Schlaf und Traum

Traum und SchlafDem Traum wurde von allen Kulturen und Religionen eine besondere Bedeutung eingeräumt, denn so wie in Märchen und Mythen zeigen sich in Träumen Symbole und offenbaren etwas Übersinnliches, das sich nur in Analogien und Gleichnissen mitteilen kann. Träume galten häufig als Botschaften der Götter und Dämonen, daher war es essentiell, diese Botschaften als kultische Aufgabe zu deuten.

In Ägypten wurde das Hieratische Traumbuch etwa 1150 vor Christus niedergeschrieben, das in Stichworten über die Bedeutung der häufigsten Traumsymbole Auskunft gibt. Im Heiligtum des Serapis Kult gab es einen Raum, in dem man schlafend auf eine göttliche Offenbarung hoffte, die dann von Traumdeutern erläutert. Auch von Babyloniern und Assyrern sind auf Tontafeln Traumbücher fragmentarisch erhalten.

Bei den Griechen galt der Traum als ein Pfad zur Verbindung des Schlafenden mit den jenseitigen Göttern, Helden und Verstorbenen. So wies der Arzt Hippokrates darauf hin, dass im Schlaf das Denken und Fühlen erhalten bleibt und sich nur anders äussert als im Wachen. Er benutzte die Traumdeutung als Hilfsmittel zur Diagnose, da er entdeckt hatte, dass Krankheiten sich im Traum ankündigen können. Auch Platon sah einen Zusammenhang zwischen körperlich-seelischem Befinden und Traum. Artemidoros unterschied männliche und weibliche Traumsymbole und betont, dass ein Traumsymbol je nach Kontext verschiedene Bedeutung haben kann.

Sigmund Freuds machte in der 1899 erschienenen "Traumdeutung" eine strikte Unterscheidung von latenten und manifesten Trauminhalten. Seiner Meinung nach ist jeder Traum eine "Erzählung", die einen oder mehrere Wünsche ausdrückt, bzw. eine halluzinatorische Erfüllung verborgener Wünsche. Auf den ersten Blick sei mancher Traum verwirrend und rätselhaft, doch die Analyse verdeutlicht, daß er der unverfälschte Ausdruck der oft verborgenen und uneingestandenen Wünsche des Träumers sei:

"Der Traum ist im Grunde nichts anderes als eine besondere Form unseres Denkens, die durch die Bedingungen des Schlafzustandes ermöglicht wird. Die Traumarbeit ist es, die diese Form herstellt, und sie allein ist das Wesentliche am Traum, die Erklärung seiner Besonderheit. (...) Daß der Traum sich mit den Lösungsversuchen der unserem Seelenleben vorliegenden Aufgaben beschäftigt, ist nicht merkwürdiger, als daß unser bewußtes Wachleben sich so beschäftigt, und fügt nur hinzu, daß diese Arbeit auch im Vorbewußten vor sich gehen kann ..." (Die Traumdeutung, 1900)

Für Freud stand fest, daß jeder Traum der Wunscherfüllung diene, und so interpretierte er jeden Traum, der ihm berichtet wurde, in diesem Sinne. Da er ein phantasievoller und begabter Schriftsteller war, fand er natürlich immer einen Weg, auch die scheinbar banalsten und alltäglichsten Vorgänge mit geheimen Wünschen aus dem Reich der Begierden zu verbinden. Was seine Freunde als psychologischen Spürsinn bewunderten, verspotteten seine Gegner als alberne, erotomane Spitzfindigkeiten. Interessant ist dabei, daß in der "Traumdeutung", im Gegensatz zu den "Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie" (1905), nie von Trieben, sondern immer von Wünschen die Rede ist. "Flectere si nequeo superos, acheronta movebo" - "Wenn ich die Oberen nicht beugen kann, werde ich den Acheron bewegen". Unter diesem stolzen Motto aus Vergils Äneis beschritt Freud die "via regia" ins Unbewußte, durch die Sperren der Zensur, die den latenten Traum entstellt.

Bis heute ist zumindest eine Minimalvariante von Freuds Theorie allgemein verbreitet und unter Laien hält sich nach wie vor das Gerücht, wenn man von einem Kirchturm träume, dann symbolisiere dieser stets den Penis, eine Vase sei gleichbedeutend mit der Vagina, und mit einer Luftpumpe in Aktion könne eigentlich nur der Geschlechtsverkehr gemeint sein. Die Symbolhypothese wurde von Freud übrigens nur individuell gesehen, während von C.G. Jung die Idee auch überindividueller Symbole (abgeleitet von den Archetypen) stammt - ein Gedanke, der sich bis heute in esoterischen Gruppen und in der Alltagspsychologie gehalten hat. Vor allem solche 1:1-Deutungen wie in Traumlexika (Symbol X bedeutet ...) haben allerdings mit Jungs Traumdeutungsmethode nichts mehr gemeinsam.

Zwar sind Träume der Gesunden ähnlich den Erlebnisweisen von Psychosen, denn wie der Schizophrenie erleben die Betroffenen Halluzinationen und und auch das Denken und die Wahrnehmung sind bizarrer als sonst, allerdings bestehen die vermeintlichen Halluzinationen im Traum eher aus Bildern, während Schizophrene vor allem Stimmen hören.

Bei Gesunden zeigt sich, dass das, was sie im Wachen erleben, denken und fühlen, mit den Ereignissen im Traum meist eng zusammenhängt, d.h., das was sie im Wachen häufig tun, schlägt sich mit hoher Wahrscheinlichkeit auch im Traum nieder. So besteht oft ein Zusammenhang zwischen Träumen, die vom Beruf oder vom Autofahren handeln und der Häufigkeit dieser Tätigkeiten am Tag zuvor. Geistige Tätigkeiten wie Lesen, Schreiben oder Computerarbeit spiegeln sich jedoch seltener im Traum wider als aktive körperliche Handlungen, wie Sport oder Gespräche. Vermutlich handeln Träume vor allem von Dingen, die für den Träumer emotionale oder persönliche Bedeutung haben.

Albträume kommen bei zehn bis fünfzig Prozent aller Kinder und bei einem bis fünf Prozent der Erwachsenen vor, wobei bei den meisten Erwachsenen die schlechten Träume jedoch vorübergehend und nicht mit einer Veränderung der normalen Schlafstruktur verbunden sind.

Empirische Studien zeigten, daß sich die Trauminhalte trotz eines erheblichen kulturellen Wandels in den letzten Jahrzehnten kaum verändert haben. Auch die Unterschiede zwischen den Kulturen sind eher gering; so träumen die Menschen in kleinen, traditionellen Gesellschaften häufiger von Tieren als in Industriestaaten und die Häufigkeit der physischen Gewalt variiert zwischen verschiedenen Gesellschaften. Die Träume aller Menschen sind eher durch Gewalt als durch Freundlichkeit gekennzeichnet, Menschen träumen öfter vom Unglück als vom Glück, die negativen Gefühle überwiegen die positiven. Beinahe in allen Kulturen und Gesellschaften träumen Männer häufiger von Gewalt als Frauen. Menschen träumen in der Regel von emotional bedeutsamen Inhalten, die mit ihrem Denken und Fühlen bei wachem Bewusstsein übereinstimmen. Trauminhalte drücken in der Regel daher das Selbstbild und unser Verständnis anderer Menschen aus. Kinder träumen mehr Tiersymbole und dies nimmt mit zunehmend Alter linear ab.

Nicht selten wiederholen sich Träume über längere Zeiträume, wobei dies häufig bei Träumen der Fall ist, die unangenehme oder gar traumatische Erfahrungen widerspiegeln. Bei Menschen, die ein schweres Trauma erlebt haben, findet sich auch ein Zusammenhang zwischen Albträumen und der Veränderung des Schlafrhythmus. Die Betroffenen wachen in der Nacht häufiger auf, und der REM-Schlaf ist zerstückelt, wobei dafür vermutlich die Ausschüttung von Stresshormonen verantwortlich ist, die dann den Schlaf stören und die Erholung durch den Nachtschlaf mindern.

Eine Zeitlang galten Träume als zufällige und somit weitgehend sinnfreie elektrochemische Kopfgewitter. Francis Crick, der sich nach der Erforschung des genetischen Codes für den Rest seines Lebens mit dem Gehirn beschäftigte, hielt Vergessen für den eigentlichen Zweck des Schlafens und Träumens. Irgendeiner Art von Psychohygiene müssen sie wohl dienen, denn im Somnogramm lassen sie sich auch bei den Menschen nachweisen, die behaupten, nie zu träumen. Hundert Jahre Schlafforschung haben eine Hypothese nach der anderen zu Tage gefördert und wieder in Vergessenheit geraten lassen.

Mit bildgebenden Verfahren können Wissenschaftler heute untersuchen, welche Bereiche des Gehirns während des Schlafens aktiv sind. Schon in der 30. Schwangerschaftswoche ist das Gehirn eines Embryos bereits aktiv, in dem Sinne, wie es auch im REM-Schlaf aktiv ist. Im REM-Bewusstsein kreiert das Gehirn mit einem Minimum an Informationen eine virtuelle Realität, die erstaunliche Gemeinsamkeiten und Unterschiede zur realen Welt aufweist. So bereitet es sich allmählich auf die Welt draußen vor. Auch in der frühkindlichen Entwicklung ist diese Traumphase besonders ausgeprägt, denn Babys schlafen 16 Stunden am Tag, wobei den größten Anteil dabei der REM-Schlaf hat. Das Gehirn löst dann Probleme, die während des Tages entstanden sind, indem es Informationen während des Schlafens aktiv erneuert und organisiert, d.h., es versucht, der Welt eine Struktur zu geben, um so die Aufgaben des Wachbewusstseins zu erleichten. Am Schlaf ist übrigens der gesamte Organismus beteiligt, denn ein Arsenal von Botenstoffen wie Acetylcholin, Aminobuttersäure, Histamin, Melatonin oder Noradrenalin hemmt oder fördert ihn.

Es wurde als Denkmalsturz Freuds verstanden, als die US-Physiologen Allan Hobson und Robert Mc-Carley 1977 ihre "neurophysiologische Traumtheorie" veröffentlichten. Sie wollten nicht die Unterwelt bewegen, sondern sahen eine sich bewegende Unterwelt. Eine Unterwelt im anatomischen Sinn, nämlich einen sehr tiefen, urtümlichen Teil des Gehirns: die "Pons" (Brücke"), einen Teil des Hirnstamms. Von dort gehen während des traumreichen REM-Schlafs) neuronale Erregungen aus, vermittelt durch den Neurotransmitter Acetylcholin. Diese Signale gelangen nach oben, in Regionen des Großhirns. Diese, so Hobson und McCarley, stehen nun vor der Aufgabe, sich einen Reim aus diesem wirren Brodeln zu machen. Damit sei "jeder mögliche Beitrag von Ideen" zu Träumen eliminiert, meinten sie triumphierend.

Eine der wichtigsten Funktionen des Schlafs scheint die Verarbeitung und Verknüpfung von neuen Eindrücken mit älteren, bereits emotional gefärbten Gedächtnisinhalten zu sein, was zum teils vertrauten, teils bizarren Charakter unserer Träume passt. Die Frage nach dem Sinn von Träumen führt aber immer wieder zu neuen Spekulationen. Seit neueren Forschungen weiß man, dass sie nicht nur während des REM-Schlafs auftreten, sondern auch im Non-REM-Schlaf, wo sie als bedeutungsschwer und weniger aktionsgeladen beschrieben werden.

 

 

Funktion der Träume

Quellen:
Thomas Kramar: Von der bewegten Unterwelt und den Erregungen des Gehirns: Wie sinnlos sind unsere Träume?
Die Presse 15. 12. 2001, IX.
Hans Ulrich Gresch: Der Traum.
WWW: http://home.arcor.de/
hu.gresch/dream.htm (02-11-02)
Werthmüller, Lucius (o.J.): Das Reich der Träume.
WWW: http://www.bpv.ch/
traum.html (05-11-15)
 

 

Die im Nildelta lebenden Fellachen umwickeln in der Nacht ihren Kopf mit einem Turban um zu verhindern, daß die Seele während des Schlafes den Kopf verläßt. Die Massai in Kenia wagen es nicht, einen Schlafenden plötzlich aufzuwecken, da sie fürchten, daß die Seele nicht in den dadurch verwirrten Körper zurückkehren könnte.

 

Jürgen vom Scheidt (1992) hat berechnet, daß ein siebzigjähriger Mensch fast 153.000 Träume geträumt hat. Er setzt dabei voraus, daß der Mensch jede Nacht fünf bis sieben Mal träumt.

 

Bei den Senoi, einem Volk aus dem malayischen Urwald lernen schon die Kinder, mit dem Traum und dessen Figuren aktiv umzugehen. Die Senoi entwickeln die Fähigkeit, Träume zu verändern und nutzen diese, um ihren Göttern, Geistern und Dämonen entgegen zu treten. Im engen Kreise des Dorfes diskutieren sie über ihre nächtlichen Erfahrungen, Erlebnisse und deren Konsequenzen.
Alle Traumfiguren, die Ängste auslösen, werden als feindselig angesehen, angegriffen und getötet. Freundlich gesinnte Traumfiguren werden um Rat und Hilfe gebeten, welche im Gegenzug Geschenke bekommen. Auch die Sexualität spielt eine wichtige Rolle bei den Senoi. So sollen sexuelle Träume immer zum Orgasmus führen, und danach dem Traumpartner ein Geschenk in Form eines Gedichtes oder Liedes überreicht werden. Die im Traum erhaltenen Geschenke werden anderen Stammesmitgliedern vorgeführt.

 

 

 

Sind Träume also schon durch ihren Ursprung grundsätzlich sinnlos? Selbst überzeugte Gegner der Psychoanalyse sehen das heute nüchterner - schon weil die Hirnforschung noch nicht einmal erklären kann, warum Menschen und andere Warmblütler überhaupt schlafen müssen. Die oft behauptete "Entgiftung des Hirns" gilt heute nicht mehr als plausibel. "Wäre es nicht besser, wenn wir 24 Stunden am Tag wach wären?" fragt Peter Stern in einem Themenschwerpunkt in Science (294, S. 1047) und konstatiert: "Es scheint noch mysteriöser, daß wir während des Schlafs Perioden des Träumens erleben, mit ihren manchmal bizarren, inkohärenten und höchst unvorhersagbaren Inhalten."

Wenn der Träumer weiß, daß er träumt, sprechen wir von einem Klartraum, der auch "luzider Traum" genannt wird. Man darf sich den Klartraum allerdings nicht als strikt getrennt und grundsätzlich verschieden vom normalen Nachttraum vorstellen. Ein gewisses Maß an Bewußtheit existiert in fast jedem Traum, sodaß "Luzidität" und "Nicht-Luzidität" als die Pole eines Kontinuums gedacht werden können. Die meisten bisherigen Analysen des Traum bezogen sich auf jene weitaus häufigeren Träume, die dem nicht-luziden Ende des Kontinuums näher liegen. Dies sind Träume, in deren Ereignisse der Träumer hineingezogen wird, als schwimme er in einem reißenden Strom. Im luziden Zustand kann der Träumer jedoch über seine Traumerlebnisse reflektieren und sie von den Erfahrungen des Wachzustands unterscheiden. Er ist sich dann z. B. bewußt, daß er eine außerkörperliche Erfahrung hat und daß dies ein Traum ist. Wie der nicht-luzide Traum ist der Klartraum den Gesetzen, Regeln und Fakten der Realität nicht unterworfen; seine Inhalte hängen also in hohem Maß von Vorstellungen und Erwartungen des Schläfers ab. Während im nicht-luziden Traum die Vorstellungen und Erwartungen des Träumers sich weitgehend der bewußsten Kontrolle entziehen, kann im luziden Traum auch das Traumbewußtsein steuernd in das Geschehen eingreifen. Nicht-luzide Träume wiederholen sich zwar recht häufig, aber sie bauen im Gegensatz zu Klarträumen nicht aufeinander auf. Luzide Träume sind oft Episoden einer in sich schlüssigen, kontinuierlichen Traumerzählung. Anders als im nicht-luziden Traum sind die Gefühle im Klartraum zumeist positiv oder zumindest neutral. Das Bewußtsein zu träumen wird häufig von einem Gefühl des Entzückens begleitet.

Für Biologen muß alles seinen Zweck haben, zumindest "im Lichte der Evolution", und da sollten auch Schlaf und Traum keine Ausnahme sein. Bis heute diskutiert wird die Bedeutung für die Konsolidierung des Gedächtnisses. Die Idee, daß bei Träumen Erlebnisse des Tages noch einmal "abgespielt" und dabei verfestigt werden, hat sich aber nicht bewährt. Genauso wenig die provokante Gegenannahme Francis Cricks: Der REM-Schlaf diene dem Löschen überflüssiger Gedächtnisinhalte und Assoziationen. Etliche experimentelle Befunde (etwa Ergebnisse von Schlafentzug) sprechen dafür, daß der REM-Schlaf nicht dem deklarativen, sondern dem prozeduralen Gedächtnis förderlich ist, also dem Lernen von motorischen Fähigkeiten und nicht von Inhalten. Und wenn Motive aus dem Tageserleben im Traum vorkommen, dann assoziativ und nicht treu nacherzählend. Dazu paßt auch, welche Hirnregionen im REM-Schlaf aktiviert und welche deaktiviert sind. Für die logische Uberprüfung verantwortliche Gebiete sind weniger und für Emotionen zuständige Strukturen mehr aktiv als im Wachzustand, was den Träumen eine gewisse "bizarre hyperassoziative" Qualität geradezu aufdränge. Kurz: "Die existierende Literatur spricht nicht für eine größere Bedeutung des REM-Schlafs für die Konsolidierung des Gedächtnisses."

Allerdings haben Studien der University of California, Los Angeles, ergeben, daß der Hippocampus beim Lernen selbst Informationen speichert, die erst später dem langsamer lernenden Cortex zur Langzeitspeicherung übermittelt werden. Wissenschaftler untersuchten bei genmanipulierten Mäusen die sogenannte Langzeitpotenzierung beim Lernen. Die Langzeitpotenzierung ist jener molekularer Mechanismus, der neuronale Verbindungen stärkt und der wahrscheinlich die Basis der Bildung von Erinnerungen und Lernen ist. Zwar lernt nur der Hippocampus zu dem Zeitpunkt der Informationsaufnahme, also "online", aber später, wenn der Hippocampus "offline" ist, also z.B. während des Schlafens, werden die gespeicherten Informationen wieder abgespielt und so in den Cortex überführt. Untersuchungen an jungen Katzen zeigten aber, daß die Umorganisation im Gehirn vorwiegend in traumlosen Tiefschlafphasen geschieht. Diese Forscher nehmen an, daß das Gehirn während Tiefschlafphasen besonders plastisch ist und Gelerntes festschreibt.

Untersuchungen zeigen, daß schon bei den ersten noch realistischen Träumen der Nacht die Erinnerungen durcheinanderpurzeln. Dem Schlafenden gehen Bilder des vergangenen Tages durch den Kopf. Darunter mischen sich aber ähnliche Eindrücke weit zurückliegenden Ereignissen, fanden Forscher um Robert Stickgold, Harvard, Boston. Richtig bizarr werden aber erst die Traumgebilde der REM-Schlafphasen. Forscher vermuten, daß sich der Körper vom Gehirn abkoppelt, um die wilden Hirngespinste während des REM-Schlafs nicht mitmachen zu müssen. Mit hirnabbildenden Methoden fanden Forscher, daß das Gehirn Kontrollinstanzen, die auf Logik achten, im Schlaf einfach abstellt. In REM-Phasen werden zudem Gehirnareale des "limbischen Systems" besonders aktiv. Mit dem Gefühlsüberschwang, so vermutet Stickgold, prüfe das Gehirn frische Gedächtnisinhalte und entscheide, was der Schlafende sich merken soll.

Daß man im Schlaf tatsächlich lernt, zeigte Stickgolds Forschungsteam kürzlich in einer Schlafentzugs-Studie. Probanden übten einen Tag lang, um die Richtung von schrägen Balken zu erkennen, die auf einem mit waagrechten Strichen überzogenen Bildschirm kurz aufblinkten. Nach dem Trainingstag wurden einige der Studienteilnehmer in der Nacht und am nächsten Tag wachgehalten, durften dann aber zwei Nächte normal durchschlafen. So ausgeruht, setzten sich die Probanden erneut vor den Bildschirm: Sie hatten nichts gelernt. Es bereitete ihnen wie am ersten Tag Mühe, die Richtung der schrägen Balken anzugeben. Probanden dagegen, die in der ersten Nacht nach dem Training ruhig schlafen durften, waren jetzt deutlich besser.

Auch direkt am Gehirn von schlafenden Menschen und Tieren konnten Forscher Lernprozesse beobachten. Besonders eindrucksvoll gelang das amerikanischen Wissenschaftlern an Zebrafinken: Deren Jungtiere erlernen das Singen buchstäblich im Schlaf. Tagsüber hören die Vögel das Gezwitscher ihrer Eltern und versuchen selber zu singen. In der Nacht sind sie still. Die Nervenzellen im Gehirn aber, die den Gesang steuern, arbeiten weiter. Die Vögel träumen vom Singen und merken sich dabei die Tonfolgen, vermuten die Forscher. Sie glauben, daß der Mensch auf ähnliche Weise seine Sprache erwirbt.

Schlafende scheinen vor allem in den REM-Phasen zu lernen. So steigt etwa der Anteil des REM-Schlafs bei Menschen und Tieren nach einem lernreichen Tag. Ist aber das Neue einstudiert - etwa ein neuer Bewegungsablauf -, nimmt der REM-Anteil des Schlafes wieder ab. Auch "Aufweckstudien" deuten auf ein Lernen in den REM-Phasen. Wurden Probanden immer geweckt, sobald sie in REM-Schlaf verfielen, lernten sie kaum. Schüttelten die Forscher sie dagegen erst nach den REM-Phasen aus dem Schlaf, hatten sie keine Lerneinbußen.

Für den Lernprozess setzt das Gehirn eine biochemische Maschinerie in Gang, die die Nervenzellen neu vernetzt und so die fragilen Erinnerungen vom Tag im Gehirn verankert. Dazu wird in REM-Phasen das Gen mit dem Kürzel "zif-268" aktiviert, das solche Strukturänderungen einleitet. Zudem setzt im Schlaf eine rege Produktion von Eiweißen ein, die für den Umbau der Nervenstrukturen verwendet werden. Die Deutung der Träume als Lernphasen überzeugt jedoch nicht alle Schlafforscher. Jerome Siegel von der Universität von Kalifornien in Los Angeles führt im Fachmagazin "Science" mehrere Gegenargumente an: So haben etwa Menschen keine Gedächtniseinbußen, die über Jahre REM-Phasen unterdrückende Antidepressiva schlucken. Auch bei Patienten, die nach Hirnschädigungen keinen REM-Schlaf mehr haben, funktioniert das Gedächtnis normal.

Überhaupt scheine der REM-Schlaf nicht besonders clever zu machen, sagt der Forscher: Das nicht gerade für seine Hirnleistungen bekannte Schnabeltier etwa schwebe jeden Tag acht Stunden in REM-Träumen und damit viermal so lange wie Menschen. Und Delphine, die ein komplexes Sozialleben haben und komplexe Abläufe erlernen können, verbringen gar nur gut zehn Minuten pro Nacht in der REM-Phase. Demnach müsse die Behauptung, im Schlaf bilde sich das Gedächtnis, zumindest als nicht erwiesen gelten, meint Siegel.

Manche Menschen möchten sich nach dem Aufwachen an ihre Träume gerne erinnern. Das "Nichterinnern" liegt häufig an der zu kurzen Wachphase direkt nach der REM-Phase, sodass der Traum nicht ausreichend abgespeichert werden konnte. Im Schlaf ruht also das System für die Gedächtnisbildung, sodass es so schwer ist, sich an seine Träume zu erinnern. Bizarre Traumbilder entstehen, da das visuelle Zentrum im Gehirn spontan aktiviert wird und Informationen aus dem Stammhirn bekommt, einem sehr alten Hirnbereich, und es versucht, diese in einen möglichst sinnvollen Zusammenhang zu bringen. Da bestimmte Bereiche des Gehirns die Informationen jedoch nicht mehr logisch auswerten können, entstehen diese bizarren Bilder. Trauminhalte werden aber nicht, wie es etwa Freud annahm, verschlüsselt, sie werden nur vom Gehirn im Schlaf nicht richtig interpretiert.

Nach der REM-Phase erfolgt häufig ein sehr kurzes Aufwachen, in der sich meist der Körper bewegt. In der Regel ist der Körper bzw. das Gehirn aber auf das direkte Weiterschlafen "programmiert", sodass man normalerweise neben dieser kurzen Wachphase auch den Traum "mitvergisst". Zwar kann man trainieren, nach einer Traumphase wach zu werden bzw. zu bleiben, doch wird dadurch der Schlaf-Wach-Rhythmus bzw. die Schlafregulation gestört, sodass sich daraus Durchschlafstörungen entwickeln können. In jedem Falle sollte man einen Schlafmediziner konsultieren.
Zusammenfassung einer Diskussion in de.sci.psychologie

Weil Träume nichts Reales kommunizieren, muss man sich auch nicht an sie erinnern. Würden wir uns nämlich an jene Ereignisse in unseren Träumen erinnern, die nie stattgefunden haben, könnte das den Realitätssinn untergraben und damit für die Psyche schädlich sein. Es gibt also gute biologische und evolutionäre Gründe, warum Menschen ihre Träume selten im Gedächtnis behalten. Vor allem auch deshalb, da den Träume den Menschen Einblicke in die elementare emotionale Persönlichkeit geben, es ist eine relativ primitive Art zu denken, in Bildern, voller Emotionen und Instinkten und nicht in Sprache und Vernunft oder Logik, die dabei so inaktiv ist, wie es nur geht, um überhaupt etwas in den Traumsequenzen zu entdecken. Träumen ist im Grunde eine sehr primitive Art zu denken und zu handeln, die man im wirklichen Leben niemals umsetzen würde.

Die beste Voraussetzung dafür, sich an seine Träume zu erinnern, ist schlechter Schlaf. Um sich an das Geträumte zu erinnern ist in der Regel der entscheidende Faktor die Form des Aufwachens. Man muss mit geschlossenen Augen liegen bleiben, daran denken, was man geträumt hat, sich den Inhalt selbst erzählen und vielleicht sogar einen Titel für die Geschichte finden. Die üblichen Rituale nach dem Weckerklingeln löschen die Erinnerungen.

Erinnerung an Träume

Quelle: http://www.spiegel.de/wissenschaft/
mensch/0,1518,660784,00.html (09-11-20)

Quellen:
Scheidt, Jürgen vom (1992). Traum (S. 802-807). In Asanger, Roland & Wenninger, Gerd (Hrsg.), Handwörterbuch Psychologie. Weinhein: Psychologie Verlags Union.
http://www.stud.uni-wuppertal.de/
~ya0023/phys_psy/schlaf.htm (01-08-16)
http://paedpsych.jk.uni-linz.ac.at/INTERNET/ARBEITSBLAETTERORD/
HORMONORD/Hormone.html (01-12-18)
http://warp6.dva.de/sixcms/detail.php?
id=106595&template_id=1981 (02-02-10)
http://www.netdoktor.de/feature/
chronobiologie_kinder.htm (02-08-23)
http://www.techfak.uni-bielefeld.de/GK518/
antrag/Clarenbach.html (03-05-12)
http://www.phpope.org/sva.pdf (03-10-06)
Bildquellen:
http://brain.exp.univie.ac.at/GraphikSchlaf.doc (01-12-22)
http://www.uni-marburg.de/sleep/dgsm/rat/schlaf.jpg (02-07-27)

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