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cafe traxlmayr

Claudia Stangl-Taller

Aufgewachsen im Café ...

... oh, süße Milch, Muttermilch, vermischt mit zartem Rauchgenuß, von nebenan, in der Nähe Geräusche - klick klack -, gedämpft von Filz, früheste - vergessene? - Erinnerungen;

später
- gehen, um den ovalen Tisch, Vorsicht Kopf an Marmor!
- gehen, um den hohen rechteckigen, wo die Klicks herkommen,
- gehen, nach nebenan; der Geruch wird stärker, schon ist Mama bei mir, holt mich in die ovale Ecke zurück;

ansicht des cafe traxlmayr in linz billardtischspäter
- gucken über den Rand des Filzes, drei Kugeln!

Mama fragt den Oberkellner, ob ich sie rollen darf-, jetzt mach ich klack, klick!

später
die Übersiedlung in den großen Saal, mit Spiegeln, mit Luster mit weichen hohen Sofawänden;

später
Mama will wieder Lesen anfangen, ich sei jetzt groß genug; ich treibe mich herum, es zieht mich in das Zimmer mit den Kugeln, ich schaue so lange so begehrlich zu, bis sie mir zeigen wie es geht, mit Stäben,
ja, Mama hat recht, ich bin schon groß;

ansicht des cafe traxlmayr in linznoch später
- ich lasse Mama nicht lesen, ich möchte unser Spiel"ich sehe was, was Du nicht siehst und das ist...", zum Beispiel"rot", der rote Overall von dem Herrn, der immer ins Leere zu lächeln scheint, oder "silbern", sein herrlich blitzendes silbernes Käppi; manchmal kommt er ganz unauffällig, da läßt sich nichts spielen;
am liebsten ist mir die Adventzeit; ich erwarte es kaum bis die Gestecke auf den Tischen stehen, gleich lasse ich mir die Kerze anzünden, dann darf ich zündeln, mit den Tannennadeln, Mama erlaubt es mir nur im Caf6, so lange, bis sie glaubt, daß jemand herschaut, strafend;
was ich noch mag, neue Lehrlinge; Mama und ich beobachten sie und machen Bemerkungen, keine bösen; einer gefiel mir besonders, er machte Kunststückln mit dem Putzfetzen, jetzt hat er es sich abgewöhnt oder Herr Oberkellner F. hat es ihm verboten, schade
jetzt bin ich wirklich groß - 147 cm; ich hole Mama die Zeitungen, wenn der Oberkellner sie nicht gleich bringt die Mama will die großen, ich hole mir eine kleine; lieber noch gehe ich ins nächste Buchgeschäft und hole mir vom Kinderbuchbestsellerautor T. B. eine neue Geschichte; da kann Mama Zeitungen noch und noch lesen oder ihre Vorlesungen vorbereiten diese Rechnungen haben es dann in sich; ich schaffe es einfach nicht, stundenlang bei einer Tasse kalten Kaffee - auch verlängert - zu sitzen; Mama hat das perfektioniert, mein Kännchen Tee ist immer zu früh leer, das muß ich noch lernen;
apropos gute Laune, Weihnachten ist auch so ein Highlight; das ist die einzige Zeit im Jahr, wo Mama einen Tisch reserviert; es herrscht ein Gedränge und Geschiebe, atemberaubend, nicht nur aus diesem Grund ... und da sind noch die Gestecke, strohtrocken jetzt, da prasseln die Nadeln, daß der Herr von vor der einen oder der anderen Säule mit gestrengem Blick über seine Lesebrille guckt und Mama so tut, als würde sie mich tadeln, aber sie ist in Weihnachtsstimmung;
wie heißt es, non scolae, sed vitae discimus, ich würde sagen, nicht nur in der Schule lernen wir was, sondern auch im Kaffeehaus, und da besonders fürs Leben, und zwar von klein auf.

13. September 1996

Dieser Text entstand als Gastbeitrag für
Renate Perfahls
Café Traxlmayr - GESCHICHTE und GESCHICHTEN um das traditionsreiche Linzer Kaffeehaus.
Grünbach: Buchverlag Franz Steinmaßl 1997.
ISBN 3-900943-53-2.
Die Bilder der webpage sind diesem empfehlenswerten Buch entnommen.

 

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