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Mobbing in der Schule - Programme und Maßnahmen

Arbeitsblätter MobbingGewalt und Gewalterfahrungen in der Schule haben immer auch strukturelle Wurzeln, die in gesamtgesellschaftlichen und familiären Rahmenbedingungen zu suchen sind, denn Gewalt ist schließlich keine Erfindung von Kindern und Jugendlichen. Wenn die Erwachsenenwelt eine egoistische Ellbogengesellschaft vorlebt, woher sollten dann positive Vorbilder herkommen? Um Mobbing und Gewalt in Schulen Einhalt zu gebieten gibt es zahlreiche Maßnahmen, so eine gezielte Förderung der schwächeren und benachteiligten SchülerInnen, um Schulversagen zu verhindern. Auch eine Vermeidung von Stigmatisierungen und eine gezielte Sozialerziehung im Unterricht verhindern auf Dauer Gewalt und Gewalterfahrungen. Wesentlich ist auch, sich den aktuellen Lebensproblemen der SchülerInnen zu stellen.

Das Interventionsprogramm von Olweus

Ein besonders bekanntes und weitverbreitetes Programm gegen Mobbing wurde in den 80er Jahren von Dan Olweus entwickelt und mittlerweile in einer Vielzahl europäischer Länder durchgeführt. Das Interventionsprogramm ist um wenige Schlüsselprinzipien herum aufgebaut. Es wird als sehr wichtig angesehen, eine schulische Umgebung (und idealerweise auch ein Zuhause) zu schaffen, das gekennzeichnet ist von Wärme, positiver Anteilnahme und Beteiligung der Erwachsenen auf der einen Seite, und festen Grenzen gegenüber unakzeptablen Verhaltensweisen auf der anderen Seite. Bei Grenzüberschreitungen und Regelverletzungen sollten nichtfeindliche, nichtkörperliche Strafen konsequent angewendet werden. In den beiden letzten Grundsätzen ist auch ein gewisser Grad an Überwachung und Aufsicht über die Aktivitäten der Schüler innerhalb und außerhalb der Schule gefordert. Schließlich sollten die Erwachsenen zumindest in einiger Hinsicht als glaubwürdige Autorität handeln (vgl. Olweus 1995, S. 112).

Um die Maßnahmen des Programms erfolgreich umsetzen zu können, bedarf es nach Olweus (1995, S. 71) der Erfüllung zweier Voraussetzungen:

  1. Problembewusstsein: Die Erwachsenen in der Schule, aber auch die Eltern müssen sich dem Problem „Mobbing unter Schülern“ bewusst sein.
  2. Betroffenheit: Die Erwachsenen müssen beschließen, sich ernsthaft mit dem Problem zu befassen und sich für eine Änderung der Situation einzusetzen.

Das Programm setzt sich aus diversen Maßnahmen zusammen und versucht dabei, drei unterschiedliche Ebenen anzusprechen. Im Besonderen handelt es sich um:

Besonders wichtig ist es dabei, möglichst auf all diesen Ebenen zu arbeiten.

Die folgende Darstellung zeigt im Überblick, welche Einzelmaßnahmen auf den jeweiligen Ebenen ergriffen werden können. Eine ausführliche Beschreibung der einzelnen Punkte ist Olweus (1995) zu entnehmen.

Fettgedruckte Maßnahmen (è)bedeuten, dass diese als besonders wichtig erachtet werden. All jene, die normal (à)gedruckt sind, werden als „wünschenswert“ eingestuft, sind aber nicht zwingend Voraussetzung.

Tabelle 6: Überblick über das Interventionsprogramm von Olweus

Maßnahmen auf der Schulebene

  • Durchführung einer Fragebotenerhebung bei den Schülern zur Abschätzung des Ausmaßes von Gewalt und Mobbing an der Schule 
  • Gestaltung eines Pädagogischen Tages: Diskussion der Fragebogenergebnisse und möglicher Maßnahmen und Projekte 
  • Einberufung einer Schulkonferenz zur Verabschiedung der Anti-Mobbing-Kampagne
  • (Qualitative) Verbesserung der Pausenaufsicht
  • Umgestaltung des Schulhofs
  • Einrichtung eines Kontakttelefons
  • Durchführung von schulinternen Lehrerfortbildungen zur Verbesserung des sozialen Milieus an der Schule
  • Einführung themenbezogener Kooperation von Eltern und Lehrkräften
  • Einrichtung von Arbeitsgruppen der Elternbeiräte

Maßnahmen auf Klassenebene

  • Vereinbarung von Klassenregeln sowie möglicher Konsequenzen bei Beachtung (Lob) oder Missachtung (Bestrafung) der Regeln
  • Regelmäßige Klassengespräche um Bewährung der Regeln sowie deren Einhaltung zu überprüfen
  • Einführung von kooperativen Lernformen
  • Behandlung der Mobbingproblematik im Unterricht (z.B. durch Rollenspiele)
  • Zusammenarbeit von Klassenelternbeirat und Lehrkräften

Maßnahmen auf individueller Ebene

  • Intensive Gespräche der Lehrkräfte mit Tätern und Opfern
  • Ernsthafte Gespräche mit den Eltern beteiligter Schüler
  • Lehrkräfte und Eltern gebrauchen ihre Phantasie und Kreativität zur Problemlösungssuche
  • Hilfe durch nicht aktiv am Mobbing beteiligte Schüler
  • Hilfe und Unterstützung von Eltern
  • Einrichtung von Diskussionsgruppen für Eltern von Opfern und Tätern
  • Klassen- oder Schulwechsel betroffener Schüler

Nach Olweus (1999, S. 297) ist es mit Hilfe eines geeigneten Interventionsprogramms eindeutig möglich, Täter-Opfer-Probleme in der Schule so wie damit einhergehende problematische Verhaltensweisen drastisch zu reduzieren. Äußerst positiv zu bemerken ist, dass das Programm mit relativ einfachen Mitteln und verhältnismäßig geringem Kostenaufwand durchgeführt werden kann. Es ist in erster Linie eine Frage der Veränderung von Einstellungen, Verhaltensweisen und Routineabläufen im Schulalltag.

Das Sheffield Projekt

Das Sheffield Anti-Mobbing-Projekt war ein, im Zeitraum von 1991-1993 angesiedeltes Programm, an welchem 23 englische Schulen teilnahmen. Es handelte sich dabei um 16 Grund- und 7 weiterführende Schulen, mit insgesamt 6.500 teilnehmenden Schülern in einem Altersbereich von 8-16 Jahren. Zu Kontrollzwecken waren am Projekt auch vier Vergleichsschulen beteiligt, an denen man keine Interventionsmaßnahmen durchführte. Obwohl dieses weitreichende Projekt stark an das Interventionsprogramm von Olweus angelehnt war, wurde es als eigenständiges Projekt konzipiert. Neben den grundlegenden Kernelementen des Olweus Programms, bestand die Hauptkomponente des Sheffield Modells in der Entwicklung einer umfassenden Anti-Mobbing Präambel (vgl. Smith, Ananiadou & Cowie 2003, S. 594).

Der Ansatz bestand aus folgenden, sechs aufeinanderfolgenden Komponenten:

  1. Schärfung des Bewusstseins, dass Mobbing ein ernstzunehmendes Problem darstellt
  2. Intensive Zusammenarbeit verschiedener Personengruppen (Lehrer, Eltern, Direktion, Schüler).
  3. Darlegung einer eindeutigen Mobbingdefinition und Festlegen von Handlungen, die beim Auftreten von Mobbing zu setzen sind
  4. Verbesserung der Kommunikation innerhalb der Schulgemeinschaft
  5. Implementierung der Maßnahmen nach den festgelegten Vorgaben
  6. Kontrolle, dass die Maßnahmen verfolgt werden

(vgl. Scheithauer, Hayer & Petermann 2003, S. 167).

Außerdem hatten die teilnehmenden Schulen die Möglichkeit, zusätzlich folgende Maßnahmen zu implementieren:

(vgl. Smith, Ananiadou & Cowie 2003, S. 294).

Somit wurde den teilnehmenden Schulen ein größerer Spielraum, als bei der Vorgehensweise von Olweus ermöglicht, da sie die Auswahl geeigneter Interventionsmaßnahmen nach speziellen Bedürfnissen und situativen Begebenheiten ausrichten konnten (vgl. Scheithauer, Hayer & Petermann 2003, S. 168).

Die Bemühungen, welche die Schulen in die Umsetzung dieser Kernbestandteile bzw. optionaler Komponenten legten, wurden aufgezeichnet und variierten beträchtlich. Lediglich acht Grundschulen sowie vier der weiterführenden Schulen durchliefen alle als verpflichtend vorgesehenen Stufen der Entwicklung einer Anti-Mobbing Präambel.

Wirksamkeitsüberprüfungen des Projektes ergaben, dass die Anzahl der Mobbingvorfälle, nach Implementierung des Projektes an den meisten Schulen rückläufig war. Außerdem gaben besonders in weiterführenden Schulen immer mehr Schüler an, nicht mehr beim Mobbing Anderer mitzumachen. Auffallend war auch, dass sich die Schüler ihren Lehrern gegenüber mehr öffneten, und ihnen von Mobbingvorfällen berichteten (vgl. Scheithauer, Hayer & Petermann 2003, S. 169).

Die Ergebnisse des Sheffield Projektes wurden in Form eines Mobbing-Interventions-Pakets veröffentlicht und staatlichen Schulen in England kostenlos zur Verfügung gestellt. Die enorme Nachfrage an diesem Paket von inzwischen ca. 19.000 Schulen spricht für die Aktualität und das große Interesse am Thema Mobbing in Schulen und geeigneten Interventionsmöglichkeiten. 


Siehe auch das Das Konstanzer Trainingsmodell: Das Konstanzer Trainingsmodell wurde an der Universität Konstanz von Winfried Humpert und Hanns-Dietrich Dann zur Fortbildung von Lehrern und Erziehern entwickel und soll die Bewältigung von Störungen und aggressiven Handlungen erleichtern.

Weitere Maßnahmen

Sowohl im Rahmen der Prävention, als auch der Intervention lassen sich noch eine Unzahl weiterer Maßnahmen finden, die bei Problemen wie Mobbing ergriffen werden können. So gibt es z.B. Sorgentelefone, wie „Rat auf Draht“ oder Kinder- und Jugendberatungsstellen, wie die österreichische Kinder- und Jugendanwaltschaft, an die sich Hilfesuchende wenden können. Zahlreiche Anti-Mobbing Organisationen findet man mittlerweile auch im Internet. Diese haben spezielle Diskussionsforen eingerichtet, wo man sich über das Thema informieren, Hilfe suchen und Ratschläge einholen kann. Der Vorteil dabei ist, dass man seine Anonymität bewahren kann, denn viele der Betroffenen genieren sich für ihre Rolle als Opfer.

Bei gravierenden Problemen und schwerwiegenden Fällen, besteht natürlich auch die Möglichkeit, sich an den Schulpsychologischen Dienst, oder an frei praktizierende Psychologen zu wenden.

Siehe auch für Schulen "Die Trainingsraum-Methode"


Einige Mobbingratgeber für Eltern

Quellen:

Bäuerle, S. (1999). Ursachen von Gewalt in der Schule. In J. Petersen & G.-B. Reinert (Hrsg.), Gewalt in der Schule (S. 7-67). Donauwörth: Auer.

Hamedinger, Pamela (2004). Mobbing. Psychosoziale Gewalt in der Schule. Diplomarbeit. Johannes Kepler Universität Linz: PPP der jku.

Kasper, H. (2001). Schülermobbing – tun mir was dagegen!: Der Smob-Fragebogen mit Anleitung und Auswertungshilfe und mit Materialien für die Schulentwicklung. Lichtenau: AOL.

Olweus, D. (1995). Gewalt in der Schule: Was Lehrer und Eltern wissen sollten – und tun können.Bern: Huber.

Olweus, D. (1999). Täter-Opfer-Probleme in der Schule: Erkenntnisstand und Interventionsprogramm. In H. G. Holtappels, W. Heitmeyer, W. Melzer & K.-J. Tillmann (Hrsg.), Forschung über Gewalt an Schulen: Erscheinungsformen und Ursachen, Konzepte und Prävention (S. 281-298). Weinheim: Juventa.

Popp, U. (1999). Geschlechtersozialisation und Gewalt an Schulen. In H. G. Holtappels, W. Heitmeyer, W. Melzer & K.-J. Tillmann (Hrsg.), Forschung über Gewalt an Schulen: Erscheinungsformen und Ursachen, Konzepte und Prävention (S. 207-223). Weinheim: Juventa.

Reinert, G.-B. & Wehr, H. (1999). Gewalt und Gewaltprävention in der Schule. In J. Petersen & G.-B. Reinert (Hrsg.), Gewalt in der Schule (S. 68-141). Donauwörth: Auer.

Scheithauer, H., Hayer, T. & Petermann, F. (2003). Bullying unter Schülern: Erscheinungsformen, Risikobedingungen und Interventionskonzepte. Göttingen: Hogrefe.

Smith, P. K., Ananiadou, K. & Cowie, H. (2003). Interventions to Reduce School Bullying. Canadian Journal of Psychiatry, 48, S. 591-599.

Walter, H. (1993). Mobbing: Kleinkrieg am Arbeitsplatz, Frankfurt/Main: Campus.



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