Mag. Dr. Eduard Waidhofer

Familientherapie-Zentrum des Landes O.Ö.
Tegetthoffstraße 13
4020 Linz
Tel. 0732/666412
email: ftz.post@ooe.gv.at

50 Jahre
Psychologische Beratung
für Eltern, Kinder und Jugendliche
1952 - 2002

Psychologische Fachtagung in Linz
27. - 28. Februar 2002

 

Workshop-Titel: "Die Bedeutung der Vaterbeziehung für Söhne und Töchter"

Väterliches Engagement wirkt sich insbesondere auf die Entwicklung von Empathie, sozialer Kompetenz, schulischer Leistungsfähigkeit und der Fähigkeit, Probleme zu bewältigen, günstig aus (W.E. Fthenakis u.a.: "Engagierte Vaterschaft"). Väter engagieren sich eher bei jüngeren und erstgeborenen Kindern. Ihr Engagement hängt auch von der positiven Einstellung der Mütter zu den Aktivitäten der Väter ab. Dem Vater kommt für die emotionale und soziale Entwicklung und Geschlechtsrollenidentität des Kindes eine zentrale Rolle zu. Vaterabwesenheit scheint sich auf die Geschlechtsrollen-Identifikation von Buben stärker und langfristiger auszuwirken als bei Mädchen. Fehlendes väterliches Engagement ist häufig auch mit delinquentem Verhalten verbunden. Jugendliche, die zum Vater ein distanzierteres Verhältnis haben, fühlen sich oft der Mutter näher. Sie haben allerdings mehr Konflikte mit der Mutter als mit dem Vater. Väter zeigen meist ein größeres Bedürfnis nach Dominanz und Kontrolle über die Jugendlichen, verlieren jedoch de facto zunehmend an Macht.

Das Engagement nicht sorgeberechtigter Väter bei ihren Kindern nimmt nach der Scheidung kontinuierlich ab. Mehr als die Hälfte der Scheidungskinder sehen ihren Vater nur gelegentlich. Geschiedene Väter halten noch eher zu den Söhnen Kontakt als zu den Töchtern. Oft wird der Kontakt zu den Kindern reduziert, um den Streit mit der geschiedenen Frau zu vermeiden. Viele Kinder entwickeln Mitleid mit dem getrennten Vater und verbünden sich heimlich mit ihm, wodurch sie in einen schweren Loyalitätskonflikt geraten können.

Neben altersspezifischen Reaktionen auf Trennung und Scheidung gibt es auch geschlechtsspezifische Unterschiede. Mädchen und Buben leiden gleichermaßen unter der Trennung, reagieren aber unterschiedlich. Während Buben ihre Gefühle der Angst und Hilflosigkeit eher aggressiv ausagieren oder zu Verhaltensstörungen neigen, zeigen Mädchen häufig Tendenzen zu Überangepasstheit und Rückzug. Väterliche Abwesenheit scheint die stärksten Folgen dann zu haben, wenn die Kinder bereits in der frühen Kindheit von ihren Vätern getrennt wurden. Buben in der mittleren Kindheit scheinen nach der Scheidung durch den Verlust des Vaters stärker betroffen zu sein als Mädchen. Während die Schwierigkeiten von Mädchen, die ohne Vater aufgewachsen sind, sich meist erst in der Adoleszenz bemerkbar machen, zeigen sich die Folgen von Abwesenheit des Vaters bei Buben wesentlich früher.

Statistische Meta-Analysen zeigen, dass die negativen Scheidungsfolgen in der Regel überschätzt werden. Denn Kinder aus vollständigen Familien mit anhaltend hohem Konfliktniveau zeigen ähnliche Probleme wie Kinder aus Scheidungsfamilien. Scheidungskinder haben zwar durchschnittlich mehr emotionale und verhaltensmäßige Probleme und kommen in der Schule schlechter zurecht, aber die Scheidung muss nicht automatisch zu Verhaltensstörungen führen. Die Auffälligkeiten klingen bei den meisten Kindern und Jugendlichen nach 1 bis 2 Jahren allmählich wieder ab. Kinder, die bereits vor der Scheidung störungsanfällig waren, leiden auch nach der Scheidung lange Zeit unter psychischen Problemen oder Verhaltensauffälligkeiten.

Vater-Tochter-Beziehung

Die Vater-Tochter-Beziehungen (H. Petri: "Guter Vater &endash; böser Vater") sind meist weniger aggressiv besetzt als Vater-Sohn-Beziehungen. Väter stellen an Töchter geringere Anforderungen und haben mehr Geduld ihnen gegenüber. Sie befriedigen mit der Tochter häufig eigene narzisstische Bedürfnisse. Töchter halten lange an der Idealisierung des Vaters fest, suchen seine enge Nähe und können sich schwerer von ihm ablösen als Söhne. Nicht selten spalten sie die Eltern in einen "guten Vater" und in eine "böse Mutter" auf. Väter genießen diese Idealisierungen und laufen Gefahr, die Töchter durch übermäßige emotionale Zuwendung an sich zu binden. Vater und Tochter stehen jedoch vor der Entwicklungsaufgabe, die Ablösung zu bewältigen, damit die Tochter zu ihrer Autonomie kommen kann. Dies wird erleichtert, wenn sich die Tochter mit der Mutter identifizieren kann. Die Bedeutung der Vater-Tochter-Beziehung wird auch von Julia Onken ("Vatermänner") eindrücklich geschildert. Sie beschreibt in diesem Zusammenhang plakativ drei Tochter-Typen: Die Gefalltochter, die Leistungstochter und die Trotztochter. Alle drei haben das gleich Ziel, nämlich die Aufmerksamkeit und die Liebe des Vaters zu erreichen.

Vater-Sohn-Beziehung

Zwischen Vater und Sohn (H. Petri: "Guter Vater - böser Vater") gibt es meist eine wechselseitige Identifizierung. Der Vater ist stolz auf seinen Sohn, der Sohn ist stolz auf seinen Vater. Der Bub beginnt im zweiten bis dritten Lebensjahr, sich aus der symbiotischen Phase mit der Mutter zu lösen und sich mit dem Vater zu identifizieren, um langsam eine Ich-Identität herauszubilden. Der Sohn identifiziert sich zwar mit dem Vater, entwickelt aber auch einen eigenen Willen und grenzt sich zunehmend vom Vater ab. Besonders narzisstisch gekränkte Väter klammern sich an den Söhnen fest. Manche Väter sind unfähig, den Söhnen Grenzen zu setzen und konflikthafte Auseinandersetzungen durchzustehen, was sich oft auf die spätere Entwicklung des Sohnes negativ auswirkt. Väter sind herausgefordert, den Söhnen Grenzen zu setzen, Regeln festzulegen und eine konsequente Haltung zu zeigen. Bei Söhnen mit sehr erfolgreichen Vätern kann es auch zu einer Überidentifizierung mit den Vätern kommen, was den Söhnen die Wahrnehmung der eigenen Unterlegenheit erspart.

Die Abwesenheit des Vaters wird von der Mutter häufig durch Verwöhnung des Sohnes (W. Wieck: "Söhne wollen Väter") kompensiert. Andererseits soll der Sohn die Mutter für ihre Entbehrungen durch den abwesenden Vater entschädigen. Um aus der Abhängigkeit von der Mutter herauszufinden, braucht der Sohn seinen Vater. Wenn der Sohn einen "schwachen" Vater hat, ist es für ihn sehr schwer, sich von der Mutter zu lösen. Buben begegnen in der frühen und mittleren Kindheit fast ausschließlich Frauen (Mutter, Tagesmutter, Kindergärtnerin, Lehrerin, Erzieherin). Sie suchen nach lebendigen männlichen Vorbildern, müssen sich jedoch häufig wegen des Fehlens des Vaters an Vaterersatzfiguren, Phantasiebildern oder männlichen Figuren aus den Medien orientieren. In der Regel grenzt sich der Bub, wenn er ein Mann werden will, aggressiv von der Mutter ab und wertet das Weibliche ab, weil er nicht so werden will die Mutter. Der Bub kann nur dann herausfinden, was ein Mann ist, wenn er den Vater als Vater erlebt hat oder eine Vaterfigur gefunden hat, mit der er sich identifizieren kann. Nur durch greifbare und authentisch erlebte Männlichkeit im sozialen Nahraum kann der Bub zu sich selbst und zu seinem Geschlecht finden (D. Schnack/R. Neutzling: "Kleine Helden in Not").

Modellprojekt "Geschlechtssensible Buben- und Burschenarbeit in Schulen".

Buben- und Burschenarbeit hat zum Ziel, die Jungen mit ihren Problemen zu verstehen, sie in ihrer Persönlichkeit zu festigen und zu stützen. Neben dem Verständnis für die Situation der Buben beziehen die männlichen Betreuer aber auch Stellung zu Übergriffen von Jugendlichen durch Regel- und Grenzverletzungen, Gewalttaten, verbale und körperliche Aggressionen, ausländer- und frauenfeindliche Attacken usw.

Seit März 2001 bieten die Mitarbeiter der Männerberatung und der Informationsstelle für Männer des Landes Oberösterreich Gruppenarbeit für Buben und männliche Jugendliche in Hauptschulen und höheren Schulen an. Bei dieser "geschlechtssensiblen" Jugendarbeit können sich die Buben kritisch mit traditionellen Männerbildern auseinander setzen und ihr eigenes Rollenverhalten hinterfragen. Weitere Themen sind: Aggression und Gewalt, Rassismus, Lösung von Konflikten, Toleranz, Liebe und Sexualität, Beziehung, Gesundheit, Körperbewusstsein und Zukunftsperspektiven.


Zur Person:

Klinischer Psychologe, Gesundheitspsychologe, Psychotherapeut (Klientenzentrierte Psychotherapie, Systemische Familientherapie), NLP-Master, EMDR-Ausbildung

Leiter des Familientherapie-Zentrums und der Männerberatung des Landes Oberösterreich

Ein Onlinetext:

Eduard Waidhofer: Zu viel Verständnis für den Mann? http://www.plattform.at/zeitung_zwei_99/verstaendnis_mann.htm

 

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