Forschung zum Thema Stress
Stress fördert Metastasen
Der Zusammenhang zwischen Krebs und Psyche gibt der Medizin seit Jahrzehnten Rätsel auf. Angst, Stress und seelische Störungen können die Immunabwehr schwächen. Norwegische Forscher behaupten, dass das Krebsrisiko ängstlicher Menschen um 25 Prozent erhöht ist. Doch die meisten Experten weisen die Theorie, dass es eine "Krebspersönlichkeit" gibt und bestimmte Charaktereigenschaften die Entstehung der Krankheit fördern, energisch zurück.
Weniger umstritten ist dagegen die Vermutung, dass die Psyche die Heilungschancen von Tumorpatienten beeinflussen kann. Frank Entschladen von der Fakultät für Biowissenschaft der Universität Witten/Herdecke zeigte, dass das Nervensystem eine große Rolle bei der Bildung von Metastasen spielt. Stress erhöht demnach die Wahrscheinlichkeit, dass sich Tumorzellen schneller im Körper verbreiteten. Negative psychosoziale Einflüsse können daher die Verbreitungsgeschwindigkeit von Krebs im Körper unterstützen. Bisher ging man davon aus, dass sich Metastasen eher ungesteuert und zufällig bilden, doch jetzt gibt es den Beweis, dass dieser Prozess in Wirklichkeit bestimmten Gesetzmäßigkeiten folgt. Neurotransmitter, die vom Nervensystem freigesetzt werden, können je nach Art einen hemmenden oder aber einen stimulierenden Einfluss auf Tumorzellen haben. Im ungünstigsten Fall weisen sie den wandernden Krebszellen den Weg und locken sie an bestimmte Körperstellen. Ob nun die hemmenden oder aber die stimulierenden Neurotransmitter freigesetzt werden, hängt maßgeblich von psychosozialen Einflüssen ab. Stress erhöht also die Gefahr, dass sich jene Überträgerstoffe durchsetzen, die die Metastasenbildung förderten und damit die Verbreitung des Krebses beschleunigten.
Allerdings haben erst vor Kurzem japanische Forscher festgestellt, dass selbst Menschen mit Psychosen und Neurosen im Vergleich zu seelisch Gesunden kein erhöhtes Tumorrisiko haben. Vor drei Jahren ergab zudem ein Vergleich von Brustkrebspatientinnen mit gesunden Frauen, dass belastende Lebenssituationen nicht zu den Risikofaktoren bei Krebs gehören.
Quelle: Österreichische Apothekerzeitung
Allergie ist Stress für sensible Haut
Neue wissenschaftliche Untersuchungen haben gezeigt, welch wichtige Rolle die Haut als Eintrittspforte für Allergie-Auslöser aus der Luft (Aero-Allergene) spielt. Aktuelle wissenschaftliche Befunde weisen darauf hin, dass eine reduzierte Barrierefunktion dafür die Ursache sein kann, die ihrerseits durch eine reduzierte Aktivität der hauteigenen Enzyme hervorgerufen werden kann. Die Haut reagiert dann mit Rötungen, schuppigen Stellen, juckt und spannt. Allergien bedeuten Stress für den gesamten Organismus, der Körper ist in ständiger Alarmbereitschaft und deshalb weniger leistungsfähig – dies beeinträchtigt die Barrierefunktion der Haut.
Bei einer Allergie ist das Gleichgewicht der Hautschutzfunktionen gestört, und es kommt durch ein Allergen zu einer immunologisch vermittelten Reaktion. Allergiker, deren Haut von einer Allergie an sich nicht betroffen ist, neigen tendenziell dennoch zu Überempfindlichkeitsreaktionen der Haut. Die Haut von Allergikern ist meist relativ trocken, dünn und neigt zu Entzündungen.
Quelle: Österreichische Apothekerzeitung
Stress durch Emails
Eine Studie hat schon vor Jahren gezeigt, dass es einen regelrechten “E-Mail-Stress” gibt, der zu Müdigkeit, Frustration und Unproduktivität führt. Nur 38 Prozent der Untersuchten hatte einen entspannten Umgang damit und beantworteten diese zum Teil erst am nächsten Tag oder später, während der überwiegende Teil sich durch E-Mails getrieben fühlte und in einem Stresszustand geriet. Ein durchschnittlicher Büroangestellter wendet täglich 49 Minuten für die Verwaltung seiner elektronischen Post auf, wobei viele nach Feierabend zu Hause ihre private Post zu bearbeiten. Den meisten war gar nicht bewusst, wie oft sie ihren Arbeitsprozess unterbrechen, um nach neuen Nachrichten zu sehen. Die Studienteilnehmer kontrollierten ihren Posteingang pro Stunde 30 bis 40 Mal auf neu eingegangene Mails, also alle vier bis fünf Minuten. Diese Unterbrechungen des Arbeitsprozesses führen in kreativen Berufen, die sich über längere Zeitspannen auf ein Projekt konzentrieren müssen, zu nachhaltigen Störungen.
Religion und Gesundheit
Heinemann (2009) berichtet von einer Studie zum Zusammenhang zwischen Glaube und Gesundheit von Angus Deaton, der Umfragedaten auswertete, die in den Jahren 2006 bis 2008 in 145 Staaten der Erde mit identischen Fragen erhoben worden sind, was mehr als 98 Prozent der Weltbevölkerung entspricht. Die religiöse Dimension eines Teilnehmers wurde dabei nicht nur über Fragen zur Grundeinstellung („Ist Religion ein wichtiger Teil Ihres täglichen Lebens?“), sondern über die Praxis („Haben Sie in den letzten sieben Tagen einen Gottesdienst besucht?“) erhoben. Daneben wurden auch Gesundheitsfragen erhoben, die nicht nur auf den allgemeinen Gesundheitszustand, sondern auch auf Schmerzen, Behinderungen und selbst empfundene Fitness abstellten. Berücksichtigt werden zudem eine Fülle von Faktoren, welche die individuelle Gesundheit beeinflussen sollten wie etwa das Einkommen, das Alter oder das Geschlecht. , das Hauptergebnis war, dass religiöse Menschen bei einer Reihe von Gesundheitsindikatoren besser abschneiden, wobei der Zusammenhang zwischen Religiosität und Gesundheitszustand in armen Staaten besonders ausgeprägt ist. Michael McCullough hat zahlreiche Studien ausgewertet und entdeckte, dass religiöse Menschen belastende Lebenssituationen besser verarbeiten und zeigen weniger häufig depressive Symptome, wobei nicht unerheblich ist, dass die Ehen von religiösen Menschen sich als stabiler erweisen und diese Menschen in ihren Ehen eine höhere Zufriedenheit offenbaren. Offensichtlich hilft der Glaube, mit Stress und Schicksalsschlägen besser fertig zu werden und stabile Beziehungen zu pflegen. Religiöse Menschen leben deshalb länger, weil sie weniger häufig riskante Verhaltensweisen an den Tag legen, denn im Vergleich zu anderen Gruppen trinken und rauchen religiöse Jugendliche und Erwachsene weniger, konsumieren seltener Drogen, legen häufiger den Sicherheitsgurt im Auto an und gehen sogar öfter zum Zahnarzt. Die Verhaltensweisen religiöser Menschen sind vergleichsweise stark durch Selbstdisziplin gekennzeichnet und nicht nur bei den gesundheitlich relevanten Aktivitäten. Viele religiöse Riten beinhalten die Besinnung auf Abweichungen des Verhaltens von den sich selber gesetzten Maßstäben, wobei auch religiöse Praktiken wie Gebet, Meditation oder Fasten die Selbstbeherrschung fördern, wodurch die so entwickelte Fähigkeit zur Selbstregulierung dann auch im Hinblick auf andere Ziele zur Verfügung steht. Jemand, der in der Lage ist, früh aus dem Bett zu kommen, um den Gottesdienst zu besuchen, wird auch mit dem pünktlichen Arbeits- oder Schulbeginn keine Probleme haben. Und jemand, der in Fastenzeiten ohne Alkohol oder andere Genüsse auskommt, dürfte sich auch nicht schwer damit tun, Kapital für die Ausbildung seiner Kinder anzusparen. Persönlichkeitsmerkmale, die sich im Kontext der Religionsausübung herausbilden oder verstärken, können somit in ganz anderen Bereichen positive Folgen bewirken.
Quelle: Heinemann, Friedrich (2009). RELIGIOSITÄT. Beste Stressbewältigung Rheinischer Merkur Nr. 40, 01.10.2009.
Stress in Führungspositionen
Bei wildlebenden Pavianen zeigen nach einer Langzeit-Studie an 125 Affen in Kenia die Alpha-Männchen deutlich mehr Stresshormone im Blut als andere hochrangige Gruppenmitglieder. Das widerspricht bisherigen Annahmen, dass die Vorteile der Alphaposition die Kosten aufwiegen. Man wusste zwar, dass Alpha-Männchen Vorteile in der Fortpflanzung haben, aber offensichtlich hat das Leben an der Spitze auch Schattenseiten ha, wobei der stärkere Stress der Alpha-Männchen vermutlich auf dem ständigen Druck beruht, ihre Spitzenposition verteidigen zu müssen.
Quelle: OÖN vom 18. Juli 2011, S. 12.
Stress und Gehirn
Der alltägliche Stress formt das Gehirn, d.h., Nervenzellen ändern ihre Morphologie, die Anzahl der Verbindungen mit anderen Zellen und die Art, wie sie mit anderen Neuronen kommunizieren, wobei in den meisten Fällen diese Reaktionen adaptiv und nützlich sind, d.h., sie helfen dem Gehirn mit Stress umzugehen und angemessene Verhaltensreaktionen zu bilden. Unter schweren Belastungen wird allerdings die Pufferfähigkeit des Gehirns erschöpft und die Nervenzellen im Hippocampus beginnen, sich von ihren Prozessen zurückzuziehen, d.h., sie kommunizieren nicht mehr effizient mit anderen Zellen. Eine Strategie der Gehirnzellen ist dabei die Veränderung der Form winziger Prozesse, die sie normalerweise verwenden, um Informationen mit anderen Neuronen, den dendritischen Dornen, auszutauschen. Diese Dornen sind zunächst dünn, nur etwa ein tausendstel Millimeter groß und variieren in ihren Formen, wodurch sie eine Schlüsselrolle in Lernprozessen spielen. Wenn die Dornen lernen, werden sie dicker, eher pilzförmig und bilden stabile Verbindungen, wodurch sie dem Gehirn ermöglichen, sich an Dinge zu erinnern, die einmal gelernt worden waren. Unter Stress wird nach neuesten Untersuchungen dieser Prozess der Veränderung der dendritischen Dornen gestört.
Quelle: Mucha, M., Skrzypiec, A. E., Schiavon, E., Attwood, B. K., Kucerova, E. & Pawlak, R. (2011). Lipocalin-2 controls neuronal excitability and anxiety by regulating dendritic spine formation and maturation. PNAS, doi:10.1073/pnas.1107936108.
Stress in der Schwangerschaft
Eine internationale Studie (Schweiz, USA, Dänemark) ging der Frage nach, wie sich bei Müttern, die während der Schwangerschaft starkem Stress ausgesetzt waren, sich auf die Entwicklung des Fötus auswirkt und welche Folgen Stress für die spätere Gesundheit des Kindes in den ersten zehn Lebensjahren hat. Kinder von Müttern, die während der Schwangerschaft etwa im Beruf unter erhöhtem Stress standen, wiesen dabei ein höheres Risiko für verschiedene Erkrankungen auf als Kinder von ungestressten Schwangeren. So stieg das Risiko für Erkrankungen der Atmungsorgane, der Haut und des Verdauungssystems. Überraschenderweise hatten emotionale Probleme der Mütter während der Schwangerschaft wie Ängstlichkeit oder depressive Stimmungen kaum einen Einfluss auf die Gesundheit des Kindes.
Elissa Epel (University of California) konnte erstmals psychischen Stress direkt in Zusammenhang mit einem Indikator des Alterns in den Zellen bringen. Epel und ihr Team beobachteten 58 Frauen im Alter von 20 bis 50 Jahren über einen längeren Zeitraum. 39 dieser Frauen mussten chronisch kranke Kinder pflegen - Kinder, die etwa an Autismus litten. Die anderen 19 hatten je ein gesundes Kind. Zwar klagten die Mütter der kranken Kinder über mehr Stress, jedoch war ihnen der Stress äußerlich nicht anzumerken. Jedoch fand man im Erbgut “dramatische Unterschiede”– und zwar in Bereichen, die nicht nur eine Schlüsselrolle im Alterungsprozess der einzelnen Zellen spielen, sondern möglicherweise auch bei der Entstehung von Krankheiten. Je länger eine Frau für ein krankes Kind sorgen musste, desto kürzer waren ihre Telomere. Diese umhüllen die Enden der Chromosomen im menschlichen Erbgut wie eine Art Schutzkappe.
Freiburger Wissenschaftler um Robert Kumsta haben nun 2011 nachgewiesen, dass junge Erwachsene, deren Mütter während der Schwangerschaft etwa durch den Tod des Partners großem Stress ausgesetzt waren, ebenfalls bedeutend kürzere Telomere haben als Gleichaltrige. Bei den jungen Erwachsenen, deren Mütter in der Schwangerschaft unter Stress gelitten haben, waren die Zellen um dreieinhalb Jahre früher gealtert als bei einer ungestressten Vergleichsgruppe.
Literatur & Quellen
Tegethoff, M., Greene, N., Olse,n J., Schaffner, E. & Meinlschmidt G. (2011).Stress during Pregnancy and Offspring Pediatric Disease: A National Cohort Study. Environ Health Perspect. July.
http://www.sueddeutsche.de/panorama/artikel/897/43854/ (08-08-07)
- Definitionen, Klassifikationen, Messung, Erhebung, psychophysiologische Störungen etc.
- Definition Stress
- Klassische Stresstheorien
- Cannons Stresstheorie (1932)
- Hans Selyes Theorie (1936)
- Lazarus kognitives Modell (1974)
- Levis Stressmodell (1975)
- Stressmodell nach Mc Grath
- "Misfit-Modell" von Harrison (1978)
- Laceys Fraktionierungstheorie
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