Adipositas - Fettleibigkeit

Quellen:

Gruber, Ursula (2006). Essstörungen an Berufsbildenden Höheren Schulen Österreichs. Wahrnehmung, Behandlung, Prävention. Unveröffentlichte Diplomarbeit. Johannes Kepler Universität Linz: PPP der jku.

Roth, Binia (2004). Psychologische Aspekte der kindlichen Adipositas und ihre Behandlug. Pediatrica, 15, 24-26.

Shaw, Rose (2010). Depressive Symptome und Übergewicht bei Teenagern: Was ist der Zusammenhang?
WWW: http://www.praxis-dr-shaw.de/
blog/depressive-symptome-und-ubergewicht-
bei-teenagern-was-ist-der-zusammenhang (10-06-18)

In Österreich sind nach Schätzungen rund 40.000 Kinder von Gewichtsproblemen betroffen, wobei die Ursachen für Übergewicht und Fettleibigkeit nur in seltenen Fällen in der genetischen Ausstattung zu suchen sind, vielmehr sind es falsches Essverhalten und zu wenig Bewegung. Da 85 Prozent der übergewichtigen Kinder auch stark übergewichtige Eltern haben, dürften die Eltern als Vorbilder in Bezug auf Ess-, Trink- und Bewegungsverhalten betrachtet werden.

Was ist Übergewicht? Der Body-Mass-Index

Übergewicht kommt durch eine übermäßige Ansammlung von Fettgewebe im Körper zu Stande. Zu Übergewicht kommt es, wenn die Energiezufuhr, vor allem durch fettreiche Ernährung, den Energieverbrauch dauerhaft übersteigt. Die dadurch bedingte Fettleibigkeit (Adipositas) führt zu Folgeerkrankungen und einer kürzeren Lebenserwartung. Als Maß für Übergewicht dient der sogenannte Body-Mass-Index (BMI). Der BMI wird berechnet, indem man das Gewicht durch das Quadrat der Größe (in Metern) teilt (kg/m2). Definition Übergewicht und Adipositas Auch die aktuelle Definition der WHO (Weltgesundheitsorganisation) beruht auf dem BMI: So besitzt etwa ein 73,0 kg schwerer Mann bei einer Größe von 1,83 Meter folgenden BMI: 73,0/1,83.1,83 = 21,8.

Die WHO nennt folgende Werte:

Untergewicht: BMI < 18
Normalgewicht: BMI 18 - 24,9
Übergewicht: BMI 25 - 29,9
Adipositas Grad I (Fettleibigkeit): BMI 30 - 34,9
Adipositas Grad II: BMI 35 - 39,9
Adipositas Grad III: BMI > 40

Bei der Berechnung des BMI gibt es je nach Geschlecht und Alter leichte Abweichungen. Grundsätzlich muss unterschieden werden zwischen Normalgewicht, Übergewicht und Adipositas (Fettleibigkeit). Normalgewicht entspricht einem BMI zwischen 19 und 25 kg/m2, Übergewicht (leichte Adipositas) liegt zwischen 25 und 30 kg/m2 vor. Von Fettleibigkeit sprichen Mediziner ab einem BMI von 30 kg/m2.

Adipositas bei Kindern

Die somatischen Folgen der Adipositas gleichen bei Kindern mit zunehmender Dauer denjenigen der Erwachsenen. Neben den körperlichen Risikofaktoren sind adipöse Kinder von psychosozialen Auswirkungen der Adipositas betroffen, denn übergewichtige Kinder werden früh mit negativen Einstellungen gegenüber ihrem Äusseren konfrontiert. Bereits Sechsjährige beurteilen die Erscheinung eines übergewichtigen Kindes als faul, schmutzig, dumm und unattraktiv. Die Stigmatisierung adipöser Kinder hat in den letzten Jahrzehnten parallel zur Entwicklung eines überschlanken, gesellschaftlichen Schönheitsideals massiv zugenommen. Diese negative Etikettierung kann sich hemmend auf die Entwicklung eines positiven Selbstkonzepts sowie auf den Aufbau von sozialen Kontakten auswirken.

Das Selbstwertgefühl übergewichtiger Kinder unterscheidet sich vor allem im Bereich der körperlichen Erscheinung, Attraktivität und Körperbild vom Selbstwert der normalgewichtigen. Die Diskriminierung übergewichtiger Jugendlicher wirkt sich auch auf ihre Ausbildung und ihr späteres Berufsleben aus.

Die vielfältigen Stigmatisierungen können schon bei jüngeren Kindern dazu führen, ausschließlich auf negative Aspekte der eigenen Figur zu fokussieren und in der Folge Diätverhalten zu entwickeln. Die "Angst vor Gewichtszunahme" ist in unserer Gesellschaft zu einer eigenen "Krankheit" und psychischen Belastung für weite Teile der Bevölkerung geworden. Dies trifft neuerdings insbesondere auch für Kinder zu: Übergewichtige Kinder entwickeln signifikant häufiger ein restriktives Essverhalten, Unzufriedenheit mit ihrem Körper und bekunden Angst vor einer Gewichtszunahme. Ebenso entwickeln übergewichtige Kinder häufiger als normalgewichtige ein negativ gefärbtes Körperbild. Diese Faktoren stellen Risikofaktoren zur Entwicklung von Essstörungen dar, denn gerade ein restriktives, rigides Essverhalten führt häufig zu Kontrollverlust im Sinne von Heißhungeranfällen, welche wiederum nebst Gewichtszunahmen auch schwerwiegende psychische Folgen haben. Zusätzlich wirkt sich das wiederholte Erleben, bei der Lösung des Problems Adipositas unwirksam zu sein, langfristig negativ auf die Einschätzung der Selbstwirksamkeit aus, die negative Einschätzung der eigenen Problemlösefähigkeit kann sich generalisieren und anhaltende Stimmungsbeeinträchtigungen begünstigen.

Sowohl bei Erwachsenen wie auch bei Kindern, die von Übergewicht betroffen sind, gibt es immer deutlichere Hinweise darauf, dass affektive Störungen und Angststörungen bei übergewichtigen erwachsenen jungen Frauen signifikant häufiger auftreten als bei normalgewichtigen Kontrollpersonen. Bei adipösen Kindern wurden nebst affektiven Störungen vor allem externalisierende Verhaltensstörungen wie ADHD gehäuft gefunden. Zudem weisen auch übergewichtige Kinder vermehrt ein gestörtes Essverhalten im Sinne einer Binge Eating Disorder (BED) auf.

Wie Rose Shaw 2010 berichtet, hat sich nach Informationen der Centers for Disease and Prevention in den USA die Häufigkeit von Adipositas bei Kindern in den letzten dreißig Jahren mehr als verdreifacht. So nahm die Häufigkeit von Adipositas bei Jugendlichen im Alter von zwölf bis neunzehn Jahren von fünf auf achtzehn Prozent im Jahre 2008 zu, wobei im Jahre 2007 zwei Millionen Jugendliche im Alter von zwölf bis siebzehn Jahren mindestens eine Episode von klinischen Depressionen hatten. Essstörungen sind vermutlich nicht nur ein häufiges Symptom bei Patienten mit Depressionen, sondern Essstörungen können auch der Entwicklung von Depressionen vorausgehen.

Ursachen kindlicher Adipositas

Die positive Energiebilanz ist mit zu viel Energiezufuhr bzw. zu grosse Mengen und zu fetthaltige Speisen, und zu wenig Energieverbrauch bzw. zu wenig Bewegung zu erklären. Allgemein ist mit der Fastfoodindustrie zeitgleich zum Anstieg der Adipositasprävalenz nicht nur ein erhöhter Verzehr von Fett und raffinierten Lebensmittel zu verzeichnen, sondern auch eine Tendenz zu größeren Portionen und häufigeren Mahlzeiten.

Neben Ernährungsfaktoren ist auch das Essverhalten mit Übergewicht assoziiert: Übergewichtige Kinder essen wesentlich schneller als normalgewichtige Kinder und die Essgeschwindigkeit nimmt im Verlauf der Mahlzeit nicht ab.

Auch der mütterliche Umgang mit Essen, d.h. die Frequenz des Nahrungsmittelangebots bzw. die Häufigkeit, mit der verbale Essensaufforderungen gegeben werden, entscheidenden Einfluss auf das kindliche Essverhalten hat. Wie, wo und in welchem Tempo zuhause gegessen wird, ist für die Entwicklung des Essstils von Bedeutung. Vor allem die Tradierung des Essstils von Müttern zu Töchtern spielt eine wichtige Rolle: Mütter mit enthemmtem Essverhalten haben übergewichtigere Töchter.

Die Entwicklung von Übergewicht kann auch durch psychologische Faktoren beeinflusst sein. Ein niedriger Selbstwert, negatives Körperkonzept, Angst und affektive Störungen sind mit Übergewicht assoziiert, jedoch ist der Ursache-Wirkungs-Zusammenhang nicht eindeutig. In prospektiven Studien konnten sowohl depressive Stimmung als auch Störung des Sozialverhaltens als Prädiktoren isoliert werden. Sowohl elterliche Vernachlässigung als auch kognitive Unterstimulation konnten mit der Entwicklung von Adipositas in Verbindung gebracht werden.

Adipositas bei Erwachsenen

entsteht durch vielerlei Ursachen

Adipositas und Gehirn

Bekanntlich ist Übergewicht ein etablierter Risikofaktor für Typ-II-Diabetes mellitus, Hypertonie und Schlaganfall, wobei alle drei Erkrankungen mit Durchblutungsstörungen im Gehirn einhergehen und so einen kognitiven Abbau zur Folge haben können. Nach einer Studie ist Hirnatrophie im Alter bei Übergewichtigen und Fettleibigen um mehrere Jahre weiter fortgeschritten. Bei den adipösen Teilnehmern war das Gehirn um 8 Prozent geschrumpft, was einem Unterschied im biologischen Alter von 16 Jahren entspricht. Allerdings kann eine Hirnatrophie im Alter auch die Ursache des Übergewichts sein, da sich im frontalen und temporalen Gehirn auch Hirnzentren befinden, die die Nahrungsaufnahme und den Stoffwechsel beeinflussen. Eine Atrophie könnte daher eine ungezügelte Nahrungsaufnahme zur Folge haben, was zur Dickleibigkeit führen kann.
Quelle: http://www.aerzteblatt.de/nachrichten/37824/Adipositas_laesst_Gehirn_schneller_altern.htm (09-08-25)

Nach einer Studie von Horstmann et al. (2011) haben übergewichtige Frauen ihr Verhalten nicht so gut unter Kontrolle wie normalgewichtige. Es zeigte sich, dass bei Übergewichtigen generell diejenigen Hirnregionen mehr graue Substanz enthalten, die an der Bewertung von Belohnungsreizen beteiligt sind. Im Gegensatz dazu sind aber vor allem bei übergewichtigen Frauen Hirnregionen, die an der Verhaltenskontrolle beteiligt sind, deutlich verkleinert. Da die gleichen strukturellen Veränderungen schon aus Studien mit Frauen bekannt sind, die an Ess-Brech-Sucht (Bulimia nervosa) leiden, kann man daraus schließen, dass der Unterschied in der grauen Substanz möglicherweise nicht mit dem Übergewicht selbst, sondern mit einem veränderten Essverhalten zusammenhängt. Übergewicht ist offensichtlich mit grundlegenden, geschlechtsspezifischen Änderungen der Hirnstruktur assoziiert. Bei Männern und Frauen treten die Veränderungen vor allem in Hirnregionen auf, die mit der Verarbeitung von Belohnungen (orbitofrontaler Kortex, ventrales Striatum) und der zentralen Steuerung der Energiebalance (Hypothalamus) beschäftigt sind. Bei Frauen finden sich zusätzlich Veränderungen in Regionen, die wichtig für die Verhaltenskontrolle sind (dorsales Striatum, dorsolateraler Präfrontalkortex). Ob nun aber das veränderte Essverhalten und die eingeschränkte Impulskontrolle die strukturellen Veränderungen hervorrufen oder ob es sich genau umgekehrt verhält, kann natürlich nicht entschieden werden.

Hungerkuren und längeres Fasten sind auf Dauer erfolglos, wenn man abnehmen will, denn in einer Untersuchung in Australien (Sumithran, et al., 2011) erhielten fünfzig Adipöse im Alter von Mitte 50, die durchschnittlich etwa 100 kg wogen, für zehn Wochen einer Restriktionsdiät, bei der am Ende die Probanden fast 14 kg weniger auf die Waage brachten. Nach der Hungerkur waren die Leptinspiegel im Blut fast aller Testpersonen um zwei Drittel gefallen, wobei ein niedriger Leptinspiegel nicht nur einen gesteigerten Appetit bewirkt, sondern auch den Energiestoffwechsel drosselt. Man vermutet, dass dies eine Folge der Evolution darstellt, während der das menschliche Gehirn gelernt hat, in mageren Jahren den Verbrauch zu drosseln, wobei nicht nur die Fettzellen über das Hormon Leptin einen Notstand an das Gehirn melden, sondern auch der Darm dem Gehirn über Ghrelin hormonell vermittelt, dass Nahrung ausbleibt, und so dem Körper signalisiert wird, wieder möglichst viele Energiereserven zu bilden. Das Hormonsystems des Menschen neigt also dazu, das neu eingestellte Körpergewicht nicht zu akzeptieren, und dafür zu sorgen, dass der Betroffene wieder das ursprüngliche Gewicht erreicht.

Literatur
Horstmann, A., Busse, F.P., Mathar, D., Mueller, K., Lepsien, J., Schloegl, H., Kabisch, S., Kratzsch, J., Neumann, J., Stumvoll, M., Villringer, A. & Pleger, B. (2011). Obesity-related differences between women and men in brain structure and goal-directed behavior. Front. Hum. Neurosci. 5:58. doi: 10.3389/fnhum.2011.00058
Sumithran, Priy, Prendergast, Luke A., Delbridge, Elizabeth, Purcell, Katrina, Shulkes, Arthur, Kriketos, Adamandia, & Proietto, Joseph (2011). Long-Term Persistence of Hormonal Adaptations to Weight Loss. The New England Journal of Medicine, 365, 1597-1604

 

Siehe auch

Quelle: Diese Arbeitsblätter entstammen der Studie von Ursula Gruber "Essstörungen an Berufsbildenden Höheren Schulen Österreichs. Wahrnehmung, Behandlung, Prävention".

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