vom 29.11.1996Kommentar der anderen / Seite 35

Auf der Jagd nach dem schwarzen Schaf Oder: Wie bekommen wir gute Lehrer?


Herbert Altrichter

In der letzten Woche konnte man eine mediale Debatte zwischen einem Stadtschulratspräsidenten, der zuständigen Ministerin und Lehrergewerkschaftern darüber mitverfolgen, wie mit „schlechten Lehrern“ zu verfahren sei.

1. Daß Schulen besser würden, wenn man nur die „schwarzen Schafe“ entfernte, ist eine weit verbreitete Idee. Dennoch spricht alle Erfahrung gegen sie: Konstruktiver Aufbau von Qualität besteht nicht vordringlich in der Ausrottung von Mängeln, und Träume von der Entfernung von Einzelpersonen sind oft Personalisierungen von Systemproblemen: Sündenböcke für Mißlichkeiten, die durchaus vielfältigere Ursachen haben, werden gesucht.

2. Es stimmt, daß es in Österreich schon disziplinarrechtliche Mechanismen für „schlechte Lehrer“ gibt. Allein sie werden praktisch nicht angewandt.

Wie in jedem anspruchsvollen Beruf gibt es auch im Schulwesen überforderte oder inkompetente Personen. Dies wird auch von keinem Insider geleugnet. Die „schwarzen Schafe“ sind zudem durchaus bekannt. Um sie zu identifizieren, brauchen wir wahrlich nicht neue Qualitätssicherungssysteme.

Die wenigen Fälle wirklich unqualifizierter pädagogischer Praxis werden jedoch gegenwärtig zu oft nicht effektiv gelöst. Anton , Pädagogischer Referent des Schweizerischen Lehrervereins, nennt dafür folgenden Grund: Wenn Klagen z.B. von Schülern oder Eltern auftauchen, dann stellen sich Lehrer, Schulleitung und Schulaufsicht oft schützend vor den betroffenen Berufskollegen.

Diese Solidarität ist wichtig und zunächst sinnvoll. Der Lehrberuf ist anforderungsreich und erfordert Handeln unter komplexen Bedingungen. Fehleinschätzungen werden immer vorkommen. Ein solidarischer Schutzraum ist berechtigt, wenn aus den Mißlichkeiten gelernt wird. Genau hier aber beginnt oft das Problem: Schulen haben in der Regel keine Instrumente für Personalentwicklung, und so werden Lehrer beim Weiterlernen allein gelassen.

Wenn das Problem wieder auftaucht und abermals Solidarität geübt wird, entwickelt sich eine heimliche Komplizenschaft: Wird den Kollegen später bewußt, daß wirklich kraß unqualifizierte Praxis vorliegt, haben sie die Person schon so oft gedeckt, daß es schwerfällt, von der bisherigen Linie abzuweichen. Warum sind sie nicht schon früher aktiv geworden?

3. Strittmatter schlägt daher eine unabhängige Kriseninterventionsstelle vor, an die sich alle von Schule Betroffenen wenden können. Auch Lehrer können diese Einrichtung anrufen, wenn sie meinen, Opfer ungerechter Beschuldigungen zu sein. Diese Stelle prüft die Situation und setzt eine von drei möglichen Handlungen: Sie rehabilitiert den Lehrer, sie versucht die Situation durch Krisenintervention zu verbessern, oder sie schlägt der Behörde harte Schnitte bei besonders gravierenden Verstößen gegen professionelle Standards vor.

Ein solches Modell ist für einen Lehrerfunktionär darum attraktiv, weil er an die Qualität der Leistungen seiner Profession glaubt und es leid ist, sie durch die Solidaritätsappelle jener, die nichts zu ihr beitragen, belastet zu sehen.

4. Sich über das Aussieben der Schlechten elaborierte Gedanken zu machen, ist allerdings erst sinnvoll, wenn die guten und engagierten Lehrer in ihrer Arbeit gefördert werden. Und das geschieht gegenwärtig viel zu selten und kaum systematisch. Wie wird Engagement honoriert? Jene, die sich bei Schulentwicklung oder bei der Erarbeitung von schulautonomen Lehrplänen beteiligen, opfern dafür viel von jener Zeit, die manche Konferenzzimmergenossen als Freizeit bezeichnen.

Dies führt zu einem - erst jüngst wieder in einer österreichischen Studie bestätigten - Phänomen: Lehrer, die relativ wenig in ihren Beruf investieren, sind mit ihm zufriedener, als jene, die überdurchschnittliches berufliches Engagement zeigen. Müßte es nicht ein Alarmsignal sein, wenn der Beruf für weniger Engagierte besondere Attraktivität bietet?

5. Zudem wird die Qualifikation von jungen Berufstätigen häufig nicht systematisch gepflegt. Der Berufsbeginn ist meist höchst abrupt: Regelmäßig übernehmen Neulinge die Arbeit von Erfahrenen in vollem Umfang und ohne spezielle Unterstützung. An manchen Schulen werden ihnen die unangenehmsten Klassen oder Stundenpläne zugeteilt. Dadurch lernen sie, sich als Einzelkämpfer durchzuschlagen - sink or swimm! Als Kontrast stelle man sich eine Rechtsanwaltskanzlei vor, in der der neu eingetretene Konzipient alle Fälle des gerade pensionierten alten Hasen übernähme.

6. Zusammengefaßt: Schulentwicklung über die Jagd nach den paar altgedienten schwarzen Schafen angehen zu wollen, ist kostspielig, wirkt demoralisierend auf die, die es nicht angeht, und kommt letztlich zu spät.

Wohl sollte es einen effektiven Mechanismus für Krisenfälle geben, doch müssen die Hauptakzente zur Systemverbesserung anderswo gesetzt werden: Schlechte Lehrer verhindert man am besten, indem man den Berufsanfängern die Chance gibt, gut zu werden.

Herbert Altrichter ist Universitätsprofessor und Vorstand des Instituts für Pädagogik und Psychologie der Universität Linz.


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