vom 19.5.2007


Cyber-Alarm im Kinderzimmer

Elektronische Nabelschnur. Brutale Computerspiele, stundenlanges Fernsehen und Surfen im Internet - was tun, wenn unsere Kids zu Medien-Junkies werden?

Dass manche Kinder heutzutage zu brutalen Schlägern und Komasäufern werden, wundert mich eigentlich nicht!" Als fünffache Mutter weiß Elfriede Horacek (38), wovon sie spricht. Die Gesundheitsberaterin bekam bereits mit 16 Jahren ihr erstes Kind. "Vor 22 Jahren war das alles noch anders da war es nicht üblich, dass jedes Kind ein Handy, einen Computer und einen eigenen Fernseher hat."

Heute siehtdas schon anders aus - heute muss die erfahrene Mutter schon den einen oder anderen Kampf mit ihrem jüngsten Sohn Hannes (11) austragen, um ihn vom Computer oder der Playstation loszueisen. Nicht grundlos: "lch merke, dass Hannes nach dem Computerspielen aggressiver ist, deshalb setze ich Zeitlimits. Viele Eltern nutzen die Medien als Babysitter und achten überhaupt nicht darauf, was die Kinder sehen." Faktoren, die auch laut Experten zu einer gewissen Wohlstandsverwahrlosung führen. Doch was tun, wenn dem Druck der Außenwelt ("Meine Freunde haben alle einen Computer!") nicht standzuhalten ist?

Studien beweisen. Der Medienkonsum hat in den vergangenen Jahren zugenommen: Studien zufolge verbringen Kinder im Alter zwischen 3 und 13 Jahren durchschnittlich 90 Minuten am Tag vor dem TVGerät, Jugendliche ab 14Jahren schauen täglich mehr als zweieinhalb Stunden fern. Hinzu kommt dann noch der Computer. 83Prozent der 12 bis 19Jährigen sitzen täglich vor dem Rechner. 10Prozent der 4 bis 5Jährigen haben bereits einen Fernseher im Zimmer. "Medienkinder von Geburt an”' lautete der Titel einer Fachtagung, die kürzlich in München stattfand. Über 200 Experten gingen unter anderem der Frage nach, inwiefern Medienrezeption im Kleinkindalter die emotionale Kompetenz beeinflusst.

Der deutsche Entwicklungspsychologe Michael Charlton ist davon überzeugt, dass Fernsehen durchaus die Entwicklung des Sprachzentrums fördert und Wissen vermitteln kann. Jedoch mit einem Vorbehalt: Eltern müssen den Medienkonsum ihrer Kinder aufmerksam begleiten und Fernseher und Computer keinesfalls als Babysitter missbrauchen. Eine Meinung, die er auch mit Werner Stangl, Professor der Psychologie und Pädagogik an der Linzer Johannes Kepler Universität, teilt. "Gewalt in den Medien und die Aggressivität der Rezipienten stehen zwar nicht in unmittelbarem Zusammenhang, dennoch steht eines fest: Durch das regelmäßige Sehen brutaler Filme und das Spielen von Baller-Computerspielen sinkt die Hemmschwelle." Der Experte rät daher dringend, dass Eltern mit Medien kompetenter umgehen.

Richtig fördern. Dass elektronische Medien durchaus die Kreativität und das Lernverhalten von Kindern fördern, weiß auch Markus Andorfer, Senior Vice President des erfolgreichen deutschen Kindersenders NICK. "Mit dem richtigen Fernsehprogramm kann man Kinder tatsächlich pädagogisch fördern." Die Problematik allein auf die Medien zu schieben, führt also in eine Sackgasse. "Wir müssen unsere Kinder einfach so erziehen, dass sie sich in der modernen Welt zurechtfinden können", bestätigt auch der Schweizer Kindermediziner Remo Largo. Und eine aktuelle deut-sche Studie ergab nun, dass der Medienkonsum umso geringer ist, je wohler sich die Kinder in der Familie fühlen. Vielleicht ein Weg aus der Sackgasse ...

Daniela Schimke

Tipps zur Medien Erziehung

Know-how. Was Eltern unbdingt beachten müssen.

Kinder unter drei Jahren. Sie sollten gar nicht fernsehen, denn die Bildabfolge ist für sie zu schnell. Ihr Leitmedium sollte besser das Bilderbuch sein.

Kinder im Volksschulalter. Zwischen 3 und 5 Jahren sollten Kinder höchstens ein halbe Stunde täglich kindgerechte (!) Sendungen sehen. 6-Jährige sollten nicht länger als eine Stunde am Tag vor dem TV-Gerät verbringen und nicht allein im Internet surfen.

Kinder ab 10 Jahren. Vorsicht, dass Ihr Kind nicht zum Vielseher (3 Std. täglich) wird! Klare Zeitlimitssetzen.

Jugendliche. Zwischen 14 und 18 Jahren sind oft brutale Ego-Shooter-Spiele beliebt. Sie zu verbieten, ist schwierig - meist sind die Games aber nur kurze Zeit attraktiv. Bei Happy-Slapping-Prügelfilmen, z.B. auf dem Handy, sollten Sie dringend eingreifen!


Quelle: Österreich vom 19.5.2007