People think they’re refreshing themselves, but they’re fatiguing themselves.
Marc Berman (University of Michigan)

Moderne Medien stören das Einprägen und Lernen

Quellen:
Richtel, Matt (2010). Digital Devices Deprive Brain of Needed Downtime
http://www.nytimes.com/2010/08/25
/technology/25brain.html?_r=2&
ref=technology (10-08-24)
Kommentar in der Presse vom 14. Oktober 2011

Um neue Erlebnisse zu verarbeiten, sie zu speichern und zu verarbeiten, etwa um etwas zu lernen, benötigt das menschliche Gehirn Zeit, und zwar eine Art Auszeit, in der es sich nicht mit anderen Dingen beschäftigen muss. Vor allem Kinder und Jugendliche werden durch die Vielzahl an permanent verfügbaren digitalen Geräten wie Handys oder Computerspielen an solchen schöpferischen Pausen gehindert, sodass es ihnen dadurch schwerer fällt, gerade Ereignetes länger zu merken oder daraus neue Ideen zu schöpfen.
Wenn das menschliche Gehirn ständig stimuliert wird, werden die Verarbeitungsprozesse verhindert, wobei das auch etwa für die Musikberieselung im Fitnesscenter oder Supermarkt gilt. sei problematisch, wenn etwa auf dem Laufband gleichzeitig Musik gehört, E-Mails am Handy gelesen und Ferngesehen wird. Wie eine Studie der University of Michigan gezeigt hat, führt ein Spaziergang in der freien Natur ohne viele sensorische Abwechslungen zu besseren Lernergebnissen führe als ein Spaziergang in der Stadt, in der man mit mehr Reizen konfrontiert ist.

An Ratten konnte übrigens in einem Labyrinthversuch der Universität Bochum gezeigt werden, dass das Gehirn bei virtuellen Erfahrungen auf die gleiche Weise wie durch aktive Erfahrungen lernen kann. Wenn Ratten durch ein Labyrinth laufend eine neue Umgebung kennenlernen mussten, geschah dies auch dann, wenn sie diese lediglich auf einem Computerbildschirm zweidimensional gezeigt bekamen. Diese Ergebnisse bieten vermutlich auch eine Erklärung für das sich verschlechternde Merkvermögen bei Kindern, wenn kurz nach der Schule oder dem Lernen ferngesehen oder am Computer gespiel wird, denn dann konkurrieren die neuen Informationen mit den Lerninhalten aus der Schule

In einer Umfage an dänischen Universitäten wurde festgestellt, dass das fachliche Niveau der Studierenden seit Jahren abnimmt, denn 38 Prozent der befragten Universitätslehrer sind der Ansicht, dass die StudentInnen weniger können als noch vor fünf bis zehn Jahren, nur 8,5 Prozent sind der Ansicht, dass sie ein höheres fachliches Können haben als die Generation vor ihnen. Die Lehrenden beklagen vor allem, dass grundlegende theoretische und methodische Fertigkeiten ebenso wie die Fähigkeit, sinnvoll zu denken, fehlen, und es vielen StudentInnen schwer fällt, ein anspruchsvolles Buch zu lesen oder sich in komplexe Zusammenhänge zu vertiefen. Das Wissen wird immer oberflächlicher, wobei die Nutzung des Internets nach Ansicht der Lehrenden daran schuld sein könnte, denn diese Generation von Studierenden ist durch die neuen Medien an immer kleinere Portionen von Informationen gewöhnt worden, denn auf Grund der Usability darf ein Artikel im Internet bekanntlich nicht zu lang sein, da er sonst gar nicht mehr gelesen wird, ein Video auf YouTube ist selten länger als drei Minuten, was über Nachrichtendienst wie Twitter verbreitet wird, darf nicht mehr als 140 Zeichen umfassen. In einem Kommentar in der Presse (2011) heißt es resignierend: "Wer ständig auf dem Klick ist und nach der nächsten Mail und der Aktualisierung auf Facebook schielt, wirkt nicht nur unkonzentriert, er verändert auch seine Hirnphysiologie. Das Gehirn wird dauerhaft überlastet, ohne dass Informationen ins Langzeitgedächtnis gelangen können, denn um Zusammenhänge zu begreifen und zu verinnerlichen, braucht das Gehirn Zeit. Dafür gibt es keinen Kurzbefehl oder Umweg. Die Unis werden „Lernen lernen“-Kurse einrichten müssen, um zu vermitteln, wie man liest, lernt und versteht – oder wir werden langfristig immer dümmer." Auch der Google-Effekt, dass durch das Internet jederzeit algorithmische Suchmaschinen verfügbar sind, sodass man schnell auf relevante Informationen zurückgreifen kann, dürfte hier einiges beitragen. Heute kann man ohne Anstrengung Informationen finden, die man früher noch in einer langen Schullaufbahn erlernen musste, sodass die Bereitschaft abnimmt, noch allzu viel zu lernen, da man ja scheinbar später jederzeit diese Rückgriffmöglichkeiten auf Internetquellen besitzt. Damit wird das Wissen zu bestimmten Lebensbereichen nach außen auf externe Speicher verlagert. Durch diesen Effekt büßen Menschen immer mehr Fähigkeiten ein, die zum Überleben wichtig sein können, oder auch um unabhängig von der Technik Handlungsfähigkeit zu besitzen. Das Speichern von Informationen in der Cloud mit passender Software auf allen möglichen Devices, auf die man immer und überall zugreifen kann und die per Synchronisation auf dem aktuellsten Stand gehalten werden, führt mit den Möglichkeiten, diese später Lesen zu können, zu Datenfriedhöfen, die schon nach kurzer Zeit so unübersichtlich werden, dass man sie irgendwann einfach nur mehr löschen kann.

 

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