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oder
Die Kunst der Ausrede, seine Lern- und Arbeitsgewohnheiten doch nicht zu ändern oder wissenschaftlich: Prokrastination

Eine nicht unwesentliche Rolle für das Beibehalten der Lerngewohnheiten bzw. für das Scheitern von Veränderungen des Arbeitsverhaltens von Studierenden spielen Ausreden. Zwar weiß man eigentlich alles, was man tun sollte, um sein Studium ökonomisch und planvoll zu absolvieren. Dennoch versucht ein kleines Teufelchen im Ohr zu allen Verbesserungsvorschlägen penetrant ein Ja-Aber zu soufflieren. Prokrastination (von procrastinare, auf morgen verlegen) ist eine massive Störung der Selbststeuerung, wobei Studien zeigten, dass heute StudentInnen etwa ein Drittel ihres Alltags mit Aufschiebetätigkeiten verbringen: E-Mails schreiben, im Internet surfen, telefonieren oder putzen, alles erscheint verlockender als konzentriertes Arbeiten. Wenn Aufschieben anhaltend und umfassend das Erreichen von Zielen verhindert, dann sind negative Folgen für das Studium, den Beruf und die Lebensgestaltung unvermeidlich. Bei Menschen, die gravierend unter Aufschieben leiden, stellen sich häufig massive Zweifel am eigenen Wert und ein Gefühl von Hoffnungslosigkeit ein, das eine ähnliche Stärke wie bei einer Depression erreichen kann.

Bei Untersuchungen in den USA, England und Australien bezeichneten sich etwa 20 Prozent der Bevölkerung als Prokrastinierer (Aufschiebe)r. Das Seltsame ist, dass Menschen motivierter sind, an etwas zu arbeiten, wenn sie dadurch einen Verlust vermeiden, anstatt einen finanziellen Gewinn zu erzielen. Nicht immer reichen Selbstüberwindung, Routinen und gute Tricks, um gegen die Prokrastination anzukommen, manchmal bedarf es psychologischer Unterstützung. Wissenschaftler haben mindestens zwei Arte von Aufschiebern identifiziert: Den “Erregungsaufschieber”, der meint, erst kurz vor der Deadline kreativ genug sein zu können und den “Vermeidungsaufschieber”, der Dinge aufschiebt, um eventuelle schlechte Ergebnisse später mit “Zu wenig Zeit!” zu erklären. Die Ursache im zweiten Fall ist zu einem guten Teil mangelndes Selbstbewusstsein, wobei Prokrastination manchmal auch durch übertriebenen Perfektionismus und schlechte Organisation verursacht wird. Ein Wort zum Perfektionismus:

Mehr Kraft- und Zeiteinsatz bringen nicht automatisch mehr Erfolg und Anerkennung, vor allem, wenn auch völlig nebensächliche Dinge mit höchster Perfektion erledigt werden. Man sollte daher bei jeder Tätigkeit überlegen, welchen Qualitätsstandard sie erfüllen muss: "perfekt" oder nur "gut genug"? Man muss daher darauf achten, dass Aufwand und Nutzen in einem guten Verhältnis stehen, und sich die Messlatte nicht zu hoch legen - weder bei sich, noch bei anderen. Man sollte sich einige unperfekte Vorbilder suchen, die trotzdem oder gerade deshalb erfolgreich sind. Man sollte jeden Tag ganz bewusst etwas nur unperfekt erledigen undd wir sehen: Es genügt auch so und man gewinnt kostbare Zeit für die schönen Dinge des Lebens.

Problematisch wird das Aufschieben immer dann, wenn man regelmäßig und ständig aufschiebt. Diese Prokrastination kann viele Gründe haben und auch eine unbewusste Strategie gegen eine vermeintliche Blamagen oder Kritik sein.

Satzanfänge mit "ja,aber" leiten in der Regel eine genaue Beschreibung des bisherigen Programms des Scheiterns ein. Man kann das selbst in Gesprächen beobachten: wenn man mit jemandem in einer angeregten Diskussion ist und für den eigenen Standpunkt eine Reihe guter Argumente vorgetragen haben, dann spürt man bei einem Ja-Aber-Einwand sehr schnell, ob der Gesprächspartner in plausible Gegenargumentationen oder gar alternative Lösungsvorschläge übergeht oder nur "am Problem kleben bleiben" möchte. Die von Siebert, Gröschner & Großkopf (2004) zusammengetragenen typischen Ja-Aber-Einwände von StudentInnen gehören zu der zweiten Kategorie.

Ja, aber ich verliere zu viel Zeit, wenn ich in die Universitätsbibliothek fahre - und zu Hause habe ich alles, was ich brauche.

Selten verfügen Studierende über den Luxus eines völlig separaten Arbeitszimmers innerhalb ihrer Wohnung. In den meistens Fällen spielt sich buchstäblich alles auf wenigen Quadratmetern ab: essen, schlafen, fernsehen, Musik hören, anziehen, umziehen, telefonieren - und "arbeiten". Sie haben also zu Hause nicht bloß einfach "alles, was Sie brauchen", sondern vor allem sehr vieles, was Sie nicht brauchen. Wir haben bereits weiter oben darauf hingewesen, dass eine Trennung von Lebens- und Arbeitswelt schon aus psychohygienischen Gründen geboten ist. Hinzu kommen in heimischer Umgebung die unbestreitbaren Verlockungen der verschiedensten Ablenkungsmöglichkeiten: Kühlschrank, Fernbedienung, Telefonhörer sind in Reichweite und selbst das Staubtuch oder der nicht erledigte Spül in der Küche haben angesichts der bevorstehenden Arbeit am Schreibtisch eine viel größere Anziehungskraft. Wir nennen dies Alibiverrichtungen. Stellen Sie nun den täglichen Zeitverlust durch solche Ablenkungen und Alibiverrichtungen dem Zeitaufwand für das Aufsuchen eines Arbeitsplatzes außer Haus gegenüber, wie sieht dann Ihre Entscheidung aus?

Ja, aber ich kann doch besser abends lernen

Unsere physiologischen Funktionen stehen - unabhängig von anderen Gewohnheiten - in Abhängigkeit von der Tageszeit. Dabei erreichen Puls- und Atemfrequenz, Körpertemperatur und Blutdruck Höchstwerte zwischen 8.00h und 10.00h vormittags und zwischen 16.00h und 18.00h nachmittags. Die Kurve der Leistungsbereitschaft macht einen Knick nach unten um die Mittagszeit zwischen 13.00h und 15.00h und nachts zwischen 22.00h und 6.00h morgens mit einem absoluten Tiefpunkt etwa zwischen 2.00h und 4.00h. Dennoch ist ein unter Student/innen weit verbreitetes Ammenmärchen, dass es sich am besten und effektivsten abends und nachts lernen/arbeiten ließe. Dass sich dieses Märchen so hartnäckig hält, verdankt es einem Effekt, den wir Selffulfilling Prophecy (sich selbst erfüllende Prophezeiung) nennen: Sie ignorieren morgens den Wecker, beginnen den Tag erst spät, vermeiden den Arbeitsbeginn, indem sie sich gerne den o.g. verschiedenen Alibiverrichtungen hingeben, spüren mit Einsetzen der Abenddämmerung ein unangenehmes Gefühl aufkommen (gelegentlich bezeichnet als schlechtes Gewissen), welches es Ihnen nicht zu erlauben scheint, den Tag zu beenden, ohne etwas für ihr Studium getan zu haben und verbringen dann zur Selbstbestrafung noch Stunden bis weit nach Mitternacht am Computer oder über Literatur. Der nächste Tag muss entsprechend später beginnen - und das Unheil nimmt seinen Lauf. Schließlich wird dann ein in solchen masochistischen Nachtschichten entstandenes Werk noch 9 unter den Kommilitonen als heroische Leistung verkauft: "Ich habe für mein Referat nächtelang durchgearbeitet!" - Und, bitte, was haben Sie tagelang getan? Folgendermaßen können Sie Ihre Hypothese (streng wissenschaftlich!) überprüfen: Wenn Sie über einen "repräsentativen" Zeitraum Ihren Tagesrhythmus zugunsten von Lernzeiten in den Vormittags- und Nachmittagsstunden verändert haben - ohne willkürliche Veränderung der Parameter im Verlauf des Experiments - und nach einer Überprüfung Ihrer Ergebnisse immer noch zu dem Schluss kommen: "Damals, nachts war (signifikant) alles besser...", dann dürfen Sie weiterhin im Brustton der Überzeugung die Physiologie auf den Kopf stellen!

Ja, aber 8 Stunden lernen halte ich nicht aus …

Es gibt wissenschaftliche Untersuchungen, die sich mit der leistungssteigernden Wirkung von Kurzpausen beschäftigen: Werden bei jeder Art von Arbeit, körperliche wie geistigschöpferische, über einen längeren Zeitraum keine restituierenden Pausen eingelegt, sinkt das Leistungsniveau stetig ab. Wenn Sie also versuchen, über 2-3 Stunden und mehr pausenlos zu lesen/schreiben/ rechnen /lernen, so wird Ihre Konzentration - zunächst noch unmerklich - schließlich einen solchen Tiefstand erreichen, dass es Ihnen auch mit einer längeren Erholungsphase nicht gelingen wird, Ihr vorheriges Leistungsniveau auch nur annähernd wieder zu erreichen. Wenn Sie dagegen nach etwa 45 bis spätestens 60 Minuten eine kurze Pause von 5-10 Minuten einlegen, können Sie Ihr Leistungsniveau über einen längeren Zeitraum fast gleichmäßig hoch aufrecht erhalten. Teilen Sie sich also Ihre Lerntage in 4:4 oder 5:3 etwa schulstündige Lerneinheiten mit einer Mittagspause von ca. 1 Stunde. Nutzen Sie die 4-5 Lerneinheiten am Vormittag nach Möglichkeit für die anspruchsvolleren Tätigkeiten und die Zeit am Nachmittag für weniger kreative "Fleißarbeit". Bei einem 8-Stunden-Tag kommen Sie so netto auf etwa nur 6-7 Arbeitsstunden, die aber dafür sehr effektiv sind! Sie sehen, niemand verlangt von Ihnen, 8 Stunden am Stück hochkonzentriert zu arbeiten. Im übrigen behauptet aber auch niemand, dass arbeiten nicht anstrengend ist. Etwas Frustration müssen Sie schon aushalten. Ihre Leistungsfähigkeit lässt sich durch Übung mit der Zeit steigern. Also: schlapp machen gilt nicht!

Ja, aber 40 Stunden reichen für mein Fach/meine Prüfungsvorbereitung nicht - ich brauche auch die Wochenenden …

Untersuchungen haben gezeigt, dass sich beim Menschen - und damit ganz im Gegensatz zur Maschine - die Tagesproduktion durch eine Verlängerung der Tages- oder Wochenarbeitszeit nicht beliebig steigern lässt. Ab einer bestimmten Tagesleistung, bei geistig oder körperlich anstrengender Tätigkeit i.d.R. nach ca. 8 Stunden, nimmt die Stundenleistung stetig ab, was sich auch nicht mehr durch Kurzpausen auffangen lässt. Stattdessen steigt die Fehlerrate und es schleicht sich das ein, was wir "maskierte Pausen" nennen: das Abschweifen des Blickes aus dem Fenster, das Recken, Strecken und Kratzen am Hinterkopf, häufigeres Naseputzen oder verstärktes Bedürfnis, immer wieder die Toilette aufzusuchen, um nur einige Beispiele zu nennen. Deshalb sollten Ihnen die Feierabende und Wochenenden (freie Tage) heilig sein. Selbstverständlich ist es möglich, kurz vor anstehenden Prüfungen einen Endspurt einzulegen und in dieser Phase die Tages-/Wochenarbeitszeit noch einmal zu erhöhen. Dies ist dann aber als Teil eines längeren und kontinuierlichen Lernprozesses zu verstehen und kann keinesfalls vorher Verbummeltes wettmachen. Ein Marathonläufer wird auch nach vielen Kilometern gleichmäßiger Kräfteverteilung auf den letzten Metern noch einmal alle Reserven mobilisieren, aber sicher nicht mehr die Strecken aufholen, auf denen er vorher nur gemütlich spazieren ging. Wenn Sie also der Auffassung sind, dass eine 40-Stunden-Woche für Ihr Studienvorhaben nicht ausreichend ist, dann stellen Sie sich bitte zunächst ganz selbstkritisch folgende Frage: Habe ich die zurückliegende Zeit (z.B. eine Arbeitswoche) wirklich effektiv und diszipliniert genutzt - oder hat das mit Arbeit verplante Wochenende 10 nur Selbstbestrafungsfunktion für zuvor Versäumtes?

Bücher zum Thema …

 

Ein Video zur Prokrastination


[Quelle: http://www.youtube.com/watch?v=4P785j15Tzk]

Übrigens: Auch das Anschauen dieses Videos ist Prokrastination …


Verschiebe nichts auf morgen,
was genauso gut auf übermorgen verschoben werden kann.
Mark Twain

Verstecktes Aufschieben

Aufschieben hat nicht immer etwas mit Faulheit zu tun, denn auch tüchtige Menschen schieben auf, häufig jedoch auch für diese Menschen selbst kaum zu erkennen. Oft kommen besonders tüchtige Menschen natürlich wirklich nicht dazu, all das zu erledigen, was sie gerne anpacken würden. Selektives Aufschieben ist daher unauffällig möglich, wobei es verschiedene Formen der "versteckten Aufschieberitis":

Quelle: http://www.methode.de/am/zm/amzm004.htm (09-08-12)

Ja, aber ich kann nur unter Druck gut arbeiten …

Sie lesen gerade auf den Seiten der Psychosozialen Beratung Ausführungen zum Thema "Zeitmanagement im Studium". Wenn die oben getroffene Aussage wirklich auf sie zutrifft und Sie wirklich stets Zeit-Druck, den "Kick der letzten Minute" brauchen, um effektiv zu sein, dann werden Sie sicher nicht weiter lesen: Sie haben Ihr Rezept entwickelt, mit dem Sie zum Erfolg kommen. Falls sie dennoch weiter lesen, stellen wir folgende Hypothese auf: Sie sind mit Ihrer Arbeitshaltung nicht zufrieden und wollen künftig entspannter zum Ziel kommen. Eine Variante dieses Themas wurde bereits weiter oben im Zusammenhang mit "Nachtarbeit" beschrieben. Hier könnten wir also von "Saisonarbeit" sprechen. Das Prinzip ist das gleiche, ebenso die Überprüfung seiner Berechtigung Man kann es aber auch noch von einer anderen, als der zeitlichen Seite betrachten. Dazu bedienen wir uns einer Technik, die wir Psychologen "reframing" nennen: dann wäre der verlangte "Druck" der Aus-Druck eines Wunsches nach Verbindlichkeit. Wenn Sie sich mit jemandem um 9.00h an der UB verabreden, um gemeinsam zu lernen, wird Ihnen das aufstehen sicher leichter fallen, als wenn Sie die Verabredung nur "mit sich alleine" getroffen haben. Wenn Sie beim nächsten Gruppentreffen darlegen sollen, womit Sie die zurückliegende Zeit verbracht haben, dann wird es Ihnen wichtig sein, sich nicht als Faulpelz zu "outen". Und wenn Ihnen Ihr Dozent für die Abgabe einer Hausarbeit eine unverrückbare "deadline" setzt, dann stehen die Chancen, dass sie bis dahin fertig wird, um ein Vielfaches besser, als wenn er es vermeintlich nett meint und Ihnen "alle Zeit der Welt" lässt. Solche Art der Verbindlichkeit ist kein Widerspruch zu Individualität (= ja, aber das ist mir alles viel zu streng...), denn durch Verbindlichkeit fühlen wir uns als Individuen erst wirklich ernst genommen. Was wir tun, wird bedeutsam. Deshalb sollen wir uns auch nicht scheuen, sie selbst einzufordern, wo sie uns gut tut. Solche Absprachen schaffen dann das rechte Spannungsniveau (= auch eine Umdeutung von "Druck"), das für unsere Motivation beim Handeln notwendig ist.

Zahlreiche vergleichbar Formulierungen findet man häufig unter dem Namen "Killerphrasen", die in sozialen Situationen angewendet werden, um die Argumente des Anderen scheitern zu lassen.


Siehe dazu Die Walt-Disney-Strategie und andere Strategien gegen Aufschieberitis und Theorie und Erklärungsversuche

 


Quellen & Literatur

Stichwort Aufschieben. http://de.wikipedia.org/wiki/Procrastination (07-02-02)
Siebert, Annett, Gröschner, Alexander & Großkopf, Steffen (2004). Techniken wissenschaftlichen Arbeitens in der Erziehungswissenschaft. Friedrich Schiller Universität Jena.
WWW: www.kstw.de/kstw/seitenframe/beratung/lernag/Unternehmen%20Lernkick.pdf (05-12-12)
http://www.zeit.de/zeit-wissen/2006/03/Aufschieberitis.xml (08-11-02)
http://www.focus.de/gesundheit/ratgeber/psychologie/tid-13038/
informationsflut-leiden-der-modernen-mediengesellschaft_aid_360263.html (09-02-02)
Blatter, I. (2009). Hilfe gegen die Aufschieberitis.
WWW: http://imgriff.com/2009/07/30/prokrastination-hilfe-gegen-die-aufschieberitis/ (09-08-03)

 



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