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Körperliche Entwicklung und Sexualität

Die Entwicklung vom Kind zum Erwachsenen ist geprägt von Wachstum, Gewichtszunahme, Hormonen, Körperbehaarung und Geschlechtsreife. Die Gene und die Hormone spielen beim Eintritt in die Pubertät eine große Rolle, die Entwicklung hängt aber auch besonders stark von Umwelteinflüssen, gesunder Ernährung, Stress, Freunden, der Familie und dem sozialen Umfeld ab. Verschiedene kulturelle Bedingungen beeinflussen die Entwicklung der Sexualität, Hauptziel ist nach wie vor die Nachwuchserzeugung.

Adoleszenz – die Phase die Kinder zu Erwachsenen werden lässt

Die Jugend- und Reifephase (Adoleszenz) bedeutet das Ende der Kindheit. Sie ist speziell gekennzeichnet durch die körperliche Entwicklung und die Übergangszeit zum Erwachsen sein. Irgendwie scheint sich die Welt plötzlich langsamer, schnell oder einfach nur völlig anders zu drehen. Das Einsetzen der Pubertät (Phase der Geschlechtsreife in der Adoleszenz) verändert das psychische und vor allem das physische Dasein junger Menschen in rasantem Tempo. Mädchen und Jungen durchleben Wachstumsschübe, Gewichtszunahmen und eine Vielzahl weiterer körperlicher Veränderungen (vgl. Mietzel 2002, S. 351). Wenn die Pubertät beginnt und sich der Körper verändert fühlt sich so mancher in seiner "neuen Haut" nicht wohl, der Heranwachsende wirkt oft orientierungslos. Essstörungen und Drogenmissbrauch sind neben unliebsamer Akne Begleiterscheinungen in dieser Altersgruppe. Jugendliche drücken ihre Probleme mit dem Erwachsenwerden oft ganz unterschiedlich aus – Mädchen reagieren übermäßig "zickig" und rebellisch, Buben leicht aggressiv oder sie verkriechen sich – geschlechtsunspezifisch – in ihrem Schneckenhaus. Gerade jetzt sollten Eltern in erster Linie Freunde sein und weniger Eltern. Sie sollten sich in dieser Übergangszeit mit ihrem Teenager auseinandersetzen, ihn und seine Probleme ernstnehmen und wie einen Erwachsenen behandeln. Hilfestellungen ohne Vorschriften sind angesagt, Verständnis zeigen ohne Besserwisserei, auf die Jugendliche allergisch reagieren.

Kleiner Exkurs: Entwicklung geschlechtstypischer Eigenschaften

In einer Studie der Pennsylvania State University, der University of Hawaii at Manoa und der Purdue University wurden in amerikanischen Familien die erst- und zweitgeborenen Geschwister untersucht, wobei sich zeigte, dass Buben wie Mädchen geschlechtstypische Eigenschaften schon in der frühen Kindheit entwickelten. Bei Mädchen waren Charakterzüge wie freundliches Verhalten und Einfühlungsvermögen schon früh stärker ausgeprägt und auch stereotypisch weibliche Vorlieben wie Lesen und das Interesse für Kunst entwickelten sich bald. Die kleinen Buben dagegen zeigten schon früh einen größeren Freiheitsdrang, Abenteuerlust und Interesse für Sport und Mathematik. Bei den Knaben nahm das Einfühlungsvermögen zwar zunächst ab, nahm aber im späteren Verlauf der Jugend wieder zu, wobei sie etwa mit 19 Jahren in dieser Hinsicht das gleiche Level wie die Mädchen erreichten. Die Mädchen entwickelten mit den Jahren ebenfalls einen größeren Freiheitsdrang und wurden abenteuerlustige, erreichten aber nicht das Niveau der Buben. Einen wesentlichen Einfluss auf die Entwicklung haben die Freundinnen und Freunde, denn sowohl bei Mädchen wie Buben machten sie die Peers abenteuerlustiger und unabhängiger. Von zentraler Bedeutung für die Entwicklung geschlechtstypischer Eigenschaften ist auch die Position innerhalb der Geschwisterreihem denn Zweitgeborene entwickelten mit der Zeit mehr Unabhängigkeit und Abenteuerlust, während bei Erstgeborenen diese Eigenschaften eher gleichblieben. Dies bestätigt die häufige Beobachtung, dass die älteren Geschwister sich oft konformer verhalten, während jüngere Geschwister eher aufbegehren.

Geschlechtsspezifische Gehirnentwicklung

Schon im ersten Lebensjahr sorgen Hormone dafür, dass sich das männliche Gehirn anders entwickelt als das weibliche. In der frühen Adoleszenz vom elften bis zum fünfzehnten Lebensjahr nimmt die Synapsendichte im männlichen Gehirn schnell ab, während gleichzeitig der Testosteronspiegel auf ein Niveau steigt, das etwa achtmal über dem der Kleinkindphase liegt. Das Gehirn reagiert in dieser Zeit der Pubertät mit Ablenkbarkeit und dem "sensation seeking", also der Suche nach Anregung und sozialer Belohnung, vor allem durch Gleichaltrige. Auch in der mittleren Adoleszenz (15 bis 17 Jahre) will ein männlicher Jugendlicher alles ausprobieren, hat sein Geschlecht entdeckt und fühlt und sich damit aber oft überfordert, wenn etwa das Bedürfnis nach Zärtlichkeit vom Wunsch überlagert wird, bei den Peers cool zu wirken. Erst zwischen 18 und 21 Jahren reift der frontale Cortex aus, der die Verarbeitung von Emotionen und Kognitionen unterstützt, sodass der Jugendliche dann die eigene Kraft jetzt besser dosieren kann, indem er auch mehr Hemmmechanismen für seine Aggressionen und Risikobereitschaft entwickelt. Mit etwa 23 Jahren tritt dann eine Normalisierung ein.

Der Körper im Wandel

Der menschliche Körper sollte im Normalfall sein Wachstum bis zum 19. Lebensjahr abgeschlossen haben. Bei Mädchen setzt das Ende des Wachsens bedingt durch das frühere Einsetzen der Akzeleration etwa zwei Jahr früher ein (vgl. Montada 2002, S. 276). Laut Mietzel (2002, S. 352), der sich auf den französischen Edelmann de Montbeillards bezieht, durchleben wir grundsätzlich zwei markante Phasen des beschleunigten Wachstums (Akzeleration). Die erste Phase beginnt im Bauch unserer Mütter und endet etwa mit dem zweiten Lebensjahr. Die zweite große Phase der natürlichen körperlichen Volumszunahme ist uns unter Pubertät (durchschnittlich vom 11. bis 14. Lebensjahr) bekannt. In den letzten Jahren konnte man in den Medien häufig über extrem große Neugeborene, Buddha-Babies und frühreife Kinder hören. Das Wissenschafts- und Technologie-Magazin P.M. (vgl. Trautwein 1996) veröffentlichte dazu einen Artikel mit hohem Informationsgehalt über das vertikale Körperwachstum der Menschheit, welches sich vor allem im letzten Jahrhundert als signifikant erwies. Die Gründe dafür sind so zahlreich wie die Errungenschaften und Veränderungen der Gegenwart gegenüber dem Jahr 1900. Maßgeblich verantwortlich ist die ausreichende und nährstoffreiche Ernährung, die heutzutage jedem zur Verfügung steht. Aber auch die Revolutionen im Gesundheitswesen (Medizin), die zunehmende Hygiene in allen Bereichen, die Reduktion des physischen Arbeitsaufwands aufgrund neuer Maschinen und die Mechanisierung auf dem Agrar- und Industriesektor haben zu den Veränderungen beigetragen.
„Unser Blick in die Zukunft der Menschheit muss jedenfalls schräg aufwärts gerichtet sein, wollen wir unseren Nachfahren ins Auge blicken. Die Prognose von Körpergrößenforscher Kenntner für das Jahr 2060: Männliche Studenten werden durchschnittlich 193,3 Zentimeter groß sein, weibliche 175,6. Vorausgesetzt, die Entwicklung setzt sich konsequent und linear fort. Es muss aber nicht so kommen. Wissenschaftler haben errechnet, dass die maximale Größenzunahme innerhalb eines Jahrhunderts bei 14 Zentimetern liegt. Und die sind erreicht. Zum zweiten ist noch offen, wie die Wachstumsbremse der UV-Strahlen, die durch das Ozonloch die Erde in erhöhtem Maß treffen, auf den Menschen wirkt. Vielleicht so, wie nach dem Ende der letzten Eiszeit?“ (Trautwein 1996).

Was Hormone mit uns anstellen

Der Beginn der Sexualhormonproduktion leitet die Pubertät ein, körper- und Schamhaare wachsen. Die erste Menstruation, der erste Samenerguss verunsichern und die Jugendlichen werden launisch, schwanken zwischen Depression und Aggression, zwischen Schüchternheit und Wutausbrüchen. Einige Heranwachsende zeigen eine schrille, provokative Art, andere wieder schotten sich von der Außenwelt ab und leben in ihren eigenen Träumen und Phantasien (Tagebuchschreiben). Wachstumsschübe lassen den Körper in der ersten Zeit unproportional und ungelenk erscheinen, die Talgdrüsen produzieren zuviel Hautfett, Pickel blühen auf und werden zusätzlich zu einem Problem für das Selbstbewusstsein, denn gerade in diesem Alter wird das Aussehen besonders wichtig. Erste Sexualbeziehungen, die Suche nach der eigenen Identität und kritische Auseinandersetzungen mit der Welt der Erwachsenen sind Themen dieser Zeit. Freunde und Cliquen werden wichtiger als Mütter und Väter, was Konflikte erzeugt.

Unterschiede aller Art in der körperlichen Entwicklung resultieren aus dem Zusammenspiel von genetischen Einflüssen, Umweltfaktoren (wie Ernährung oder einschlägige Erlebnisse während der Kindheit) und natürlich den Hormonen. Trotz der erwähnten zahlreichen Einflussfaktoren entscheidet letztendlich unser Gehirn, wann es Impulse sendet, um den weiblichen und männlichen Geschlechtsdrüsen die Produktion von Hormonen zu befehlen. Schon in der Kindheit besitzt ein Mensch geringe Anteile an Östrogen, welches in den Eierstöcken produziert wird, oder Androgen und Testosteron, die von männlichen Hoden produziert werden (vgl. Mietzel 2002, S. 355). In den ersten acht Lebenswochen sind die Gehirne von Mädchen und Buben praktisch identisch, doch dann beginnt bei den Knaben die Produktion von Testosteron, wodurch bestimmte Bereiche des Gehirns größer werden, etwa der Hypothalamus. Im ersten Lebensjahr erreicht der Testosteronspiegel sehr hohe Werte, die denen von Erwachsenen entsprechen, doch dann geht die Konzentration wieder schnell zurück, um in der Pubertät um rund 250 Prozent wieder einen Sprung nach oben zu machen. Die Testosteronkonzentration bleibt bei Männern bis ins hohe Alte recht hoch, wenngleich der Wert ab einem Alter von etwa zwanzig Jahren kontinuierlich sinkt. Männer sind daher etwa zwanzig Mal häufiger gewalttätig als Frauen, was ebenso ein Folge des Testosterons ist wie ihr größeres Interesse an Sexualität und sexuellen Fantasien. Auch Frauen verfügen über das Hormon Testosteron, sonst hätten sie keine Lust auf Sexualität, doch bei einem gegebenen Alter ist die Konzentration bei Männern stets zehn bis fünfzig Mal größer. Die Evolution hat hier über hunderttausende von Jahren ihre Spuren im Gehirn hinterlassen, denn lange waren die Aufgaben von Männern und Frauen sehr verschieden, indem Frauen die Kinder bekommen und sie groß gezogen haben, während Männer gejagt haben und ihre Frauen beschützten.

Für die Reifung der männlichen Geschlechtsorgane ist hauptsächlich Testosteron zuständig, während Androgene für einen Wachstumsschub in der Pubertät sorgen. Bei Mädchen bewirkt Östrogen überwiegend äußerliche Veränderungen (Brüste, Behaarung, weibliche Rundungen). Für das Einsetzen des Menstruationszyklus (vom Eisprung bis zur Menstruation) und somit der Empfängnisbereitschaft ist das Sexualhormon Progesteron zuständig (vgl. Montada 2002, S. 279f).

Der Hormonkick bewirkt ein Wachstum und eine Veränderung der primären Geschlechtsmerkmale. Das sind jene äußeren Geschlechtsorgane, die es erlauben, ein Neugeborenes eindeutig als männlich oder weiblich zu identifizieren. Sekundäre Geschlechtsmerkmale hingegen bilden sich, hormonell bedingt, erst etwas später in der Pubertät. Beispiele dafür wären Scham- und Körperbehaarung, Brüste oder typisch geschlechtsmarkante Rundungen (vgl. Haeberle 1978).

Entwicklung des männlichen Körpers

Bei jungen Männern schaltet sich der Sexualhormonhaushalt etwa im 12. Lebensjahr in die körperliche Entwicklung ein. Zuerst beginnen Hoden, Hodensack und der Penis – also die primären Geschlechtsmerkmale – zu wachsen. Bei den meisten Jungen bilden sich ab dem 13. Lebensjahr glatte Schamhaare und der Stimmbruch setzt ein. Die primären Geschlechtsmerkmale beschleunigen ihr Wachstum und auch Prostata sowie Samenblase entwickeln sich. Im Alter von 14 bis etwa 16 Jahren beginnen sich die Schamhaare zu locken, dies ist auch die Phase des größten Körperwachstums. Anschließend beginnt die letzte Reifungsphase der männlichen Geschlechtsmerkmale, in welcher ein junger Mann alle Merkmale erhält, die wir als typisch männlich bezeichnen. Körperbehaarung, Bartwuchs und Schulterbreite nehmen zu, die Stimme verändert sich markant und bei vielen buchtet der Haaransatz ein (vgl. Montada 2002, S. 278f).

Hall (zit. nach Mietzel 2002, S. 354), der bereits Anfang des 20. Jahrhunderts Forschungsarbeiten zur Adoleszenz verfasste, beschreibt die Dramatik und Probleme des ersten Samenergusses für Jungen. Schamgefühle, Furcht vor dem Ereignis selbst und mangelnde Aufklärungsarbeit machen die erste Ejakulation oft zum einen unangenehmen Erlebnis. Es handelt sich jedoch um einen natürlichen Vorgang, der bei männlichen Jugendlichen im Alter von 13 bis 16 Jahren erstmals im Schlaf, durch Masturbation oder beim Geschlechtsverkehr auftreten kann. Der erste Samenerguss ist noch kein Indiz für die Zeugungsfähigkeit eines jungen Mannes, denn unter Umständen können die inneren Geschlechtsorgane noch nicht ausreichend entwickelt sein und somit enthält das Ejakulat noch keine Samenzellen (Spermien) (vgl. Haeberle 1978).

Entwicklung des weiblichen Körpers

Montada (2002, S. 278f) erwähnt nicht nur den geschlechtsbezogenen Altersunterschied beim Einsetzen der Hormone in den Reifungsprozess, durch den Mädchen etwas früher (etwa im Alter von zehn Jahren) in die Pubertät kommen. Er beschreibt auch, dass es durch die oben angesprochenen Einflussfaktoren zu enormen zeitlichen Unterschieden bei einem Geschlecht an sich kommen kann (siehe Akzeleration/Retardation).

Im Durchschnitt beginnt bei Mädchen die Entwicklung der Geschlechtsmerkmale zwei Jahre früher als bei Jungen. Verglichen mit jungen Männern wird bei jungen Frauen nicht eindeutig zwischen primären und sekundären Geschlechtsmerkmalen unterschieden, da sich vor der geschlechtsreifenden Adoleszenzphase äußerlich kaum etwas verändert (vgl. Haeberle 1978). Ab dem 10. Lebensjahr wachsen Brüste sowie Brustwarzen und die Hüfte beginnt sich auf Grund von Fettablagerungen zu runden. Etwa im Alter von 11 bis 14 Jahren verändert sich auch die weibliche Stimmlage und die ersten glatten Schamhaare werden sichtbar. Die Entwicklung der inneren Geschlechtsorange beginnt, das heißt Eierstöcke, Gebärmutter, Vagina und Schamlippen wachsen. Nun hat auch die Frau ihre Phase des größten Körperwachstums erreicht. Weiters locken sich Schamhaare, Brustwarzen richten sich auf und die Brüste erreichen ihr erstes Formungsstadion. Nach dem 14. Lebensjahr wachsen Achselhaare und die weibliche Brust erhält langsam ihre Endform, welche sie auch im Erwachsenenalter beibehält (vgl. Montada 2002, S. 278f).

Etwa während des ersten Formungsstadions der weiblichen Brust und unmittelbar nach der Phase des größten Körperwachstums setzt die erste Menstruation ein, wobei zur jenem Zeitpunkt noch kein Eisprung erfolgt und die Frau folglich noch nicht empfangsbereit ist. „Die Natur lässt also beim weiblichen Geschlecht offenkundig zunächst einen kräftigen Körper entstehen, bevor eine Voraussetzung für eine mögliche Empfängnis geschaffen wird. […] ein Schutz vor zu früher Schwangerschaft“ (Mietzel 2002, S. 354).

In dem 2005-2006 durchgeführten Forschungsprojekt „Die Menstruation – Wesentliches Element des Frauseins oder abzuschaffendes Übel? Bedingungen und Maßnahmen für eine positive Integration der Menstruation in die Identität als Frau“ wurde mit sozialwissenschaftlichen Methoden untersucht, wie Frauen heute ihre Menstruation erleben und welchen Stellenwert sie ihr zuschreiben. Daraus entstand der Infopool-Menstruation als Arbeitsinstrumentarium mit Basiswissen, praktischen Unterrichtsmodulen, Projektbeispielen und Links. Mit den dort versammelten Unterrichtsanregungen sollen Hintergrundwissen und lebensnahe Inhalte vermittelt werden, denn praktisch alle Unterrichtsfächer bieten Anknüpfungspunkte zum Thema Menstruation, das sich auch für fächerübergreifende Projekte eignet.
Link: http://gabrieleproell.at/infopool/anregung.htm (10-11-11)

Download des Forschungsberichtes: Menstruation.pdf (ca. 1 MB)

Akzeleration und Retardation

Bis jetzt wurde bei den Altersstufen der jeweiligen Entwicklungs- und Reifephase immer auf Durchschnittswerte zurückgegriffen. Dass aber nicht bei jedem Jungen (oder auch Mädchen) beispielsweise die primären Geschlechtsmerkmale im Alter von 12 (oder 10) Jahren zu wachsen beginnen, ist uns allen bekannt. Wir sprechen hier von Akzeleration, das heißt dass sich das Wachstum und der Reifegrad verglichen zum Altersdurchschnitt beschleunigt verhalten, und somit ein früheres Eintreten in die Pubertät stattfindet. Das Gegenteil davon, also eine verlangsamte Entwicklung, wird Retardation genannt. Weiters spricht Montada (2002, S. 280f) davon, dass in keiner weiteren Lebensphase die Unterschiede bei Gleichaltrigen so markant sind wie in der Jugendphase. Abbildung 1 zeigt jeweils drei gleichaltrige Mädchen, im Alter von fast 13, und drei gleichaltrige Jungen, im Alter von fast 15, und deren Reifegrad. Links sieht man zwei Beispiele für das vorpubertäre Stadion, in der Mitte das pubertäre, und rechts das nachpubertäre Stadion, welches einem Erwachsenen schon sehr ähnelt, da die körperliche Entwicklung beinahe abgeschlossen ist.
Retardation und Akzeleration üben auch einen großen Einfluss auf das Selbstbild vom eigenen Körper der Jugendlichen aus. Körperpflege wird immer wichtiger. Mädchen wollen immer schlanker werden und orientieren sich an Schönheitsidealen. Jungs hingegen bevorzugen ein männliches Aussehen. Mädchen weisen ein differenzierteres Körperselbstbild als Jungen auf und stehen ihrem Selbstbild eher negativ gegenüber. Dies ist vor allem auf kulturelle Einflüsse zurückzuführen, da Attraktivität immer mehr an Bedeutung gewinnt (vgl. Montada 2002, S. 282 f).

Sexuelle Orientierung und Sexualverhalten
Das jugendliche Sexualverhalten beginnt bereits in der frühen Kindheit. Dabei spielen Beobachtungen und Nachahmungen innerhalb der Familie eine große Rolle.
Gemäß Buss und Schmitt gibt es eine langfristige und eine kurzfristige Strategie bei der Partnersuche. Selektionsprobleme entstehen, da die Geschlechter verschiedene Zielsetzungen haben. Männer sprechen auf Kurzzeitstrategien des Sexualverhaltens eher an als Frauen und möchten viele Frauen kontaktieren. Bei Langzeitstrategien denken beide Geschlechter ähnlich bezüglich Pflege, Erziehung der Kinder und Qualität der Gene. Des Weiteren können sexuelle Strategien von Kultur zu Kultur unterschiedlich sein. Westliche Kulturen gestatten mehr Freiheiten und bieten eine größere Variationsbreite an sexuellen Praktiken als kollektivistische Kulturen. Befunde ergeben, dass im Jugendalter die kurzfristige Strategie bevorzugt wird, wobei die gängigste Strategie das „Dating“ ist. Mädchen suchen eher nach langfristigen Partnern, während Jungen nach Partnerinnen mit sexueller Bereitschaft Ausschau halten. Verstehen, Vertrauen, Zärtlichkeit, Rücksichtnahme, Liebe und Treue zählen bei Mädchen zu den wichtigen Punkten in einer Beziehung, während Jungen hauptsächlich Wert auf das Aussehen legen. Ein weiterer Unterschied der Geschlechter besteht darin, dass männliche Jugendliche unter einem größeren Leistungsdruck stehen als weibliche. Sie haben Angst sexuell zu versagen. Mädchen sehen sich eher in einer passiven Rolle und erwarten von den Jungen, dass sie die ersten Annäherungsversuche unternehmen (vgl. Montada 2002, S. 283ff).

Früh- und Spätentwicklung

Die schwierige Zeit der Pubertät ist für Jugendliche am leichtesten zu bewältigen, wenn die körperliche Veränderung zur gleichen Zeit stattfindet. Sollten sich Abweichungen ergeben, empfinden Jugendliche dies als Belastung. Mädchen und Jungen mit einem Entwicklungsrückstand werden oft nicht akzeptiert und deren Selbstwertgefühl wird stark vermindert. Dies führt in vielen Fällen dazu, dass sie gezielt vor ihren MitschülerInnnen rauchen und Alkohol trinken um sich Anerkennung und Aufmerksamkeit zu verschaffen.
Bei Frühentwicklern entsteht meist der Druck das Verhalten gemäß dem frühreifen Aussehen anzupassen. Sie greifen ebenfalls zu übermäßigem Konsum von Zigaretten, Alkohol und ungeschütztem Geschlechtsverkehr (vgl. Mietzel 2002, S. 360ff).

Entwicklung der Sexualität

Ab Schuleintritt kann man eine Trennung der Geschlechter stark beobachten. Es gibt einerseits die Jungengruppe und auf der anderen Seite die Mädchengruppe. Auf beiden Seiten wird die Geschlechtertrennung exakt eingehalten und oftmals entsteht ein großer Gruppendruck. Wagt es ein Mädchen in die Jungengruppe einzudringen oder auch umgekehrt, wird dies von der gleichgeschlechtlichen Gruppe durch Verweisung bestraft. In diesem Alter herrschen strikte Regeln und Rituale zwischen den Kindern, welche auf der ganzen Welt beobachtet werden können. Eine mögliche Erklärung für dieses Verhalten kann sein, dass eine solche Barriere die Kinder vor frühzeitigen sexuellen Kontakten schützen soll. Den Jugendlichen wird somit die Möglichkeit gegeben, vorerst mit gleichgeschlechtlichen Personen Kontakte zu knüpfen, um sich so auf die komplizierteren Beziehungen mit dem anderen Geschlecht vorzubereiten. Meist dauert diese Trennung zwischen den Geschlechtern bis zum 12. Lebensjahr, ab dann verschwindet die Barriere von selbst (vgl. Montada 2002, S. 283 ff).

Sexualität wird von vielen kulturellen Bedingungen beeinflusst, welche wiederum von gesellschaftlichen Bedingungen mitbestimmt werden. Hauptzweck der Sexualität zwischen Mann und Frau war schon immer unter anderem das Zeugen von Nachwuchs, wobei die verschiedenen Gesellschaften auf unterschiedliche Weise geregelt haben, ab wann und unter welchen Bedingungen Sexualität ausgeübt werden darf. Man kann zwischen zwei verschiedenen Kulturen unterscheiden: der restriktiven und der permissiven Kultur. Bei der restriktiven Kultur wird genau bestimmt, was wann erlaubt ist und was nicht. Erst nach der Eheschließung ist Sex erlaubt und darf offen gezeigt werden. Bei Selbstbefriedigung müssen die Kinder mit Bestrafung rechnen und die Aufklärung erfolgt erst ummittelbar vor der Hochzeit. Im Gegensatz zur restriktiven Kultur ist die permissive Kultur viel freizügiger. Kinder kennen schon eine Vielfalt an sexuellen Tätigkeiten. Ihnen wird ein ungehindertes sexuelles Spielen gewährt (vgl. Mietzel 2002, S. 365ff).

Vertreter von Religionsgemeinschaften, die die Sexuaität jedoch einseitig nur im Hinblick auf die Reproduktion sehen, liegen naturwissenschaftlich betrachtet eindeutig falsch, denn diese dient keineswegs nur dem Austausch von Keimzellen mit dem Ziel der Reproduktion der Art, sondern hat vor allem beim Menschen auch eine wichtige soziale Funktion und dient unter anderem dazu, dass sich Menschen aneinander binden und damit die Voraussetzung schaffen, dass Gemeinschaft funktioniert und langfristig bestehen bleibt. Da das Glückssystem der ersten Verliebtheit nicht auf Dauer angelegt ist, ist für die bleibende Liebe zwischen Mann und Frau Bindung äußerst wichtig, wobei hier Oxytocin ins Spiel kommt, das vom Hypothalamus nicht nur beim Stillen ausgeschüttet wird (Dieses Hormon bewirkt im Gehirn, dass sich die Mutter in den Säugling "verliebt, wodurch Kinder ebenfalls eine starke Bindung zur Mutter aufbauen. Funktioniert das nämlich nicht, sind sie ihr ganzes Leben eher scheu, verschlossen und wenig neugierig), sondern auch durch zärtliche Streicheleinheiten, sanfte Massagen und beim Geschlechtsakt. Vor allem beim Mann wirft Sexualität Bindungsprozesse an, die langfristig für eine stabile Paarbeziehung sorgen und somit dafür, dass das Kind Eltern hat, die sich um es kümmern. In einem Experiment (Universität Zürich) zeigte sich, dass Personen, die zuvor Oxytocin-Nasenspray erhalten hatten, doppelt so großzügig handelten wie eine Placebo-Gruppe. Oxytocin ist somit die biologische Basis des Vertrauens und der sozialen Bindungsfähigkeit.

Sogar Europa im Mittelalter ging frei mit dem Thema Sexualität um und ist als permissive Kultur einzustufen. Das Nacktsein im 16. Jahrhundert war kein Tabu in der Familie und die Eltern zeigten keine Hemmungen in Gegenwart der Kinder über dieses Thema zu diskutieren. Alleine die Wohnverhältnisse, wie beispielsweise ein Schlafzimmer für die ganze Familie, zwangen dazu. Allerdings erfolgte durch die Veränderung der Lebensbedingungen allmählich ein Einstellungswandel. Erste Anzeichen konnte man schon im 12. Jahrhundert durch die Entstehung der Städte erkennen. Der Körper wurde nicht mehr als Lustorgan, sondern als Leistungsorgan gesehen und gegen Ende des 16. Jahrhunderts war man der Meinung, dass Kinder von Sexualität, Krankheit, Tod, Gewalt und Geld noch nichts wissen sollten.

So wurde das Wort "Sexualität" übrigens erst 1820 von August Henschel in seinem Buch "Von der Sexualität der Pflanze" eingeführt. Davor war der sexuelle Bereich offensichtlich ganz selbstverständlich mit allen anderen Lebensbereichen verwoben und wer anderen sexuelle Erlebnisse, Bedürfnisse usw. mitteilen wollte, tat dies konkret und differenziert. Der gegenwärtige Sprachgebrauch ist dagegen äußerst abstrakt und wenn man heute von Sexualität spricht, verhüllt man mehr als man offen legt. In den 60er und 70er Jahren des 20. Jahrhunderts erfolgte die sexuelle Revolution, welche zeigte, dass sich die Beziehung zwischen Mann und Frau wandeln konnte. Mädchen und Frauen bestimmen selbst über ihre Sexualität und ergreifen auch manchmal selbst die Initiative (vgl. Mietzel 2002, S. 376ff).

Bevor Jugendliche beginnen sexuelle Kontakte mit anderen Personen zu haben, versuchen sie durch Selbstbefriedigung selbst herauszufinden, wie ihr Körper funktioniert. Laut Statistik kann man sagen, dass die meisten Jugendlichen mit 17 Jahren erste sexuelle Erfahrungen sammeln. Das Aufkommen sicherer Verhütungsmethoden und der abnehmende Einfluss der Kirche tragen einen großen Beitrag zur sexuellen Revolution. Der Wunsch nach den ersten sexuellen Erfahrungen und die damit verbundene Unwissenheit über die Verhütungsmethoden ist oft ein Grund, warum junge Mädchen erstmals einen Frauenarzt aufsuchen. Besorgniserregend ist der Umgang mit Verhütungsmitteln – es bestehen nach wie vor noch extreme Wissenslücken. Bedenklich ist, dass die Häufigkeit von ungeschütztem Verkehr zunimmt, je weniger die Jungen und Mädchen ihren Partner kennen. Des Weiteren wissen sehr viele Jugendliche nicht, wann zwischen zwei Blutungen der Frau die Möglichkeit einer Schwangerschaft am größten ist (vgl. Mietzel 2002, S. 374ff). Verhütungsmittel sollen vor ungewollter Schwangerschaft und gleichzeitig vor ansteckenden Krankheiten schützen. Es gibt eine ganze Palette an Methoden, die alle unterschiedliche Vor- und Nachteile haben. Faktoren wie Alter, Sicherheit, Familienplanung und Religion können dabei die Entscheidung für ein Verhütungsmittel beeinflussen. Die Pille gilt jedoch als die sicherste Verhütungsmethode und wird von den meisten Jugendlichen bevorzugt.

Motive für die ersten heterosexuellen Kontakte sind sehr von Neugier und sozialem Druck durch Gleichaltrige geprägt. Viele der Jugendlichen berichten, sie wollen das „erste Mal“ einfach „hinter sich bringen“. Dabei kann man noch nicht von sexueller Reife sprechen. Der richtige Partner kann erst dann gefunden werden, wenn die kognitiven Voraussetzungen erfüllt sind (vgl. Mietzel 2002, S. 376).

Erklärungen für früheres oder späteres Auftreten heterosexueller Aktivitäten kann man auf den Einfluss der Peergruppe zurückführen. Im Jugendalter findet eine verstärkte Hinwendung zu Gleichaltrigen oder zu Peers mit dem gleichen Entwicklungsstand oder sozialem Rang statt. Jugendliche sind dann sexuell aktiver, wenn Freunde und Bekannte dies auch sind.

Sexualität ist Teil der Persönlichkeit des Menschen und zeigt, ob er dabei mit seinem eigenen Körper im Einklang ist, wie er das andere Geschlecht wahrnimmt und in welcher Beziehung er zu anderen Menschen steht. Sexualität oder Sexualerziehung ist natürlich nicht erst in der Pubertät ein entscheidendes Thema, vielmehr erstreckt sie sich über das ganze Leben. Das Sexualverhalten eines Menschen ist stets durch die Eltern - auch wenn Sexualität als Tabuthema behandelt wird - und frühkindlichen Erfahrungen geprägt, wobei vor allem religiöse Vorstellungen, die soziale und kulturelle Herkunft die eigene Überzeugung, Wertvorstellungen und Anschauungen hinsichtlich der Sexualität beeinflussen. Je nachdem mit welchem Elternteil der/die Jugendliche etwa über Sexualität spricht, führt zu unterschiedlichen sexuellen Aktivitäten. Wenn man hauptsächlich mit der Mutter über Sexualität spricht, besteht die Tendenz zu einer eher geringen sexuelle Aktivität, als wenn man mit dem Vater darüber spricht, denn Väter tendieren dazu, die Kinder zu ermutigen, selbst sexuelle Erfahrungen zu sammeln. Allgemein betrachtet, hat die Einstellung der Eltern zur Sexualität großen Einfluss auf die Jugendlichen. Es kann aber auch zu einem Motivkonflikt kommen, wenn die Eltern auf Sex nach der Ehe bestehen und die Peer-Gruppe zu Sex drängt. Beide Motive können nicht erfüllt werden (vgl. Mietzel 2002, S. 376f).

Populärwissenschaftliche Literatur zum Thema Pubertät


Verwendete Literatur

Haeberle, E. (1978). Die Sexualität des Menschen – Handbuch und Atlas. Online im internet: WWW: http://www2.huberlin.de/sexology/ATLAS_DE/html/die_primaeren_geschlechtsmerkm.html (07-11-14).
Mietzel, G. (2002). Wege in die Entwicklungspsychologie. Kindheit und Jugend. Weinheim: BeltzPVU.
Montada, L. & Oerter, R. (2002). Entwicklungspsychologie. Weinheim: Beltz
Trautwein, N. (1996). Die Riesen kommen! – Entsteht ein neuer Menschentyp?. Online im internet: WWW: http://www.klm-hannover.de/medien/z-9607xx.htm (07-11-14).
GesundheitPro vom 29.04.2009. http://www.gesundheitpro.de/Psychologie-Maedchen-und-Buben-entwickeln-Psyche-A090429FLG0Q112946.html (09-04-30)



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