- Eine Textinterpretation erfolgt immer unter
bestimmten Fragestellungen, und in der Fragestellung
drückt sich ein bestimmtes
Vorverständnis des zu untersuchenden
Zusammenhanges aus. Der Interpret verfährt
unreflektiert, wenn er sich das in seiner Fragestellung
steckende Vorverstandnis nicht bewußt macht. Dieses
Vorverständnis ist jedoch nicht etwa ein
bedauerlicher Störfaktor für das
Auslegungsverfahren, so als wäre das
voraussetzungslose Herangehen an einen Text die
anzustrebende Idealform; vielmehr ist die Fragestellung
und das darin eingeschlossene Vorverständnis die
Voraussetzung dafür, daß ein Text
überhaupt interpretiert werden kann. Damit die
Aussagen des Interpreten aber von anderen
überprüft werden können, muß der
Interpret seine Fragestellung und sein
Vorverständnis formulieren!
- Die vorgängige Fragestellung und das
darin sich ausdrückende Vorverständnis
müssen am Text bzw. an den Texten selbst immer
wieder überprüft und ggf.
geändert werden.
- Eine der wichtigsten Voraussetzungen für eine
wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Texten ist die
Quellen- bzw. Textkritik.
- Ein notwendiges Moment der Interpretation ist die
Frage nach der Bedeutung einzelner Worte oder Formen
eines Textes. Mit dem Fachterminus ausgedrückt: Es
handelt sich um den semantischen Aspekt, d.h.
also, den auf die Wortbedeutungen gerichteten Aspekt der
Interpretation.
- Pädagogische Texte entstehen häufig als
Stellungnahmen im Zusammenhang mit Kontroversen, sie
ergreifen Partei, sind Ausdruck eines praktischen
Engagements, nicht eines rein theoretischen
Erkenntnisstrebens; folglich können sie nur
verstanden werden, wenn auch die jeweiligen Gegenspieler
in die Interpretation einbezogen werden.
- Zur Interpretation eines einzelnen Textes ist es
häufig notwendig, über den immanenten
Zusammenhang hinauszugehen und weitere Quellen
hinzuzuziehen. Da umgekehrt aber auch die textimmanenten
Informationen zur Klärung textübergreifender
Zusammenhänge beitragen können, kann man
prinzipiell von einem Verhältnis wechselseitiger
Erklärung textimmanenter und textübergreifender
Zusammenhänge sprechen.
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- Für die Ermittlung des
Argumentationszusammmenhanges eines Textes haben die
syntaktischen Mittel, die Sätze oder
Satzteile miteinander verbinden, große Bedeutung.
Wissenschaftliche Interpretation muß folglich
diesem Aspekt eines Textes besondere Aufmerksamkeit
schenken.
- Was die Ermittlung der syntaktischen Beziehungen
zwischen Sätzen und Satzgliedern im kleinen zu
leisten vermag, muß vom Interpreten auch für
den gesamten Text systematisch geleistet werden. Die
gedankliche Gliederung muß
übersichtlich herausgearbeitet werden: Hauptthesen,
Begründungen Erläuterungen, Beispiele,
Nebengedanken, Exkurse usf. sind durch Interpretation
voneinander abzuheben und nach Möglichkeit in einem
differenzierten Gliederungsschema zusammenzufassen. Diese
Aufgabe ist dann besonders dringlich, wenn ein Autor
seinen Text nicht selbst ausdrücklich und
detailliert gegliedert hat und sofern er seine Gliederung
nicht selbst kommentiert.
- Soweit es sich bei zu interpretierenden Texten um
Argumentationszusammenhänge handelt, ist der
Gesichtspunkt der inneren Widerspruchsfreiheit, der
logischen Stringenz ein entscheidender Auslegungspunkt.
Der Interpret muß die Begründungen,
Folgerungen, Herleitungen des Autors nicht nur
mitvollziehen, sondern kritisch überprüfen. Er
muß prinzipiell unterstellen, daß dem Autor
logische Fehler unterlaufen sein können.
- Eine Interpretation bewegt sich ständig im
sogenannten "hermeneutischen
Zirkel": Die einzelne Aussage und ihre
sprachlichen Elemente werden im Gang der Interpretation
immer wieder im Zusammenhang größerer
Aussagenzusammenhänge ausgelegt; das einzelne Wort
wird erst im Zusammenhang Satzes, der Satz erst im
Kontext größerer Satzzusammenhänge
verständlich usf.; später in einem Text
auftretende Aussagen wirken ergänzend und
verändernd auf das Verständnis des früher
Gesagten zurück. Zugleich gilt aber auch: der
jeweils umfassendere Zusammenhang kann nicht ohne seine
einzelnen Elemente verstanden werden.
- Es ist grundsätzlich immer möglich,
daß die Auffassungen, Zielsetzungen, Thesen,
Argumentationen, die in einem Text bzw. in einigen Texten
von einem Autor geäußert werden, entscheidend
durch die gesellschaftliche Situation oder Position, in
der sich dieser Autor befindet, bestimmt sind, m.a.W.:
durch seine gesellschaftlichen Interessen, ohne daß
sich der Autor dieses Zusammenhanges überhaupt oder
in vollem Umfang bewußt ist. Daher muß eine
konsequente Textinterpretation, die der heute erreichten
methodologischen Erkenntnis entspricht, immer auch die
ideologiekritische Frage stellen, d.h. die Frage
nach dem Zusammenhang zwischen gesellschaftlicher Lage
und Bewußtsein.
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Dieser Text ist die Zusammenfassung von
Überlegungen Wolfgang Klafkis zur Anwendung
hermeneutischer Verfahren in der Erziehungswissenschaft.
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Klafki, W. (1971). Hermeneutische Verfahren in der
Erziehungswissenschaft. In: Klafki, W. et al. (Hrsg.),
Erziehungswissenschaft 3: Eine Einführung (Funk-Kolleg
Erziehungswissenschaft). Frankfurt: Fischer.
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