Formen der Gewalt in der Familie
Die Gewalt in der Familie hat viele Gesichter und tritt im Alltag vor allem in Form von psychischer und ökonomischer Unterdrückung auf. Zwar gibt es keine typische Form von Gewalt in der Familie, jedoch werden in der Regel Frauen ihr Opfer. Eine häufige Ursache für massive Gewalt in der Familie und und vor allem gegen Kinder ist eine narzisstische Persönlichkeitsstörung. Das Selbstbewusstsein des pathologischen Narzissten ist im Grunde zu gering, wobei diese Persönlichkeitsstörung meist im Jugendalter bzw. frühen Erwachsenenalter beginnt und sich in verschiedenen Situationen zeigt. Narzissten verhalten sich wenig einfühlsam und scheinen sich vor allem für eines zu interessieren: für sich selbst. Ihr Beziehungsstil ist weitgehend durch Macht und Manipulation gekennzeichnet,
Es handelt es sich bei den GewalttäterInnen in der Familie oft um wenig selbstsichere Menschen, die andauernd Bestätigungen brauchen und auch eine geringfügige Kränkung kaum ertragen, etwa ein schreiendes Kind, das etwas von ihnen fordert. In einer Therapie müssen die TäterInnen daher vor allem einerseits lernen, ihre Gewalt nicht zu bagatellisieren und Verantwortung zu übernehmen, anderseits müssen sie sich häufig überhaupt erst ein soziales Repertoire oder gar Bindungs-und Beziehungsfähigkeit aneignen. Häufig hatten TäterInnen selbst unberechenbare Eltern, doch kann man die eigene suboptimale Kindheit nicht als Entschuldigung für die eigene Aggression gegen andere missbrauchen.
Physische Gewalt Oftmals bedrohen Männer ihre Frauen mit Waffen oder gefährlichen Gegenständen, doch die am häufigsten auftretenden Formen physischer Gewalt zielen direkt darauf ab, das Opfer zu verletzen. Frauen werden geschlagen, getreten, gestoßen und gewürgt, ihnen werden Verbrennungen und Knochenbrüche zugefügt, sie werden gefesselt. Frauen werden durch die Rationierung von Nahrung gequält und durch Schlafentzug gefoltert.
Psychische Gewalt Die Opfer psychischer Gewalt erleiden alle Formen von Demütigungen und Erniedrigungen - ihr Selbstbewusstsein wird systematisch untergraben. So z.B. sehen sie sich mit beleidigenden Worten konfrontiert, Drohungen werden ausgesprochen, sie werden eingeschüchtert. Abweisende Blicke oder Gesten geben ihnen zu verstehen, dass der Partner sie gering schätzt oder gar für verrückt hält.
Soziale Gewalt Kontakte zur Außenwelt werden untersagt, bzw. einer genauen Kontrolle unterzogen - die Frau hat Rechenschaft darüber abzugeben, was sie tut, wen sie trifft, mit wem sie spricht oder wohin sie geht. Frauen werden eingesperrt, und durch gezielten Rufmord in die Isolation getrieben. Frauen werden wie Bedienstete behandelt, alle Entscheidungen trifft der "Herr des Hauses". Der Besitz persönlicher Gegenstände wird verboten, oftmals wird ihr Eigentum zerstört. Pflegebedürftige Frauen werden vernachlässigt, Hilfe wird verweigert, lebensnotwendige Medikamente werden nicht verabreicht.
Religiöse Gewalt Auch religiöse Faktoren können Auslöser familiärer Gewalt darstellen. So leiden Frauen häufig unter dem Druck starrer religiöser Regeln oder werden an der Ausübung ihres Glaubens gehindert.
Sexuelle Gewalt Sexuelle Gewalt verletzt sowohl den Körper als auch die Seele einer Frau. Die wohl grausamste Art stellt hierbei die Vergewaltigung dar. Oftmals werden Frauen aber auch zu erniedrigenden sexuellen Handlungen genötigt. Gegen ihren Willen werden schmerzhafte sexuelle Praktiken ausgeübt. Sie werden von ihrem Partner durch verbale und tätliche Angriffe sexuell belästigt, bzw. ihrer Persönlichkeit beraubt und zum Objekt degradiert.
Ökonomische Gewalt Die wirtschaftliche Abhängigkeit der Frau wird von vielen Männern ausgenutzt, um ihre Machtstellung innerhalb einer Partnerschaft zu beweisen. Der Alleinverdiener verfügt über alle finanziellen Mittel, Geld wird der Frau lediglich zugeteilt, über alle Ausgaben hat sie Buch zu führen. Es bleibt ausschließlich dem Ermessensspielraum des Mannes überlassen, wie viel Geld für die Haushaltsführung oder gar für persönliche Wünsche der Frau, wie z.B. Kleidung oder Schmuck zur Verfügung steht. Sie hat um Geld zu bitten. Finanzielle Mittel werden manchmal generell verweigert bzw. willkürlich der Frau wieder entzogen. Berufstätige Frauen dürfen über ihr eigenes Einkommen nicht selbst entscheiden, sondern werden dazu gezwungen, ihren gesamten Verdienst zu Hause abzugeben. Ökonomische Gewalt kann sich auch darin äußern, dass Frauen bewusst als "Heimchen am Herd" gehalten werden und die Ausübung einer beruflichen Tätigkeit verweigert wird, um weiterhin die wirtschaftliche Abhängigkeit zu garantieren.
Quelle: http://www.akatemia.org/projektit/perhevak/gewalt.htm (05-11-17)
Aggression in Partnerschaften auch durch Frauen
In Partnerschaften neigen auch manche Frauen dazu, gegenüber ihrem Ehemann oder Lebensgefährten aggressiv zu werden, wobei die weibliche Beziehungsgewalt denselben Mustern folgt wie die männliche. Zach Walsh et al. (University of British Columbia) haben in einer Studie nachgewiesen, dass sich die Typologie der weiblichen Beziehungstäter nicht von jener der Männer unterscheidet, wobei sich Männer wie Frauen nach ihrer Persönlichkeit und ihrem Störungsbild drei Typen lassen zuordnen lassen.
- Antisoziale TäterInnen neigen in besonderem Maße zur Gewalttätigkeit, sowohl innerhalb als auch außerhalb der Partnerschaft. Sie werden überdies oft rückfällig. Manche saßen schon wegen Gewaltdelikten im Gefängnis. In ihrer Persönlichkeit fallen diese Personen durch ein sehr niedriges Maß an „Verträglichkeit“ auf: Sie sind berechnend, aggressiv, egoistisch. Sie können und wollen sich nicht in ihre Mitmenschen einfühlen, deren Bedürfnisse sind ihnen gleichgültig. Viele suchen den Nervenkitzel, neigen zu Suchtexzessen. Sowohl bei den Männern als auch bei den Frauen fällt etwa ein Fünftel der Beziehungstäter in diese Kategorie. Bei den Männern fällt auf, dass sie in der Partnerschaft nicht nur austeilen, sondern auch einstecken müssen – vielleicht, so vermuten die Autoren, weil diese Männer nach dem Muster „Gleich und Gleich gesellt sich gern“ häufig an Partnerinnen von ähnlich rabiatem Wesen geraten.
- Dysphorischen TäterInnen sind oft depressiv, ängstlich und gestresst. Manche haben eine Borderline-Persönlichkeit, sind also extrem stimmungslabil. Mal vergöttern sie ihren Partner, dann wieder halten sie ihn für das letzte Miststück. Diese Menschen sind ihren Gefühlsturbulenzen nicht gewachsen. Im Persönlichkeitsfragebogen zeichnen sie sich durch hohen „Neurotizismus“, also seelische Instabilität aus. Gleichzeitig sind sie introvertiert und von einer defensiven Kratzbürstigkeit. Im Streit mit dem Partner rasten sie aus, sie schlagen aus Hilflosigkeit und emotionaler Überforderung. Bei den Frauen stellt dieser Typus die stärkste Gruppe. Diese „hysterischen“ Frauen werden ihrerseits häufig Opfer von Partnergewalt. Wenn hingegen Männer dieses Typus rot sehen, teilen sie eher aus und erfahren zumindest physisch selten Gegenwehr.
- Unauffällige TäterInnen präsentieren sich im Persönlichkeitsfragebogen gänzlich normal und unauffällig: nicht übermäßig neurotisch, eher extravertiert und offen für Neues, hinreichend verträglich und gewissenhaft. Es bleibt ein Rätsel, weshalb sie bei aller angeblichen Normalität dennoch auf den Partner losgehen und außerdem zu Sucht und Gesetzesverstößen tendieren. Entweder sie schilderten sich bei der Befragung nicht ganz ehrlich, oder die Ehegewalt geht in diesen Fällen stärker von Einflüssen jenseits der Persönlichkeit aus – wie etwa beengten Wohnverhältnissen oder einer schwierigen sozialen Situation.
Quellen:
Saum-Aldehoff, Thomas (2010). Drei Partner-Prügel-Persönlichkeiten.
WWW: http://www.psychologie-heute.de/news_aktuell/index.html (10-08-28)
Walsh, Z. et al. (2010). Subtypes of partner violence perpetrators among male and female psychiatric patients. Journal of Abnormal Psychology, 119/3, 563–574.
Elterliche Aggressionen: Die g'sunde Watsche gibt es
Mit dem Thema Gewalt in Familien und Schulen beschäftigt sich Mirjam Lettner von der Kinder- und Jugendanwaltschaft OÖ. "Unsere Erfahrungen sind, dass Gewalt in den Familien alltäglich ist. Bei den Touren durch die Schulen stellen wir fest, dass sehr, sehr viele Kinder von ihren Eltern regelmäßig ihre Watschen bekommen und auch glauben, diese verdient zu haben. Es ist erschütternd, dass die Watsche in Österreich noch immer ein echtes Erziehungsmittel ist." Noch dazu werde die Ignoranz gegenüber Kindern immer größer, berichtete Mirjam Lettner. "Wir bekommen sehr häufig Anrufe von Eltern, deren Kinder nicht mehr auf Spielplätzen spielen dürfen, weil das angeblich zu laut ist."
Häufig werden elterliche Aggressionen als eine Reaktion auf kindliche und jugendliche Emotionen entschuldigt. Allerdings: Aggressives Verhalten von Kindern und Jugendlichen ist häufig auch ein Aspekt der normalen Entwicklung zur Selbstbehauptung, denn eine Auseinandersetzung mit der eigenen Aggressivität ist auch ein Aspekt der Persönlichkeitsentwicklung, Selbstbehauptung und Konfliktfähigkeit. Eine selbstsichere und reife Persönlichkeit entwickelt sich nicht alleine nur durch ausschließlich angepasstes und unauffälliges Verhalten. Nur wenn psychosoziale Probleme die Ursachen der Aggressionen sind, müssen diese erkannt und entsprechend behandelt werden. Aggressiven Kindern sollte man immer zuhören und genügend Aufmerksamkeit widmen, denn manchmal ist Aggressivität der Versuch, Grenzen auszuloten. Kinder und Jugendliche können nur allmählich lernen, auf die Bedürfnisse anderer Rücksicht zu nehmen. Zum Elternsein gehört auch, die eigene Konfliktfähigkeit und die des pubertierenden Jugendlichen laufend weiterentwickeln, wobei manchmal physische aber auch psychische Gewalt in der Erziehung und auch Angstmachen letzlich erst gewalttätige Kinder erzeugt.
Quelle: OÖnachrichten vom 23.06.2007
Erziehungsstil und Aggression
Der Familie als primärer Sozialisationsinstanz kommt zentrale Bedeutung für die Entwicklung der Kinder und Jugendlichen zu. Das früh in den Familien erlernte Sozialverhalten verfestigt sich im Laufe der Entwicklung des Kindes. Durch unangemessenes Erziehungsverhalten kann es zu eigensinnigen oder antisozialen Reaktionen des Kindes kommen. Verhaltensauffälligkeiten liegen oft Unsicherheiten in der Erziehung und familiäre Belastungen (z.B. Partnerprobleme der Eltern) zugrunde. Im Umgang mit dem Kind sind die Eltern mitunter hilflos und reagieren auf Unruheverhalten gereizt. Hinzu kommt, dass Eltern bei der Erziehung ihrer Kinder oft auch unterschiedlichen, sich widersprechenden Einflüssen von “Ratgebern“ (Großeltern, Freunde) unterliegen. Infolge der Inkonsequenz und mangelnden Übereinstimmung erscheinen dem Kind die Erziehungsmethoden dann oft nicht einsichtig und willkürlich. Deshalb ist es wichtig, dass sich die Eltern absprechen und feste Regeln bezüglich der Erziehung aufstellen. Sie sollten dabei auch nicht zu hohe Anforderungen an die Elternrolle stellen, da durch den Vergleich mit der eigenen Kindheit und das Ziel, alles besser machen zu wollen, die Erziehungsziele oft zu hoch gesteckt werden.
Im familiären Zusammenleben sollten partnerschaftliche und kooperative Beziehungen angestrebt werden. Hierbei wird ein demokratisch-partizipativer Erziehungsstil als ideal angesehen, bei dem auf gemeinsame Absprachen, auf das Aushandeln von Umgangsformen und begründeten Regeln großer Wert Die Familie ist eine Art “Unternehmen auf Gegenseitigkeit“. Es ist wichtig, dass man einfach für einander da ist und gemeinsame Aktivitäten unternommen werden, so dass das Zusammengehörigkeitsgefühl gestärkt wird. Kinder und Jugendliche brauchen Bezugspersonen, die sie auch bei “Fehlschlägen“ in den Arm nehmen, ihnen Selbständigkeit zutrauen und ihnen Rede und Antwort stehen.
Neben emotionaler Zuwendung benötigen Kinder auch Grenzen bzw. Kontrolle. Dadurch fühlen sie sich ernst genommen und sie erhalten so wichtige Orientierungsmuster. Umgekehrt erweist sich gerade die Kombination von emotionaler Kälte und laxer Kontrolle als aggressionsfördernd. Wenn Zuwendung und Kontrolle nicht gegeben sind, kann es passieren, dass das Kind versucht, durch Aggression und Gewalt zu signalisieren, dass es wahrgenommen werden will und festen Halt in der Familie sucht. Sollten Eltern das Gefühl haben, ihrer Aufgabe nicht gewachsen zu sein, können sie - z.B. beim Jugendamt oder einer Erziehungsberatungsstelle - Hilfe suchen. Dies ist kein Zeichen von Schwäche oder Versagen, sondern ein Zeichen von Verantwortung und der erster Schritt aus einer vielleicht ausweglos scheinenden Situation.
Quelle: Schulentwicklung. Erst Nachdenken – dann Handeln. Wahrnehmen, Erklären und Handeln zu Aggression und Gewalt als Strategie für eine tolerante und weltoffene Schule. Landesinstitut für Schule und Medien Berlin-Brandenburg (LISUM). (Hervorhebungen von mir; W.S.)
Relationale und physische Aggression in der mittleren Kindheit
Ziel einer Studie war es, bei Grundschülern im Alter von sieben bis neun Jahren Verbindungen zwischen relationaler und physischer Aggression sowie moralischen Wertvorstellungen und Gefühlen zu überprüfen. Relationale Aggression schädigt zwischenmenschliche Beziehungen, z. B. durch das Verbreiten von Gerüchten und ist besonders unter Mädchen verbreitet. Physische Aggression ist die körperliche Verletzung von Mitmenschen, tritt meist bei Knaben auf. Um zu ermitteln, ob und welche Schülerinnen aggressiv sind, befragte man LehrerInnen und MitschülerInnen. Gasser & Malti (2011) gehen davon aus, dass es bei physischer und relationaler Gewalt Zusammenhänge mit moralischen Grundsätzen gibt. Um diese Beziehungen zu überprüfen, wurde der Einfluss des Alters, der Sprachfähigkeit und des Geschlechtes erfasst. Es wurden dazu zwei Hypothesen aufgestellt:
(1) Physische Aggression geht mit Defiziten in Bereichen moralischen Wissens und moralischer Gefühle einher.
(2) Relationale Aggression geht mit Defiziten im Bereich moralischer Gefühle einher, zeigt aber keine oder gar positive Zusammenhänge mit moralischem Wissen.
Die erste Hypothese, die moralische Defizite bei physisch aggressiven Kindern annimmt, konnte bestätigt werden. Demnach war es für physisch aggressive Grundschüler schwierig, ihre Gefühle und ihren Standpunkt moralisch zu vertreten. Bei älteren Kindern konnte eine Beziehung zwischen moralischen Gemütsbewegungen und physischer Aggression festgestellt werde). Die zweite Hypothese traf hingegen nicht zu, denn es konnte eine Korrelation relationaler Gewalt und moralischer Grundsätze nachgewiesen werden. Eine mögliche Erklärung dafür sind sozial erwünschte Antworten der befragten Kinder. (vgl. Gasser & Malti, 2011, S. 36).
Quelle: Gasser, L. & Malti, T. (2011). Relationale und physische Aggression in der mittleren Kindheit. Zeitschrift für Entwicklungspsychologie und Pädagogische Psychologie, 43 (1), 29 – 38.
Inhaltsverzeichnis Theorien zur Erklärung - Genetischer Ansatz - Ethologisches Konzept - Huesmann und Berkowitz - Lernpsychologische Erklärung - Katharsishypothese - Psychoanalytische Erklärung - Frustrationshypothese - Exkurs - Amok - ein interkulturelles Phänomen - Selbstverletzung - Wahrnehmung in der Familie - Familie - Hooliganismus - Medienwirkung - Elterntipps - Selbstverletzung - Trainingsprogramm - Schule - Literatur

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