Teilen Sie jetzt diese Seiten in Ihren Netzwerken!

Das problemzentrierte Interview*)

Das problemzentrierte Interview ist eine Variante des narrativen Interviews und zielt auf eine möglichst unvoreingenommene Erfassung individueller Handlungen sowie subjektiver Wahrnehmungen und Verarbeitungsweisen gesellschaftlicher Realität. Das problemzentrierte Interview ist ein "diskursiv-dialogisches Verfahren", das die Befragten als Experten ihrer Orientierungen und Handlungen begreift, die im Gespräch die Möglichkeit zunehmender Selbstvergewisserung mit allen Freiheiten der Korrektur eigener oder der Intervieweraussagen wahrnehmen können. Um seinen eigenen Erkenntnisfortschritt zu optimieren, kombiniert der Interviewer das Zuhören mit Nachfragen.

Ein Kurzfragebogen dient zunächst zur Ermittlung von Sozialdaten (Alter, Beruf der Eltern usw.), das nachfolgende Interview, das eine Aushandlung der subjektiven Sichtweise der Interviewten zum Ziel hat, wird von denjenigen Fragen entlastet, die als Frage-Antwort-Schema aufgebaut sind. Zum anderen können die in ihm enthaltenen Informationen - und insbesondere in Kombination mit einer offenen Frage - einen Gesprächeinstieg ermöglichen.

Die im allgemeinen von den Interviewten akzeptierte Tonträgeraufzeichnung erlaubt im Gegensatz etwa zu Gesprächsprotokollen die autentische und präzise Erfassung des Kommunikationsprozesses; sie sollte anschließend vollständig transkribiert werden. Der Interviewer kann sich ganz auf das Gespräch sowie auf Beobachtungen situativer Bedingungen und nonverbaler Äußerungen konzentrieren.

Im Leitfaden sind die Forschungsthemen als Gedächtnisstütze und Orientierungsrahmen zur Sicherung der Vergleichbarkeit der Interviews festgehalten. Darüber hinaus sind einige Frageideen zur Einleitung einzelner Themenbereiche und eine vorformulierte Frage zum Gesprächsbeginn enthalten.

Als Ergänzung zur Tonträgeraufzeichnung werden unmittelbar nach dem Gespräch Postskripte erstellt. Sie enthalten eine Skizze zu den Gesprächsinhalten, Anmerkungen zu den o.g. situativen und nonverbalen Aspekten sowie zu Schwerpunktsetzungen des Interviewpartners. Außerdem werden spontane thematische Auffälligkeiten und Interpretationsideen notiert, die Anregungen für die Auswertung geben können.

Die Gestaltung des problemzentrierten Interviews

Zunächst ist die unmittelbare Kontaktaufnahme Teil des Interviewablaufs. Die weitere Gestaltung des Gesprächs erfolgt dann zum einen mit den erzählungsgenerierenden Kommunikationsstrategien Gesprächseinstieg, allgemeine Sondierungen und Ad-hoc-Fragen; zum anderen mit den verständnisgenerierenden Strategien der spezifischen Sondierungen mit den Elementen Zurückspiegelungen, Verständnisfragen und Konfrontationen.

Eine vorformulierte Einleitungsfrage ist ein Mittel der Zentrierung des Gesprächs auf das zu untersuchende Problem. Zugleich soll die Frage so offen formuliert sein, daß sie für den Interviewten "wie eine leere Seite" wirkt, die er in eigenen Worten und mit den ihm eigenen Gestaltungsmitteln füllen kann.

Im weiteren Verlauf der Kommunikation dienen allgemeine Sondierungen einer sukzessiven Offenlegung der subjektiven Problemsicht (Prinzip der Offenheit oder Induktion). Der Interviewer greift die thematischen Aspekte der auf die Einleitungsfrage folgenden Erzählsequenz auf, um mit entsprechenden Nachfragen den roten Faden weiterzuspinnen und zu detaillieren, den die Befragten in dieser Sequenz angeboten haben.

Ad-hoc-Fragen werden notwendig, wenn bestimmte Themenbereiche, die auch die Vergleichbarkeit der Interviews sichern, von den Interviewten ausgeklammert wurden. Sie ergeben sich aus Stichworten im Leitfaden oder können auch einzelne standardisierte Fragen beinhalten, die zur Vermeidung des Frage-Antwort-Spiels im Hauptteil des Interviews am Ende des Gesprächs gestellt werden.

Dem Prinzip der Gegenstandsorientierung entsprechend gibt es für unterschiedliche Erkenntnisinteressen und thematischen Bezüge verschiedene Auswertungsmethoden. Grundlage aller Auswertungsarbeit ist die Fallanalyse auf der Basis vollständig transkribierter Interviews. Dabei bezieht sich der erste Schritt konsequenterweise auf die bereits im Verlauf der Erhebung initiierten Vorinterpretationen, die der Auswerter Satz für Satz deutend nachvollzieht. Die Resultate dieses Auswertungssprozesses bestehen zunächst in der Markierung des Textes mit Stichworten aus dem Leitfaden (theoriegeleitet) und mit Begrifflichkeiten, die neue thematische Aspekte aus den Darstellungen der Interviewpartner kennzeichnen (induktiv).

Diese Markierungen können auch Grundlage der Entwicklung eines Codierrasters für den Aufbau einer Textdatenbank sein, die als elektronisches Fundstellenregister mit komplexen Zugriffsmöglicheiten genutzt werden kann.

Der nächste Schritt der Fallanalyse besteht im Verfertigen einer Falldarstellung oder biographischen Chronologie, die den Interpreten mit dem Einzelfall vertraut machen soll. Mit ihnen lassen sich in der weiteren Analyse Einzelaussagen oder Textsequenzen in einen Gesamtzusammenhang, z.B. eines biographischen Verlaufs stellen.

Das Dossier bzw. die Fallbewertung enthält einen Kommentar des Auswerters über die Beschaffenheit des vorliegenden Interviewmaterials, die Besonderheiten des Falls, interpretative Unsicherheiten, außergewöhnliche Ereignisabläufe und methodische Fehler.

Das narrativ-fokussierte Interview

Quelle:
Kaiser, Ruth (o.J.). Narrativ-fokussiertes Interview in der Bildungsforschung. Merkmale, Anwendung, Auswertung.
WWW: http://www.georgpeez.de/
texte/kaiser.htm (02-11-18)

Diese ebenfalls qualitative Methode focussiert auf sinnvermitteltes menschliches Handeln und nützt die prinzipielle Freiheit, die dem Interviewten in der Gestaltung seiner Erzählung zugestanden wird. Es wird vor allem für die Darstellung von Lebensläufen bzw. für den biographischen Bericht eingesetzt. Die Wortbildung verweist darauf, daß dieser Interviewtyp den Prinzipien des narrativen Interviews folgt, die Erzählung aber auf einen Schwerpunkt, auf den "Brennpunkt" einer Untersuchung konzentriert ist. So ergibt sich die Aufgabe, einerseits den Erzähler nicht zu beeinträchtigen, aber den Erzählinhalt dennoch zu begrenzen. Damit steht das narrativ-fokussierte Interview zwischen dem rein narrativen Interview, also dem völlig frei verfügbaren Erzählen, und dem Leitfadeninterview, bei dem die Erzählung durch vorstrukturierte Frage- und Problemstellungen in gewissem Sinn präformiert ist.

Ablauf des narrativ-fokussierten Interviews

In einem Eingangsstatement umreißt der Interviewer kurz das Anliegen, das mit dem Interview verbunden ist und gibt anschließend mit einer allgemein gehaltenen Frage dem Interviewten Gelegenheit, seine Erzählung zu beginnen. Diese Frage hat die Funktion, das Wort an den Interviewten zu übergeben und ihn von nun an die aktive Rolle im Gespräch ausfüllen zu lassen. Entsprechend den Prämissen des narrativen Interviews ist die Einleitungsfrage so weit zu formulieren, daß sie dem Erzähler Spielraum zur Eigenstrukturierung seiner "Geschichte" gibt; sie muß aber andererseits den Fokus des Gesprächs in den Blick bringen. Zugleich darf sie den Erzähler nicht massiv zu privaten Aussagen auffordern, was ihm angesichts einer noch wenig definierten Interaktionssituation nicht zuzumuten wäre und bei ihm vermutlich Abwehrreaktionen hervorrufen würde. Z.B. wurde in einem narrativ-fokussierten Interviews nur danach gefragt, wie der Betreffende eigentlich mit dem untersuchten Schulversuch in Berührung gekommen ist, wie er davon erfahren habe. Damit hatte der Interviewte zunächst Raum zur Darstellung eines relativ unpersönlichen Sachverhaltes, hinter dem er noch "Schutz" suchen konnte, bis das Interaktionsklima angewärmt war und sich die (Interview-)Situation für ihn zu klären begann. In aller Regel war mit dieser Eingangsszene ein Erzähfluß in Gang gesetzt, bei dem der Interviewte zunehmend auch seine persönlichen Überzeugungen, Meinungen, privaten Konstellationen zur Sprache brachte, womit möglich wurde, den Text später auf die erzählereigenen Deutungsschemata hin auszuwerten.

Der Gesprächsverlauf wird vom Bemühen getragen, den Erzähler immer wieder zu Deutungen zu veranlassen, ihm aber keine Deutungsangebote zu unterbreiten, etwa den Interviewten globale Begriffe, die er in seiner Erzählung verwendet, genauer erläutern zu lassen. Hierher gehören auch immer wieder benutzte Wendungen wie etwa "schwierig", "problematisch", "fühlte mich nicht wohl", "war ganz zufrieden" usw. Dem Erzähler kann dabei die Präzisierung erleichtert werden, ein Beispiel für den erwähnten Sachverhalt zu nennen.

Ebenfalls mit hohem Deutungszwang verbunden ist die Aufarbeitung von Widersprüchen, doch sollte der Interviewer darauf achten, einen von ihm konstatierten Widerspruch nicht als unumstößlich geltend, als schlagend oder gar als Ausdruck seiner kognitiven Überlegenheit hinzustellen, sondern seine Rückfragen mit dem relativierenden Hinweis verbinden, der denkbare Widerspruch könne auch lediglich seinem, des Interviewers, subjektiven Eindruck entspringen. Wenn nur irgend möglich, soll sich der Interviewer im "Andock-Verfahren" durch das Gespräch bewegen, um seinerseits so wenig wie möglich aus der Interviewsituation heraus aktiv strukturierend in die Erzählung einzugreifen. Mit diesem Ausdruck ist eine Technik bezeichnet, bei der man jeweils ein vom Erzähler verwendetes Wort aufgreift, sich daran mit einer Rückfrage, die auch in Form einer fragenden Wiederholung erfolgen kann, anhängt (andockt), um so den Erzähler zu veranlassen, von ihm selbst benutzte Worte zu erläutern, zu differenzieren, anzureichern, mit Beispielen zu belegen.

Arbeitsschritte bei der Analyse eines narrativ-fokussierten Interviews

 

 

Die Auswertung des narrativ-fokussierten Interviews läßt sich als hypothetisch-iteratives Verfahren beschreiben: Hypothetisch ist der Zugriff insofern, als Lesarterschließungen immer nur vorläufig gelten, d.h., bis sich neue, falsifikationsträchtige Aspekte im Text aufindig machen lassen. Mit "iterativ" ist auf den Prozeß des wiederholten interpretativen Durchlaufs durch den Text verwiesen, um so Teillesarten immer wieder zueinander in Bezug zu setzen, daraus auf Deutungsschemata zu schließen und diese nochmals prüfend mit den Teillesarten zu konfrontieren. Im einzelnen durchläuft die Auswertung folgende Arbeitsschritte:

1. Phase: Erstellen eines geprüften Transkripts

Der auf Tonbandkassette aufgenommene Text wird schriftlich fixiert, wobei nonverbale Elemente mit entsprechenden Zeichen zu übernehmen sind (z. B. drei Punkte für kürzere Gesprächspausen, situationsbeschreibende Kommentare wie "lacht" oder "räuspert sich"). Anschließend vergleicht der Interviewer den Text noch einmal mit dem gesprochenen Wort und nimmt gegebenenfalls erforderliche Korrekturen vor.

2. Phase: Erfassen "objektiver" biographischer Daten

Mit diesem Arbeitsschritt wird eine erste, noch äußerlich verbleibende Struktur in die Erzählung eingebracht durch Auflistung lebensspezifischer Daten des Interviewten (Geschlecht, Wohnort, Zahl der Kinder). Daten wie Bildungsgang, Hobbys, berufliche Gegebenheiten und themenspezifische Aspektewerden dem Text entnommen. Diese Daten sind einerseits objektiv in dem Sinn, daß sie der Wahrheitsfrage und damit den Prüfkriterien "wahr - falsch" unterliegen, sind andererseits aber Ergebnis von Selektionen, die der Erzähler aus der Fülle möglicher Darstellungsmodi nach Maßgabe seiner Intentionen, Sichtweisen, Einstellungen vorgenommen hat, womit einzelne dieser "objektive" Daten durchaus erste Hinweise auch auf Einstellungen des Erzählers geben.

3. Phase: Thematische Analyse des Textes

Schon bei den ersten Textdurchgängen, die zur Kontrolle des Transkripts und zur Ermittlung der biographischen Daten erforderlich sind, wird der Interpret auf Themenschwerpunkte im Text aufmerksam und gewinnt er einen ganzheitlichen Ersteindruck von bestimmten Einstellungen des Erzählen. So kann in einer noch undifferenzierten Art global festgestellt werden, daß der Interviewte z. B. einer Projektschulklasse skeptisch bis ablehnend gegenübersteht, oder daß er als Themen, die ihn besonders beschäftigen, beispielsweise die Unterrichtssituation in Projektklassen, die Rolle des Schülers, die Arbeitsbelastung hervorhebt. Danach versucht der Interpret in einem nochmaligen Textdurchgang, alle vom Erzähler angesprochenen Themen zu benennen und ihnen entsprechende Statements zuzuordnen. Der Text wird dabei insofern anders strukturiert, als der Interpret Aussagen zum jeweiligen Thema, die der Interviewte über die gesamte Erzählung verstreut und an verschiedenen Stellen unterschiedlich breit behandelt hat, bündelt und unter einem themenbezogenen Stichwort zusammenfaßt.

4. Phase: Aufstellen von (Teil-) Lesarten und Bestimmung des Deutungsschemas

Zunächst erstellt jeder Interpret ein Lesartangebot zu jedem Thema, d.h., die vom Interviewer vorgenommene Bündelung von Einzeläußerungen, um von dorther die je themenspezifische Einstellung, Haltung, Meinung des Erzählers zu beschreiben. So differenziert beispielsweise ein interviewter Lehrer unter dem Thema "Unterricht in der Projektklasse" seine Arbeit nach einem inhaltlichen und einem methodisch-unterrichtsorganisatorischen Aspekt. Methodisch stellt sich für ihn die Situation im Unterricht wegen Arbeitshaltung und Leistungsbereitschaft der Schüler sowie der geringen Klassengröße überaus angenehm dar, in inhaltlicher Hinsicht jedoch ist der Lehrer von der Projektklasse enttäuscht. An diesen Teilschritt schließt sich direkt der Vergleich verschiedener Lesarten an in der Absicht, sowohl konkordante (übereinstimmende) als auch diskrepante (gegensätzliche) Lesarten zueinander in Beziehung zu setzen. Dabei führt vor allem der zweite Fall die Erkenntnisse ein Stück weiter, als widersprüchliche Teillesarten implizit dazu auffordern, den Text noch einmal prüfend unter der Frage durchzugehen, ob der Erzähler den Widerspruch auf einer höheren Ebene vermittelt oder ob vom Text her die Diskrepanz der Teillesarten - bis auf weiteres - tatsächlich bestehen bleiben muß.

5. Phase: Typenbildung

Mit diesem Interpretationsschritt ist die erzählerspezifische zugunsten einer strukturell allgemeinen Perspektive verlassen, d.h., die bewußt akzentuierte Beschreibung eines Einstellungskerns, einer Grundattitüde gegenüber einem Aspekt sozialer Wirklichkeit. Mit einem Typus ist also eine Einstellung überhöht gezeichnet, sind Besonderheiten und individuelle Modifikationen beiseite gelassen. Zugleich bleibt der Typus aber an das Besondere gebunden, da er nur im Durchgang durch die spezifischen Texte gewonnen werden kann. Genau besehen erfordert Typenbildung die Erarbeitung von Deutungsschemata; und so wie Deutungsschemata aus dem Vergleich von Teillesarten herauskristallisiert werden, so basiert Typenbildung auf dem Vergleich von Deutungsschemata. Typen bringen die gemeinsamen Bestandteile, den "Kern" vergleichbarer Deutungsschemata zum Ausdruck.

Dadurch kommt ihnen bei sozialwissenschaftlicher Erkenntnis eine doppelte Funktion zu: Sie erleichtern zum einen das Verständnis individueller Fälle, individueller Texte. Zum anderen erlauben sie, über das Besondere und Kontingente der subjektiven Erzählung hinaus allgemeine Aussagen zu treffen und soziale Wirklichkeit auf der strukturellen, nicht mehr auf der individuellen Ebene zu gliedern.

Begreift man die Subjektivität von Interpretationen nicht als Ergebnis blinder Willkür, sondern als Folge der Vorverständnisstruktur des Interpreten, dann bedeutet dies nichts anderes, als daß er den Text im Lichte seiner eigenen Deutungsschemata, d. h. seines subjektiv verfügbaren Erklärungs- und Orientierungswissens liest. Da ihm immer nur ein Teil des möglichen Sinnvorrats zur Verfügung steht, bleiben die Bedeutungszuschreibungen zu den Textaussagen notwendigerweise ebenfalls partiell. Diesem Mangel soll bei dem hier vorgeschlagenen Auswertungsverfahren auf doppelte Weise begegnet werden: Einmal zwingen die Erstellung einer detaillierten Teillesart zu jedem der verschiedenen Erzählthemen des Interviews und anschließend der Vergleich dieser Teillesarten untereinander den Interpreten zu einer differenzierten und aspektreichen Behandlung des Gegenstandes. Er hat unterschiedliche Aspekte der ihm zur Verfügung stehenden Sinnzusammenhänge zu aktivieren und vermeidet so das Risiko, die Bandbreite möglicher Verweisungszusammenhänge vorschnell zu beschneiden.

Potenziert wird dieser ins Auswertungsverfahren eingebaute Zwang zur Sinndifferenzierung und -anreicherung durch die handlungspraktische Aufforderung, Texte im Team und damit in der Konfrontation mit differenten Lesartangeboten auszuwerten. Die Verständigung der Interpreten über ihre unterschiedlichen Interpretationsperspektiven und Aussagen zum Text erfolgt mit Hinweis auf das jeweils "stärkste" Argument, d. h. auf den am ehesten falsifikationsresistenten Textbeleg. Eine solcherart in der Diskussion abgeklopfte und abgesicherte Lesart wird dann als gut bestätigt und bis auf weiteres geltend angenommen. Sie steht erneut zur Disposition, sollten dazu widersprüchliche Textelemente oder andere Teillesarten auftreten.

Neben der Ermittlung latenter Einstellungsstrukturen und der Typenbildung denken wir, mit dem hypothetisch-iterativen Verfahren bei der Auswertung narrativ-fokussierter Interviews ein weiteres Problem bei der Interpretation von Texten in den Griff zu bekommen, das der Objektivität. Objektiv kann ein Urteil genannt werden, wenn das Prädikat dem Gegenstand tatsächlich zukommt und - weniger geltungstheoretisch als methodologisch gesehen - bei Anwendung des betreffenden Instrumentes weitere Interpreten so wie andere Forscher zuvor zum gleichen Ergebnis gelangen. Textinterpretationen wird aber genau das Gegenteil unterstellt: sie seien derartig beliebig, da subjektiv, daß gegenüber dem ersten ein zweiter Interpret aller Erwartung nach zu ganz anderen Einsichten komme. Das hypothetisch-iterative Verfahren, das vorzugsweise im Interpretationsteam zur Anwendung kommen sollte, versucht dieser Gefahr systematisch, nämlich verfahrensmäßig geregelt entgegenzuarbeiten. Insgesamt ist bei diesem Verfahren der Text so dicht, so feinmaschig interpretiert, daß die Interpretation kaum mehr erheblich abweichende, sondern höchstens weiter differenzierende, vertiefende, komplettierende Analysen zuläßt oder sie allenfalls noch immer auf vorhandene, ausfüllungsfähige "Leerstellen" stößt. Dies widerum setzt Objektivität im oben erwähnten Verständnis nicht außer Kraft, sondern ist Ausdruck der jedem Verstehen innewohnenden Dynamik, wie sie mit der unaufhebbaren Spezifizierung des Vorverstandnisses auf der einen und der Unabschließbarkeit des Textes auf der anderen Seile gegeben ist.

Quellen:

Witzel, Andreas (2000, Januar). Das problemzentrierte Interview [26 Absätze]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research [On-line Journal], 1(1).
Abrufbar über: http://qualitative-research.net/fqs [00-05-20].

Kaiser, Ruth (1992). Grundlagen der Weiterbildung. Zeitschrift (GdWZ), 3, Heft 6, S. 361-364.
WWW: http://www.georgpeez.de/texte/kaiser.htm (02-11-18)

 

Waren diese Informationen für Sie nützlich? Dann klicken Sie bitte auf das



In den Arbeitsblättern
[werner.stangl]s arbeitsblätter 
psychologie pädagogik forschungsmethoden neues inhalt
emotion erziehung   psychologie-news gesamtindex
essstörungen lehren literaturarbeit pädagogik-news suchen
entwicklung medien moderation   diskussion
gehirn lernen präsentation zum geleit twitter
gedächtnis lerntechnik konzentration kommentare kontakt
denken lernziele online-tests   impressum
kommunikation       copyright
konflikte sucht & drogen      
psychotherapie missbrauch psychologie-lexikon linz 2013

URL der Seite:


Creative Commons License
This work is licensed under a Creative Commons License.
Valid CSS!







































Free counters! Webliga-Webkatalog - Wissenschaft Webliga - Webkatalog