Das Interview

Das qualitative Interview

 

In der Praxis der empirischen Sozialforschung spielen qualitative und offenen Formen des Interviews in vielfältigen Varianten eine Rolle. Sie sind zum Teil in komplexe quantitative Design integriert, etwa in einer hypothesengenerierenden Funktion als Strategie der Instrumentenkonstruktion (Fragebogen, Test). Es gibt aber immer mehr Untersuchungen, in denen qualitative Interviews die zentrale Datenbasis bilden.

Das Wort Interview kommt aus dem Anglo-Amerikanischen und konnte sich im 20. Jahrhundert auch im deutschen Sprachraum durchsetzen. Es stammt eigentlich von französischen "entrevue" ab und bedeutet "verabredete Zusammenkunft" bzw. sich "kurz begegnen". Alltagssprachlich ist der Begriff Interview besonders im Journalismus geläufig. Dort ist ein Interview ein "Gespräch eines Journalisten mit einer Person zum Zwecke der publizistischen Verwertung.

Obgleich diese Definition noch nicht einer sozialwissenschaftlichen genügt, sind die ihr immanenten Vorstellungsinhalte auch in einer wissenschaftlichen Begriffsbestimmung enthalten: das Interview ist nämlich eine Gesprächssituation, die bewußt und gezielt von den Beteiligten hergestellt wird, damit der eine Fragen stellt, die vom anderen beantwortet werden. Diese Asymmetrie in der Frage-Anwort-Zuweisung ist auch für viele Formen des qualitativen Interviews bestimmend.

Einteilungsgesichtspunkte

Einige zentrale Einteilungsgesichtspunkte zur Charakterisierung unterschiedlichster Formen des qualitativen Interviews:

  • Intention des Interviews
  • Standardisierung
  • Struktur der zu Befragenden
  • Form der Kommunikation
  • Stil der Kommunikation

Intention des Interviews

Ein wichtiges Unterscheidungskriterium für Interviews ist die vom Forscher beabsichtigte Richtung des Informationsflusses. Er differenziert im Hinblick auf die Intention der Befragung ermittelnde Interviews, bei denen der Befragte als Träger abrufbarer Informationen verstanden wird und andererseits vermittelnde Interviews, bei denen die Befragungsperson als Ziel einer informatorischen (= zu informierenden) oder beeinflussenden Kommunikation begriffen wird. Im letzten Fall ist nicht der Informationsfluß vom zu Befragenden zum Interviewer Gegenstand des Interviews sondern Absicht ist, eine Erkenntnis- oder eine Bewußtseinsveränderung auf Seiten des Befragten zu provozieren (Handlungsforschung).

Standardisierung

 

 

Eine weitere Dimension der Klassifikation von Befragungen ist der Grad der Standardisierung. Diese Dimension ist für die Differenzierung zwischen qualitativen und quantitativen Formen der Befragung konstitutiv und wird im nachfolgenden Kapitel zum standardisierten Interview ausführlich dargestellt. Hingewiesen sei hier nur auf den Umstand, daß eine wissenschaftliche Befragung durchaus in Form von Alltagskommunikation durchgeführt werden kann, wobei Fragen und Antworten sich gegenseitig bedingen und eine mehr oder weniger symmetrischer Gesprächsverlauf zu verzeichnen ist.

Das standardisierte Interview

Diese Vorgehensweise wird meist im Endstadium einer Untersuchung eingesetzt, in denen die quantitative Messung relevanter Sachverhalte angezielt ist. Charakteristisch für das standardisierte Interview ist, daß die Formulierung der Fragen, ihre Reihenfolge, sowie die Antwortmöglichkeiten und das Interviewerverhalten genau festgelegt sind. Durch die Standardisierung wird eine Bedeutungsäquivalenz der Interviews geschaffen, die es ermöglicht, die Daten miteinander zu vergleichen. Besonders deutlich tritt bei standardisierten Befragungen die asymmetrische Kommunikationsstruktur hervor, die den Interviewer dazu zwingt, z. B. auf Nachfragen des Befragten nicht einzugehen, sondern mit der gleichen vorgegebenen Frage zu antworten. Der Grund hierfür ist, den Interviewten nicht suggestiv zu beeinflussen. Diese Form des Interviews ist sehr asymmetrisch und damit in seiner äußeren Form am weitesten von einem Alltagsgespräch entfernt.

Vorteilhaft bei dieser Vorgehensweise ist, daß durch die starke Strukturierung der Gespräche viele Daten innerhalb kürzester Zeit erhoben werden können, und diese dann auch miteinander vergleichbar sind. Dem Vorteil steht gegenüber, daß durch die auch schon festgelegten Antworten eventuell wichtige Zusatzinformationen verloren gehen, und es dem Interview an Tiefe fehlt.

Das halbstandardisierte Interview

Diese Form des Interviews dient vor allem der Exploration von Sachverhalten oder der Ermittlung von Bezugssystemen des Interviewten am Anfang einer Untersuchung. Bei dieser Vorgehensweise gibt es nur mehr einen Fragenkatalog bzw. Gesprächsleitfaden, der eine Struktur in das Gespräch bringen soll. An vorher festgelegten Stellen ist es dem Interviewer erlaubt, den Wortlaut der Fragen zu verändern, Zusatzfragen zu stellen, oder Nachzuhaken wenn etwas nicht verstanden wurde.

Der Vorteil dieser Vorgehensweise ist darin zu sehen, daß dem Interviewten mehr Raum für eigene Formulierungen gegeben wird. Daher geht das halbstandardisierte Interview mehr in die Tiefe als das standardisierte, und es darf auch vom vorgegebenen Gesprächsleitfaden abgewichen werden. Nachteilig ist die sich daraus ergebende eingeschränkteVergleichbarkeit der einzelnen Interviews, da sie nicht mehr standardisiert sind.

Das unstrukturierte Interview

Die unstrukturierte Befragung zielt darauf ab, sehr in die Breite und die Tiefe zu gehen, daher wird sie auch als Tiefen- oder Intensivinterview bezeichnet. Dabei steht dem Interviewer methodisch - wenn überhaupt - nur mehr ein Gesprächsleitfaden zur Verfügung, in dem das Interviewziel, einige Themengruppen und eventuell ad hoc formulierte Fragen festgehalten sind. Es ist meist ein sehr freier aber dennoch gesteuerter Gesprächsverlauf, daher ähnelt seine Form am ehesten einem Alltagsgespräch.

Vorteilhaft bei dieser Vorgehensweise ist, daß viele Informationen und Detailwissen gewonnen werden kann. Dadurch sind die hinter den Aussagen stehenden Bedeutungsstrukturierungen des Interviewten klar erkennbar. Nachteilig ist, daß die in verschiedenen Intensivinterviews gewonnenen Daten nicht standardisierbar sind, und sie sich daher auch nicht vergleichen lassen.

Für die qualitative empirische Sozialforschung wird als Erhebungsmethode vorwiegend die Vorgehensweise des halbstandardisierten bzw. unstrukturierten Interviews auf der Basis eines Gesprächsleitfadens gewählt. Das sich daraus ergebende qualitative Interview gibt es in einer solchen Fülle von Modifikationen, das sich keine einheitliche Definition finden läßt. Daher wird in dieser Arbeit, nach der Vorstellung der nötigen Prämissen für qualitative Interviews, ein Überblick über nur einige ausgewählte qualitative Befragungsarten gegeben. Für all diese Befragungen gilt, daß die dabei aufgezeichneten Informationen unverzerrt authentisch, intersubjektiv nachvollziehbar und beliebig reproduzierbar sind, was z. B. bei Informationen aus teilnehmenden Beobachtungen nicht der Fall ist. Besonders der mögliche Vergleich des aufgezeichneten Interviews mit den daraus gezogenen Interpretationen verleihen dem qualitativen Interview einen hohen methodischen und methodologischen Status. In diesem Zusammenhang ist es jedoch auch wichtig, sich die Kritik anzusehen, die an einzelnen Befragungsarten geübt wird.

Struktur der zu Befragenden

Qualitative Formen des Interviews können auch nach der Struktur der zu Befragenden klassifiziert werden. Bei dichotomer Betrachtung wäre die Einzel- von der Gruppenbefragung zu unterscheiden. Während Gruppendiskussion und Einzelbefragungen qualitativ orientiert sein können, sind reine Gruppenbefragungen, bei qualitativer Methodologie praktisch ausgeschlossen. Umgekehrt kann man sagen, daß qualitative Interview in der Regel Einzelbefragungen sein.

Form der Kommunikation

Ein weiteres Kriterium bei der Differenzierung von Befragungen ist die Präsentierung der Fragen. Im Hinblick auf die Kommunikationssituation lassen sich schriftliche bzw. mündliche Darbietung der Fragen unterscheiden.

Beim Interview erfolgen die Fragen mündlich und die Registrierung der Antworten über den Interviewer. Dieses Vermittlungsinstrument zwischen Forscher und Befragungsperson fällt bei der schriftlichen Befragung weg, weil dort der Befragte den Fragebogen selbständig ausfüllt. Dies bedeutet, daß der Fragebogen hoch standardisiert und gleichzeitig sehr einfach zu beantworten sein muß, weil keine personale Unterstützung beim Ausfüllen möglich ist. Zwar finden sich in der qualitativen Methodologie, z.B. im Bereich biographischer Methoden durchaus schriftliche Formen der Datenerhebung - doch dürfte im Regelfall eine qualitative Befragung mündlich durchgeführt werden.

Stil der Kommunikation

Nach dem Stil der Kommunikation, also nach dem Interviewerverhalten, unterscheidet man zwischen den beiden Extremtypen: weiches und hartes Interview: Weich ist ein Interview, wenn der Interviewer versucht, ein Vertrauensverhältnis zum Befragten zu entwickeln, indem er der Person des Befragten (nicht den Antworten) seine Sympathie demonstriert.

Bei weichen und beim harten Interview geht der Forscher von einer ähnlichen Annahme, nämlich der mangelnden Bereitschaft zur Mitarbeit aus, nur die Strategie ist eine andere. Beim weichen Interview versucht der Interviewer sympathisierendes Verständnis für die Situation des Befragten zum Ausdruck zu bringen und dadurch die widerstrebende Haltung des Befragten abzubauen.

Bei harten Interview, geht der Interviewer so vor, daß er gleichsam als Autorität, wie in einem Verhör, auftritt und sehr massiv Druck macht, um die Widerstände des zu Befragenden zu brechen und Antworten zu erhalten.

Formen des Qualitativen Interviews

Zunächst werden einige - für alle qualitativen Interviewarten geltenden - methodisch-technische sowie methodologische Aspekte vorgestellt.

Methodisch-technische Aspekte

Um eine möglichst natürliche Sitation herzustellen und authentische Informationen zu erhalten, finden qualitative Befragungen im alltäglichen Milieu des Befragten statt. Dabei sind die Fragen nicht-standardisiert, d. h. die Fragen werden in ihrer Reihenfolgen und ihren Formulierungen nicht vorab schon festgelegt. Daraus ergibt sich für den Interviewer ein gewisser Gestaltungsspielraum während des Gesprächs. Der Befrager sollte sich auch um eine Vertrauensverhältnis zum Interviewten bemühen, das am ehesten erreicht wird, wenn ein gemeinsamer Bekannter als Vermittler eingesetzt wird. Dann ist die Basis für eine vertrauliche bzw. freundschaftlich-kollegiale Atmosphäre während des Gesprächs zwischen Interviewer und Befragtem geschaffen. Bei qualitativen Interviews ist nicht eine große Anzahl durchgeführter Gespräche entscheidend. Wichtiger ist, einige typische Fälle systematisch auszuwählen, die die theoretischen Konzepte des Forschers bestätigen (theoretical sampling). Ein weiteres methodisch-technisches Charakteristikum von qualitativen Befragungen ist, daß es keine geschlossenen Fragen gibt. Das bedeutet, keine Frage kann nur mit "ja" oder "nein" vom zu Befragenden beantwortet werden. In allen Fällen wird vom Befragten somit Verbalisierungs- und Artikulationsvermögen verlangt. Beim Interviewer wird eine höhere Kompetenz als bei standardisierten Befragungen vorausgesetzt. Nur entsprechende Ausbildung und Erfahrung geben dem Interviewer die nötige Kompetenz für die Durchführung von qualitativen Interviews. Damit die vielen, während des Interviews gewonnenen Informationen nicht verloren gehen sind Aufzeichnungsgeräte, wie z. B. Tonband oder Video ein sehr wichtiges Hilfsmittel. Im Gesprächsablauf ähnelt ein qualitatives Interview mehr einem Alltagsgespräch, und dauert daher in der Regel auch länger als eine quantitative bzw. standardisierte Befragung.

Methodologische Kriterien

Zunächst gilt das Prinzip der Reflexivität von Gegenstand und Analyse, das heißt, daß sich der Gesprächsinhalt und die anschließende Interpretation aufeinander beziehen sollen. Des weiteren wird stets versucht das Prinzip des Alltagsgesprächs zu verwirklichen. Auch gilt für den Forscher das Prinzip der Zurückhaltung. Somit kommt der Befragte zu Wort, und ist nicht nur reiner Datenlieferant, sondern bestimmt als Subjekt das Gespräch sowohl in quantitativer als auch qualitativer Hinsicht. Auch sollte immer das Prinzip der Relevanzsysteme der Betroffenen beachtet werden. Das bedeutet, daß nicht die Interessen des Forschers, sondern der Befragte mit seinen Wirklichkeitsdefinitionen das Interview gestalten. Ein weiteres Prinzip ist das der Kommunikativität, das besagt, daß der Interviewer sich dem Kommunikationsstil des zu Befragenden anzupassen hat. Ebenso gilt in jedem qualitativen Interview das Prinzip der Offenheit, so daß während das Gesprächs auch auf unerwartete Aspekte eingegangen werden darf. Dem gerade genannten Prinzip der Offenheit ist das folgende der Flexibilität sehr ähnlich. Es gibt dem Forscher vor, auf individuelle Bedürfnisse des zu Befragenden einzugehen, sofern diese einen Gewinn für das Forschungsergebnis darstellen. Der Prozeßcharakters eines qualitativen Interviews macht es möglich, schrittweise zu den, hinter den Aussagen stehenden, Handlungs- und Deutungsmustern der Befragten zu gelangen. Daher ist die Prozeßhaftigkeit ein weiteres zu beachtendens Prinzip. Mit qualitativen Interviews werden eher neue Theorien aufgestellt, als bestehende geprüft. Daraus ergibt sich das Prinzip der datenbasierten Theorie. Das letzte Prinzip ist das der Explikation. Es besagt, daß die im Interview gemachten Aussagen interpretiert werden müssen, und so zur Typenbildung der Theorie beitragen. Das verleiht dem qualitativen Interview Explikationscharakter.

Wenn die genannten methodisch-technischen und methodologischen Kriterien in qualitativen Interviews nicht beachtet werden, kann der hohe Status derselben auch nicht aufrecht erhalten werden. Es ist für die Forscher bzw. Interviewer wichtig, sich dieser Aspekte immer bewußt zu sein.

Narratives Interview

Es wird besonders häufig in Zusammenhang mit lebensgeschichtlich bezogenen Fragestellungen eingesetzt. Der Begriff wird oft sehr weit gefaßt und als Synonym für qualitative Interviewformen schlechthin verwandt. In der ursprünglichen Form ist das bestimmenden Grundelement, die vom Befragten frei entwickelte, durch eine Eingangsfrage - die erzählgenerierende Frage - angeregte Stegreiferzählung.

In autobiographisch-narrativen Interviews steht neben der Erzählung und dem Nachfrageteil des Interviews ein dritter Hauptteil, der auch als Bilanzierungsteil bezeichnet wird. In ihm werden die Befragten in stärkerem Maße als Experten und Theoretiker ihrer selbst angesprochen und auf abstrakter Ebene zu Generalisierungen und Selbstinterpretationen befragt.

Problemzentriertes Interview

Mit diesem Begriff bezeichnet man eine Interview-Variante, die eine sehr lockere Bindung an einen knappen, der thematischen Orientierung dienenden Leitfaden mit dem Versuch verbindet, den Befragten sehr weitgehende Artikulationschancen einzuräumen und sie zu freien Erzählungen anzuregen. Problemzentrierte Interviews werden oft auch als Kompromiß zwischen leitfadenorientierten und narrativen Gesprächsformen angesehen, wobei die Begriffswahl "problemzentriert" kaum trennschaft ist: Denn wer möchte schon darauf verzichten, problembezogene Interviews zu führen.

Fokussiertes Interview

Entstanden ist diese Form des qualitativen Interviews im Zusammenhang mit der Kommunikationsforschung und Propagandaanalyse. Solche Studien wurden erstmals in den vierziger Jahren von Robert Merton, Patricia Kendall u.a. durchgeführt. Das Charakteristische an diesen Interviews ist die Fokussierung auf einen im vorhinein bestimmten Gesprächsgegenstand oder -anreiz. Dies kann beispielsweise ein Film, den der Befragte gesehen oder ein soziale Situation, die er durchlebt hat. Im anschließenden fokussierten Interview werden dann, auf der Basis eines Gesprächsleitfadens, die Reaktionen und Interpretationen des Befragten bezüglich des zuvor festgelegten Focus in relativ offener Form festgehalten. Besonders hervorzuheben ist, daß in fokussierten Interviews den Befragten die Chance gegeben werden soll, sich frei und auch zu nicht-antizipierten Aspekten zu äußern. So werden z. B. assoziative Stellungnahmen der Befragten zum Gesprächsgegenstand berücksichtigt. Ursprünglich wurden fokussierte Interviews in Gruppendiskussionen durchgeführt. Mittlerweile werden sie aber auch auf der Basis von Einzelinterviews durchgeführt. Dabei dienen z. B. auch Aufzeichnungen zum Tagesablauf oder komplexere persönliche Dokumente als Gesprächsanreiz. Eingesetzt werden fokussierte Interviews heute auch in der Unterrichtsforschung.

Als neuere Varianten fokussierter Interviews gelten oft solche Interviews, in denen Aufzeichnungen zum Tagesablauf oder auch komplexere persönliche Dokumente zum Gesprächsgegenstand gemacht werden, oder Interviews die im Rahmen teilnehmender Beobachtung durchgeführt werden, in denen spezifische gemeinsam erlebte Situationen abgehandelt werden, z.B. Unterrichtssituationen in Interviews mit Lehrern in der Unterrichtsforschung u.ä.

Diskursive Interviews

Entwickelt hat sich das diskursive Interview in der Tradition der Aktionsforschung und der handlungstheoretisch orientierten Psychologie. Dabei werden in dieser Form des qualitativen Interviews die Befragten als Theoretiker und Experten ihrer selbst, ihrer Geschichte und ihrer Eigenheiten angesprochen. Das Ziel dieser Interviews ist es, Deutungen oder Sachverhaltsdarstellungen durch Kommunikation zwischen Interviewer und Befragten zu validieren. Dies setzt einen vorhergehenden Gesprächskontakt zwischen diesen zwei Partnern voraus, wobei die gewonnenen Sachverhalte und Deutungen auf ihre Stichhaltigkeit hin diskursiv überprüft werden sollen. Diese Vorgehensweise findet sich auch bereits in anderen Formen des qualitativen Interviews, wie z. B. in halbstandardisierten Befragungen. Immer dann, wenn dort der Interviewer nachfrägt, ob er den Sachverhalt richtig verstanden hätte, begibt er sich auch in einen diskursiven Sachverhalt.

In diesem Zusammenhang wird kritisiert, daß die Konfrontation des Befragten mit Deutungen ihn an seine psychischen und sozialen Grenzen bringt. Dies ist dann der Fall, wenn z. B. die Deutung des Befragers als tiefe Kränkung empfunden wird. Da Interviewer in der Regel keine therapeutische Hilfe anbieten können, sollten sie es unterlassen den Interviewpartner in eine Lage zu bringen, in der dieser psychotherapeutischer Hilfe bedarf.

Das standardisierte Interview

Man spricht von einem standardisierten Interview, wenn die Fragen vor dem Interview festgelegt worden sind und mit dem gleichen Wortlaut und in der gleichen Reihenfolge allen Befragten gestellt werden. Die Fragen eines standardisierten Interviews können offen oder geschlossen gestellt werden.

Das wesentlichste Argument zugunsten des standardisierten Interviews ist sehr einfach: Man sollte nicht zweierlei Maß verwenden. Wenn es darum geht Unterschiede oder Zusammenhänge zwischen Befragten im Hinblick auf eine Gruppe von Variablen aufzuzeigen, kann nie entschieden werden, ob die Unterschiede, die sich zwischen den Befragten herausstellen, auf die Unterschiede der Messtechnik oder auf die Unterschiede in den zu messenden Einstellungen etc. zurückgehen. Wenn Interviewer mit einem nicht-standardisierten Instrument die Befragung durchführen, verändern sich Wortlaut und die Reihenfolge der Fragen beträchtlich. Es hat sich wiederholt herausgestellt, dass geringfügige Veränderungen im Wortlaut der Fragen bedeutsame Veränderungen in der Häufigkeit der gegebenen Antworten bewirken können. Einstellungen, die ein Befragter äußert, werden immer zu einem beträchtlichen Ausmaß Funktion der Fragen sein, die ihm gestellt worden sind. Befürworter des nicht-standardisierten Interviews halten es hingegen gerade für wichtig, das Vorgehen von einem zum anderen Fall anzugleichen. Sie weisen darauf hin, dass gleiche Worte für verschiedene Versuchspersonen durchaus Unterschiedliches bedeuten können. Wenn man eine standardisierte Frage stellt hat man also noch lange nicht ihre Bedeutung für die Befragten standardisiert. Die Vertreter der Bedeutungsäquivalenz meinen, dass es besser sei, Wörter zu gebrauchen, die gleichwertige Bedeutung für unterschiedliche Befragte haben, und das selbst dann, wenn die Wörter objektive nicht ident sind.

Anwendungsmöglichkeiten

Das Interview bzw. der Fragebogen ist ein allgemein verbreitetes Mittel der Sozialforschung, das bei einer Vielzahl von Projekten, aber auch bei einzelnen Phasen eines Projektes unterschiedlich eingesetzt werden kann.

  • Während der Anfangsphase eines Projektes, kann es dazu verwendet werden, die passenden Dimensionen abzuklären, Hypothesen zu formulieren und die natürlichen Bezugssysteme zu enthüllen, die im Bewußtsein der Befragten vorhanden sind.
  • Die zweite mögliche Aufgabe des Interviews während einer Untersuchung liegt in seiner Verwendung als Hauptwerkzeug für eine Datensammlung. Wenn das Interview in einer Untersuchung als das hauptsächliche Instrument für die Datensammlung verwendet wird, werden die Probleme der Standardisierung der Interviewtechnik bedeutsamer als sonst.
  • Eine dritte Aufgabe des Interviews besteht darin, Ergebnisse zu klären, die sich aus dem Gebrauch anderer Techniken ergeben. So kann z.B., wenn die unabhängige Variable eines Experiments sehr komplex ist (wie z.B. bei vielen Kommunikationsuntersuchungen, in denen die experimentelle Gruppe einem Fernseh- oder Radioprogramm ausgesetzt wird), das Interview aufzeigen, welche besonderen Aspekte des experimentellen Verfahrens für die beobachteten Auswirkungen verantwortlich waren. Falls unerwartete Ergebnisse auftreten, kann das Interview dazu Anhaltspunkte liefern, warum das experimentelle Verfahren nicht die erwarteten Auswirkungen hervorbringt.

Die "Kunst" der Operationalisierung

Das Problem der Operationalisierung stellt sich beim Interview im wesentlichen als Problem der Auswahl und der richtigen Formulierung von Fragen dar.

Ein dabei oft gemachter Fehler besteht darin, daß bestimmte Begriffe der Theorie in allzu direkte Fragen übersetzt werden. Wenn ein Untersuchungsziel darin besteht, etwas über die Bestimmungsgründe einer gegebenen Einstellung herauszufinden, so könnte man den Befragten doch einfach fragen: "Warum haben sie das getan" oder "Warum denken sie so". Die Schwächen dieser einfachen Frage nach den "Warum" sind von P. LAZARSFELD (1953) zutreffend beschrieben worden. Er hat darauf hingewiesen, welche Vielzahl von Bezugssystemen auf diese Weise ans Licht gebracht werden könnten, von denen u.U. nur wenige mit dem Untersuchungsziel in Verbindung stehen könnten. In vielen Fällen besteht die schlimmste Schwäche dieses Verfahrens darin, daß man im Grunde von den Befragten erwartet, ein Wissenschaftler zu sein. Ein weiteres Grundproblem bei der Frageformulierung besteht darin, sich zu versichern, daß Fragen für den Befragten eine möglichst klare Vorstellung vom Diskussionsgegenstand erzeugen. Häufig wird in solchen Fällen eine Filterfrage verwendet, die es erlaubt, bestimmte Personen herauszufiltern und bestimmte weitere Fragen an sie zu unterlassen.

Delphi-Studie

Literatur:
Häder, M. & Häder, S. (Hrsg.). (2000). Die Delphi-Technik in den Sozialwissenschaften. Wiesbaden: Westdeutscher Verlag.
Linstone, H. A. & Turoff, M. (Hrsg.). (2002). The Delphi Method: Techniques and Applications. New Jersey: Science and Technology University.
Bei einer Delphi-Studie werden ausgesuchte ExpertInnen in einem mehrstufigen Verfahren zu einem komplexen Phänomen befragt (vgl. Häder & Häder 2000; Linstone & Turoff 2002). Besonders geeignet sind Delphi-Befragungen für die Einschätzung der Wahrscheinlichkeit des Eintretens verschiedener Szenarien in Bildungsentwicklungen. Meist beginnt eine Delphi-Studie mit einer offenen, mündlichen Befragung einer kleineren Gruppe von FachexpertInnen über mögliche Szenarien und Faktoren zukünftiger Entwicklungen. Unter Ergänzung durch bestehende Theorien wird dann auf dieser Basis meist ein Fragebogen entwickelt, der einer größeren Gruppe von ExpertInnen zur Einschätzung vorgelegt wird. Nach dem ersten Ausfüllen des Fragebogens wird den teilnehmenden ExpertInnen das Ergebnis aller Befragung in geeigneter Form anonym zurückgemeldet. Dies geschieht mit dem Auftrag, den Fragebogen noch einmal auszufüllen und dabei die eigene Meinung nach Möglichkeit zu revidieren, so dass ein größtmöglicher Konsens entsteht. Der Vorteil der Delphi-Befragung liegt in der strukturierten Konsensfindung zu bestimmten Fragen, ohne dass dieser Prozess durch Faktoren wie Status der Befragten verzerrt wird. Kritisch scheint, dass durch diesen rekursiven Prozess ein Konsens erzeugt wird, der unter Umständen unter den Experten gar nicht besteht.

Quellen

 

Stigler, Hubert (1996). Methodologie. Vorlesungskriptum. Universität Graz.
WWW: http://www-gewi.kfunigraz.ac.at/edu/studium/materialien/meth.doc (98-01-03)
Stangl, Werner (1997). Zur Wissenschaftsmethodik in der Erziehungswissenschaft. "Werner Stangls Arbeitsblätter".
WWW: http://paedpsych.jk.uni-linz.ac.at/INTERNET/ARBEITSBLAETTERORD/Arbeitsblaetter.html
Fronhoff, Claudia (1999). Das Interview.
WWW: http://www.ku-eichstaett.de/docs/PPF/FGPaed/arbeiten/fronh2.htm (99-11-01)
Flick, U. (Hrsg.) (1991). Handbuch der qualitativen Sozialforschung. München: Psychologie Verlags Union.
Herrmanns, H. (1991). Narratives Interview (S. 182-185). In U. Flick (Hrsg.), Handbuch der qualitativen Sozialforschung. München: Psychologie Verlags Union.
Hopf, C. (1991). Qualitative Interviews in der Sozialforschung: Ein Überblick (S. 177-182). In U. Flick (Hrsg.), Handbuch der qualitativen Sozialforschung. München: Psychologie Verlags Union.
Mayring, P. (1996). Einführung in die qualitative Sozialforschung. Eine Anleitung zu qualitativem Denken. München: Psychologie Verlags Union.
Strauss, A. L. (1991). Grundlagen qualitativer Sozialforschung. Datenanalyse und Theoriebildung in der empirischen soziologischen Forschung. München: Wilhelm Finck.

     
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