Essstörungen im Leistungssport
Engleder, Andrea (2007). Essstörungen im Leistungssport – Der Hunger nach Erfolg und sportlichen Höchstleistungen. Psychologie in Österreich, 27, 148–154.
Essstörungen sind heutzutage nicht mehr nur ein aktuelles Thema der Modebranche auch im Leistungssport finden sich vermehrt Fälle von Essstörungen. SpitzensportlerInnen weißen viel häufiger problematisches Essverhalten auf als die Normalpopulation wobei diese Tatsache, genau wie Doping, als systemimmanenter Bestandteil unserer Sportwelt angesehen werden kann. Besonders betroffen sind AthletInnen sogenannter Risikosportarten. Darunter sind Sportarten zu verstehen bei denen eine besonders schlanke Figur von Vorteil ist sowie Sportarten mit Gewichtsklassen. Die AthletInnen hoffen durch Gewichtsreduktion ihre Leistungen verbessern zu können, was anfangs oftmals auch zutrifft, da durch eine Verringerung des Körpergewichts zunächst ein optimales Kraft-Leistungsverhältnis erreicht werden kann. Wird jedoch die Gewichtsreduktion nach Erreichen des optimalen Kraft-Leistungsverhältnisses fortgeführt, laufen die SportlerInnen Gefahr, eine Essstörung zu entwickeln. Zudem kommt es durch die geringe Energiezufuhr zu einem Leistungsabfall. Resultat ist eine endlose Spirale aus Hungern und Leistungsabfall, welche zu Depressionen und schlussendlich zu einem Karriereende aus gesundheitlichen Gründen führen kann (vgl. Engleder, 2007, S.148, 149, 151).
Anorexia Athletica, Anorexia Nervosa und Bulimia Nervosa
Im Zusammenhang mit sportbedingter Gewichtsreduktion und restriktiver Ernährung stellte sich die Frage der Existenz einer eigenständigen Essstörung bei AthletInnen. Diese Störung trägt den Namen Anorexia Athletica (Sport Anorexie). Sie wurde erstmals 1983 von Purgliese, später dann von Sundgot-Borgen (1993) anhand von zehn Merkmalen definiert. In der Fachwelt herrscht noch Uneinigkeit darüber ob es sich hierbei um eine Störung von Krankheitswert handelt oder nicht. Untersuchungen zum Verlauf dieser speziellen Anorexie fehlen. So ist beispielsweise noch unklar ob diese Form der sportbezogenen Essstörung auch nach Austreten der AthletInnen aus dem Leistungssport weiterhin besteht. Zudem ist bei der inhaltlichen Definition Vorsicht geboten.
Erfüllt der/die AthletIn zusätzlich das Kriterium einer Körperschemastörung, fastet ständig restriktiv oder greift zu anderen ungesunden Diätmaßnahmen, so handelt es sich meist schon um eine Anorexia Nervosa oder Bulimia Nervosa. Anorexia Nervosa (Magersucht) und Bulimia Nervosa (Ess-Brechsucht) stellen die am wichtigsten zu diskutierenden Essstörungsformen im Leistungssport dar. Beide Formen lassen sich anhand der ICD-10 Kriterien der WHO definieren. Besonders charakteristisch sowohl für Magersucht als auch für die Ess-Brechsucht ist die krankhafte Furcht dick zu werden. Übertriebene körperliche Aktivitäten sollen hierbei bei der Gewichtsreduktion helfen. Demgegenüber steht die regelmäßige Kontrolle des Körpergewichts bei bestimmten Sportarten. Somit kommt es, vor allem vor Wettkämpfen, bei den SportlerInnen oftmals zu einer restriktiven Nahrungseinschränkung und zu massivem Gewichtsverlust (vgl. Engleder, 2007, S. 149, 150, 151).
Betroffe, Schuldige und Hilfsprogramme
Besonders häufig sind Frauen und Mädchen im Alter von 15 bis 24 Jahren von Essstörungen betroffen. Der Anteil an betroffenen Männern liegt deutlich unter jenem der Frauen (1:10). Zudem ist noch wesentlich, dass Frauen welche Leistungssport betreiben nochmals bei weitem anfälliger für Essstörungen sind als jene die keinen Leistungssport betreiben. Laut einer Beobachtung (Umfang der Beobachtung: 500 Leistungssportlerinnen aus unterschiedlichen Sportdisziplinen sowie eine Kontrollgruppe aus nicht intensiv Sporttreibenden) leiden 18% der Athletinnen an einer Essstörung, bei den nicht intensiv Sporttreibenden sind es jedoch nur 5%. Daher ist es von besonderer Bedeutung, dass Sportpsychologen in der Arbeit mit LeistungssportlerInnen immer auch das Ernährungsverhalten im Auge behalten. Bei Verdacht auf eine Essstörung ist es besonders wichtig für Sportpsychologen, im Gespräch mit dem Athlet, der Athletin gezielt nach den Symptomen einer Essstörung zu fragen und möglichst schnell einzuschreiten. Nicht unschuldig an einer Essstörung ist oftmals der Trainer/die Trainerin.
Nach einer Studie wurden in 75% der Fälle die AthletInnen durch den oder die TrainerIn zur Gewichtsreduktion aufgefordert. Häufig sehen TrainerInnen Essstörungen auch als normal an, da sie selbst früher darunter litten und sind somit kein pädagogisch wertvolles Vorbild für junge AthletInnen. Umso wichtiger ist es, dass Sportpsychologen auch die TrainerInnen und FunktionärInnen von der Problematik von Essstörungen und ihren gesundheitlichen Folgen überzeugen können. Nur so sind präventive Maßnahmen im Leistungssport fruchtbar. Mittlerweile gibt es in Österreich auch schon spezielle Programme zur Prävention von Essstörungen und zur Stärkung des Selbstwertes von Mädchen und Frauen im Leistungssport, wie beispielsweise das „Go Girls Go“ Programm in Tirol. Auch in Graz findet man ein Präventionsprojekt der Kinderpsychosomatik, welches vor allem darauf abzielt, jungen essgestörten LeistungssportlerInnen zu helfen (vgl. Engleder, 2007, S.149, 152–154).
Siehe auch "Der Körperkult Jugendlicher"
Siehe auch
- Arten von Essstörungen
- Die Rolle der Erziehung bei Essstörungen
- Risikogruppen für Essstörungen
- Schulische Präventionsmöglichkeiten bei Essstörungen
- Präventionsprogramme bei Essstörungen
Quelle: Diese Arbeitsblätter entstammen teilweise der Studie von Ursula Gruber "Essstörungen an Berufsbildenden Höheren Schulen Österreichs. Wahrnehmung, Behandlung, Prävention".
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