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Delinquenz im Jugendalter

 

Die Ausgangslage

Schon im Kindes- und Jugendalter treten zahlreiche Belastungen auf, die zu Bewältigungsproblemen führen können. Das Bild einer Kindheit, die Stressfrei und sorglos verläuft, ist romantisch verklärt und fernab der Realität.

Die Allgemeinmeinung über Jugendliche hingegen wird oft bestimmt von einem Bild von Jugend als Krise: erhöhte Unfallgefährdung, bestimmte psychische Störungen werden zum ersten Mal manifest, Alkohol- und Drogenmissbrauch, Disziplinprobleme und verfrühter Abbruch der Ausbildung zählen zu den besorgniserregenden Begleiterscheinungen. Wenn auch einzelne Entwicklungen weniger dramatisch verlaufen, so führten doch Verhaltensweisen wie emotionale Ambivalenz, Aggressivität und provozierendes flegelhaftes Benehmen zu einer ganz bestimmten Wahrnehmung dieser Entwicklungsphase. Die Perzeption als "negative Phase" deckt sich in etwa auch mit der Alltagsmeinung über Jugendliche.

Der Jugendliche befindet sich in einer Lebensphase mit einer anspruchsvollen Anforderungsstruktur, die ihm die Ausbildung neuer, situationsadäquater Bewältigungsstrategien abverlangt. Dass dies aufgrund der vielschichtigen und miteinander verwobenen Entwicklungsaufgaben in der Adoleszenz kein einfacher Prozess ist, drückt sich in zumindest phasenweise konflikthaftem Verhalten vieler Jugendlicher aus.

Die Umstrukturierungen und die damit verbundenen Veränderungen in einem kurzen Zeitraum von wenigen Jahren erfordern eine erstaunliche Anpassungs- und Koordinierungsleistung vom Jugendlichen. Störungen treten dann auf, wenn bei Jugendlichen eine untypische Häufung von Problemen auftritt und stützende und strukturierende Hilfestellungen von Seiten der Umwelt weitgehend fehlen. Auch bei Jugendlichen, die nicht manifest auffällig werden, können depressive Anzeichen, Einsamkeit und Sich- Unverstandenfühlen Begleiterscheinungen bei der Bewältigung schwieriger phasenspezifischer Probleme sein.

In einer Studie fand der Neurologe Robert McGivern (San Diego State University, Kalifornien), dass ungefähr ab dem elften Lebensjahr ein Umbau von Nervenverbindungen im Gehirn stattfindet. Diese Neustrukturierung des Gehirns - vor allem im Stirnhirn - könnte an den wechselnden Launen und Gemütslagen pubertierender Teenager Schuld sein. Damit verlören diese viel von ihrer Fähigkeit, die Gefühle anderer Menschen und soziale Szenarien einzuschätzen. Daraus resultiere Unsicherheit und Verwirrung in emotionalen Situationen, sodass Teenager gereizt und launisch reagierten. Erst mit etwa 18 Jahren erreiche das soziale Gespür wieder sein ursprüngliches Niveau. In der Studie wurden 300 Zehn- bis 22-Jährigen Porträts von Menschen gezeigt, deren Gesichtsausdruck beurteilt werden sollte. Kinder und Jugendliche in der Pubertät benötigten viel länger für ihre Einschätzung und machten häufiger Fehler. Der Umbau des Stirnhirns, in dem unter anderem moralische Erwägungen und impulsives Verhalten kontrolliert würden, sei eine mögliche Ursache typischen Teenager-Verhaltens.

Abweichendes Verhalten typisch für Jugendliche?

Untersuchungen aus vielen Ländern belegen, dass die Delinquenz in Art und Häufigkeit mit dem Alter variiert. Die Kriminalitätsbelastung erreicht im Jugendalter bei den 16-20jährigen einen Höhepunkt und fällt danach kontinuierlich und deutlich ab. Nach dem 60. Lebensjahre ist Straffälligkeit selten: Altersdelinquenten sind häufig vermindert schuldfähig wegen pathologischer Prozesse wie cerebrale Insuffizienz.

Dieser Entwicklungsverlauf der Delinquenz ist vielfach belegt für unterschiedliche Gesellschaften und historische Perioden, wenn auch der Anstieg im Jugendalter in den letzten 50 Jahren deutlich höher geworden scheint.

Jugenddelinquenz: Ein Entwicklungsphänomen?

Aus neueren Dunkelfelderhebungen ist bekannt, dass die weit überwiegende Mehrheit der Jugendlichen wenigstens gelegentlich Straftaten begehen. Delinquenz im Jugendalter ist "normal" geworden. Für die meisten Jugendlichen ist Delinquenz aber ein diskontinuierliches Phänomen. Erklärungsbedürftig ist also sowohl der Anstieg im Jugendalter als auch der Rückgang der Delinquenz im frühen Erwachsenenalter.

Eine argumentativ und empirisch überzeugende Entwicklungstheorie hat Moffitt (1993) vorgelegt. Sie unterscheidet zwei Täterkategorien:

  1. die von der frühen Kindheit an kontinuierlich bis ins höhere Erwachsenenalter antisozialen Menschen (die persistent Delinquenten),
  2. die Jugenddelinquenten, die sich nur in der Jugend antisozial verhalten (jugenddelinquent).

Mit Querschnitts- oder kurzen Längsschnittuntersuchungen im Jugendalter sind diese beiden Kategorien nicht verlässlich zu unterscheiden. Man benötigte Längsschnittstudien, die im Kindesalter beginnen und bis ins mittlere Erwachsenalter hinein fortgeführt werden.

Moral ist nicht bloß eine Frage der Einstellung und Werthaltung

Lange hat man geglaubt, dass Moral allein eine Frage der Einstellung und Werthaltung sei, d.h., dass es genüge, moralisch oder demokratisch sein zu wollen, um es zu sein. Heute wissen wir, dass das nicht stimmt. Ein reifes moralisches Verhalten hängt nicht nur von den moralischen Idealen und Vorsätzen einer Person ab, sondern auch oder vor allem von ihrer Fähigkeit, diese Ideale im Alltag konsistent und differenziert anzuwenden.

Seit Beginn des 19. Jahrhunderts haben moralpsychologische Studien vielfache Hinweise erbracht, dass Moral nicht bloß eine Frage der richtigen Einstellung oder Werthaltung, sondern vielmehr eine Frage der Fähigkeit ist. So fand der Berliner Gerichtspsychiater Levy-Suhl (1912) heraus, dass straffällige Jugendliche diesselben moralischen Werte haben, wie nichtstraffällige Jugendliche, und es also andere Gründe für unmoralisches Verhalten geben müsse. Dieser frühe Befund wurde nachfolgend vielfach bestätigt. Hartshorne und May (1928) zeigten in einer breit angelegten Experimentalstudie, dass betrügerisches Verhalten kaum an bestimmte moralische Einstellungen gebunden ist und auch in keinem messbaren Zusammenhang mit moralischer Unterweisung im Religionsunterricht steht.

Lind, Georg (2003).
Moral ist lehrbar.
Handbuch zur Theorie und Praxis moralischer und demokratischer Bildung. München: Oldenbourg-Verlag.

Siehe dazu im Detail Die moralische Entwicklung

"Normalität" der Jugenddelinquenz

Jugenddelinquenz ist so häufig, dass sie als normales Entwicklungsphänomen und nicht als Entwicklungspathologie zu interpretieren ist: Sie ist ein Anpassungsversuch einer ansonsten intellektuell und sozial normalen Teilpopulation an eine spezifische Situation.

In der Tat ist die üblicherweise berichtete Differenz zwischen delinquenten und nicht-delinquenten Jugendlichen bezüglich der Intelligenz in Höhe von 8 IQ-Punkten aufzudifferenzieren: Es sind durchschnittlich 17 IQ-Punkte Differenz zwischen persistent Delinquenten, die schon in der Kindheit durch antisoziales Verhalten aufgefallen sind, und nur 1 Punkt Differenz bei Jugenddelinquenten.

Auch die sozialen Beziehungen in der Peergruppe sind bei Jugenddelinquenten nicht gestört: Sie sind in den Peergruppen der Schulklassen akzeptierte oder gar attraktive Mitglieder, häufig besser integriert als die Nichtdelinquenten. Auch pathologische Verhaltensdefizite und Persönlichkeitsstörungen sind bei Jugenddelinquenten nicht gehäuft nachgewiesen. Im Unterschied zu den persistent Delinquenten ist ihr Verhaltensrepertoire nicht auf antisoziale Muster beschränkt.

Ihre Einstellungen sind nicht grundsätzlich antisozial, so dass die sich im frühen Erwachsenenalter bietenden Möglichkeiten, die harmonisieren, genutzt werden können: Berufseintritt, Partnerschafts- und Familiengründungen ermöglichen einen anerkannten Erwachsenenstatus: Delinquenz wird folglich überflüssig.

Jugendliche Delinquente beschreiben ihr familienbezogenes Selbst in negativer Form. Sie sehen sich als Widersacher ihrer Eltern und viele von ihnen äußern kategorisch, dass ihre Eltern nicht gut seien. Sie trauen ihren Eltern nicht, während sie andererseits glauben, dass ihre Eltern enttäuscht von ihnen seien.

Es ist eine negative Urteilsqualität in den Gefühlen der jugendlichen Delinquenten ihren Eltern gegenüber zu beobachten. Jeder scheint gegen sie zu sein. Wenn sie ihre Welt einschätzen, hat man den Eindruck, dass sie glauben, von ihren Eltern angegriffen worden zu sein. Sie fühlen sich getäuscht, so als ob ihre Eltern ausschließlich negativ auf sie reagierten, sie sind sehr ärgerlich auf erwachsenen im allgemeinen und über ihre Eltern im besonderen.

Erwachsene, die therapeutisch mit Delinquenten arbeiten, wissen um die starke Polarisierung, mit der Delinquenten die Erwachsenenwelt aufteilen. Auf ihre Eltern ist intensiver Ärger gerichtet, und die gegnerische Position, die sie ihren Eltern gegenüber einnehmen, ist von anderen Erwachsenen manchmal schwer zu verstehen. Die Jugendlichen sagen, dass für sie alles problematisch ist. Sie erwarten das absolut schlimmste vom Leben und haben wenig Vertrauen in ihre eigenen Fähigkeiten zur Lösung ihrer Probleme.

Die persistent Delinquenten

Die persistent Delinquenten weisen eine hohe Kontinuität auf: Unverträglichkeit, Ungehorsam und Aggressivität in der Kindheit und den ersten Schuljahren, in den mittleren Schuljahren kommen kleinere Diebstähle hinzu, im Alter von 16 Jahren z.B. Fahrzeugdiebstähle und Einbrüche, im Alter von 22 Jahren Raubüberfälle und Vergewaltigungen, mit 30 Jahren Gewalt in der Familie, Betrug und illegale Geschäfte.

Der Wechsel der Formen beruht auf einem Wechsel der Gelegenheiten. Delinquenz ist in dieser Kategorie analog einer Eigenschaft wie Aggressivität konsistent über Situationen und stabil über die Zeit.

Die Jugenddelinquenten

Demgegenüber wird Jugenddelinquenz, die also erst in der Adoleszenz einsetzt, mit hoher Wahrscheinlichkeit im frühen Erwachsenenalter wieder aufgegeben, auch von den meisten der hochbelasteten Jugendlichen.

Schon Robins (1978) hat in seiner Längsschnittstudie über vier Jahrzehnte festgestellt, dass Delinquenz im Erwachsenenalter faktisch nur bei Personen zu beobachten ist, die schon als Kinder durch multiples antisoziales Verhalten aufgefallen sind, während die meisten delinquenten Jugendlichen sich nicht zu antisozialen Erwachsenen entwickeln.

Im gleichen Sinne registrierten Stattin und Magnusson (1984) in einer schwedischen Studie, dass Erwachsenenkriminalität besser voraussagbar war von antisozialem Verhalten im Alter von 10 Jahren als im Alter von 15-17 Jahren. Jugenddelinquenz wäre demnach also ein diskontinuierliches Phänomen.

Wie ist die erhöhte Delinquenz im Jugendalter zu erklären?

 

Berechnungen zufolge sind Mädchen und Jungen im Schnitt bereits mit 11 Jahren geschlechtsreif. Das besagt eine Studie, die die Forschungsstelle für Sexualwissenschaft an der Universität Landau im Auftrag der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung erstellt hat. Die Kluft zwischen der körperlichen Reife und dem geistig-psychischen Entwicklungsstand werde immer größer, sagte die Landauer Wissenschaftlerin Marion Sonnenmoser. Es habe sogar Jungen und Mädchen unter den Befragten gegeben, die schon mit sieben, acht oder neun Jahren geschlechtsreif waren. Das bedeutet laut Sonnenmoser zwar nicht zwangsläufig, dass Kinder auch früher sexuell aktiv werden, "aber mit den Hormonen nimmt auch das Interesse an Sexualität zu." Die Forscher führen die immer frühere Geschlechtsreife nicht auf Gene oder Evolution, sondern auf Umwelteinflüsse wie zum Beispiel verbesserte Ernährung zurück. 
Quelle: http://www.gesundheitspilot-news.de/
newsletter/nl-news2-1107.htm (01-07-16)

 

Moffitt (1993) fasst die alte Hypothese besonders prägnant, dass Jugenddelinquenz ähnlich dem Drogengebrauch aus der besonderen Situation der Jugendlichen in der modernen Gesellschaft zu erklären ist:

Die Sexualreife erfolgt in immer früherem Alter und die Ausbildung für immer komplexere Berufe dauert immer länger, so dass die Zeitspanne, in der Jugendliche biologisch erwachsen sind, kulturell und gesellschaftlich aber nicht als erwachsen gelten, immer länger wird.

Was bleibt den Jugendlichen vorenthalten: wirschaftliche Selbständigkeit und damit autonome Entscheidungen über erstrebenswerte Anschaffungen und kostspielige Unternehmungen; autonome Entscheidungen über Bildungs- und Ausbildungswege, Erwerbsarbeit, soziale Kontakte, sexuelle Beziehungen; freier Zugang zu den zugelassenen Drogen Alkohol und Nikotin, zu Pornographie, zum motorisierten Straßenverkehr usw.

Eine Vielzahl von allgemeinen oder familiären Verboten und Reglementierungen weckt das Bedürfnis nach Autonomie, die das Privileg der Erwachsenen ist. Delinquenz ist wie der verbotene Drogengebrauch ein realer oder symbolischer Zugang zu den Privilegien des Erwachsenenalters. Sie kann auch eine Autonomie-Demonstration sein.

Hurrelmann & Engel (1991) untersuchen Delinquenz als Streben nach Sozialstatus, wobei sie Status durch Schulerfolg und durch "symbolischen" Besitz (Fahrzeuge, Kleider, Disketten usw.) unterscheiden.

Letzteres gibt Status in der Peergruppe, ersteres darüber hinaus. Je größer die diesbezüglichen Defizite geschildert werden, um so höher die selbstberichtete Delinquenz. Schulische Misserfolge (Klassenwiederholung, schlechte Notendurchschnitte) werden, sagen die Autoren, über Delinquenz kompensiert.

Die höhere selbstberichtete Delinquenz könnte auch dadurch zustandekommen, dass schulische Misserfolge wegen Konzentration auf delinquente Aktivitäten und Affiliationen an delinquente Gruppen zustandekommen. Die Statusmotivhypothese wird allerdings gestützt durch den Befund, dass jene Jugendlichen, die Misserfolg erfahren obwohl sie Schulerfolg als persönlich sehr wichtiges Ziel ansehen, besonders hohe Deliktraten berichten. Eine auffällig niedrige Delinquenzbelastung weisen die erfolgreichen Leistungsorientierten auf.

Das zweite wichtige Ergebnis: Je mehr Defizite bezüglich Status symbolisierendem Besitz beklagt werden, um so höher ist die Delinquenzbelastung.

Auf die Möglichkeiten der Selbstpräsentation durch Delinquenz stoßen die Jugendlichen durch die persistent Delinquenten, denen sie bei einem geschätzten Anteil von 5% in der Alterskohorte in fast allen Schulen und den meisten Klassen begegnen können:

Diese permanent Delinquenten verfügen über Geld, haben früh sexuelle Kontakte, scheren sich nicht um Gebote und Verbote Erwachsener, sind souverän gegenüber Erwachsenen, weil sie deren Normen nicht internalisiert haben und weil sie keine engen Beziehungen zu Erwachsenen haben.

In einer großen Zufallsstichprobe in den USA haben Elliott und Mitarbeiter (1993) kürzlich festgestellt, dass 78% der 11jährigen keine oder minimale Delinquenz in ihrer Kontaktgruppe berichteten, während 76% der 17jährigen erhebliche Delinquenz in ihrer Kontaktgruppe angaben. Intime Freundschaft mit permanent Delinquenten scheint im übrigen keine Voraussetzung für diese Nachahmung zu sein, sondern eben nur Kontakt (Moffitt, 1993).

In einer niederländischen Studie wurden straffällig gewordene Jugendliche, bei denen eine antisoziale Persönlichkeitsstörung diagnostiziert wurde, mit Hilfe eines Kooperationsspiels untersucht, in dem Fairnessüberlegungen simuliert wurden, indem ein Gegenspieler dem Probanden ein Geldangebot unterbreitet, das er annehmen oder ablehnen kann. Bei der Entscheidung hilft dabei die Information, welches möglicherweise fairere Angebot dem Gegenspieler noch zur Auswahl stand oder ob dieser keine Alternative mehr hatte. Mit Hilfe des Magnetresonanztomografen wurde dabei die Gehirnaktivität während des Spiels gemessen, wobei sich zeigte, dass die straffälligen Jugendlichen im Vergleich zu einer Kontrollgruppe eine geringere Hirnaktivität im Übergangsbereich zwischen Temporal- und Parietallappen sowie in der unteren Hirnwindung des Frontallappens aufwiesen. Diese Hirnareale sind unter anderem zuständig für die Fähigkeit sich in andere hineinzuversetzen sowie für die Impulskontrolle. Bei beiden Gruppen verzeichneten die Wissenschaftler ähnliche Aktivierungsniveaus im dorsalen anteriorem cingulären Kortex sowie in der vorderen Inselrinde, also Hirnareale, die mit emotionalen Prozessen in Verbindung gebracht werden. Obwohl beide Gruppen zwar emotional gleich stark auf faire und unfaire Angebote reagierten, lehnten die straffälligen Jugendlichen unfaire Angebote häufiger ab. Im Gegensatz zur Kontrollgruppe zogen sie nämlich nicht in Betracht, welche Intention der Gegenspieler verfolgte und ob dieser womöglich gar keine andere Wahl hatte. Sozial auffällige Jugendliche scheinen also Schwierigkeiten zu haben, sich in andere hineinzuversetzen und alle relevanten Umweltinformationen wie etwa die Absichten anderer in sozialen Interaktionen zu berücksichtigen, was unter Umständen zu antisozialen Verhaltensweisen führen kann.

Literatur
Wouter van den Bos et al. (2014). Neural correlates of social decision-making in severely antisocial adolescents. Social Cognitive and Affective Neuroscience, doi: 10.1093/scan/nsu00.

Warum werden nicht alle Jugendlichen delinquent?

Sind Alter des Beginns der Pubertät und soziale und familiäre Rollen in der Jugendzeit von Bedeutung, d.h. verhindert eine Verkürzung der Zeit zwischen biologischem und sozialem Erwachsenwerden die Entwicklung von Delinquenz?

Es gibt einige Hinweise, dass das so sein könnte. Caspi und Moffitt (1991) haben beobachtet, dass Mädchen mit spätem Beginn der Pubertät (15 Jahre) nicht delinquent werden. Anderson (1990) beschreibt, dass schwarze Jugendliche in armen Stadtvierteln, die von alten Männern ihrer Gemeinde aktiv in deren Arbeits- und Lebenskontext eingebunden werden, nicht delinquent werden. Der historische Anstieg der Delinquenz könnte erklärt werden durch die säkulare Akzeleration der Pubertät und durch säkulare Veränderungen in der Ausbildungs- und Berufswelt: Früher waren sehr viel mehr Jugendliche erwerbstätig oder trugen in landwirtschaftlichen, handwerklichen und kaufmännischen Familienbetrieben zum Lebensunterhalt bei, sie trugen existentielle Verantwortung. Heute sind die Jugendlichen sehr viel länger in Schulen, und es sind die Mütter, die als zweite Verdiener zum Familieneinkommen beitragen.

Eine zweite Hypothese betrifft die Möglichkeiten zu deviantem Handeln: In der Großstadt ist es leichter als in kleinen Gemeinden, unkontrolliert und anonym zu agieren; in Familien mit hoher Kohäsion, ist die Zeit, die außerhalb der Familie verbracht wird, geringer, in Familien mit intensiverer Supervision werden delinquente Aktivitäten verhindert oder häufiger und früher entdeckt. Das rasche Wachstum der Städte und die Veränderungen familiärer Strukturen könnte den säkularen Anstieg der Jugenddelinquenz erklären.

Siehe auch:

Präventive und korrektive Maßnahmen zur Jugenddelinquenz

Risikofaktoren und Entwicklungsmechanismen für jugendlichen Drogengebrauch und -missbrauch

Quellen

 

Montada, Leo (1995). Delinquenz. In Oerter, Rolf & Montada, Leo (Hrsg.), Entwicklungspsychologie. Weinheim: PVU.

New Scientist 2365, S. 16



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