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Der psychologische Test
Das psychologische Experiment

Experiment und Quasiexperiment

Ein typisches Beispiel für ein sozialpsychologisches Experiment zum Thema "Einfluß von Aggression in Medien auf Verhalten" ist die Untersuchung von

R. N. Liebert & R.A. Baron (1972). Some immediate effects of televised violence on children's behavior. Developmental Psychology, 6, 469-478.

Jungen und Mädchen in zwei Altersgruppen wurden zufällig einer von zwei Experimentalbedingungen zugewiesen. Während sie in der einen Bedingung Filmausschnitte mit Gewaltszenen sehen konnten, wurden ihnen in der anderen Bedingung Ausschnitte eines spannenden Sportwettkampfes gezeigt.

Danach hatten beide Gruppen die Möglichkeit, ein anderes Kind zu bestrafen. Dabei zeigte sich, daß diejenigen Kinder, die das gewaltsame Filmmaterial gesehen hatten, diese Möglichkeit weitaus häufiger nutzten als die anderen Kinder, die gewaltfreie Ausschnitte gesehen hatten. Da die Kinder zufällig auf die beiden Experimentalbedingungen verteilt worden waren, können die beobachteten Unterschiede mit großer Sicherheit auf das unterschiedliche Filmmaterial zurückgeführt werden anstatt auf Unterschiede zwischen den Kindern.

Ein Beispiel für eine quasiexperimentelle Untersuchung zum gleichen Thema ist die Studie von

S. L. Black & S. Bevan (1992). At the movies with Buss and Durkee: a natural experiment on film violence. Aggressive Behavior, 20, 37-45.

Hier sollten Personen einen kurzen Fragebogen ausfüllen, der die Bereitschaft, sich aggressiv zu verhalten, unter einer von 4 Bedingungen messen sollte: Während man vor dem Kino wartet, um einen gewaltsamen Film zu sehen, um einen gewaltfreien Film zu sehen, wenn man gerade einen gewaltsamen Film gesehen hat und nachdem man einen gewaltfreien Film gesehen hat. Es stellte sich heraus, daß

Es fanden sich keine Unterschiede zwischen denen, die auf einen gewaltfreien Film warteten und denen, die gerade einen gewaltfreien Film gesehen hatten.

Ein Tierexperiment zur Aggressionswirkung

Allerdings wirken nicht nur beängstigende Szenen auf empfindsame Menschen. Nach einer neuen Studie zeigen nämlich auch Schimpansen beim Erleben von Agressionen Gefühle. Die Primatologin Lisa Parr vom Yerkes Regional Primate Research Center in Atlanta berichtet in der Fachzeitschrift Animal Cognition (2001), daß auch Schimpansen auf erschreckende Ereignisse in Videos reagieren, und zwar so, als würden sie diese selbst erleben. Die Fähigkeit, sich in die Gefühlswelt anderer hineinzuversetzen, galt nach bisheriger Überzeugung als menschliches Privileg. Man wußte zwar, daß auch Primaten ihre Gefühle durch ängstliche Grimassen oder Schreie ausdrücken, aber daß Artgenossen diese Regungen nachempfinden können oder sie als soziale Signale interpretieren, war bisher eher Vermutung.

Lisa Parr untersuchte für ihre Studie das Verhalten von drei trainierten Schimpansen, die bereits Erfahrung darin hatten, mit einem Joystick auf einem Computermonitor Bilder auszuwählen. Diesmal zeigte die Wissenschaftlerin den Versuchstieren kurze Videoclips von unangenehmen Situationen, die sie selbst so oder ähnlich bei medizinischen Untersuchungen erlebt hatten. So zeigte eine Sequenzz.B. einen Tierarzt, der einem Affen eine Spritze gibt. In einem anderen Clip war ein verschreckter Schimpanse zu erkennen, dem sich ein Veterinär mit einem Betäubungsgewehr nähert. Die Schimpansen reagierten auf die Szenen durchgehend mit ängstlichem Zähneblecken oder Schreien. Gleichzeitig sank ihre Gesichtstemperatur, die Parr während der Filme gemessen hatte - ein Hinweis darauf, daß die Betrachter die Angst ihrer Artgenossen auf dem Bildschirm nachfühlten. Andere Filmausschnitte, in denen angenehme Dinge wie etwa die Lieblingsnahrung auftauchten, verfolgten die Affen hingegen mit entspannter Miene.

Die Ergebnisse des Tests zeigen, daß die Primaten tatsächlich die emotionale Bedeutung einer Szene erfassen und nicht nur auf Signalwirkung eines Gesichtsausdrucks reagieren. Parr: "Es ist offensichtlich, daß Schimpansen eine Menge Informationen austauschen und sie auch auf komplexe Weise verarbeiten können."

Langzeitstudien zur Agressionswirkung von Gewalt im Fernsehen

Die Diskussion über die Wirkung von Gewaltdarstellungen in den Massenmedien ist ein Thema, welches immer wieder dann in der Öffentlichkeit auftaucht, wenn sich Gewaltdelikte Jugendlicher nach einer offensichtlichen Vorlage aus dem Fernsehen ereignen. Die einen sehen dann das Fernsehen als Gefahr an, welche die Kultur zerstöre und eine Bedrohung für die Menschheit darstelle, die anderen bestreiten diese Befürchtungen und sehen keine gefährlichen Auswirkungen des Fernsehens auf die Menschen. Schon im antiken Griechenland wurde darüber nachgedacht, ob Märchenerzähler den Kindern durch Geschichten über Greueltaten falsche Gedanken zuführten, die diese eigentlich nicht haben sollten. Deshalb sollten "nur die guten Märchen (...) eingeführt werden" und "die Dichter von Märchen und Sagen beaufsichtigt werden" (Kunczik, 1998, S.20).

In den USA wurden zahlreiche Untersuchungen zu den Auswirkungen von Gewaltdarstellungen im Fernsehen auf Kinder und Jugendliche durchgeführt (vgl. Smith & Donnerstein 1998). Beinahe in allen konnten signifikante Korrelationen zwischen dem Konsum von Fernsehgewalt und aggressiven Gedanken, Einstellungen oder gewalttätigem Verhalten nachgewiesen werden. Experimentelle Untersuchungen lassen daher eine kausale Beziehung zwischen diesen Variablen für verschiedene Altersgruppen (Vorschulalter, Kindheit, Adoleszenz) vermuten, wobei diese Zusammenhänge gegenüber Zeit, Ort und demographischen Kriterien ziemlich stabil bleiben. Bei den meisten Untersuchungen handelt es sich um Korrelationsstudien, die keine Aussagen über die Kausalität zulassen, da sowohl die Richtung des Zusammenhanges unbekannt ist als auch der Zusammenhang über vermittelnde Variablen zustande kommen könnte, die ihrerseits kausal auf Aggression und häufigen Konsum wirken. So könnten Menschen mit einer aggressiven Persönlichkeit gewalttätige Medienarstellungen bevorzugen.

Ein Bericht der American Psychological Association hält fest, daß die Gewalt im Fernsehen einen verstärkenden Einfluß auf Kinder mit aggressiven Tendenzen haben könnte. Beispielsweise würden Kinder mit schulischen, sozialen oder interpersonellen Problemen dazu tendieren, mehr fernzusehen und damit würde ihr aggressives Verhalten wiederum verstärkt. So konnten eine signifikante Korrelation zwischen dem Ausmaß des Konsums von Fernsehgewalt mit 8 Jahren und der Delinquenz im Alter von 22 Jahren nachnachgewiesen werden, sodaß vermutet werden kann, daß das rezipierte aggressive Verhalten Eingang in die Verhaltensmuster der Kinder findet

Smith & Donnerstein führen folgende Kontextvariablen auf, die einen Einfluß auf die Zusammenhänge besitzen:

Sie weisen darauf hin, daß die Wirkung der Gewaltdarstellungen durch Aspekte der kognitiven Entwicklung der Rezipienten beeinflußt werden kann. Namentlich können jüngere Kinder weniger gut zwischen Phantasie und Realität unterscheiden als ältere Kinder. Die als "real" empfundenen Darstellungen können das Lernen von Aggression bei jungen Kindern verstärken. Dazu kommt, daß in Spielfilmen und Serien die gewalttätigen Charaktere oft erst gegen Ende des Programmes bestraft werden und nicht unmittelbar nach der Tat, wobei jüngere Kinder den Zusammenhang zwischen dem vorherigen Verhalten des Täters und dessen späterer Vergeltung weniger gut erkennen können als ältere Kinder.

Eine Studie von Mark Singer et al. (Pediatrics 1999, 104, S. 878-884) der Case Western Reserve University in Cleveland, Ohio, ergab, daß Kinder, die ohne ihre Eltern im Fernsehen Gewaltfilme ansehen, mit einer größeren Wahrscheinlichkeit selbst gewalttätig werden als Kinder, die unter Elternaufsicht fern sehen. Sie untersuchten das Fernsehverhalten von über 2200 Schülern im Alter zwischen 7 und 15 Jahren. Die Fragen, die Kinder in einem Fragebogen beantworteten, bezogen sich auf Dauer und Inhalt des täglichen Fernsehkonsums, auf die Beaufsichtigung durch die Eltern und auf Gewalterfahrungen im Alltag der Kinder. Die Wissenschaftler fanden einen deutlichen Zusammehang zwischen gewalttätigem Verhalten und hohem Konsum von Gewaltfilmen im Fernsehen. Dabei zeigten Knaben durchwegs mehr Gewaltbereitschaft und gewalttätiges Verhalten als Mädchen.

Jeffrey Johnson (Science 2002) von der Columbia Universität, New York, zeigte in einer weiteren Langzeitstudie, daß mehr als eine Stunde Fernsehen am Tag die Gewalt fördert. In ihrer Untersuchung hatte das Team über 700 Personen von der Pubertät bis ins Erwachsenenalter beobachtet. Resultat: Je öfter Jugendliche fernsehen, desto eher sind sie als Erwachsene gewalttätig. Von den Vielsehern mit mehr als drei Stunden Fernsehen täglich verübten gar fünfmal mehr Personen Gewalttaten als in der Gruppe der Fernsehabstinenten, die weniger als eine Stunde fernsahen. Daß für die Gewalttaten tatsächlich der Fernsehkonsum verantwortlich ist und nicht andere gewaltfördernde Einflüsse wie ein niedriges Familieneinkommen oder eine heruntergekommene Wohngegend, konnten die Forscher mit statistischen Methoden belegen.

Weiterführende Literatur zum Thema "Aggressivität und der Einfluß der Medien"

Kunczik, Michael (1998). Gewalt und Medien. Köln: Böhlau.
Selg, H. (1997). Gewalt in den Medien &endash; Möglichkeiten von Eltern zur Vermeidung negativer Auswirkungen. Kindheit und Entwicklung, 6, 79-83.
Weiß, R.H. (2000). Gewalt, Medien und Aggressivität bei Schülern. Göttingen. Hogrefe.

Eine Zusammenfassung von Feldstudien über Gewaltkonsum und Aggressivität insbesondere bei Jugendlichen und eine umfangreiche Literaturliste findet sich auf den webpages des Psychologischen Instituts der Universität Regensburg: http://rpss23.psychologie.uni-regensburg.de/lehre/internetangebote/medien/kummed_653.htm (03-03-11)

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