[werner.stangl]s arbeitsblätter 

Informationsflut - Informations-Overkill - Medienkompetenz

Bekümmert seh' ich das Geschlecht von heute.
Düster und leer ist seiner Zukunft Schoß.
Von Kenntnissen erdrückt, des Zweifels Beute,
wächst es heran und altert tatenlos.
Michail Lermontow

Die Klage über zu viel Information ist auch schon zu Zeiten der Bibliothek von Alexandria erhoben worden und seit langer Zeit gibt es auf der Welt mehr zu erfahren, zu wissen, zu lesen und zu verstehen, als es ein Mensch in seinem vergleichsweise kurzen Leben jemals leisten kann. Elektronische, im Volltext durchsuchbare Datenbanken bieten heute Zugänge zu Unmengen von Wissen und immer mehr auch zu längst verschollen geglaubten Wissensschätzen. Das Internet ist im Vergleich zu Datenbanken allerding ein sehr unordentliches, ungeordnetes Meer an Information, das nach einer Ordnung verlangt. Die Aufgabe stellt sich, dass Menschen lernen müssen, damit umzugehen, wobei die heutige Generation wohl erst am Anfang steht. Problematisch scheinen auch die neuen Formen der Kommunikation zu sein, denn es ist leicht geworden, niederschwellig über Email, Social Networks wie Twitter oder Facebook, SMS oder auch noch Usenet Kontakt zu Freunden, Bekannten oder Wildfremden aufzunehmen bzw. zu halten, wobei das Filtern von Kommunikation zu einer zunehmend anspruchsvolleren Aufgabe geworen ist, um nicht in einer sozialen Unverbindlichkeit und Beliebigkeit sich zu Tode zu kommunizieren.

Nach Schätzungen nutzen mehr als eine Milliarde Menschen weltweit Facebook, um private und berufliche Informationen auszutauschen, miteinander in Kontakt zu bleiben und um neue Freunde, Partner oder berufliche Möglichkeiten kennenzulernen. Dabei stehen Facebook-NutzerInnen wie im realen Leben vor einer Reihe von Entscheidungen: Mit wem tauscht man sich aus? Wen kann man leiden? Wem vertraut man? Wen möchte man näher kennenlernen? Diese vielfältigen auf Facebook getroffenen sozialen Entscheidungen beruhen zwangsläufig darauf, wie die NutzerInnen und deren soziale PartnerInnen sich online verhalten und gegenseitig beurteilen, d. h., welche Informationen sie in Facebook-Profilen hinterlassen und zu welchen Schlüssen sie auf Basis dieser Informationen kommen.

 Informations-Overkill - soziale Komponenten und informelle Kontakte wichtiger als Hightech    

Die Vorteile des Informationszeitalters und der damit verbundenen weltweit verfügbaren Datenmenge könnten sich, nicht nur für den EInzelnen sondern auch für Unternehmen, als Schlag nach hinten entpuppen. Laut einer Studie von Gartner [http://www.gartner.com] glauben 90 Prozent aller Unternehmen, dass sie unter einem Überfluß an Informationen leiden und dass diese Flut ihre Wettbewerbsfähigkeit verschlechtert. Gartner geht davon aus, dass die Unternehmen im nächsten Jahr 30 Mrd. Dollar für Informations-Management-Systeme ausgeben werden, um der Datenmasse aus Internet, Intranet etc. Herr zu werden. Anstatt Unternehmen technisch hochzurüsten, empfiehlt Gartner informelle Kanäle wie etwa persönliche Netzwerke (Freunde, Kollegen), den E-Mail-Verkehr oder soziale Interaktionen zu fördern.  

Persönliche Kontakte mit Freunden oder Kollegen sind für die Entscheidungsfindung innerhalb eines Unternehmens viel wichtiger als Informationen aus dem Netz bzw. dem Firmen-Intranet. Die befragten rund 300 Unternehmen gaben allerdings an, gerade diese informellen Kontakte am wenigsten zu fördern. "Da Computer-Technologien menschliche Informationsbedürfnisse nicht nachvollziehen können, können sie nur beschränkt als Informations-Filter-Hilfen eingesetzt werden", so Gartner-Analyst Alexander Linden. Generell sei es für Unternehmen leichter neue Technologien zu implementieren, als die Informations-Unternehmenskultur zu ändern.  

Laut Gartner liegt ein zentraler Schlüssel in der Verhinderung des Informations-Overkills in der Pflege von sozialen Interaktionen. Diese könnten mit einfachen Mitteln wie inoffiziellen Treffen, Cafeterias oder Lounges ergänzend zu technischen Features wie speziell aufbereiteten Suchmaschinen, Expertennetzwerken oder elektronischen Bulletin-Boards eingesetzt werden. Es stellte sich heraus, dass der öffentliche Sektor am wenigsten mit Informations-Management-Systemen agiert, während Beratungsunternehmen großteils derartige Programme einsetzten. Rund 75 Prozent der Consulter haben eigene Kommunikations-Management-Programme implementiert, während nur fünf Prozent der Regierungs-Organisationen derartige Systeme benützen.  

Experten sehen die Rolle von sozialen Netzwerken wie Facebook oder Twitter in zwischenmenschlichen Beziehungen kritisch, denn meist steht das Ego im Mittelpunkt und nicht so sehr die Beziehung zu anderen. Auf Facebook ist man aber nicht man selbst, sondern reduziert sich auf ein angelegtes Profil, das mehr oder minder verzerrt ist, sodass Facebook für viele nur eine Scheinwelt ist, denn man dort Postings oder Bilder hochladen, auch wenn diese nichts mit einem selber zu tun haben. Problematisch wird diese virtuelle Inszenierung dadurch, dass man sein eigenes Profil ständig mit dem von FreundInnen vergleichen kann, obwohl man nur alleine vor dem Bildschirm sitzt. Die NutzerInnen von sozialen Netzwerken sind letztlich immer auf sich selbst zurückgeworfen und stellen sich Fragen, warum sie nicht so erfolgreich, beliebt oder glücklich wie die anderen sind, wobei sie sich mit Menschen vergleichen, die ihnen eigentlich gleichgültig sein könnten. Vor allem Jugendliche sitzen vor ihrem Gerät und warteten auf ein Feedback zum eigenen Leben, denn sie versuchen über die virtuellen Kontakte das zu bekommen, was man nur in einer realen und risikoreichen Welt bekommen kann. Manche verlieren sich dann in diesem Bemühen, stets einen guten und nachhaltigen Eindruck hinterlassen zu wollen und wissen am Ende des Tages oft gar nicht, wer sie wirklich sind, denn das Feedback von realen Menschen fehlt ihnen. Zentrale Merkmale von echter Freundschaft fallen in sozialen Netzwerken weitgehend weg, denn diese limitieren und strukturieren die Kommunikation. Negatives taucht selten bis gar nicht in diesen Kommunikationen auf, denn niemand teilt seine Misserfolge dem gesamten Bekanntenkreis mit.

Quellen:
http://www.pressetext.at/
pte.mc?pte=020503024>
http://www.welt.de/gesundheit/psychologie
/article122536789/Hunderte-Freunde-bei-Facebook-und-doch-alleine.html (13-12-05)

 

Siehe auch die W4 - WeltWeiteWerbeWüste

Stimmung beeinflusst Entscheidungen

Viele Entscheidungen wie Wohnungskauf oder Arbeitsplatzsuche sind sequenziell, d.h., man bekommt nacheinander verschiedene Angebote, die man jeweils annehmen oder ablehnen kann. Bei solchen Entscheidungen hängt die Qualität der Wahl damit zusammen, wie viele Angebote vor dem Entscheid begutachtet werden, wobei sowohl eine zu kurze als auch eine zu lange Suche nicht optimal sind, denn bei einer kurzen Suche ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass später noch ein besseres Angebot kommt, während bei einer sehr langen Suche das Risiko ansteigt, dass man das beste Angebot schon gesehen und bereits abgelehnt hat.

In einer Studie untersuchten von Helversen et al. (2012), wie ältere und jüngere Erwachsene in unterschiedlichen Stimmungslagen sequenzielle Entscheidungen treffen. Sie erhielten Entscheidungsaufgaben am Computer dargeboten, bei denen sie unter sechzig verschiedenen Produkten vom Flachbildschirme bis zum Kühlschrank jeweils das günstigste Angebot finden sollten. Bei jedem Angebot konnten sie sich entscheiden, ob sie das Produkt für diesen Preis kaufen oder lieber weitersuchen wollten, ob sie noch ein günstigeres Angebot finden. Im Ganzen konnten sich die Probanden bis zu vierzig Preisangebote pro Produkt ansehen, wobei ältere Erwachsene früher ein Angebot annahmen und insgesamt mehr für die Produkte zahlten als jüngere. Die Tendenz, weniger lange zu suchen, hing dabei nicht mit ihren kognitiven Fähigkeiten, sondern mit der Stimmung der Versuchspersonen zusammen, d.h., je positiver ihre Stimmung war, desto früher entschieden sie sich, ein Angebot anzunehmen, also ein Angebot zu akzeptieren statt weiterzusuchen. Eine zweite Studie mit jüngeren Erwachsenen bestätigte, dass auch diese eher bereit waren, Angebote früher anzunehmen, wenn sie sich in einer positiven Stimmung befanden. Offenbar sind nicht nur kognitive Fähigkeiten wichtig, um gute Entscheidungen zu treffen, sondern auch die aktuelle Stimmungslage hat einen wichtigen Einfluss auf das Entscheidungsverhalten. Eine positive Stimmung lässt Angebote in einem rosigeren Licht erscheinen lassen und damit zu einer flüchtigeren Informationssuche führen, was aber schlechtere Entscheidungen zur Folge haben kann, etwa dann, wenn bei einer Wahl eine intensive Informationssuche notwendig ist.

Literatur

von Helversen, B., & Rui, Mata (2012). Losing a dime with a satisfied mind: Positive affect predicts less search in sequential decision making. Psychology and Aging, advance online publication, doi: 10.1037/a0027845 (Universität Basel, 12.04.2012).
Mata, R., Pachur, T., von Helversen, B., Hertwig, R., Rieskamp, J., & Schooler, L J. (2012). Ecological rationality: A framework for understanding and aiding the aging decision maker. Frontiers in Decision Neuroscience, 6-19.

Medienkompetenz

Pädagogen, Wissenschaftler, Politiker und Eltern fordern angesichts der Informationslut durch die neuen Medien in jüngster Zeit für die Ausbildung der Kinder und Jugendlichen verstärkt Medienkompetenz. Baacke (1973, 1996) hat den Begriff der Medienkompetenz maßgeblich geprägt, indem er sich dabei auf das von Habermas entwickelte Konzept der kommunikativen Kompetenz bezieht, das wiederum auf dem von Chomsky entwickelten Konzept der Sprachkompetenz basiert.. Medienkompetenz nach Baacke ist "also grundlegend nichts anderes als die Fähigkeit, in die Welt aktiv aneignender Weise auch alle Arten von Medien für das Kommunikations- und Handlungsrepertoire von Menschen einzusetzen" (Baacke, 1996, S. 119). Dabei hebt Medienkompetenz auf die Veränderung der Kommunikationsstrukturen durch technisch industrielle Vorkehrungen und Erweiterungen ab und erweitert so die alltägliche kommunikative Kompetenz. Medienkompetenz ist im Medienzeitalter daher als ein wesentlicher Bestandteil kommunikativer Kompetenz zu betrachter, der aber im Gegensatz zur alltäglichen Kommunikationskompetenz intensiver gelernt, geübt und weiterentwickelt werden muß.

Nach Baacke (1996) lassen sich vier Dimensionen von Medienkompetenz aufzeigen, die deutlich machen, auf welche Weise sich der Begriff konkret im Handeln, Wissen und Denken der Menschen widerspiegeln kann:

Moser (1999, S. 217) bezieht sich auf die neuesten Medien und konkretisiert Medienkompetenz weiter:

Quellen:
Baacke, D. (1973). Kommunikation und Kompetenz. Grundlegung einer Didaktik der Kommunikation und ihrer Medien. München.
Baacke, D. (1996). Medienkompetenz - Begrifflichkeit und sozialer Wandel. In A. von Rein (Hrsg.), Medienkompetenz als Schlüsselbegriff. Bad Heilbrunn: Klinkhardt.
Moser, H. (1999). Einführung in die Medienpädagogik. Aufwachsen im Medienzeitalter. Opladen: Leske+Budrich.

Unter Verwendung von
Hugger, Kai-Uwe, Vollbrecht, Ralf & Wegener, Claudia (2000). Modul: "Jugend und Medien". Virtuelle Vorlesung: Medienpädagogik.
WWW: http://www.tu-dresden.de/
erzwiae/MP/Modul_Jugend_und_Medien/ (01-11-06)

Das Zeitalter der sekundären Oralität

Mit dem Beginn des elektronischen Zeitalters (Telefon, Radio, Fernsehen) beginnt ein "Zeitalter der sekundären Oralität", wobei der Computer schließlich die Verfügbarkeit und räumliche Darstellbarkeit des Wortes weiter intensiviert bzw. maximiert, denn er erschafft nicht nur den perfekten, elektronischen, grenzenlosen Raum, sondern ermöglicht in diesem Raum eine räumliche, von der Zeit unabhängige Bewegung, und ist damit in der Lage, analytische Abfolgen zu optimieren, indem er sie faktisch gleichzeitig ablaufen lässt, wie etwa bei Hypertext oder sonstigen interaktiven Anwendungen.

Diese neue sekundäre Oralität weist überraschende Ähnlichkeit mit der primären Oralität auf. In den frühen oralen Kulturen gab es keine Schrift, das Denken und der Ausdruck bzw. die Sprache waren klangbestimmt. Wörter waren Ereignisse, die lediglich für einen Moment und in einem gewissen Kontext existierten. Wörter verschwinden mit der Zeit und können nicht festgehalten oder nachgeschlagen werden. Man kann sie nur aus der Erinnerung zurückrufen. Ohne memorierbare Gedanken ist weder ein Denken noch Sprache möglich. In oralen Kulturen haben sich Mnemotechniken entwickelt, die für uns Literalisierte manchmal nur schwer nachvollziehbar sind, da unser Denken auf der visuellen und räumlichen Fixierung des Wortes basiert. Die primäre Oralität beförderte auch die Spontaneität, weil ihr die analytische Reflektivität, die das Schreiben mit sich bringt, verschlossen bleibt. Insgesamt waren Persönlichkeitsstrukturen begünstigt, die gemeinschaftlich orientiert und nach außen gerichtet waren, da das Wort den Menschen an eine Gruppe bindet und mindestens ein Dialog stattfinden muß, um den Denkprozess bzw. den Sprechakt zu starten.

Sekundäre Oralität befördert die Spontaneität, weil durch analytische Reflexion erkannt wird, dass Spontaneität eine gute Sache ist. Ein Merkmal dieser sekundären Oralität ist, dass ein Individuum bewusster handelt, denn es orientiert sich ja nach außen, weil es weiss, dass es der Gemeinschaft bedarf um nicht zu vereinsamen. Es entwickelt einen Sinn für unendlich große Gruppen, den Marshall McLuhan mit dem Begriff "globales Dorf" auf den Punkt gebracht hat. Erinnert man sich an die Psychodynamik der Oralität, dann weiss man, dass Denken und Sprache von formularischen und sozialen Zwängen gelenkt wurden. Im elektronischen Zeitalter passen sich Inhalte und Sprecher der Psychologie des Mediums an, im Fernsehen etwadominieren kurze Statements, Unterhaltung steht unter ständigem Zeitdruck, was aggressive Impulse weitgehend vermeidet.

Menschliche Kommunikation, verbale oder andersgeartete unterscheidet sich von der medialen grundsätzlich dadurch, dass sie berechenbares Feedback benötigt, um überhaupt stattfinden zu können. Im Hinblick auf die "neuen Medien", deren Integration in der allgemeinen Bevölkerung heute noch nicht ganz vollzogen ist, erkannte Walter Ong (1982) die Entwicklung eines "selbstverständlich-zwanglosen" Stils, welcher der Auffassung typographisch geprägter Personen entspricht, der orale Austausch sei gewöhnlich formlos. Untersucht man Inhalte und Strukturen des Internet, so fällt sofort deren Mannigfaltigkeit auf. Es gibt praktisch nichts, was man dort nicht findet. Der zwischenmenschliche Austausch ist nur einen Klick vom wissenschaftlichen Forschungsergebnis entfernt. Jeder kann seine Gedanken frei formulieren und plazieren. Man kommuniziert mit der ganzen Welt, bleibt aber trotzdem allein vor dem Bildschirm. Die Dynamik von Oralität und Literalität wird zum integralen Bestandteil der modernen Bewusstseinsentwicklung. Sie treibt diese zu stärkerer Innerlichkeit und gleichzeitig zu grösserer Offenheit.

Entstanden nach:
Jörg, Brigitte (2000). Oralität und Literalität.
WWW: http://www.dfki.de/~brigitte/homepage/
studium/infowiss/ong/index.html (02-07-04)

Literatur:
Ong, Walter (1987). Oralität und Literalität - die Technologie des Wortes. Opladen: Westdeuscher Verlag. 



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