987; Haley, 1978; Lankton, 1983; O'Hanlon, 1990; Rossi & Cheek, 1988; Yapko, 1984; Zeig & Lankton, 1985). Diese durch Erickson eingeleitete Erneuerung könnte man als fünfte Ära der Hypnotherapie bezeichnen.

Wie aus dem kurzen Abriss deutlich wird, sind die Bemühungen um eine wissenschaftliche Fundierung der Hypnose in Europa mindestens 200 Jahre alt. Die Grundlagenforschung wie auch der Ausbau als klinisches Heilverfahren ist in den letzten Jahrzehnten jedoch verstärkt in den angloamerikanischen Ländern vorangetrieben worden. Die Ergebnisse werden jetzt zunehmend in Europa rezipiert.

Literatur

Grolimund, Fabian (o.J.). Hypnotisieren - eine Kurzanleitung.
WWW: http://www.psychologie-psychotherapie.ch/psychotherapie/hypnose/hypnotisieren.php (10-07-04)

Revenstorf, Dirk & Prudlo, Uwe (1993). Wissenswertes zum Thema Hypnose und Hypnotherapie.
WWW: http://paedpsych.jku.at/INTERNET/ARBEITSBLAETTERORD/PSYCHOLOGIEORD/Hypnose.html (06-11-11)

Überblick über einige Psychotherapierichtungen und -schulen



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