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Kurzüberblick: Psychologische Schulen

Strukturalismus

Als Begründer der modernen Psychologie gilt gemeinhin der Deutsche Wilhelm Wundt. Er gründete 1879 das erste ausdrücklich so genannte psychologische Labor und zwar an der Universität Leipzig. Sein Denkansatz stammt aus den damals schnellen Fortschritten zum Beispiel der Chemie: Wenn die Chemie Fortschritte machte, indem sie Stoffe in ihre Elemente zerlegte, zum Beispiel Wasser in Wasserstoff und Sauerstoff, vielleicht konnte man dann Fortschritte in der Analyse des Denkens machen, indem man Wahrnehmungen (Perzeptionen) in ihre Elemente (Sensationen) zerlegte, zum Beispiel den Geschmack von Limonade in Süß, Bitter, Kalt und so fort?

Der Schwerpunkt dieser Schule lag auf der Analyse von Wahrnehmungen, mit dem Ziel, ihre Struktur zu ermitteln - daher der Name. Die Untersuchungsmethode der Wahl im Strukturalismus war die Introspektion, das heißt die Aufklärung der Tatbestände durch Nachdenken. Diese der Philosophie entlehnte Methode wurde jedoch nicht in Reinform benutzt, sondern durch einfache Experimente mit menschlichen Subjekten erweitert; die Introspektion diente dann zum Erklären der experimentellen Beobachtungen.

Funktionalismus

Vorreiter des Funktionalismus war gegen Ende des neunzehnten Jahrhunderts ein Psychologe von Harvard namens William James. Die Funktionalisten waren gegen das Schwergewicht des Strukturalismus auf der statischen Analyse von Bewußtsein. Sie wollten stattdessen mehr ein Verständnis für seinen fließenden Charakter entwickeln, Prozesse untersuchen. Der Forschungsschwerpunkt lag auf der Frage, wie das Bewußtsein funktioniert, damit sich Individuen an ihre Umgebung anpassen können. Über den Begriff der Gewohnheit wurde hierbei erstmals das Lernen zu einem zentralen Begriff der Psychologie. Das große Interesse an der Anpassungsfähigkeit wurde vor allem durch die Arbeiten von Charles Darwin angeregt. Die Untersuchungsmethoden wurden verbreitert auf Untersuchungen zum Verhalten von Tieren und zur Entwicklung von Verhalten. Dennoch war die Introspektion immer noch das Hauptmittel der psychologischen Forschung.

Behaviorismus, S-R Psychologie

Etwa ab 1920 setzte sich rapide eine radikal neue Sicht der psychologischen Forschung durch: Die Behavioristen, also rein verhaltensorientierte Forscher, proklamierten eine Psychologie völlig ohne Introspektion. Ihr Vorreiter war John B. Watson, der 1913 ein behavioristisches Manifest veröffentlichte. Hauptmerkmal behavioristischer Psychologie ist es, keinerlei Annahmen über Struktur oder Funktionsweise des Geistes zu machen, sondern ausschließlich die Beobachtungen aus Experimenten zu sammeln und zu kategorisieren. Nur mit einer solchen Herangehensweise könne man, so die Behavioristen, einem echten wissenschaftlichen Anspruch gerecht werden, weil der Vorgang der Introspektion keiner Nachuntersuchung durch andere zugänglich sei. Wissenschaftliche Daten müssen aber genau so eine öffentliche Inspektion zulassen.

Motor der behavioristischen Forschung waren zunächst vor allem die Arbeiten zur Konditionierung von Iwan Pawlow. Die konditionierte Reaktion wurde gewissermaßen als das Atom von Verhalten angesehen: kompliziertere Verhaltensweisen können als aus konditionierten Reaktionen zusammengesetzt betrachtet werden und die Umwelt formt ständig unser Verhalten durch Bestärkung gewisser Gewohnheiten - nichts anderes als Konditionierung. Der vielleicht berühmteste Vertreter dieser Richtung ist Burrhus Frederick Skinner.

Diese Mechanismen wurden in Strukturen von Reiz und Reaktion dargestellt, was zu der Bezeichnung ,,Reiz-Reaktions-Psychologie`` (stimulus response psychology, S-R psychology) geführt hat. Die späteren Reiz-Reaktions-Psychologen gingen über die frühen Behavioristen insofern hinaus, daß sie bereit waren, auch Annahmen über Prozesse zu machen, die zwischen Reiz und Reaktion ablaufen. Damit entwickelte sich aus der Reiz-Reaktions-Psychologie eine Sprache, die geeignet ist, unabhängig von einer bestimmten Verhaltenstheorie psychologische Aussagen explizit zu formulieren und kommunizierbar zu machen. Diese Sprache ist bis heute vorherrschend in der Psychologie der meisten Schulen.

Gestaltpsychologie

Etwa zeitgleich mit der behavioristischen Revolution der Psychologie, die in Amerika ihren Anfang nahm, gab es eine weitere, die ebenfalls radikal dem Strukturalismus und Funktionalismus eine Absage erteilte, allerdings auf eine völlig andere Weise: 1912 proklamierte der Deutsche Max Wertheimer die Gestaltpsychologie. Die zentrale Annahme dieser Schule lautet, daß einem aus Teilen zusammengesetzen Bewußtseinsprozeß eine Qualität zukommt, die die Summe der Einzelteile nicht hat -- eben die Gestalt.

Ursprünglich befaßte sich die Gestaltpsychologie vor allem mit Wahrnehmungseffekten, vor allem dem Phi-Phänomen: Zwei Lichter, die nahe beieinander angeordnet sind und kurz hintereinander kurz aufblinken, werden als ein Licht wahrgenommen, das sich vom Ort des ersten zum Ort des zweiten bewegt. Die Gestaltpsychologie schließt aus diesem Effekt, daß unsere Erfahrungen von den Mustern abhängen, die von Reizen gebildet werden und davon, wie unsere Erfahrungen organisiert sind. Das Ganze besteht nicht nur aus Teilen, sondern aus Teilen und deren Beziehung zueinander.

Die Gestaltpsychologen lehnten die Introspektion als Hauptmethode ebenso ab wie die Behavioristen, bekämpften jene jedoch trotzdem entschieden: Die Gestaltpsychologie verlangte eine als "Phänomenologie" bezeichnete Form der Erkundung, die es unternahm, Menschen nach ihren subjektiven Wahrnehmungen und ihren Urteilen zu befragen und diese Antworten als Daten der Forschung zu behandeln.

Wegen dieser Vorgehensweise ist gestaltpsychologische Forschung überwiegend qualitativ, im Gegensatz zur quantitativen des Behaviorismus. Aus diesem Grund ist die Gestaltpsychologie oft als vage und unwissenschaftlich abgelehnt worden. Dennoch hat die Gestaltpsychologie durch ihre Betrachtungsweise wichtige Anstöße für viele heute aktuelle Erkenntnisse und Forschungsthemen geliefert.

Psychoanalyse

Aus der von Sigmund Freud zu Beginn des Jahrhunderts begründeten Psychoanalyse kann man hier am besten eine Hauptbetrachtungsweise herausgreifen, nämlich den Begriff des Unbewußten. Laut Freuds Theorie des Unbewußten werden in der Kindheit alle unerlaubten oder unakzeptablen Wünsche aus dem Bewußtsein verdrängt und werden Teil des Unbewußten. Das Unbewußte versucht dann zeitlebens, sich zu äußern, was sich in verschiedener Weise niederschlägt, zum Beispiel in Form von Träumen, Versprechern oder kleinen, kaum bewußten Angewohnheiten. Freuds ursprünglich fast ausschließliche Anwendung seiner Theorien auf sexuelle Bereiche hat die Annahme der richtigen Anteile seiner Theorien sehr erschwert. Heute bilden diese Anteile jedoch einen festen Bestandteil des psychologischen Wissens.

Informationsverarbeitungssysteme, Psycholinguistik

Mit dem Aufkommen der Computer in den 1950er Jahren erhielt eine neue Sichtweise Einzug in die Psychologie: Viele Aspekte des Bewußtseins lassen sich als algorithmisch informationsverarbeitendes System interpretieren. Unter einer solchen Betrachtungsweise kann man den Computer einsetzen, um dieses System zu simulieren, so daß sich Theorien über die Struktur von Denkprozessen leichter überprüfen lassen. Entsprechende Arbeiten fanden in den 50er und 60er Jahren im interdisziplinären Forschungsbereich der künstlichen Intelligenz statt. In diesen Kontext lassen sich zum Teil auch Arbeiten an Schachprogrammen oder automatischen Theorembeweisern einordnen. Es ist mittlerweile offensichtlich, daß die Situation leider doch nicht ganz so einfach ist, wie viele damals annahmen, denn alle bislang gebauten computergestützten informationsverarbeitenden Systeme sind dermaßen viel primitiver als fast jeder einzelne Aspekt irgendwelcher Denkprozesse im Gehirn, daß sich kaum beurteilen läßt, ob sie zumindest einen essentiellen Teil davon korrekt modellieren. Zumindest hat aber die Informationsverarbeitungsperspektive dafür gesorgt, daß die Psychologie heute mit viel reicheren Beschreibungsmitteln für die inneren Prozesse des Bewußtseins operiert, als es nach der Einführung der S-R-Psychologie der Fall war.

Ein besonders wichtiger Teil dieser Forschung waren die Arbeiten von Chomsky und Nachfolgern. Chomskys 1957 erschienenes Buch Syntactic Structures lieferte die wesentliche Basis für eine aktive Zusammenarbeit von Psychologen und Linguisten für die ersten signifikanten psychologischen Analysen von Sprache, die Psycholinguistik.

Neuropsychologie

Eine Gegenbewegung zum Ansatz der Psychologie informationsverarbeitender Systeme entstand gleichzeitig aus Forschungen auf dem Gebiet der Neurophysiologie, die klar den Zusammenhang gewisser physiologischer Prozesse auf der Ebene einzelner Nervenzellen im Gehirn mit Denkvorgängen belegen. Somit setzt die an Symbolen und ihrer Manipulation orientierte Betrachtungsweise zu hoch an, denn einzelne Nervenzellen können nur erheblich primitivere Signale verarbeiten.

Aus der Möglichkeit physiologischer Erforschung ergibt sich eine Sichtweise der Psychologie, die besagt, daß für ein vollständiges Verständnis des Denkens auch die inneren Prozesse im Gehirn geklärt werden müssen und geklärt werden können und die behavioristische Reiz-Reaktionsbetrachtung nicht ausreicht. Entsprechende Forschungen sind seit einigen Jahren in vollem Gange.

In der ingenieurmäßig orientierten, also nützliche Anwendungen anstrebenden Informatik hat dieser Gegensatz zu einem Streit zwischen der sogenannten symbolischen KI, die den informationsverarbeitenden Ansatz vertritt, und dem sogenannten Konnektionismus, der die neurospychologische Richtung vertritt, geführt. Dieser Streit hielt viele Jahre an und wird erst in den letzten Jahren allmählich durch die Erkenntnis beigelegt, daß die erfolgreichsten Anwendungen meist Elemente beider Ansätze verbinden; beispielsweise regelbasierte Systeme und Neuronale Netze.

Kognitive Psychologie

Seit Ende der 1970er Jahre ist eine Arbeitsrichtung entstanden, die sich kognitive Psychologie nennt und eine Abteilung der interdisziplinären Kognitionswissenschaften ist. Hierin werden alle psychologischen Teilschulen zusammengeführt, die nützliche Beiträge zum Verständnis zu liefern haben: Einerseits von "oben" her behavioristische Experimentalbeobachtungen ebenso wie strukturalistisch, funktionalistisch, gestaltpsychologisch oder informationsverarbeitungstheoretisch gebildete Hypothesen über die Struktur, die Organisation und den Ablauf von Wahrnehmungs- oder Denkprozessen. Andererseits von ,,unten`` her Experimentaldaten aus der Neurophysiologie, die unmittelbar die Arbeitsweise des Gehirns (als Organ) beschreiben. Die kognitive Psychologie versucht nun, alle diese Daten in Modellen zu bestimmten Aspekten der Psychologie zu vereinigen. Diese Modelle werden in der Art von informationsverarbeitenden Systemen auf verschiedenen Abstraktionsebenen formuliert und können zum Teil durch Simulation auf Computern überprüft und verfeinert werden. Umgekehrt können solche Simulationen auch Anstöße liefern für gezielte Forschungen in den empirischen Bereichen.

Durch dieses Aufsaugen und Vereinigen aller Forschungsrichtungen ist den kognitiven Wissenschaften die beste Chance einzuräumen, uns langfristig ein korrektes und umfassendes Bild von der Funktionsweise des Gehirns im Sinne der Psychologie zu verschaffen.


©opyright Werner Stangl, Linz 1997.
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