Jacques Lacan (1901-1981)

Lacan suchte die Pest, die Subversion und die Unordnung ins Innerste jenes gezähmten Freudianismus einzuführen, an dem die Gewalt seiner Ursprünge nicht mehr erkennbar war. Der extravagante Psychoanalytiker gilt zwar als einer der bedeutendsten Intellektuellen des 20. Jahrhunderts - vergleichbar mit Foucault und Levi-Strauss -, wurde jedoch sehr ambivalent rezipiert: Genie für die einen, Hochstapler für die anderen. Er war auch bekannt für seine Arroganz: Als Therapeut habe er das Recht, so seine Überzeugung, „meinen Orakelspruch zu formulieren - als alleiniger Herr an Bord meines Schiffes neben Gott".

Jacques-Marie Emile Lacan wird ein Jahr nach Freuds Veröffentlichung der "Traumdeutung" in Paris geboren. Er wird es sein, der der Psychoanalyse in Frankreich zu einem wahren Triumph verhilft: so wie nur in Woody Allan Filmen, werden die Jahre auf der Couch in Paris zum absoluten Muss. Und Lacan hat der Psychoanalyse einen besonderen Anstrich verliehen. Anfangs deutet noch nichts darauf hin, dass Lacan eine derartig wichtige Rolle für die Psychoanalyse spielen würde.

Er studiert Medizin, wird Psychiater und promoviert im Jahr 1932 mit einer Arbeit über Paranoia. Er schickt Freud ein Exemplar seiner Arbeit nach Wien, und dieser bedankt sich höflich per Postkarte für die Zusendung. Damit hat auch schon der einzige Kontakt zwischen diesen beiden Psychoanalytikern stattgefunden. Zugleich setzte er sich mit der Philosophie auseinander - Spinoza, Hegel, später Husserl und Heidegger. Befreundet war er vor allem mit Künstlern wie Dali und Giacometti und Schriftstellern wie Michel Leiris oder Georges Bataille, dessen Exfrau Lacan später heiratet. In der surrealistischen Zeitschrift Minotaure entfaltet er seine Theorien über Paranoia und die Rolle, die sie in Missetaten spielt. Mit grossem Interesse beobachtet Lacan die surrealistische Bewegung, vor allem die Sprachexperimente André Bretons. Er führt den Begriff imaginär ein: die Beziehung zum Du ist eine Illusion, eine Sinnestäuschung, sowie den Begriff der Symbolik: die im Wort, in der Sprache zum Ausdruck kommt, durch deren Erwerb das Kind in unsere Kultur aufgenommen wird, sowie an ihr teilnehmen kann und die es dem Kind ermöglicht, die imaginäre Beziehung zu seiner Mutter zu durchbrechen.

1936 wird zu Ehren des achtzigsten Geburtstags von Sigmund Freud ein Kongress in Marienbad veranstaltet. Sein Eintritt in die Szene der internationalen Psychoanalyse begann hier mit einem Skandal. Bei dem Kongreß wurde ihm vom Vorsitzenden Ernest Jones bereits nach zehn Minuten das Wort entzogen. Es war dies der Beginn einer subversiven Haltung Lacans gegenüber psychoanalytischen Institutionen, die ihn zeit seines Lebens begleitete.

1950 findet in Paris ein internationaler Kongress statt, an dem die wichtigsten Vertreter der Psychoanalyse teilnehmen, so auch Lacan. Freud hat ganz zu Recht immer die Herrschaft des Unbewussten über das Ego betont und die des Todestriebs über die anderen Triebe, führt er an. "Zurück zu Freud" ist Lacans Moto und veranlasst damit Schüler aus aller Welt, bei ihm zu studieren. Indem er alle äusseren Regeln der Analyse ignoriert, provoziert er die Fachwelt. Niemand könnte heute noch sagen, warum eine analytische Sitzung genau fünfundvierzig Minuten zu dauern hat, trotzdem ist diese Regel heilig. Lacan dagegen empfängt seine Patienten, wann es ihm passt, hält sich nicht an die Uhr, telefoniert, während der Patient auf der Couch seine Seele ausbreitet, schickt den einen nach fünf Minuten wieder nach Hause und redet stundenlang mit dem anderen. Lacan wird zur Ordnung gerufen. Er gelobt Besserung, aber praktisch rückt er von seinem Eigensinn keinen Schritt ab.

Der Bruch scheint unvermeidlich; im Jahr 1953 gründet er mit seinen Getreuen eine neue analytische Vereinigung, La Société française de la psychoanalyse, die SFP. Er hält wöchentlich Vorlesungen, deren Inhalt die Auseinandersetzung mit den Texten Freuds ist.

Lacan befindet sich im Gegensatz zur Lehrmeinung der Amerikaner und gilt als Querkopf. Unter Umgehung aller Regeln bildet er Analytiker aus und weigert sich strikt, den Geboten der Freudianer Folge zu leisten. Für ihn zählt nur das, was Freud selbst gesagt und geschrieben hat. Die Situation wird in den Augen der "Internationalen Vereinigung", an deren Spitze immer noch Anna Freud steht, derart unhaltbar, dass man ihn schliesslich von der offiziellen Liste der Psychoanalytiker streicht. Die "Ecole freudienne de Paris", die Lacan sechzehn Jahre lang leitet, wird zum Zentrum der Erneuerung und der Kreativität. Bei Kongressen formulierte Lacan bizarre Gedanken: „Wir glauben, mit unserem Gehirn zu denken, ich aber denke mit meinen Füßen. Ich habe genug Elektroenzephalogramme gesehen, um zu wissen, daß es keinen Schatten von einem Denken gibt." Solche Äußerungen entsetzten Linguisten wie Noam Chomsky und paßten seht gut in das „Eleganter-Unsinn"-Konzept des Physikers Alan Sokal. Im Gegensatz zu Freud ist beim Studium Lacans erschwerend, daß er hauptsächlich mündlich - in Form von Seminaren - tätig war und die Herausgeber nach unterschiedlichen Editionsprinzipien vorgingen, sodaß die Schriften Lacans gleichsam nur als „Hypertext" existieren.

Im Schaffen Lacans kann man drei Phasen unterscheiden.

In der ersten Phase dominierte der Einfluß der Phänomenologie, speziell von Hegel und Husserl. Ausdruck dafür war Lacans Theorie des Spiegelstadiums. Darin ging Lacan von der Hilflosigkeit des menschlichen Säuglings aus. Dieser habe nach der Geburt keine Verfügungsgewalt über seinen Körper; doch die visuelle Wahrnehmung ermögliche ihm eine imaginäre Identifikation mit seinem Spiegelbild, das ihm eine einheitliche Struktur seines Körpers suggeriert. Diese Erfahrung der Einheitlichkeit des Körpers wird als beglückend erlebt. Durch das Spiegelstadium entstehen dann jene Vorstellungen, deren starre Strukturen die ganze mentale Entwicklung eines Subjekts bestimmen und im Panzer einer entfremdeten Identität gipfeln. Der in Paris lebende Kulturtheoretiker Jacques LeRider hält die erste Phase für die wichtigste: Die Betonung der den Menschen bestimmenden „entfremdeten Identität" sei der eigentliche Skandal der Lacanschen Theorie. Denn: „Für das Subjekt ist es bequemer, blind für die eigene Identität zu bleiben, als die katastrophale Wahrheit über sich selbst zu durchdringen."

In seiner zweiten Phase bezieht sich Lacan auf die Struktur des Unbewußten bei Freud, das er von der Sprache her deutet. Für ihn ist das Unbewußte nicht der Ausdruck eines polymorphen Triebpotentials, sondern sprachlich strukturiert. „Das Es spricht" heißt bei Lacan: „Die Sprache spricht". Mit dieser Formulierung bezog er sich ausdrücklich auf Martin Heidegger, später nahm er Anregungen der Linguisten Ferdinand de Saussure und Roman Jakobson auf und entfaltete ein Feuerwerk von höchst komplexen Gedankengängen, die seinen Ruf als dunkler Denker verstärkten. Sein Wahlspruch "das Unbewusste ist strukturiert wie eine Sprache" findet bei den Pariser Wissenschaftlern ein breites Echo. Unermüdlich kämpft Lacan gegen die Egopsychologie; das Ich ist nicht das Ego der Anpassung, wie die Amerikaner auf gut amerikanisch interpretieren, sondern das "Ich des Zweifels". "Ich weiss nicht, wer ich bin", so paraphrasiert Lacan seinen Landsmann Descartes. Lacan ist der Meinung, dass Freud mit der Einführung des Begriffs Ich Spaltung zum Ausdruck bringen wollte, dass das Ich kein starkes Ego, sondern ein immer unterlegenes Element der menschlichen Seele ist. "Das Ich ist nicht Herr im eigenen Haus", hatte Freud betont. "Ça parle", ergänzt Lacan. Das Unbewusste ist es, das durch die Sprache zum Ausdruck kommt.

In der dritten Phase kokettierte Lacan schließlich mit seiner Rolle als „Meister des Undarstellbaren". Er befaßte sich mit der Kunst der Knoten und des Flechtens und übernahm den Begriff des „Mathems": Das bedeutet ein Wissen, das nicht mehr gelehrt werden kann. Roudinesco spricht von der Suche nach dem Absoluten, das Lacan mit dem „Realen" gleichsetzt. Von diesem Begriff weiß nicht einmal Lacan-Spezialist Seitter, was er genau bedeuten soll.

 

 


Quellen:
Halmer, Nikolaus (2001). Lacan: Der Mann, der mit den Füßen denken wollte. Die Presse - Spectrum vom 17.11. S. VIII.
http://paedpsych.jk.uni-linz.ac.at/INTERNET/ARBEITSBLAETTERORD/PSYCHOLOGIEORD/PsychologieSchulen.html
http://www.4real.ch/psy-thrp.html (01-11-17)


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