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[aus den Arbeitsmaterialien zum Unterricht an der Akademie für Sozialarbeit]

Stufen der moralischen Entwicklung nach Lawrence Kohlberg

Die Untersuchung der Entwicklung der Moralvorstellungen des Menschen wird schon seit langem als zentraler Problembereich der Sozialwissenschaften betrachtet. Allerdings ist es schwierig, den Aspekt der Moralentwicklung von den anderen Bereichen der sozialen Entwicklung und Sozialisation - wie z.B. der Entwicklung der Persönlichkeit und Verhaltensmustern, Aggression, Fleiß oder Leistungsmotivation - immer eindeutig abzugrenzen.

Man versteht unter moralischer Entwicklung vornehmlich jene Teilprozesse der Sozialisation, die zur Internalisierung von grundlegenden sozialen Normen und Regeln führen, wobei erwartet wird, daß ein Individuum auch dann den Regeln gemäß handelt, wenn es die Neigung spürt, sie zu übertreten, und wenn weder eine Überwachung vorhanden noch Sanktionen zu fürchten sind. Neben diesem Widerstand gegen die Versuchung ist auch der Aspekt des Schuldgefühls wichtig, d.h., daß nach der Verletzung kultureller Normen selbstbestrafende oder selbstkritische Empfindungen wie Reue und Angst auftreten. Die Internalisierung eines Standards impliziert schließlich auch, daß das Individuum aufgrund der erworbenen Regeln Urteile über eigenes und fremdes Verhalten fällen kann.

Konkretes moralisches Verhalten kann allerdings niemals isoliert betrachtet werden, denn einerseits wird dieses immer auch von Aspekten der Persönlichkeit und andererseits der aktuellen Situation mitbestimmt werden. Untersuchungen zur Ehrlichkeit bei Kindern etwa haben gezeigt, daß Faktoren wie die Intelligenz, die Fähigkeit zum Bedürfnisaufschub oder auch die Aufmerksamkeit meist in Verbindung zu moralischem Verhalten stehen. Moralisches Verhalten muß daher im großen und ganzen als das Resultat derselben situativen Kräfte, Ich-Variablen und Sozialisationsfaktoren verstanden werden, die auch jene Verhaltensweisen determinieren, die nicht unmittelbar moralisch bedeutsam sind.
Nach Jean Piagets Entwicklungstheorie kommt das Kind aus einem amoralischen Stadium in ein Stadium des Respekts gegenüber unverletzlich scheinenden Regeln. Das Kind betrachtet solche Regeln allerdings wie andere Dinge (Kindlicher Realismus) und ist unfähig, zwischen subjektiven und objektiven Aspekten der Umwelt bzw. seiner Erfahrung mit ihr zu unterscheiden (Egozentrismus). Während das Vorschulkind und Schulkind von einer autoritätsbestimmten (heteronomen) Moral geleitet wird (moralischer Realismus) entwickelt sich gegen Ende des Grundschulalters eine selbstbestimmte (autonome) Moral, die unabhängig von den erwachsenen Bezugspersonen wirksam ist.

Aufbauend auf Piagets Modell entwickelte Lawrence Kohlberg ein differenziertes Stufenmodell mit drei Hauptniveaus und sechs Stadien moralischen Verhaltens. Er legte Kindern und Jugendlichen eine Reihe von hypothetischen moralischen Konfliktsituationen vor (etwa, ob man ein teures Medikament stehlen darf, um den Tod seiner eigenen Frau abzuwenden) und ordnete die Reaktionen den einzelnen Stufen bzw. Stadien zu. Zwar ergab sich eine gute Übereinstimmung mit den theoretischen Annahmen, doch zeigte sich auch, daß es große Unterschiede im Entwicklungsverlauf der einzelnen Kinder gibt und daß auf den einzelnen Altersstufen Urteile im Sinne verschiedener Stadien abgegeben werden, je nach Situation und Problemstellung. Es wird daher im folgenden darauf verzichtet, bei den einzelnen Stadien Altersangaben anzugeben.

Präkonventionielles Stadium

In diesem Stadium ist das Kind für klare Etikettierungen wie "gut und böse", "richtig oder falsch" empfänglich. Es legt diese entweder im Sinne der materiellen oder hedonistischen Konsequenzen der Tat (Bestrafung, Belohnung, Austausch von Vergünstigungen) aus oder im Sinne der physischen Macht derjenigen, die die Regeln und Etikettierungen aufstellen.

Heteronome Moralität
Die materiellen Konsequenzen einer Handlung entscheiden darüber, ob eine Tat als gut oder schlecht angesehen wird, unabhängig von der menschlichen Bedeutung oder dem Wert dieser Konsequenzen. Das Kind orientiert sich ausschließlich an der Strafvermeidung und der Unterwerfung unter die Macht und nicht an der Achtung vor der zugrundeliegenden moralischen Ordnung, die durch die Bestrafung und Autorität aufrechterhalten wird. Die soziale Perspektive des Verhaltens ist immer individuell (Egozentrismus) und Handlungen werden rein nach dem äußeren Erscheinungsbild beurteilt und nicht nach irgendwelchen "dahinterliegenden" Intentionen.

Individualismus, Zielbewußtsein und Austausch
Richtiges Handeln ist das, wodurch die eigenen Bedürfnisse und -gelegentlich - die Beürfnisse anderer befriedigt werden. Die menschlichen Beziehungen werden wie die Beziehungen auf einem Marktplatz gesehen. Gerecht ist, was ein gleichwertiger Austausch, ein Handel oder ein Übereinkommen ist. Elemente von Fairneß, von Reziprozität (Wechselseitigkeit) und gerechtem Teilen sind vorhanden, sie werden aber eher pragmatisch interpretiert. Gegenseitigkeit ist eine Angelegenheit von "eine Hand wäscht die andere", nicht von Loyalität, Dankbarkeit und Gerechtigkeit, d.h., unabhängig von konkreten Personen existierenden Normen. Die soziale Perspektive ist deutlich individualistisch, wobei bereits die Einsicht besteht, daß es Interessenskonflikte gibt und Gerechtigkeit ein relativer Begriff ist.

Konventionelles Stadium

In diesem Stadium wird die Unterstützung der Erwartungen der Familie, Gruppe oder Gesellschaft des einzenen als wertvoll an sich verstanden, unabhängig von den unmitterbaren oder offensichtlichen Konsequenzen. Die Haltung des einzelnen ist nicht nur konform mit den persönlichen Erwartungen und der sozialen Ordnung, sondern sie ist auch von Loyalität dieser Ordnung gegenüber gekennzeichnet, was sich in einer aktiven Unterstützung, Verteidigung und Rechtfertigung der Ordnung und in der Identifizierung mit den sie tragenden Personen oder Gruppen äußert. Auf diesem Stadium erlebt das Kind sich als MItglied einer Gemeinschaft.

Wechselseitige Erwartungen, Beziehungen und interpersonale Konformität
Gutes Verhalten ist ein Verhalten, das anderen gefällt, ihnen hilft und von ihnen gelobt wird. Man beobachtet Konformität mit stereotypen Vorstellungen davon, was "natürliches" oder Mehrheitsverhalten ist. Das Verhalten wird schon häufig nach der dahinterstehenden Absicht beurteilt. "Er meint es gut" wird zum erstenmal wichtig. Man bemüht sich um Lob, indem man "lieb" ist ("braves Kind"). Man möchte in den eigenen Augen und in denen anderer als "guter Mensch" dastehen und dadurch die Zuneigung anderer gewinnen. Die soziale Persepktive des Handelns orientiert sich an dem Gefühl der Gemeinschaft, der Übereinkünfte und Erwartungen, die Vorrang vor individuellen Interessen bekommen. Das Kind kann sich bereits in einen anderen hineinversetzen.

Soziales System und Gewissen
Das Kind orientiert sich an der Autorität, an festen Regeln und an der Aufrechterhaltung der sozialen Ordnung. Richtiges Verhalten besteht darin, seine Pflicht zu tun und die gegebene soziale Ordnung um ihrer selbst willen zu erhalten. Das Recht steht im Dienste der Gesellschaft, einer Gruppe oder Institution, wobei eingesehen wird, daß Regeln dazu da sind, das Funktionieren der Gemeinschaft zu gewährleisten. Auf dieser Stufe macht man einen Unterschied zwischen dem gesellschaftlichen Standpunkt und der interpersonalen Übereinkunft bzw. den auf einzelne Individuen gerichteten Motiven. Das Kind kann auf dieser Stufe den Standpunkt des sozialen Systems einnehmen, das Rollen und Regeln festlegt.

Postkonventionelles, autonomes oder von Prinzipien geleitetes Stadium

In diesem Stadium besteht ein deutliches Bemühen, moralische Werte und Prinzipien zu finden, die ihre Gültigkeit und Bedeutung unabhängig von der Autorität von Gruppen oder Menschen haben, die diese Prinzipien vertreten, aber auch unabhängig von der Identifizierung des einzelnen mit diesen Gruppen.

Das Stadium des sozialen Kontraktes bzw. der gesellschaftlichen Nützlichkeit
Richtiges Handeln wird in erster Linie im Sinne allgemeiner, individueller Rechte und der von der gesamten Gesellschaft kritisch geprüften und gebilligten Normen definiert. Das Kind ist sich des Relativismus der persönlichen Werte und Meinungen klar bewußt, sowie der damit verbundenen Notwendigkeit, Verfahrensregeln einzuhalten, die zu einem Konsens führen. Abgesehen von dem, worauf man sich verfassungsmäßig und demokratisch geeinigt hat, ist das Recht eine Angelegenheit der persönlichen "Werte" und "Meinungen". Die soziale Perspektive ist auf dieser Stufe der Gesellschaft vorgeordnet, wobei Konflikte zwischen einzelnen legalen Handlungen erkannt und integriert werden können.

Das Stadium der universalen ethischen Prinzipien
Das Recht ist durch die Gewissensentscheidung im Einklang mit den selbstgewählten, ethischen Prinzipien definiert, die sich auf die logische Vollständigkeit, Allgemeingültigkeit und Konstanz berufen. Diese Prinzipien sind abstrakt und ethisch ("goldene Regel", "kategorischer Imperativ"); es sind keine konkreten moralischen Regeln wie die zehn Gebote. Im Grunde sind es allgemeingültige Prinzipien der Gerechtigkeit, der Reziprozität, der Gleichheit der Menschenrechte und der Achtung vor der Würde des Menschen als Einzelwesen. Auf dieser Stufe hat das Individuum die Perspektive eines moralischen Standpunktes, daß jeder Mensch seinen (End)Zweck in sich selbst trägt und dementsprechend behandelt werden soll.

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Zusammengefaßt nach:
Kohlberg, L. (1976). Moral stages and moralization: the cognitive development approach. In: Kohlberg, L. (Hrsg.): Moral development and behavior. New York: Holt, Rinehart & Winston.
Colby, A. & Kohlberg, L. (1978). Das moralische Urteil: Der kognitionszentrierte entwicklungspsychologische Ansatz. In: Steiner, G. (Hrsg.): Die Psychologie des 20. Jahrhunderts. Band VII: Piaget und die Folgen. Zürich: Kindler.  
 

 

 

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