Gehirnforschung & Freiheit
Der Geist ist kein Schiff, das man beladen kann,
sondern ein Feuer, das man entfachen muss.
Plutarch
Vorbemerkung
Die aktuelle Debatte über die Existenz des freien Willens spiegelt nicht die empirische Befundlage der Entscheidungspsychologie wider. Die Psychologie hat in den hundertfünfzig Jahren ihres Bestehens zahlreiche eigene Modelle entwickelt, die wenig mit dem zusammenpassen, was einige pragmatische Hirnforscher in der Öffentlichkeit behaupten. Betrachtet man die Komplexität des Gehirns, ist es absurd zu behaupten, man wisse, das Gehirn funktioniere deterministisch, denn der freie Wille ist genau jenes Konstrukt, das aus den geisteswissenschaftlichen Debatten seit Descartes oder Kant gewonnen wurde und das die Grundlage unserer sozialen Ordnung darstellt. Der Wille ist zwar stets von der Person abhängig, aber diese verfügt in der Regel über die Freiheit, bestimmte Handlungen auszuwählen. Die Psychologie zeigt, dass Willensprozesse durch Phasen des Abwägens geprägt sind, womit Planung verbunden ist, und erst der nächste Schritt betrifft die Umsetzung der Handlung. Dann folgen die Kontrollphase und die Bewertungsphase, was oft in Sekundenschnelle abläuft, sich aber auch über Tage und Wochen erstrecken kann. Gerade bei wichtigen Entscheidungen werden diese Phasen mehrmals durchlaufen. Die Neurobiologie vertritt in der Öffentlichkeit oft einen Reduktionismus, der dadurch entsteht, da Vieles zu früh über die Medien kommuniziert und meist viel zu weitläufig interpretiert wird, bevor überhaupt noch eine haltbare Theorie entwickelt worden ist. Die Neurobiologie verfügt über so viele Daten, dass sie jede Woche neue Sensationen verkünden kann, aber sie hat bisher noch keine tragfähige Wissenschaftstheorie entwickelt, weshalb eine methodische Selbstreflexion der Hirnforschung noch gar nicht stattgefunden hat. Vieles hat schlicht mit Marketing zu tun, da durch die sensationsheischende externe Kommunikation öffentliche Gelder lukriert werden.
(Aus einem Interview von Ruth Pauli mit Felix Tretter in der Wiener Zeitung vom 17.1.2009)
Der Psychologie kommt daher bei der Erforschung des "freien Willens" eine Schlüsselrolle zu, da sie von allen Wissenschaften noch am engsten an der Schnittstelle von Geistes- und Naturwissenschaften angesiedelt ist, wobei sie sich aber auf Grund ihrer "Menschenkenntnis" darüber im Klaren ist, dass eine Beantwortung der Frage nach den Grundlagen menschlicher Freiheit wohl durch den Ausgang des Machtkampfes zwischen den Wissenschaftsdisziplinen entschieden werden wird, denn in der Wissenschaftsgeschichte hat Erkenntnis eben immer auch damit zu tun, welche "Wahrheit" sich schließlich nachhaltig etablieren läßt. Aber sie weiß natürlich auch, dass nichts "ewig" ist …
Hirnforscher stellen Grundkategorie in Frage
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Hirnforscher stellen eine Grundkategorie des menschlichen Selbstverständnisses in Frage: die Willensfreiheit. "Der freie Wille ist nur eine nützliche Illusion", sagt der Neurobiologe Gerhard Roth (Universität Bremen). Er veröffentlichte kürzlich die grundlegende Arbeit "Fühlen, Denken, Handeln". Seit einigen Jahren haben Hirnforscher deutlich gemacht, wie entscheidend neuronale Prozesse für das Verhalten sind, und veränderten somit manches am traditionellen Bild vom Menschen. Viel Beachtung fanden Experimente des amerikanischen Neurophysiologen Benjamin Libet. Sie legten manchem Beobachter den Schluss nahe: Menschen tun nicht, was sie wollen, sondern sie wollen, was sie tun. Noch radikaler leugnet der Neurobiologe Wolf Singer die Willensfreiheit: "Wir hätten schon gern, dass da jemand im Hirn sitzt und sich das alles anschaut", sagte er auf dem Wiener Symposium "Autonomie - Personalität - Verantwortung". "Aber da sitzt keiner: kein Zuschauer in diesem Theater. schon gar kein Schauspieldirektor, kein Dirigent. Nichts als Neuronen und ihre Verknüpfungen. Nicht einmal ein Zentrum." Alle Versuche der Evolution, ein höheres Nervenssystem zentralistisch zu gestalten, sind erfolglos gewesen. Wenn wir glauben, ein kohärentes Bewusstsein zu spüren und über einen freien Willen zu verfügen, sei das nichts als eine vermutlich mit selektiven Vorteilen verbundene Illusion. Die Welt ist auf drei Wegen ins Hirn gekommen: über die in der Evolution geformten Gene, frühkindliche Entwicklungen und späteres Lernen. Nur Wissen der dritten Art erscheint uns als bewusst. Die Illusion der Willensfreiheit selbst ist wohl eine früh entwickelte und daher unbewusst angenommene Errungenschaft. |
Gehirn entscheidet im Alltag weniger rational als unterbewusstJeffrey M. Beck, Wei Ji Ma, Roozbeh Kiani, Tim Hanks, Anne K. Churchland, Jamie Roitman, Michael N. Shadlen, Peter E. Latham & Alexandre Pouget (2008). Probabilistic Population Codes for Bayesian Decision Making. Neuron, Volume 60, Issue 6, 1142-1152. |
Zwar ist alles Leben auch immer Entscheiden (siehe z.B. bei Karl Popper, wonach alles Leben Problemlösen ist), weil es von Anbeginn mehr oder minder dem Zufall ausgeliefert ist, aber Freiheit und Zwang zum Entscheiden gehören letztlich zusammen. Leben bedeutet aber auch mehr, denn es schafft und sucht evolutionär neue Möglichkeiten und damit neue Zufälle. Das Gehirn ist daher letztlich auch ein wichtiges Lenkungsorgan für die Entscheidungsprozesse des Lebens, wobei es zum Entscheiden erkennen und lernen muss. Das läuft zwanglos ab, als unsicheres Experimentieren via trial and error und auch unter vielen Zweifeln. Das Gehirn jagt ständig nach Neuem und auch Zufälligem, um daraus Regeln zu kreieren, wobei Entscheidungen ursprünglich meist grundlos sind. Mit der grundgelegten Information z. B. in den Genen kann das Leben aber allmählich Entscheidungswege fixieren und eine eigene Kausalität rund um die Darwinschen Grundfunktionen Reproduktion, Mutation und Selektion zu entwickeln. Daniel Kahneman und Amos Tversky bewiesen, dass die Entscheidungsfindung menschlicher Gehirne nur in seltenen Fällen völlig rational erfolgt. Die meisten Entscheidungen im Alltag trifft das menschliche Gehirn spontan und unterbewusst, doch die bisherige Forschung hat sich vor allem mit bewussten Entscheidungen beschäftigt. Alex Pouget (Universität Rochester, New York) beschäftigt sich in seiner Forschung genau mit der Präzision unbewusster Entscheidungen und meint, dass das Gehirn immer dann die bestmöglichen logischen Entscheidungen trifft, wenn das Unterbewusstsein das Sagen hat. Pouget ließen für die ProbandInnen auf einem Computerbildschirm betrachten, die sich nach dem Zufallsprinzip in verschiedene Richtungen bewegen. Einige der Punkte bewegen sich allerdings zielgerichtet nach links oder rechts. Die Versuchspersonen sollten urteilen in welcher Richtung sich die Punkte bewegen. Die ProbandInnen hatten ohne großes Nachdenken eine ziemlich hohe Trefferquote, wobei die richtige Antwort plötzlich da war - ohne Wissen über die sehr komplexen Berechnungen. In einem anderen Versuch wurde den ProbandInnen der Prozentsatz optimaler Lösungen mitgeteilt, doch mit diesem Wissen ausgestattet wurden deutlich schlechtere Ergebnisse erzielt. Unbewusste Entscheidungen werden also offensichtlich präziser und "vernünftiger" getroffen als bewusste Überlegungen, wobei die Verlässlichkeit von Entscheidungen durch bewusst aufgenommene Informationen sogar manchmal gestört wird. Michael Shadlen (Universität Washington) hat diese Ergebnisse auf neuronaler Ebene bestätigt, indem er ein Neuronenpaar im Gehirn beobachtete, das auf Bewegungen nach links oder rechts reagiert. Im Testverlauf feuerten diese Neuronen häufiger und wenn eine bestimmte Schwelle erreicht wurde, bildete sich im Gehirn schon die Antwort auf die Bewegungsrichtung aus. Das Gehirn "wartet" demnach nicht, bis vollkommene Sicherheit herrscht, sondern es trifft Entscheidungen, die auf Wahrscheinlichkeiten beruhen. Die Entscheidungsfindung wird also zeitlich und nach Wahrscheinlichkeit maximal optimiert. Auch konnten die ProbandInnen auf Grund unbewusst gesammelter Informationen beurteilen, mit wieviel prozentiger Wahrscheinlichkeit ihre Entscheidung richtig ist. |
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Der Mensch zwischen objektiver Determiniertheit und subjektiver FreiheitSpitzer, Manfred (2003). Selbstbestimmen. Gehirnforschung und die Frage: Was sollen wir tun? Heidelberg: Spektrum Akademischer Verlag. Quelle: |
Manfred Spitzer, Philosoph, Psychologe und Neurologe in Ulm, zeichnet in seinem Buch den Menschen als bewertendes, entscheidendes und handelndes Individuum. Aus der Sicht der Hirnforschung lehnt er die Unterscheidung zwischen "wir" und "unser Gehirn" ab, denn das Gehirn macht die Person und damit das Subjekt von Entscheidungen und Handlungen ja erst aus. Er betrachtet das Gehirn ganzheitlich und versucht eine "Versöhnung" zwischen objektiver Determiniertheit und subjektiver Freiheit: "Überspitzt kann man formulieren, dass ein Zahnschmerz - objektiv betrachtet - ebensowenig schmerzhaft ist wie eine freie Entscheidung - ebenfalls objektiv betrachtet - frei ist; dennoch ist beides, das Zahnweh und die freie Entscheidung, für uns ganz gewiss wirklich." Der "Trick" liegt im Perspektivenwechsel zwischen Subjekt und Objekt, ähnlich wie bei Kant "Freiheit ist Einsicht in die Notwendigkeit" oder bei Freud "Wo Es war, soll Ich werden". Dieser aus der neuzeitlichen Tradition der Philosophie stammenden - Überzeugung von der Illusionshaftigkeit des Ich (David Hume, Ernst Mach) lässt sich vieles entgegenhalten. Selbst der wohl radikalste Freiheitsphilosoph des 20. Jahrhunderts, Jean-Paul Sartre, hat - allerdings eher aus ontologischen Gründen - das Selbst und die Ich-Haftigkeit als etwas Prozedurales und nicht als etwas Substanzielles dargestellt. Für Sartre sind Menschen, in Antithese zur Freiheitsauffassung der Genforscher, "Zur Freiheit verurteilt". Philosophen wie etwa Peter Strasser wählen hingegen einen Weg, der die Auffassung vom Gehirn als einer notwendigen, aber keineswegs hinreichenden Voraussetzung für das Auftauchen einer bewussten Erfahrung aus der Perspektive der Kreatürlichkeit menschlichen Seins plausibel erscheinen lässt: einer Kreatürlichkeit, die nach Strasser nicht unbedingt mit einem Schöpfungsglauben verbunden sein muss. Strassers Position scheint der des "schwachen Denkens" der Postmoderne entlehnt, denn ohne Rückgriff auf die Tradition der Metaphysik, Transzendentalphilosophie oder des Idealismus und in Gegenstellung zum naturalistischen Materialismus der Hirnforschung wird in einer Art Deismus das verteidigt, was der humanistischen Tradition unseres abendländischen Denkens entspringt: ein Primat des Bewusstseins, der Freiheit, der Würde des menschlichen Seins. "Die Suche nach dem wahren Selbst als einer Basiskategorie der Ichhaftigkeit allen Personseins" bleibt aufrecht. Diese Position erinnert an den Versuch Immanuel Kants, eine spekulative Idee (die der Unsterblichkeit) als eine Voraussetzung dafür zu fordern, dass es im "Diesseits" so etwas wie eine personale Identität, die nicht mit meiner Gehirntätigkeit zusammenfällt, geben kann. Das erinnert aber ein wenig an einen Slalom zwischen Appellieren an einen längst verblassten Gott der Philosophen und dem verschämten Erinnern an den Gott des Glaubens und der Verheißung, der für Pascal entscheidend war. |
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Hirnforscher sind auf der Suche nach GottQuelle: |
Viele Eigenschaften machen uns menschlich, aber keine ist rätselhafter als die Religion. Ein Grund mehr, dass sich Neurowissenschafter zunehmend der physiologischen Bedingungen des religiösen Erlebens annehmen. Was spielt sich in unserem Gehirn ab, wenn wir Gefühle des Gottvertrauens erleben? Welche Hirnmechanismen kennzeichnen den Glauben an Gott und meditative Erfahrungen? Die Gehirnaktivität von sterbenden Menschen steigt nach amerikanischen Untersuchungen der George Washington Universität kurz vor dem Tod stark an, was vermutlich auch Nah-Tod-Erfahrungen erklären kann. Vermutlich arbeitet das Gehirn durch das Nachlassen des Blutdruck und dadurch verringerter Sauerstoffzufuhr verstärkt, vermutlich um die fehlenden Signale der Peripherie auszugleichen. Menschen die kurze Zeit klinisch tot waren bzw. dem Tod sehr nahe kamen, berichten bekanntlich immer wieder von einem weißen Licht oder von Erfahrungen außerhalb ihres Körpers. |
Die Libet-ExperimenteQuelle: Pauen, Michael (2005). Die Libet-Experimente. Literatur: Prinz, Wolfgang (1996). Freiheit oder Wissenschaft. In M. v. Cranach und K. Foppa (Hrsg.), Freiheit des Entscheidens und Handelns. Ein Problem der nomologischen Psychologie (S. 86-103). Heidelberg: Asanger. Pauen, Michael (2004). Illusion Freiheit? Mögliche und unmögliche Konsequenzen der Hirnforschung. Frankfurt a.M.: S. Fischer.
Lebenslauf von Benjamin Libet |
In seinen ursprünglichen Experimenten untersuchte Libet die zeitliche Abfolge zwischen einer einfachen Handlung, dem dazugehörigen bewussten Willensakt und der Einleitung der Handlung auf der neuronalen Ebene; im allgemeinen werden aus seinen Experimenten aber auch Aussagen über die kausalen Zusammenhänge zwischen diesen Prozessen abgeleitet.
Die Versuchspersonen hatten die Aufgabe, insgesamt vierzig Mal eine einfache Handbewegung der rechten Hand auszuführen. Den Zeitpunkt der Ausführung konnten sie jeweils weitgehend frei wählen. Gleichzeitig waren sie aufgefordert, sich genau zu merken, wann sie den bewussten "Drang" ("urge") oder Wunsch verspürten, die Bewegung auszuführen. Zu diesem Zweck sollten sie sich die Position eines Punktes merken, der sich ähnlich wie ein Sekundenzeiger mit einer Geschwindigkeit von ca. 2,5 Sekunden pro Umdrehung auf einer Art Zifferblatt bewegte. Libet maß gleichzeitig den Anstieg des symmetrischen Bereitschaftspotentials. Das symmetrische Bereitschaftspotential ist ein im Elektroenzephalogramm (EEG) messbares negatives elektrisches Potential, das bei der Vorbereitung willentlicher Bewegungen entsteht und etwa eine Sekunde vor der Ausführung der Bewegung einsetzt. Das Potential ist sehr schwach; es kann daher nur durch Mittelung über eine Vielzahl von Versuchsdurchgängen festgestellt werden. Die zugrunde liegende neuronale Aktivität tritt auf im supplementären motorischen Areal, im primären motorischen Areal sowie in den primären und sekundären sensorischen Arealen. Um eventuelle Verzerrungen bei der Datierung des bewussten Willensaktes durch die Versuchsperson abschätzen zu können, ließ Libet seine Versuchspersonen mit derselben Uhr leichte elektrische Hautreize datieren. Das Ergebnis war für Libet selbst überraschend: Das Bereitschaftspotential setzte im Mittel etwa 550 Millisekunden vor der Ausführung der Bewegung ein; der Willensakt wurde jedoch, ebenfalls im Mittel, erst 200 Millisekunden vor der Ausführung der Bewegung bewusst und damit etwa 350 Millisekunden nach dem Auftreten des Bereitschaftspotentials. Libet zufolge zeigt dies, dass das Gehirn "'entscheidet', eine Bewegung, oder zumindest die Vorbereitung einer Bewegung einzuleiten, bevor es irgendein subjektives Bewusstsein davon gibt, dass eine solche Entscheidung stattgefunden hat" (Libet 1985, S. 536). Viele Autoren haben hieraus weitreichende Schlussfolgerungen in bezug auf die Willensfreiheit gezogen. In ihren Augen zeigen die Libet-Experimente, dass unser Handeln nicht von unseren bewussten Entscheidungen abhängt, sondern von unbewussten Hirnprozessen. Unsere bewussten Willensakte sind, so diese Autoren, bloßes Beiwerk, das auftritt, nachdem das Gehirn längst festgelegt hat, was wir tun werden. Von Willensfreiheit kann daher keine Rede sein. Vielmehr scheint es, als sei die Handlungsentscheidung längst gefallen, wenn die bewusste Intention ausgebildet wird. Wenn das zutrifft, ist die Handlungsintention nicht die kausale Grundlage der Handlungsentscheidung, vielmehr kommt die Handlungsentscheidung in anderen Prozessen zustande, die Libet als unbewusst bezeichnet (vgl. Prinz 1996, S. 99) Der Einwand gegen die Realität der Willensfreiheit ergibt sich also daraus, dass die Libet-Experimente zu zeigen scheinen, dass die Festlegung auf eine bestimmte Handlung nicht durch eine bewusste Entscheidung der Person, sondern durch einen unbewussten Hirnprozess erfolgt. Diese Einwand ist völlig unabhängig vom Problem des Determinismus. Die Behauptung, dass die Handlung nicht durch die Person, sondern durch unbewusste neuronale Prozesse gesteuert wird, liefert auch dann einen Einwand gegen die Willensfreiheit, wenn sich unsere Welt als nicht determiniert erweist bzw. wenn Freiheit und Determination miteinander vereinbar sind. Libet selbst hat aus seinen Experimenten jedoch niemals eine Widerlegung der Willensfreiheit abgeleitet. Er glaubt nachweisen zu können, dass auch eine durch das Bereitschaftspotential eingeleitete Handlung noch kurz vor der geplanten Ausführung durch ein bewusstes "Veto" gestoppt werden kann. Libet hatte seine Versuchspersonen in einer weiteren Bedingung des Experiments aufgefordert, die Bewegung zwar vorzubereiten, sie jedoch kurz vor einem festgelegten Zeitpunkt zu unterbrechen. Es stellte sich heraus, dass dies noch bis zu 100 Millisekunden vor der geplanten Ausführung möglich war. Libet stellte außerdem ein Bereitschaftspotential fest, das im wesentlichen demjenigen in den normalen Versuchsdurchläufen entsprach. Es ist jedoch unklar, ob Libet damit wirklich einen glaubhaften Nachweis für die Existenz eines solchen Vetos erbracht hat. Dies würde voraussetzen, dass in den genannten Experimenten tatsächlich eine bereits eingeleitete Handlung spontan unterbrochen wurde. Dies war jedoch nicht der Fall. Die Versuchspersonen wussten nämlich schon bei der Einleitung ihrer Handlung, dass sie diese zu einem vorgegebenen Zeitpunkt unterbrechen würden. John Dylan Haynes (Bernstein Center for Computational Neuroscience an der Charité in Berlin) konnte nachweisen, dass bereits mehrere Sekunden vor einer bewussten Entscheidung aus der Gehirnaktivität abgelesen werden kann, was Menschen letztlich tun werden. Probanden sollten sich ein einem Experiment entscheiden, ob sie zu einem selbstgewählten Zeitpunkt einen Knopf mit der linken Hand oder einen anderen mit der rechten drücken wollen. Die meisten Probanden gaben an, sich innerhalb einer Sekunde vor dem Drücken für den einen oder den anderen Knopf entschieden zu haben. Durch Messungen der Gehirnaktivität des frontopolaren Kortex an der Stirnseite des Gehirns konnten die Forscher jedoch in etwa 60 Prozent der Fälle schon sieben Sekunden vor diesem bewussten Entschluss vorhersagen, welche Hand die Testperson einsetzen wird. Das deutet darauf hin, dass die Entscheidung im Gehirn bereits unbewusst angebahnt war, lange bevor sie bewusst getroffen wurde. Jeder Gedanke ist in einem räumlichen Muster der Hirnaktivität kodiert ist, wobei es offensichtlich bestimmte Areale für die Speicherung von optischen oder akustischen Eindrücken, von Plänen oder Erinnerungen gibt. Kennt man nun das Muster eines bestimmten Gedankens im Gehirn, kann man diesen Gedanken auch "lesen". Linktipp: Eine kritische Auseinandersetzung mit den Interpretationen dieses Experiments findet sich auf Philosophie verständlich: Willensfreiheit: Die Libet-Experimente Philosophie verständlich: Willensfreiheit: Die Libet-Experimente |
Gehirn erkennt Fehler früher, als sie uns bewusst werdenQuelle: |
Clemens Maidhof (Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften) hat mit anderen Forschern nachgewiesen, dass das Gehirn schon früh Vorhersagen darüber macht, welches Ergebnis eine Handlung bewirken wird. Steht die Vorhersage im Widerspruch zum Handlungsziel, kann das Gehirn den Fehler entdecken, bevor er gemacht worden ist. Bei einem Experiment spielten Pianisten, bei denen mittels EEG die Gehirnaktivität aufgezeichnet wurde und denen zur Vorbeugung von Ablenkungen die Augen verbunden waren, beidhändig Tonfolgen, die zuvor auf einem Band vorgespielt worden waren. Unterlief den Musikern ein Fehler, führte das zu einem Anstieg im EEG, bevor die Pianisten den falschen Ton gehört haben konnten, wobei das Gehirn den Fehler schon eine Zehntelsekunde, bevor er geschehen ist, zu erkennen schien. Die falschen Tasten wurden zudem leiser und verzögert angeschlagen, aber auch die zweite Hand, die zur gleichen Zeit die richtige Taste spielte, wies eine Verzögerung auf. |
Quellen und Literatur
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