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Einzelfallforschung, Einzelfallstudie

Unter dem Begriff der Einzelfallstudie wird jener Forschungsansatz verstanden, der ein einzelnes Element ("Untersuchungseinheit") zum Gegenstand der Analyse macht. Ausgangspunkt einer Einzelfallstudie bildet somit jeweils eine Untersuchungseinheit, wobei folgenden Bereiche als Einheit angesehen werden können:

  • Personen
  • Gruppen, Kulturen
  • Gesellschaften u.ä.

Sowohl in der pädagogischen als auch in der psychologischen Forschung haben Einfalluntersuchungen eine lange Tradition (z.B. von Ebbinghaus 1885) bei seinen Studien zur Erforschung des Gedächtnisses verwendet). Die Bedeutung von Einzelfalluntersuchungen im "context of discovery" (Reichenbach) wird heute nicht mehr ernstlich bestritten.

Einzelfallforschung definiert sich also darüber welche Bedeutung und welcher Stellenwert dem einzelnen Fall im Erkenntnisprozeß und somit der Induktion zugewiesen wird. Welcher Stellenwert dem Einzelfall in der Sozialforschung zugebilligt wird, hängt nun u.a. davon ab, welches Verhältnis von Allgemeinem und Besonderem zugrunde gelegt wird. Wird das Allgemeine dem Besonderen gegenübergestellt, dann liegt der Stellenwert der Fallanalyse der der Beschaffung von Hypothesen zu Beginn einer Forschung, die auf Generalisierung auf der Basis statistischer Repräsentativität angelegt ist (Hypothesengenerierungs-Modell). Umgekehrt und geradezu in Gegenbewegung zu dieser Position lassen sich Fallanalysen finden, in denen von allgemeinen Aussagen abgesehen wird. Es wird statt dessen die Auffassung vertreten, daß der Einzelfall sich selbst genüge (Sozialreportage-Modell). Daneben entwickelte sich in der modernen Klinischen Psychologie eine auch empirisch-analytische Tradition der Einzelforschung.

Einzelfall- und Schulvergleichsforschung

Quelle:
Horstkemper, Marianne/KLAUS-JÜRGEN Tillmann, Klaus-Jürgen (2003). Studien zu Einzelschulen. In Helsper, Werner & Böhm Jenette(Hrsg.), Handbuch der Schulforschung. Opladen: Leske und Budrich.

 

Vor allem in der Schulvergleichsforschung findet man häufig Einzelfallstudien, die sich idiographisch am Paradigma qualitativer Sozialforschung orientieren. Bei Fallstudien dieser Art geht es meist um die intensive Betrachtung mikroanalytischer Prozesse einiger weniger ausgewählten Schule(n), die unter spezifischen regionalen und historisch gewachsenen Bedingungen arbeiten. Bei solchen Studien soll die Wirklichkeit möglichst dicht und nachvollziehbar beschrieben und dabei eine multiperspektivische Sichtweise entfaltet werden. Dazu gehört es, dass beispielsweise die Erwartungen der Eltern ebenso ermittelt werden wie Zielsetzungen und Einstellungen des Kollegiums, Leitungs- und Organisationsstrukturen ebenso ausgeleuchtet werden wie die Wirkungen auf die SchülerInnen.

Gerade aus dieser Zusammenschau und Verschränkung der verschiedenen Perspektiven sollen sich in aller Regel Hinweise herausarbeiten lassen, die eine günstige Entwicklung im Blick auf die verfolgten pädagogischen Ziele erlauben. In einem solchen Kontext lassen sich durchaus auch standardisierte Befragungs- und Beobachtungsmethoden einsetzen. Sie werden aber eingebunden in die für die qualitative Methodologie typische Forschungsstrategie, die durch Offenheit, Kommunikativität, Naturalistizität und Interpretativität gekennzeichnet sind. Damit bleibt das Bestreben erhalten, in allen Phasen der Forschung offen zu bleiben für die individuelle Spezifik des Falles. Ziel ist dabei die wissenschaftliche Rekonstruktion von typischen Handlungsmustern, an denen sich generelle Strukturen aufzeigen lassen. Es geht also nicht lediglich um die Beschreibung einmaliger Phänomene. Damit geht der Anspruch solcher Fallstudien über die explorative und illustrative Funktion, die ihr auch in der traditionellen empirischen Sozialforschung zugestanden werden, deutlich hinaus. Sie stellen vielmehr einen eigenständigen empirischen Zugang zur sozialen Wirklichkeit dar, der starke Vorabstrukturierungen durch konkretes Eingehen auf den je individuellen Fall zu vermeiden sucht, und der durch kontrolliertes Fremdverstehen zu interpretierenden und typisierenden Aussagen kommen will.

Qualitative Methodologie kann sich dabei ja nicht auf Stichprobenziehung und Repräsentativität berufen, sondern sie muss nach dem Modell des theoretical sampling das Vorgehen begründen und plausibel machen. Verfahren wie teilnehmende Beobachtung, Gruppendiskussionen, narrative Interviews, aber auch Dokumentenanalyse (Konzepte, Selbstdarstellungen, Protokolle, Akten) sind bevorzugte Untersuchungstechniken, die möglichst miteinander kombiniert werden. Daraus entsteht zum einen die erwünschte Multiperspektivität der Betrachtung, zum anderen erlaubt eine solche Methodentriangulation eine erweiterte Form der Kontrolle des Fremdverstehens: Wenn verschiedene Erhebungs- und Auswertungsverfahren zu ähnlichen Ergebnissen führen, kann dies die Interpretation abrunden und stützen, zeigen sich hingegen Abweichungen, gibt dies Hinweise auf notwendige weitere Recherchen und Präzisierungen.

Die erste methodische Variante von Fallstudien stellt die Konzentration auf eine einzelne Schule dar. Das Ziel ist dabei zunächst einmal die erfahrungsnahe Beschreibung, Analyse und Darstellung der Institution, ihres Personals, der Klientel, der regionalen Einbindung und der den schulischen Alltag prägenden Erfahrungen und Probleme. Es gilt also, sich auf die Besonderheiten eben dieses Falles einzulassen, möglichst viele Merkmale und Prozesse zu erfassen. Pädagogische Wirklichkeit soll auf diese Weise genau beschrieben und nachvollziehbar werden. Der fremde Blick soll dabei das herausheben, was den im Feld Handelnden im Alltag häufig gar nicht (mehr) bewusst wird. Dabei geht es zunächst einmal um eine differenzierte Binnenanalyse: Was prägt das Klima der Institution? Welche Bezüge der Schule gibt es zu ihrem Umfeld? Welche Bedeutung hat dies für die Qualität der Bildungsprozesse? Ein solch komplexes Gefüge mit seinen vielfältigen Beeinflussungen und wechselseitigen Abhängigkeiten in methodisch-kontrollierter Weise darzustellen und vor der Folie schultheoretischer Überlegungen zu interpretieren, soll den Beteiligten vor Ort einen Erkenntniswert bieten. Insbesondere ermöglicht es ihnen die kritische Überprüfung der im Alltag häufig unterstellten Passung zwischen den Intentionen und den tatsächlich eintretenden Folgen des pädagogischen Handelns. Stärken und Schwächen einer Institution können somit in einer Fallstudie in vielfältiger und wirklichkeitsnaher Weise herauspräpariert werden, als dies in Stichprobenuntersuchungen möglich ist. Zum anderen bringen sie aber auch theoretischen Gewinn.

Die Kontrastierung mehrerer Fälle stellt insofern eine Erweiterung der Erkenntnismöglichkeiten dar, als hier gezielt ausgewählte Fälle miteinander verglichen werden. Dabei lassen sich im Vergleich u.a. folgende Fragen beantworten: Unter welchen inner- und außerschulischen Bedingungen verlaufen Mikroprozesse in den verschiedenen Schulen eher förderlich ab, welche erschwerenden Bedingungen lassen sich identifizieren und welche Möglichkeiten und Varianten ihrer Überwindung? Lassen sich regelhafte Zusammenhänge und typische Handlungsmuster ermitteln und zu theoretischen Erkenntnissen verdichten? Der Vergleich verschiedener Fälle bildet damit eine wichtige Quelle wissenschaftlicher Erkenntnisproduktion, womit die Frage nach der systematischen Auswahl und der theoriegeleiteten Analyse und Interpretation ins Zentrum rückt. Hierbei ist die Makroebene des Schulsystems in aller Regel ein wichtiger Bezugspunkt: Wenn einzelne Schulen verglichen werden sollen, dann kann insbesondere der Faktor der Schulformzugehörigkeit nicht ausgeblendet werden. Vor diesem Hintergrund erlauben Fallstudien es beispielsweise, gerade die Variationen des Umgangs mit zentralen Vorgaben und der Ausgestaltung prinzipiell vorhandener Handlungsspielräume herauszuarbeiten. Die Systemebene gibt somit die Folie ab, vor der die Prozessverläufe in den einzelnen Schulen interpretiert werden. Eben deshalb können Erkenntnisse aus quantitativ-vergleichenden Studien oft sehr hilfreiche Orientierung bieten, etwa bei der Auswahl von Fällen, bei der Präzisierung der eigenen Fragestellung, vor allem auch zur Einordnung und Interpretation der Ergebnisse.

Quellen:

Stigler, Hubert (1996). Methodologie. Vorlesungskriptum. Universität Graz.
WWW: http://www-gewi.kfunigraz.ac.at/edu/studium/materialien/meth.doc (98-01-03)
Stangl, Werner (1997). Zur Wissenschaftsmethodik in der Erziehungswissenschaft. "Werner Stangls Arbeitsblätter".
WWW: http://paedpsych.jk.uni-linz.ac.at/INTERNET/ARBEITSBLAETTERORD/Arbeitsblaetter.html


Inhaltsübersicht Forschungsmethoden der Psychologie und Pädagogik


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