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Adipositas - Fettleibigkeit

Literatur & Quellen

 

Folkvord, F., Anschütz, D. J., Boyland, E., Kelly, B. & Buijzen, M. (2016). Food advertising and eating behavior in children. Current Opinion in Behavioral Sciences, 9, 26–31.

Gruber, Ursula (2006). Essstörungen an Berufsbildenden Höheren Schulen Österreichs. Wahrnehmung, Behandlung, Prävention. Unveröffentlichte Diplomarbeit. Johannes Kepler Universität Linz: PPP der jku.

Roth, Binia (2004). Psychologische Aspekte der kindlichen Adipositas und ihre Behandlug. Pediatrica, 15, 24-26.

Shaw, Rose (2010). Depressive Symptome und Übergewicht bei Teenagern: Was ist der Zusammenhang?
WWW: http://www.praxis-dr-shaw.de/
blog/depressive-symptome-und-ubergewicht-
bei-teenagern-was-ist-der-zusammenhang (10-06-18)

https://www.bmgf.gv.at/home/
Ernaehrungsbericht2017 (17-11-09)

 

In Österreich sind nach Schätzungen rund 40.000 Kinder von Gewichtsproblemen betroffen, wobei die Ursachen für Übergewicht und Fettleibigkeit nur in seltenen Fällen in der genetischen Ausstattung zu suchen sind, vielmehr sind es falsches Essverhalten und zu wenig Bewegung. Da 85 Prozent der übergewichtigen Kinder auch stark übergewichtige Eltern haben, dürften die Eltern als Vorbilder in Bezug auf Ess-, Trink- und Bewegungsverhalten betrachtet werden.

Was ist Übergewicht? Der Body-Mass-Index

Übergewicht kommt durch eine übermäßige Ansammlung von Fettgewebe im Körper zu Stande. Zu Übergewicht kommt es, wenn die Energiezufuhr, vor allem durch fettreiche Ernährung, den Energieverbrauch dauerhaft übersteigt. Die dadurch bedingte Fettleibigkeit (Adipositas) führt zu Folgeerkrankungen und einer kürzeren Lebenserwartung. Als Maß für Übergewicht dient der sogenannte Body-Mass-Index (BMI). Der BMI wird berechnet, indem man das Gewicht durch das Quadrat der Größe (in Metern) teilt (kg/m2). Definition Übergewicht und Adipositas Auch die aktuelle Definition der WHO (Weltgesundheitsorganisation) beruht auf dem BMI: So besitzt etwa ein 73,0 kg schwerer Mann bei einer Größe von 1,83 Meter folgenden BMI: 73,0/1,83.1,83 = 21,8.

Die WHO nennt folgende Werte:

Untergewicht: BMI < 18
Normalgewicht: BMI 18 - 24,9
Übergewicht: BMI 25 - 29,9
Adipositas Grad I (Fettleibigkeit): BMI 30 - 34,9
Adipositas Grad II: BMI 35 - 39,9
Adipositas Grad III: BMI > 40

Bei der Berechnung des BMI gibt es je nach Geschlecht und Alter leichte Abweichungen. Grundsätzlich muss unterschieden werden zwischen Normalgewicht, Übergewicht und Adipositas (Fettleibigkeit). Normalgewicht entspricht einem BMI zwischen 19 und 25 kg/m2, Übergewicht (leichte Adipositas) liegt zwischen 25 und 30 kg/m2 vor. Von Fettleibigkeit sprichen Mediziner ab einem BMI von 30 kg/m2.

Fast die Hälfte der Österreicher gaben in einer Umfrage an, mit ihrer Figur nicht zufrieden zu sein, wobei davon achtzig Prozent schon Erfahrungen mit Abnehmversuchen gesammelt haben. Beweggründe für das Abnehmen waren in erster Linie die Steigerung des Wohlbefindens (67,6 Prozent), dann die Steigerung des Selbstwertgefühls (48 Prozent) und dass die Kleidung nicht mehr passte (47,3 Prozent). Die gesundheitlichen Überlegungen liegen mit 37 Prozent weiter hinten. Immerhin haben mehr als zwei Drittel der Befragten versucht, ihr Ziel mit mehr Sport zu erreichen, gleich viele probierten es mit weniger Essen.

Adipositas bei Kindern

Der Ernährungsbericht Österreich 2017 (nach der Methode der WHO Europa) besagt, dass etwa 30 Prozent der Buben in der dritten Schulstufe übergewichtig oder gar adipös sind, während bei den Mädchen die Rate etwas geringer ist und von 21 Prozent im Westen und Süden Österreichs bis zu 29 Prozent im Osten reicht. Demnach steht Leben in der Stadt, das Fehlen eines Turnsaales sowie kein Gemüseangebot in der Schule in direktem Zusammenhang mit der Entwicklung von Übergewicht. Dicke Kinder haben ein hohes Risiko, übergewichtige Erwachsene zu werden, und dadurch sowohl gesundheitliche Probleme, also auch psychische Probleme zu entwickeln, wenn sie etwa wegen ihres Übergewichts verspottet werden. Präventionsmaßnahmen sollten nach Ansicht der Autoren der Studie früh beginnen, wobei sie einen Aktionsplan gegen Adipositas fordern. In Finnland konnte man die Rate an übergewichtigen Kindern von 17 auf zehn Prozent dadurch reduzieren, dass die Schüler in den Schulstunden nicht mehr die meiste Zeit sitzen, sondern viel stehen müssen. Die Prävalenz für Übergewicht und Adipositas ist bei Erwachsenen allerdings noch höher als bei den Kindern, denn 41 Prozent der österreichischen Erwachsenen sind übergewichtig, woeei Männer häufiger betroffen sind als Frauen, wobei noch hinzukommt, dass die Rate der Übergewichtigen mit dem Alter zunimmt. Ursachen sind unter anderem der hohe Konsum von Fleisch und Süßigkeiten, wobei vor allem Männer zu viel Fleisch essen.

Die somatischen Folgen der Adipositas gleichen bei Kindern mit zunehmender Dauer denjenigen der Erwachsenen. Neben den körperlichen Risikofaktoren sind adipöse Kinder von psychosozialen Auswirkungen der Adipositas betroffen, denn übergewichtige Kinder werden früh mit negativen Einstellungen gegenüber ihrem Äusseren konfrontiert. Bereits Sechsjährige beurteilen die Erscheinung eines übergewichtigen Kindes als faul, schmutzig, dumm und unattraktiv. Die Stigmatisierung adipöser Kinder hat in den letzten Jahrzehnten parallel zur Entwicklung eines überschlanken, gesellschaftlichen Schönheitsideals massiv zugenommen. Diese negative Etikettierung kann sich hemmend auf die Entwicklung eines positiven Selbstkonzepts sowie auf den Aufbau von sozialen Kontakten auswirken.

Das Selbstwertgefühl übergewichtiger Kinder unterscheidet sich vor allem im Bereich der körperlichen Erscheinung, Attraktivität und Körperbild vom Selbstwert der normalgewichtigen. Die Diskriminierung übergewichtiger Jugendlicher wirkt sich auch auf ihre Ausbildung und ihr späteres Berufsleben aus.

Die vielfältigen Stigmatisierungen können schon bei jüngeren Kindern dazu führen, ausschließlich auf negative Aspekte der eigenen Figur zu fokussieren und in der Folge Diätverhalten zu entwickeln. Die "Angst vor Gewichtszunahme" ist in unserer Gesellschaft zu einer eigenen "Krankheit" und psychischen Belastung für weite Teile der Bevölkerung geworden. Dies trifft neuerdings insbesondere auch für Kinder zu: Übergewichtige Kinder entwickeln signifikant häufiger ein restriktives Essverhalten, Unzufriedenheit mit ihrem Körper und bekunden Angst vor einer Gewichtszunahme. Ebenso entwickeln übergewichtige Kinder häufiger als normalgewichtige ein negativ gefärbtes Körperbild. Diese Faktoren stellen Risikofaktoren zur Entwicklung von Essstörungen dar, denn gerade ein restriktives, rigides Essverhalten führt häufig zu Kontrollverlust im Sinne von Heißhungeranfällen, welche wiederum nebst Gewichtszunahmen auch schwerwiegende psychische Folgen haben. Zusätzlich wirkt sich das wiederholte Erleben, bei der Lösung des Problems Adipositas unwirksam zu sein, langfristig negativ auf die Einschätzung der Selbstwirksamkeit aus, die negative Einschätzung der eigenen Problemlösefähigkeit kann sich generalisieren und anhaltende Stimmungsbeeinträchtigungen begünstigen.

Sowohl bei Erwachsenen wie auch bei Kindern, die von Übergewicht betroffen sind, gibt es immer deutlichere Hinweise darauf, dass affektive Störungen und Angststörungen bei übergewichtigen erwachsenen jungen Frauen signifikant häufiger auftreten als bei normalgewichtigen Kontrollpersonen. Bei adipösen Kindern wurden nebst affektiven Störungen vor allem externalisierende Verhaltensstörungen wie ADHD gehäuft gefunden. Zudem weisen auch übergewichtige Kinder vermehrt ein gestörtes Essverhalten im Sinne einer Binge Eating Disorder (BED) auf.

Wie Rose Shaw 2010 berichtet, hat sich nach Informationen der Centers for Disease and Prevention in den USA die Häufigkeit von Adipositas bei Kindern in den letzten dreißig Jahren mehr als verdreifacht. So nahm die Häufigkeit von Adipositas bei Jugendlichen im Alter von zwölf bis neunzehn Jahren von fünf auf achtzehn Prozent im Jahre 2008 zu, wobei im Jahre 2007 zwei Millionen Jugendliche im Alter von zwölf bis siebzehn Jahren mindestens eine Episode von klinischen Depressionen hatten. Essstörungen sind vermutlich nicht nur ein häufiges Symptom bei Patienten mit Depressionen, sondern Essstörungen können auch der Entwicklung von Depressionen vorausgehen.

Ursachen kindlicher Adipositas

Die positive Energiebilanz ist mit zu viel Energiezufuhr bzw. zu grosse Mengen und zu fetthaltige Speisen, und zu wenig Energieverbrauch bzw. zu wenig Bewegung zu erklären. Allgemein ist mit der Fastfoodindustrie zeitgleich zum Anstieg der Adipositasprävalenz nicht nur ein erhöhter Verzehr von Fett und raffinierten Lebensmittel zu verzeichnen, sondern auch eine Tendenz zu größeren Portionen und häufigeren Mahlzeiten.

Neben Ernährungsfaktoren ist auch das Essverhalten mit Übergewicht assoziiert: Übergewichtige Kinder essen wesentlich schneller als normalgewichtige Kinder und die Essgeschwindigkeit nimmt im Verlauf der Mahlzeit nicht ab.

Auch der mütterliche Umgang mit Essen, d.h. die Frequenz des Nahrungsmittelangebots bzw. die Häufigkeit, mit der verbale Essensaufforderungen gegeben werden, entscheidenden Einfluss auf das kindliche Essverhalten hat. Wie, wo und in welchem Tempo zuhause gegessen wird, ist für die Entwicklung des Essstils von Bedeutung. Vor allem die Tradierung des Essstils von Müttern zu Töchtern spielt eine wichtige Rolle: Mütter mit enthemmtem Essverhalten haben übergewichtigere Töchter.

Die Entwicklung von Übergewicht kann auch durch psychologische Faktoren beeinflusst sein. Ein niedriger Selbstwert, negatives Körperkonzept, Angst und affektive Störungen sind mit Übergewicht assoziiert, jedoch ist der Ursache-Wirkungs-Zusammenhang nicht eindeutig. In prospektiven Studien konnten sowohl depressive Stimmung als auch Störung des Sozialverhaltens als Prädiktoren isoliert werden. Sowohl elterliche Vernachlässigung als auch kognitive Unterstimulation konnten mit der Entwicklung von Adipositas in Verbindung gebracht werden.

Werbung beeinflusst das Essverhalten von Kindern

Zwei Drittel aller Kinder im Volksschulalter spielen mindestens ein Mal pro Woche ein Online-Spiel, das Aufmerksamkeit für eine Marke schaffen will, wobei sich nur ein Bruchteil der Kinder dessen bewusst ist, dass es sich bei den Spielen um Werbung handelt. Folkvord et al. (2016) haben nun die Wirkung von Werbespielen auf das Essverhalten von Kindern untersucht, wobei sich zeigte, dass wenn das Spiel Werbung für Lebensmittel enthielt, die Kinder in einer fünfminütigen Spielpause 55 Prozent mehr an angebotenen Süßigkeiten aßen als Kinder, die im Spiel Werbung für Spielzeug gesehen hatten. Die erste Gruppe griff zudem seltener zu gleichzeitig angebotenem Obst, wobei es keinen Unterschied machte, ob im Spiel Süßigkeiten oder Obst zu sehen gewesen waren, denn in beiden Fällen griffen die Kinder vermehrt zu Süßigkeiten. Offenbar reicht allein das Zeigen von Essbarem in einem Spiel, um Kinder zu übermäßigen und ungesundem Essverhalten zu bringen. Man nimmt daher an, dass Lebensmittelwerbung einen erheblichen Beitrag zu Fettleibigkeit leistet, wobei nicht zuletzt dank Social Media Lebensmittel- und Getränkehersteller Kinder auf verschiedensten Wegen mit Werbung zu erreichen versuchen.

Adipositas bei Erwachsenen

entsteht durch vielerlei Ursachen

Adipositas und Gehirn

An der Entstehung von Fettleibigkeit beim Menschen spielt das Melanocortin-System im Gehirn eine wichtige Rolle, denn dieser Regelkreis kontrolliert den Fettstoffwechsel unabhängig von der Nahrungsaufnahme. Über dieses System signalisiert das Gehirn, wie viel Zucker und Energie in Fett umgewandelt, in Fettzellen gespeichert oder im Muskel verbrannt werden soll. Spezielle Nervensysteme in Regionen des Hirnstamms und im Hypothalamus überprüfen permanent den Energiezustand des Körpers, und senden in Abhängigkeit von den gemessenen Werten Signale, um Schwankungen in der Nährstoffversorgung auszugleichen. Die Melanocortin-Neruronen produzieren dabei ein Protein, das Bindungspartner des Melanocortin-Rezeptors ist, wobei bei Menschen eine loss-of-function Mutation im Gen des Melanocortin-4-Rezeptors schon in jungen Jahren zu Übergewicht, Hyperphagie und Hyperinsulinämie führen. Die Melanocortin-Neuronen erhalten direkte Informationen vom afferenten Vagus Nerv, der Signale von den inneren Organen ans Gehirn sendet, und empfangen endokrine Signale durch Leptin, Insulin, Cholecystokinin und Ghrelin, die über die verfügbare Energiemenge im Körper informieren. Mutationen des Melanocortin-Systems zählen daher zu den häufigsten genetischen Gründen für frühe Fettleibigkeit beim Menschen.

Bekanntlich ist Übergewicht ein etablierter Risikofaktor für Typ-II-Diabetes mellitus, Hypertonie und Schlaganfall, wobei alle drei Erkrankungen mit Durchblutungsstörungen im Gehirn einhergehen und so einen kognitiven Abbau zur Folge haben können. Nach einer Studie ist Hirnatrophie im Alter bei Übergewichtigen und Fettleibigen um mehrere Jahre weiter fortgeschritten. Bei den adipösen Teilnehmern war das Gehirn um 8 Prozent geschrumpft, was einem Unterschied im biologischen Alter von 16 Jahren entspricht. Allerdings kann eine Hirnatrophie im Alter auch die Ursache des Übergewichts sein, da sich im frontalen und temporalen Gehirn auch Hirnzentren befinden, die die Nahrungsaufnahme und den Stoffwechsel beeinflussen. Eine Atrophie könnte daher eine ungezügelte Nahrungsaufnahme zur Folge haben, was zur Dickleibigkeit führen kann.
Quelle: http://www.aerzteblatt.de/nachrichten/37824/Adipositas_laesst_Gehirn_schneller_altern.htm (09-08-25)

Nach einer Studie von Horstmann et al. (2011) haben übergewichtige Frauen ihr Verhalten nicht so gut unter Kontrolle wie normalgewichtige. Es zeigte sich, dass bei Übergewichtigen generell diejenigen Hirnregionen mehr graue Substanz enthalten, die an der Bewertung von Belohnungsreizen beteiligt sind. Im Gegensatz dazu sind aber vor allem bei übergewichtigen Frauen Hirnregionen, die an der Verhaltenskontrolle beteiligt sind, deutlich verkleinert. Da die gleichen strukturellen Veränderungen schon aus Studien mit Frauen bekannt sind, die an Ess-Brech-Sucht (Bulimia nervosa) leiden, kann man daraus schließen, dass der Unterschied in der grauen Substanz möglicherweise nicht mit dem Übergewicht selbst, sondern mit einem veränderten Essverhalten zusammenhängt. Übergewicht ist offensichtlich mit grundlegenden, geschlechtsspezifischen Änderungen der Hirnstruktur assoziiert. Bei Männern und Frauen treten die Veränderungen vor allem in Hirnregionen auf, die mit der Verarbeitung von Belohnungen (orbitofrontaler Kortex, ventrales Striatum) und der zentralen Steuerung der Energiebalance (Hypothalamus) beschäftigt sind. Bei Frauen finden sich zusätzlich Veränderungen in Regionen, die wichtig für die Verhaltenskontrolle sind (dorsales Striatum, dorsolateraler Präfrontalkortex). Ob nun aber das veränderte Essverhalten und die eingeschränkte Impulskontrolle die strukturellen Veränderungen hervorrufen oder ob es sich genau umgekehrt verhält, kann natürlich nicht entschieden werden.

Hungerkuren und längeres Fasten sind auf Dauer erfolglos, wenn man abnehmen will, denn in einer Untersuchung in Australien (Sumithran, et al., 2011) erhielten fünfzig Adipöse im Alter von Mitte 50, die durchschnittlich etwa 100 kg wogen, für zehn Wochen einer Restriktionsdiät, bei der am Ende die Probanden fast 14 kg weniger auf die Waage brachten. Nach der Hungerkur waren die Leptinspiegel im Blut fast aller Testpersonen um zwei Drittel gefallen, wobei ein niedriger Leptinspiegel nicht nur einen gesteigerten Appetit bewirkt, sondern auch den Energiestoffwechsel drosselt. Man vermutet, dass dies eine Folge der Evolution darstellt, während der das menschliche Gehirn gelernt hat, in mageren Jahren den Verbrauch zu drosseln, wobei nicht nur die Fettzellen über das Hormon Leptin einen Notstand an das Gehirn melden, sondern auch der Darm dem Gehirn über Ghrelin hormonell vermittelt, dass Nahrung ausbleibt, und so dem Körper signalisiert wird, wieder möglichst viele Energiereserven zu bilden. Das Hormonsystems des Menschen neigt also dazu, das neu eingestellte Körpergewicht nicht zu akzeptieren, und dafür zu sorgen, dass der Betroffene wieder das ursprüngliche Gewicht erreicht.

Es ist bekannt, dass extremes Übergewicht die Fruchtbarkeit einschränkt, dass also Nervenzellen im Gehirn, die für die Regulation der Fruchtbarkeit zuständig sind, gleichzeitig gezielt Bereiche beeinflussen, die für die Steuerung der Stoffwechselaktivität verantwortlich sind. Das ist eine der vermuteten Ursachen für die Gewichtszunahme bei Frauen nach der Menopause. Bisher machte man vor allem eine hormonell bedingte Umstellung des Stoffwechsels dafür verantwortlich, doch nun haben Schmid et al. (2013) zumindest bei genmanipulierten Mäusen entdeckt, dass Areale des Gehirns, die für die Regulation der Fruchtbarkeit verantwortlich sind, auch Gehirngebiete für den Stoffwechsel regulieren. Mit Beginn der Pubertät werden jene Nervenzellen im Hypothalamus aktiv, die als GnRH-Neurone bezeichnet werden, und die für die Funktionalität der Geschlechtsorgane und das Paarungsverhalten verantwortlich sind, während die POMC-Neurone die Stoffwechselaktivität steuern, indem sie dem Gehirn Auskunft über verfügbare Fettreserven geben und die Nahrungsaufnahme regulieren. Es zeigte sich, dass die GnRH-Neurone gezielt die Aktivität der POMC-Neurone regulieren, dass also das für die Reproduktion verantwortliche System im Gehirn das metabolische System beeinflusst und nicht umgekehrt.

Literatur
Horstmann, A., Busse, F.P., Mathar, D., Mueller, K., Lepsien, J., Schloegl, H., Kabisch, S., Kratzsch, J., Neumann, J., Stumvoll, M., Villringer, A. & Pleger, B. (2011). Obesity-related differences between women and men in brain structure and goal-directed behavior. Front. Hum. Neurosci. 5:58. doi: 10.3389/fnhum.2011.00058
Schmid, Thomas, Günther, Stefan, Mendler, Luca & Braun, Thomas (2013). Loss of NSCL-2 in Gonadotropin Releasing Hormon Neurons Leads to Reduction of Pro-Opiomelanocortin Neurons in Specific Hypothalamic Nuclei and Causes Visceral Obesity. The Journal of Neuroscience. DOI:10.1523/JNEUROSCI.5287-12.2013.
Sumithran, Priy, Prendergast, Luke A., Delbridge, Elizabeth, Purcell, Katrina, Shulkes, Arthur, Kriketos, Adamandia, & Proietto, Joseph (2011). Long-Term Persistence of Hormonal Adaptations to Weight Loss. The New England Journal of Medicine, 365, 1597-1604.

Adipositas und Berufschancen

Eine experimentelle Studie über Vorurteile von Personalentscheidern gegenüber Adipösen von Geil et al. (2012) wollte herausfinden, ob bei geschulten Personalentscheidern Vorurteile gegenüber adipösen Menschen vorhanden sind. Um mögliche Vorurteileunabhängig von anderen Einflüssen erfassen zu können, wurden Personalentscheidern sechs Fotos vorgelegt, auf denen jeweils eine Person abgebildet war, wobei alle Abgebildeten ungefähr gleich alt waren und einen vergleichbaren sozioökonomischen Status hatten, aber unterschiedliches Körpergewicht. Um Verzerrungen zu vermeiden, trugen alle Personen auf dem Foto ein weißes T-Shirt und eine Jeans. Die Studienteilnehmer hatte die Aufgabe, einzuschätzen, welchen Beruf die sechs Personen ausüben, und sollten diejenigen Personen benennen, die ihrer Meinung nach in einem Bewerbungsgespräch um eine Abteilungsleiterstelle in die engere Wahl genommen würden. In beiden Fällen schnitten die Übergewichtigen sehr schlecht ab, denn ihnen wurde weder ein Beruf mit hohem Prestige zugetraut noch wurden ebenso für eine Abteilungsleiterstelle ausgewählt. Dabei trafen die Vorurteile gegenüber Übergewichtigen besonders stark Frauen, denn nur zwei Prozent ordneten den adipösen Frauen einen Beruf mit hohem Prestige zu, und nur sechs Prozent der Befragten traute ihnen zu, bei einer Bewerbung um eine Abteilungsleiterstelle in die engere Auswahl gekommen zu sein.

Literatur
Giel, K.E., Zipfel, S., Alizadeh, M., Schäffeler, N., Zahn, C., Wessel, D., Hesse, F.W., Thiel, S. & Thiel, A. (2012). Stigmatization of obese individuals by human resource professionals: an experimental study. BMC Public Health, Jul 16;12(1):525.

Finanzielle Anreize helfen beim Abnehmen

In einer Studie der Johannes Kepler Universität Linz und der Universität Innsbruck (Halla et al., in press) wurden 675 Versicherte der Sozialversicherungsanstalt der gewerblichen Wirtschaftdie die Kundenzone in Wien aufsuchten, über einen längeren Zeitraum hin untersucht. Sie hatten einen durchschnittlichen Body-Mass-Indexvon 32,5, was erheblichem Übergewicht bzw. bereits Adipositas entspricht. Für eine Frau mit 1,65 cm Körpergröße würde das 88 Kilogramm bedeuten, für einen Mann (1,80 Meter) ein Gewicht von 105 Kilogramm. 300 Teilnehmer wurden per Zufall einer Kontrollgruppe zugeteilt und nach fünf bzw. nach zehn Monaten wurde das Gewicht noch einmal kontrolliert. Für die zweite und die dritte Messung gab es 20 bzw. 40 Euro Entschädigung. Auch die beiden anderen Gruppen mit jeweils rund 175 Probanden erhielten die Aufwandsentschädigung, bekamen aber auch 150 Euro (Behandlungsgruppe 1) oder 300 Euro (Behandlungsgruppe 2) für das Erreichen einer Gewichtsabnahme von mindestens fünf Prozent als Prämie versprochen. Bis zum Ende der Studie stiegen jeweils zwischen 30 und 40 Prozent der Probanden aus. In der Kontrollgruppe haben 17 Prozent eine fünfprozentige Abnahme des Körpergewichts geschafft. In der Behandlungsgruppe 1 (150 Euro Prämie) waren es 31 Prozent und in der Behandlungsgruppe 2 (300 Euro Prämie) 50 Prozent. In der Kontrollgruppe gab es eine durchschnittliche Gewichtsabnahme um rund 1,9 Kilogramm, in den Behandlungsgruppe 1 und 2 waren es jeweils etwa minus 3,3 Kilogramm. Ein relativ kleiner finanzieller Anreiz zum Abnehmen reicht offensichtlich aus, um doppelt bis dreimal so viele Menschen zur Reduktion ihres Körpergewichts zu bringen. Übrigens: Unter den Probanden, die die höhere Prämie erhielten, kam es auch zu einem Zuwachs an Lebensqualität. Entscheidend ist offensichtlich nicht die Höhe des Anreizes, sondern, dass es ihn überhaupt gibt.

Literatur
Halla M., Pruckner G. J., Hummer M., Hackl F. (in press). The Effectiveness of Health Screening. Health Economics.

Psychotherapie zur Unterstützung bei Adipositas

Wie wichtig psychotherapeutische Hilfe in der Adipositastherapie ist, legen wissenschaftliche Studien nahe, denn neben medizinischen und biologischen Faktoren spielen bei der Entstehung einer Adipositas auch psychologische und psychosoziale Umstände eine Rolle, die in der Therapie zu berücksichtigen sind. Psychotherapeutische Unterstützung ist auch deshalb wichtig, weil häufig Ablehnung und Hänseleien durch Mitmenschen, KollegInnen, aber auch Freunde und Familie die Betroffenen psychisch belasten. Der Leidensdruck adipöser Menschen geht somit nicht nur auf körperliche Beschwerden sondern auch auf eine Form der Stigmatisierung durch die Umwelt zurück, wobei sich Belastungen aufgrund von Stigmatisierung sich negativ auf den Behandlungserfolg auswirken, sodass eine Psychotherapie einen konstruktiven Umgang mit diesen Belastungen bieten kann. Häufig geht es darum, depressive Stimmungen, nachlassende Motivation, emotionale Labilität oder Belastungen frühzeitig zu erkennen und in der Therapie gegenzusteuern.

Siehe auch

Quelle: Diese Arbeitsblätter entstammen der Studie von Ursula Gruber "Essstörungen an Berufsbildenden Höheren Schulen Österreichs. Wahrnehmung, Behandlung, Prävention".



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