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Messung als Modellbildung

Giesecke, Michael (1988.: Die Logik der Modellbildung bei A. Dürer (S. 117-128). In Michael Giesecke, Die Untersuchung institutioneller Kommunikation. Opladen.

 

 

Messung Dürer

Holzschnitt aus der 'Underweysung der Messung', 1525

 

Bei der Messung soll die Persönlichkeit des Forschers so weit als eben möglich ausgeschaltet werden, sein Standpunkt entsubjektiviert sein. Der Output des Forschungssystems sind in diesem Ansatz zweidimensionale (ikonische) Modelle von dreidimensionalen Phänomenen.

Eine solche entsubjektivierte Organisation des Forschungsprozesses macht eine Wiederholung der Beschreibungen und prinzipiell auch eine Identifizierung der beschriebenen Phänomene möglich. Voraussetzung hierfür ist, dass erneut wieder Forschungssysteme eingerichtet werden können, die nach den gleichen Normen arbeiten. Andere ,Beschreiber‘ müssen mit anderen Worten in der Lage sein, die gleichen Rollen wieder einzunehmen, die gleichen Perspektiven herzustellen usw. Die entscheidende Schwierigkeit, um zu intersubjektiv überprüfbaren Beschreibungen zu gelangen, wird vor diesem Hintergrund die Festlegung und Explizierung von Standpunkten und Perspektiven oder in anderer Terminologie: von Methoden.

Eines der Hauptprobleme wissenschaftlicher Forschung ist die Entwicklung von Fragestellungen, denn hier entscheidet sich, welche Modelle entwickelt und welche Fragen gestellt werden. Viele Forscher wenden sich wegen der rigorosen Beweislast wissenschaftlichen Arbeitens eher jenen Fragestellungen zu, die klare und präzise Antworten erwarten lassen, als solchen, die mit gängigen Grundannahmen im Konflikt stehen und ganz sicher Schwierigkeiten in der Beweisführung implizieren.

Die wissenschaftliche wie die alltägliche Orientierung in der Umwelt geschieht nicht durch bloße Abbildung von Realität sondern als interaktive Gestaltung derselben mithilfe von Modellen. In der Regel begnügt sich die Wissenschaft allerdings nicht allein mit der Abbildung der Realität, vielmehr versucht sie, Eigenschaften von Objekten, Beziehungen zwischen Objekten in irgendeiner Weise quantitativ zu erfassen.

Sowohl historisch als auch methodisch gesehen, kann Messung als eine der Grundlagen von Wissenschaft angesehen werden.

Auch die Psychologie hat schon in den Anfängen - wie andere Human- und Sozialwissenschaften auch - versucht, psychische Merkmale einer Quantifizierung zuzuführen. Erst relativ spät jedoch - etwa seit den fünfziger Jahren - wurden auch Anstrengungen unternommen, eine Theorie des Messens zu entwickeln. Schon bald zeigte sich, daß Messung einen wesentlich komplexeren Sachverhalt darstellt, als bis dahin angenommen worden war. Denn eine Realität an sich mag existieren oder nicht, unsere möglichen Wahrnehmungen, Beobachtungen und Messungen betreffen immer Merkmale der Interaktion eines wahrnehmenden, beobachtenden oder messenden Subjektes mit der Realität. Daraus ergibt sich, daß Messungen in einem psychologischen Bereich immer einen Eingriff in diesen Bereich darstellen.
Bei der Konstruktion von psychologischen Modellen kann man sich verschiedener Medien bedienen. Meßmodelle in der Psychologie verwenden im allgemeinen mathematische oder numerische Systeme. Diese Systeme sind allerdings nicht von vornherein gegenstandsbezogen, sondern sie werden erst durch das forschende Subjekt zu einem System für einen bestimmten Bereich gemacht. Im Gegensatz zur traditionellen Auffassung - Messung sei einfach die Abbildung von empirischen Objekten auf Zahlen gemäß einer Vorschrift - vertritt GIGERENZER (1977, 1981) in seiner Implikationsthese den Standpunkt, daß die Anwendung eines numerischen Systems auf einen psychologischen Gegenstandsbereich eine psychologische Theorie über diesen Gegenstandsbereich bereits voraussetzt.
Damit wird die Trennung von Meß- und Skalierungsmodellen einerseits und psychologischer Theorienbildung andererseits aufgegeben. Das Modell von GIGERENZER (1981, S. 31) enthält fünf Komponenten:

  • das Subjekt,
  • die Zielsetzung,
  • einen Gegenstandsbereich,
  • ein numerisches System,
  • ein empirisches System.

Ein Modell psychologischer Messung muß diese fünf Komponenten enthalten, jedoch ergeben sich zusätzlich noch die Relationen zwischen diesen Komponenten, die ebenfalls definiert werden müssen, denn strenggenommen kann man nur dann von einem Modell sprechen, wenn sowohl die Komponenten als auch die zwischen diesen bestehenden Beziehungen berücksichtigt werden.

So stehen Gegenstandsbereich, numerisches System und empirisches System in einem interaktiven Zusammenhang, sodaß Messung, d. h. Modellbildung mit numerischen Systemen, nur dann möglich ist, wenn die spezifischen Strukturen dieser drei Systeme übereinstimmen.

Der Gegenstand der Meßtheorie sind die Gesetzmäßigkeiten, welche notwendig und hinreichend für eine homomorphe Abbildung eines empirischen Systems auf ein bestimmtes numerisches System sind. Die Annahme einer homomorphen Abbildung stellt schon eine Abschwächung dar, denn die prinzipiell notwendige Isomorphie stellt für psychologische Messungen eine weitgehend irreale Forderung dar.
In der Praxis begnügt man sich damit, einer bestimmten Ausprägung eines Merkmals mehrere Personen zuzuordnen, ohne diese noch weiter hinsichtlich dieses Merkmals zu differenzieren. Im Alltag begnügen sich Menschen meist mit viel gröberen "Skalierungsverfahren", und es stellt sich schon hier die Frage, ob die mit manchen Meßverfahren gewonnenen exakteren Ergebnisse nicht bloß eine Scheingenauigkeit widerspiegeln, die möglicherweise sogar die "Realität" übertrifft. Es besteht in vielen Fällen die Vermutung, daß die psychologische Realität und ihre Systeme weniger differenziert strukturiert sind, als mancher Wissenschaftler anzunehmen bereit ist. Da das in dieser Arbeit zu entwickelnde Modell in gleicher Weise für wissenschaftliches als auch alltägliches Handeln gelten soll, wird sich auch aufgrund der pragmatisch-phänomenologischen Orientierung eine Anlehnung an die Meßgenauigkeit der Realität als notwendig erweisen.
Meines Erachtens kommen vor allem kognitivistisch orientierte Modelle menschlichen Verhaltens, die sich naturgemäß in sprachlichen Mustern bzw. sprachlich formulierten Denkmustern "abbilden", in die Gefahr, die apriorisch eingebrachte Struktur als Beweis für eine wie auch immer geartete Realität empirisch nachzuweisen, die letztendlich doch nur sprachlicher Natur ist.

  • Das Repräsentationsproblem betrifft die Frage nach den notwendigen und hinreichenden Gesetzmäßigkeiten für eine bestimmte Repräsentation. Eine oder mehrere relationale Strukturen des Gegenstandsbereiches müssen sich durch Zahlen abbilden lassen. Es betrifft kurz gesagt die Frage, ob Messung überhaupt möglich ist.
  • Das Eindeutigkeitsproblem betrifft die Frage, welche Transformationen im numerischen System möglich sind, ohne die homomorphe Abbildung zu verletzen. Nur bei Beachtung des Eindeutigkeitstheorems ist gewährleistet, daß die Relationen der empirischen Struktur im numerischen Bereich erhalten bleiben.
  • Das Bedeutsamkeitsproblem betrifft schließlich die Frage, welche Operationen (z. B. Statistiken) auf einer gegebenen numerischen Zuordnung zulässig und welche daraus abgeleiteten empirischen Aussagen bedeutsam sind.

Die Lösung des Bedeutsamkeitsproblems setzt die Beantwortung des Eindeutigkeitsproblems voraus, und diese wiederum die Beantwortung des Repräsentationsproblems. Weiters ist die Bedeutsamkeit einer empirischen Aussage zu trennen von der inhaltlichen Bedeutsamkeit, die man ihr zumißt. Beide Bedeutungen können divergieren.
Darüberhinaus stellen sich noch praktische Probleme wie z. B. das Ökonomieproblem und das Problem der Handhabbarkeit. Diese Fragen stehen aber nur in einem mittelbaren Zusammenhang mit der Lösung der drei genannten Probleme.

Die triadische Grundeinheit psychologischer Messung

Die triadische Grundeinheit Individuum-Objekt-Merkmal ist konstitutiv für den Gegenstand der empirischen Psychologie.

Dieses empirische System entsteht dadurch, daß das forschende Subjekt das untersuchte Individuum mit bestimmten Bedeutungsträgern und Bedeutungskomponenten konfrontiert und das Individuum auf diese reagiert. Die Trennung in forschendes Subjekt und untersuchtes Individuum ist deshalb von besonderer Bedeutung, weil beide Modellbildung betreiben, allerdings verwendet in der Regel nur das forschende Subjekt numerische Systeme.
So nehmen fast alle klassischen Verfahren zur Einstellungsmessung an, daß die Orientierung der Versuchspersonen nur auf einer Pro- und Kontra-Dimension stattfindet. Man hat sich daran gewöhnt, daß den Versuchspersonen vom Skalenkonstrukteur Art und Anzahl der Einstellungsdimensionen gewissermaßen aufgezwungen werden (vgl. FEGER 1974, S. 243). Eine Ausschaltung dieser Fehlerquelle erfordert allerdings in der Regel aufwendigere Meß- und Skalierungsverfahren als sie bisher üblich sind. Vgl. hier vor allem die Modelle der nicht-metrischen mehrdimensionalen Skalierung.

Nach Ansicht neopositivistischer Wissenschaftstheoretiker ist aber gerade die Trennung zwischen dem Wissenschaftler als Subjekt und der Versuchsperson als Erkenntnisobjekt ("Subjekt-Objekt-Trennung") auf einer forschungspragmatischen und erkenntnistheoretischen Ebene konstitutives Merkmal von Wissenschaftlichkeit (vgl. MERTENS & FUCHS 1978, S. 33f). Allerdings wird in diesem Zusammenhang weitgehend übersehen, daß diese Trennung (im Sinne von Kontrolle der experimentellen Bedingungen durch den Experimentator) zu einer äußerst einseitigen Sichtweise führen muß: ein wesentlicher Teil der Systemrelationen wird aus den Betrachtungen ausgeklammert. Dieser Ansatz übersieht, daß sich die Zielgerichtetheit, die hierarchische Organisation und Regulation menschlichen Handelns nicht einfach "abstellen" läßt, zumindest nicht in einseitiger Weise beim Erkenntnisobjekt.

In letzter Konsequenz muß das zu einer neuen Strategie führen, die davon ausgeht, daß prinzipiell kein Unterschied zwischen der Strategie einer Versuchsperson bei der Bewältigung der experimentellen Problemsituation und der Strategie des Wissenschaftlers besteht. Man muß den Versuchspersonen genau wie dem Experimentator grundsätzlich die gleichen Fähigkeiten zur Erklärung und Beherrschung der Versuchssituation zubilligen (vgl. PASK 1962, S. 185, SEEGER 1977, S. 48).

Dieser Qualitätssprung in der Betrachtungsweise führt zu der wichtigen Feststellung, daß die "gewöhnliche", alltägliche Erkenntnistätigkeit zum Modell wird, an dem die wissenschaftlich-psychologische Erkenntnistätigkeit sich orientiert (vgl. SEEGER 1977, S. 48). Der Zugang zu dieser alltäglichen Erkenntnistätigkeit ist meines Erachtens phänomenologisch zu finden.
Die Verwendung eines bestimmten numerischen Systems als semantisches Modell impliziert entsprechende empirische Relationen mit entsprechenden Gesetzmäßigkeiten im empirischen System. Diese sind als Axiome in einem Meßmodell formuliert. Diese Axiome sind zunächst nicht-empirische Aussagen. Sobald das numerische System als semantisches Modell für ein empirisches Modell verwendet wird, erhalten Axiome die Funktion empirischer Aussagen über das empirische System (vgl. GIGERENZER 1981, S. 82). Axiome werden daher zu empirisch prüfbaren Gesetzmäßigkeiten.
Erst nach der Prüfung dieser Primärhypothesen (Modellprüfung,) folgt die sekundäre Zielsetzung, die Prüfung von Hypothesen über psychologische Gesetzmäßigkeiten.

Quelle: Stangl, Werner (1997). Zur Wissenschaftsmethodik in der Erziehungswissenschaft. "Werner Stangls Arbeitsblätter".
WWW: http://paedpsych.jk.uni-linz.ac.at/INTERNET/ARBEITSBLAETTERORD/Arbeitsblaetter.html


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