[werner.stangl]s arbeitsblätter 

Regeln zur Verbesserung der Kommunikation in Seminaren

Die praktische Anwendung psychologischer Erkenntnisse (...) verlangt Handlungen und dazu den Mut, theoretische Details oft rücksichtslos zu vernachlässigen. Wenn die angewandte Psychologie Ratschläge für Praktiker formuliert, muß sie sich immer mit Problemen beschäftigen, die komplexer sind, als sie in der theoretischen Beschäftigung berücksichtigt werden können und sie muß Entscheidungen zwischen Handlungsalternativen treffen, eben einen klaren Ratschlag geben und kann nicht im Abwägen von Eventualitäten verharren.
Kirchler 1995, S. IX

"Gebrauchsinformation"

Diese Lernhilfsregeln zur Verbesserung der Kommunikation sollen dazu dienen, die manchmal von realer Konkurrenz und imaginiertem Leistungsdruck beherrschte Atmosphäre in Seminaren zu verbessern. Sie sollen die meist informellen und impliziten Verhaltensregeln ersetzen und zu einer echten Kooperation hinführen.

Zwar sind Sie in einer Lehrveranstaltung nur einer von vielen, aber Sie allein sind für sich und Ihren Erfolg verantwortlich. Diese Regeln sind keine starren Gesetze und sollten auch nicht ständig auf ihre Einhaltung hin kontrolliert werden. Ziel ist, daß die beschriebenen Verhaltensweisen mit der Zeit zur Selbstverständlichkeit werden.

Gehen Sie davon aus, daß Sie Lernbedürfnisse haben, die Ihre Kollegen und -innen in der Veranstaltung nicht wissen, die auch die Leiter nur ahnen können.

D.h., damit jeder das lernt, was für ihn am besten, wirkungsvollsten und notwendigsten ist, muß jeder seine individuellen Lernbedürfnisse und -wünsche auch äußern.

Gehen Sie davon aus, daß Sie den Lernprozeß mitsteuern können.

D.h., die Verantwortung für das, was jeder in der Veranstaltung lernt, liegt zu einem Teil bei jedem Teilnehmer selbst, und jeder muß dafür aktiv werden, damit er etwas lernt. Aktiv werden bedeutet, daß jeder Teilnehmer möglichst von Anfang an - und auch immer wieder - deutlich sagt, was er gerne von Kollegen und Leitern erfahren möchte Zeigen Sie sich aber auch selbst bereit, Auskünfte zu geben und Erfahrungen auszutauschen.

Versuchen Sie die Vorstellungen, die Sie von den möglichen Lernergebnissen haben, immer wieder zum Ausdruck zu bringen

D.h., es ist sinnvoll und notwendig für den Lernerfolg, wenn Sie auch folgende Aussagen machen und Forderungen stellen, wie:
- " Könnten Sie das nicht etwas intensiver behandeln?"
- " Kann mir das einmal jemand in einfacheren Worten erklären?"
- " Ich halte dieses Problem für recht unwichtig!"
- " Das weiß ich eigentlich schon alles!"

Wenn Sie ihre Lernbedürfnisse unbefriedigt sehen, fragen Sie danach, was Sie selbst und die anderen zur möglichen Befriedigung beitragen können, und welche Initiativen diesen Zustand beheben könnten.

D.h., ziehen Sie sich nicht zurück, wenn Sie merken, daß auf Ihre Probleme und Bedürfnisse nicht eingegangen wird, sondern äußern Sie sich und überlegen Sie mit den Kollegen und der Leitung, wie der Zustand verändert werden kann. Es reicht z.B zu sagen: "Ich habe mir das anders vorgestellt", oder: "Könnte mir hier jemand weitere Informationen geben, Literatur empfehlen, andere Seminare empfehlen", etc.

Unterbrechen Sie das Gespräch, wenn Sie wirklich nicht teilnehmen können, wenn Sie z.B. gelangweilt oder ärgerlich sind, oder sich aus einem anderen Grund von dem Geschehen in der Gruppe isoliert fühlen.

D.h., es ist für das Lernen sinnvoller, Langeweile oder Ärger nicht zu unterdrücken oder außerhalb der Veranstaltungen abzureagieren, sondern seine Empfindungen zu äußern und den anderen Teilnehmern mitzuteilen. Vielleicht sind die anderen in einer ähnlichen Lage. Verändert werden kann eine solche oder ähnliche Situation nur, wenn sie sichtbar wird, d.h., z.B. ausgesprochen wird.

Sprechen Sie nicht per "Man", sondern per "Ich".

D.h., das "Man" in der persönlichen Rede ist häufig ein "Sich-Verstecken" vor der eigenen Verantwortung. Das "Man" verflacht Stellungnahmen, wirkt allgemein und unpersönlich.

Machen Sie nicht nur Aussagen zum Inhalt (Stoff), sondern machen Sie auch öfters persönliche Aussagen.

D.h., Lernen geschieht immer auf zwei Ebenen: einmal, in dem Inhalte (Stoff) vermittelt und ausgetauscht werden (= Inhaltsebene) und zum anderen, in dem durch diese Vermittlung von Inhalten auch Gefühle geprägt und verändert werden (= Gefühlsebene). So z.B. kann mich als Lernender manchmal die Art und Weise ärgern, in der ein Vortragender, Lehrer, Kollege mit mir redet; oder ich freue mich über die Tatsache, daß mich jemand anspricht oder fragt. Wenn ich aber ärgerlich bin, kann ich den Lerninhalten nicht mehr so weit folgen, wie ich es dann könnte, wenn ich ausgeglichen wäre. Deshalb ist es notwendig, auch über die Stimmungen Aussagen zu machen, die beim Lernen auftreten.

Stellen Sie sich den Lernprozeß als gegenseitigen vor: daß Sie für die Leitung wichtig sind und die Leiter auch für Sie.

D.h., meist ist den Lernenden klar, daß der Lehrer, Leiter für Sie wichtig ist, es ist ihnen aber nur selten bewußt, daß auch der Leiter von den Teilnehmern lernt und auch von den Stimmungen der Teilnehmer beeinflußt wird.

Elf Todsünden der Kommunikation

Siehe dazu im Detail
Die elf Todsünden der Kommunikation - und wie man es besser macht ...

Sich herablassend benehmen

1. Bewerten
2. Trösten
3. Den "Psychologen" spielen und "etikettieren"
4. Ironische Bemerkungen machen
5. Übertriebene oder unangebrachte Fragen stellen

Signale setzen

6. Befehlen und dem anderen keine Wahl lassen
7. Den anderen bedrohen
8. Ungebetene Ratschläge erteilen

Vermeidung

9. Vage sein
10. Informationen zurückhalten
11. Ablenkungsmanöver

Siehe auch Missverständnisse vermeiden - Engagement für einen reflektierten Sprachgebrauch

Die Kommunikationsregeln Watzlawicks

Die Kommunikationstherapie versucht, menschliche Probleme als Kommunikationsstörungen zu analysieren.

Quelle: Ernst Heiko: Was ist Kommunikationspsychologie? Psychologie heute, Oktober 1976, S. 62.

Watzlawick, Beavin & Jackson verwenden manchmal dafür den Begriff Axiom, daher nicht in der üblichen Begriffsbedeutung, nämlich als unbeweisbare oder unbewiesene Grundannahme, auf der eine Theorie aufbaut. Die Autoren verstehen darunter Eigenschaften der Kommunikation, die im Bereich des Zwischenmenschlichen wirksam sind. Es sollte daher richtig von "Regeln" der Kommunikation gesprochen werden.
Watzlawick und seine Mitarbeiter gewannen die Kommunikationstheorie bei der therapeutischen Arbeit mit schizophrenen Patientengruppen, insbesondere mit Familien, in denen die Schizophrenie mehrfach auftrat. Sie gingen den Kommunikationsstrukturen von Schizophrenen nach und kamen zu dem Schluß, daß sie im Grunde bestimmte Formen der Alltagskommunikation, die den normalen Menschen davor bewahren, in auswegslose Situationen zu kommen, nicht leisten können. Im Grunde sei die Schizophrenie als eine grundlegende Kommunikationsstörung zu begreifen, und daß eine Therapie bei der krankmachenden Kommunikation anzusetzen habe.


Watzlawick Axiome im Licht digitaler Kommunikation

Nach Ansicht der Kommunikationsexpertin Andrea Köhler-Ludescher scheinen Paul Watzlawicks Axiome zur Kommunikation auch für das Online-Verhalten zu gelten. Watzlawicks erstes und wohl bekanntestes Axiom, "Man kann nicht nicht kommunizieren", ist virtuell leicht beobachtbar, denn Social-Media-Verweigerer kommunizieren auch durch ihr Fernbleiben von Facebook, Twitter, Instagram oder WhatsApp.

Die Problematik der Unterscheidung zwischen Inhalts- und Beziehungsebene wird vor allem online besonders deutlich, denn da kann die Beziehungsebene oft nicht so leicht interpretiert werden und kann daher zu Konflikten führen. Auch Phänomene wie Shitstorms oder Hasspostings können durch die starke Reduktion auf das Inhaltliche erklärt werden, denn wenn man jemanden nicht kennt, dann sinkt auch die Hemmschwelle.

Watzlawick beschrieb die Beziehungsebene als stark analog, denn sie beinhaltet somit vieles, was über das Gesprochene, das Digitale, hinausgeht, etwa die Stimmlage oder die Körpersprache. Im Internet fehlen dieses und bilden somit eine weitere Quelle für Missverständnisse, da bekanntlich nur ein Bruchteil einer Beziehung durch die Sprache aber der wesentliche Rest nonverbal kommuniziert wird. Durch die oft hohe Präsenzien den sozialen Medien verlernen manche Menschen, analoge Signale richtig zu interpretieren. Der Gebrauch von Emoticons und Emojis bildet allerdings eineMöglichkeit, zusätzliche Hinweise zum Gesagten zu geben, also zu veranschaulichen, wie jemand etwas gemeint hat. In der realen Welt markiert man das durch Stimmmelodie, Mimik und Gestik, im Virtuellen können solche bildlichen Informationen von der simpler Aneinanderreihung von Satzzeichen, bis hin zum animierten Bildelementen, eine Kommunikationsstütze darstellen.

Automatische Antworten durch Chatbots oder andere digitale Instrumentarien sind daher kritisch zu bewerten, denn der Mensch braucht das Gefühl, gehört zu werden, um ein gesundes Ich-Bewusstsein zu schaffen. Wenn dieses Gefühl erodiert, weil das, was zurückkommt, nichts Persönliches mehr ist, dann hat das durchaus eine bestimmte Wirkung auf die Menschen, etwa im Zusammenhang mit den derzeit stark aufkommenden digitalen Assistenten wie Siri, Echo oder Alexa.

Eine massive Verzerrung der eigenen Online-Wirklichkeit entsteht nach Ansicht von Andrea Köhler-Ludescher im Phänomen der Filterblasen, die jenen Isolationsprozess beschreiben, der durch immer mehr vorgefertigte Informationen befördert wird, da neue Informationen durch Computersysteme wie Suchmaschinen vorwiegend Informationen liefern, die auf den eigenen Interessen basieren. Eine Resonanz innerhalb eines solchen abgeschlossenen Systems entsprichtdabei Watzlawicks 'More of the same'-Phänomen, d. h., man dreht sich sozusagen immer im Kreis und ist wegen der eigenen Umgebung in einer bestimmten engen Sichtweise gefangen.

Quelle: Der Standard vom 15. November 2017.


Kritik an Watzlawick

Girgensohn-Marchand (1966) fordert in ihrem Buch, nicht alles zu glauben, was ein namhafter Wissenschaftler wie Watzlawick zwar als gewichtige Erkenntnis verbreitet, tatsächlich aber oft trivial und manchmal sogar falsch sei. Die Theorie von Watzlawick habe eine eigenartige Faszination, die dazu führte, dass viele Wissenschaftler sich mit ihr identifizierten, ohne die Aussagen tatsächlich einer kritischen Analyse zu unterziehen. Die Faszination betraf meist nicht die Theorie, sondern die Person und die interessanten "Geschichten" im Zusammenhang mit Alltagskommunikation, die Watzlawick erzählte und ihm als Beweis für die Normalität von Kommunikationsstörungen, die Paradoxien der Alltagskommunikation und den konstruktivistischen Charakter unserer Wirklichkeit galten. Watzlawicks Begrifflichkeit ist manchmal aber unscharf, manchmal verwirrend, sehr oft widersprüchlich.

Das, was Watzlawick in seinem ersten Axiom anspricht, ist wesentlich genauer formuliert mit der Aussage: Nicht kommunizieren zu wollen ist - bei wechselseitiger Wahrnehmung der Kommunikanden - insofern Kommunikation, als das Verhalten, das durch diese Absicht gesteuert wird, von den Aktoren in der Regel auch wahrgenommen wird. Das logische Paradox der Definition Watzlawicks besteht darin, dass wechselseitige Wahrnehmung einerseits Voraussetzung für Kommunikation ist, andererseits schon selbst Kommunikation darstellt.

Die wichtige Frage, wie der Selektionsprozess der Wahrnehmung strukturiert ist, der Wahrgenommenes zur (relevanten) "Botschaft" werden läßt, bleibt in seiner Theorie ungeklärt. Irreführend ist auch Watzlawicks lockere Gleichsetzung von "Kommunikation" und "Verhalten", weil "Verhalten" keineswegs identisch ist mit "wahrgenommenem Verhalten", Verhalten vielmehr unabhängig von Kommunikation existiert. Schlicht falsch ist deshalb die Aussage, dass Verhalten immer Kommunikation bedeutet. Watzlawicks Behauptung, der digitale Kommunikationsmodus sei semantisch genau, trage aber nichts zur Beziehungsebene bei, während der analoge Modus (nonverbale Sprache) die Beziehungsebene konstitutiere, aber mehrdeutig sei, gilt nur mit Einschränkungen: Ein eindeutiges Zeichen ("Stinkefinger") ist oft genauer als eine Erklärung. Dabei vernachlässigt Watzlawick den konnotativen Aspekt der Sprache völlig.  

Quellen

Girgensohn-Marchand, Bettina (1996). Der Mythos Watzlawick und die Folgen. Eine Streitschrift gegen systemisches und konstruktivistisches Denken in pädagogischen Zusammenhängen. Weinheim: Beltz.

Kirchler, Erich M. (1995). Wirtschaftspsychologie. Göttingen: Hogrefe.

http://www.stangl-taller.at/ARBEITSBLAETTER/ (01-06-02)

http://www.ipts.de/ipts23/englisch/feed.htm (01-12-02)



inhalt :::: kontakt :::: news :::: impressum :::: autor :::: copyright :::: zitieren ::::
navigation: