Personen
- Weiß ein
Experimentator
- Türsteher
- Seidler
- Kindler
- Gerber alias
Roche
- Ender
- Angelika, Enders
Frau
- Maximilian, ein
Narr
- Jäger.
alias Mandel
- Eine alte
Frau
- Vier
Soldaten
- Acht
Identitäten
-
- Ort der
Handlung: Irgendwo, vielleicht in
Österreich
- Zeit der
Handlung: Der Abend des 26. Oktober 19..
Premierenbesetzung
- Weiß, ein
Experimentator: Winfried Görlitz
- Türsteher:
Herbert Stefan
- Seidler: Hans
Walter Hirt
- Kindler:
Liselotte Schmidt
- Gerber, alias
Roche: Klaus von Pervulesko
- Ender: Reinhardt
Winter
- Angelika, Enders
Frau: Gabriele Lachmann
- Maximilian, ein
Narr: Eugen Victor
- Jäger,
alias Mandel: Gerhard Brössner
- Eine alte Frau:
Hansi Hübl
-
- Inszenierung:
Klaus-Dieter Wilke
- Szene: Brigitte
Erdmann
- Inspektion:
Andreas Pöschl
- Souffleuse:
Irene Schwager
- Werkstättenleitung:
Wilhelm Neuhedl
- Technische
Einrichtung: Konstantin Jenny
- Beleuchtung:
Heinrich Doppler, Helmut Beneder
-
Probenfotos:
Peter Wurst
1. S z e n e
- Leere
Bühne. Zwischen Spielfläche und Publikum ein
transparenter Vorhang, der während der ersten Szene
geschlossen bleibt. Rechts und links im Hintergrund in
einer weiß gefärbten Wand je eine Türe.
In der Mitte dieser Wand ein Fenster. Die Glasscheiben
sind mit weißer Farbe übertüncht. Von der
Decke hängen drei einfache Schirmlampen, die den
Raum in ein blaßgelbes Licht tauchen.
Die Türe
links wird aufgestoßen und ein Mann in einem
weißen Arztmantel tritt mit militärisch-festem
Schritt auf. Weiß trägt unter dem weißen
Mantel vermutlich eine Uniform, zu erkennen sind
allerdings nur die schwarzen Lederstiefel. Weiß ist
etwa 45 Jahre. Ihm folgt ein Soldat mit einer Pistole im
Gürtel - der Türsteher ist etwa 30 Jahre. Der
Türsteher folgt untertänig, bleibt in etwa
fünf Schritt Entfernung von Weiß
stehen.
Weiß:
(blickt sich um) Die Luft hier ist grauenhaft. (Zum
Türsteher gewandt) Öffnen sie das
Fenster.
Türsteher:
Jawohl! (Geht zum Fenster und öffnet)
Weiß: (geht
im Zimmer auf und ab, öffnet die rechte Türe,
blickt hinaus) Sie haben ihre Instruktionen
erhalten?
Türsteher:
Jawohl!
Weiß:
(schließt die Türe) Wir haben noch etwas Zeit.
Holen sie die Stühle.
Türsteher:
Jawohl! (Geht nach diesem Befehl bei der
linken
Türe
hinaus)
Weiß tritt
zum geöffneten Fenster. Der Türsteher kommt mit
den ersten beiden Stühlen, er zögert, blickt
Weiß an.
Weiß:
(ungehalten) Stellen sie die Stühle dort an die
Wand! (er zeigt dabei neben das geöffnete
Fenster)
Der
Türsteher stellt wie befohlen die Stühle
nebeneinander und entfernt sich wieder. Weiß steht
dabei in der Mitte des Zimmers und beobachtet den
Türsteher, wie er insgesamt acht Stühle
hereinträgt und je vier rechts und links an der Wand
anordnet.
Weiß:
(blickt auf seine Uhr) Sie wissen, was sie zu tun
haben?
Türsteher:
Jawohl! (geht zur rechten Türe)
Weiß: Sie
haben die Vorladungen zu kontrollieren und auf keine
Fragen zu antworten. Haben sie verstanden?
Türsteher:
(dreht sich zu Weiß um) Auf keine Fragen antworten.
Die Vorladungen kontrollieren. Jawohl! (Geht bei der
rechten Türe hinaus und schließt
diese)
Weiß bleibt
einen Augenblick überlegend stehen, geht dann zum
Fenster, schließt es und zieht die Fensterklinke
ab. Er vergewissert sich, daß das Fenster nicht
mehr zu öffnen ist. Tritt bei der linken Türe
ab. Nach einigen Augenblicken tritt Weiß bei einem
Seiteneingang in den Zuschauerraum und setzt sich in die
erste Reihe. Er hebt die Hand und der Transparentvorhang
hebt sich.
2. S z e n e
- Die rechte
Türe wird zögernd geöffnet. Seidler tritt
ein und geht in die Mitte des Zimmers. Er mustert den
Raum. Seidler ist etwa 50 Jahre, groß, schlank. In
seinen Bewegungen immer ein wenig unsicher. Er trägt
einen schlecht sitzenden Anzug. Er hat eine Glatze, die
von den Schläfenhaaren nur wenig verdeckt wird. Er
trägt in der rechten Hand einen alten schwarzen
Aktenkoffer. Seidler tritt zum Fenster und will es
öffnen. Als er das Fehlen der Fensterklinke bemerkt,
will er sich auf den Stuhl rechts neben dem Fenster
niedersetzen. Da wird die rechte Türe geöffnet
und Frau Kindler tritt ein. Sie ist etwa 60 Jahre alt,
elegant aber eine Spur zu jugendlich gekleidet. Sie
trägt eine Krokohandtasche. Frau Kindler erblickt
Seidler, dieser nickt ihr in halb sitzender Stellung zu,
erhebt sich. Frau Kindler nickt Seidler ebenfalls zu.
Unschlüssig stehen beide auf Distanz. Wieder
öffnet sich die rechte Türe und Gerber tritt
ein. Gerber ist etwa 35 Jahre. Er ist leger sportlich
gekleidet. Er trägt Brillen und hat einen nach oben
gezwirbelten Schnurrbart.
Gerber: Guten
Abend.
Seidler und
Kindler: (fast gleichzeitig) Guten Abend.
Gerber blickt
sich kurz um und setzt sich dann auf den Stuhl, auf den
sich vorhin Seidler setzen wollte. Seidler blickt ihn
beinahe vorwurfsvoll an, hebt dann eine Hand wie zum
Protest. Blickt zu Frau Kindler, die sich inzwischen auf
den zweiten Stuhl neben der rechten Türe gesetzt
hat. Seidler schüttelt den Kopf und setzt sich auf
den zweiten Stuhl neben der linken Türe. Gerber
mustert den Raum, dann Seidler und Frau
Kindler.
Kindler:
(bemerkt, daß sie von Gerber gemustert wird) Sie
haben auch eine Vorladung bekommen?
Gerber: (holt
eine Brieftasche hervor und holt einen zusammengefalteten
Zettel heraus) Vorladung. Sie haben sich am 26. 10. um 19
Uhr bei der oben genannten Adresse einzufinden.
Unterschrift Dr. ... unleserlich.
Kindler: Wie bei
mir. Und keine Begründung.
Gerber: Dabei ist
der Termin doch ungewöhnlich, finden sie
nicht?
Endler: Die
werden schon wissen warum.
Gerber: (nach
einer kurzen Pause) Hoffentlich dauert es nicht zu lange.
Ich wollte mit meiner Frau ins Theater gehen. Ich habe
telefonisch versucht, einen anderen Termin zu erhalten,
doch (ironisch) am Telefon können keinerlei amtliche
Auskünfte erteilt werden.
Kindler: Ich habe
Zeit. Ob ich nun zu Hause sitze oder hier, das macht
keinen Unterschied.
Seidler: Man kann
sich gegen die Obrigkeit nicht wehren. Wir müssen
gehorchen, ob wir wollen oder nicht.
Gerber: (an
Seidler gewandt) Wissen sie, warum wir vorgeladen
wurden?
Seidler: Nein!
Wie gesagt, man hat sich zu fügen. (Steht auf,
beinahe dozierend) Gegen den Staat und die
Bürokratie kommt man nicht an. Alles wird durch
Verordnungen und Erlässe geregelt. Es gibt immer
mehr Zwang und immer weniger Freiheit. Es gibt keine
Selbstverwirklichung, keine Individualität. Aber man
lernt mit der Zeit, was man darf und was man nicht
darf.
Gerber: (beinahe
spöttisch) Früher oder später lernt man
es.
Kindler: Zu
meiner Zeit ...
Die rechte
Türe öffnet sich erneut. Ender und Angelika,
seine Frau, treten ein. Ender ist etwa 25 Jahre, sie
etwas jünger. Beide sind betont nachlässig
gekleidet. Sie trägt eine bunte Umhängetasche
aus Stoff.
Ender: Guten
Abend.
Angelika: (etwas
leiser) Guten Abend.
Gerber: Guten
Abend. (Humorvoll) Die nächsten
Kandidaten.
Ender: (etwas
irritiert) So ein unhöflicher Kerl da draußen.
Hat mich gleich angeschnauzt, als ich ihn fragte, wie
lange es heute wieder dauern wird.
Endler: Fragen
stellen dürfen nur die da oben. Wir müssen nur
die Antworten abliefern. Zu meiner Zeit ...
Seidler:
(unterbrechend) ... war es auch nicht viel
anders.
Gerber: Doch was
wir antworten, das bleibt uns überlassen.
Ender: Das
glauben sie? Wenn denen eine Antwort nicht in ihr Konzept
paßt, dann stellen sie immer neue Fragen, bis man
so denkt wie sie und so antwortet, wie sie es
wollen.
Seidler: Wir
müssen lernen, uns anzupassen.
Gerber: Ich kann
zwar lernen, was ich in dieser Situation am besten sage,
doch was ich glaube, was ich für richtig halte, das
bestimme immer noch ich selber.
Seidler:
(überlegen lächelnd) Mit der Zeit glaubt man
auch daran, was man sagt.
Ender: Man
muß sich dagegen wehren! Das ist die einzige
Chance.
Seidler:
Das ist sinnlos. Sie interessieren sich heute schon
für unsere Gefühle. Eines Tages werden sie so
weit sein, daß sie unsere geheimsten Regungen
aufdecken können. Und von der Bloßlegung bis
zur Kontrolle ist nur ein kleiner Schritt. Die erfinden
schon die passenden Apparaturen, mit denen sie
Löcher in unser Hirn machen können und
dann
Gerber: Das
werden wir nicht mehr erleben.
Seidler: Das ist
zu hoffen.
Die Türe
rechts wird aufgerissen und Jäger wird von zwei mit
einer Maschinenpistole bewaffneten Soldaten
hereingestoßen. Jäger ist etwa 30 Jahre alt.
Er hat auf der Stirn eine blutige Schramme. Die Kleidung
ist zwar nicht zerrissen, aber in Unordnung und weist auf
Gewaltanwendung hin. Alle ziehen sich - beinahe
ängstlich - vor ihm zurück. Frau Kindler ist
die erste, die sich ihm nähert.
Kindler: (sich an
Gerber wendend) Bringen sie bitte einen Stuhl.
Gerber nimmt
einen Stuhl und stellt ihn in die Mitte des Raumes. Frau
Kindler drückt Jäger vorsichtig auf den Stuhl
nieder. Jäger läßt es beinahe
geistesabwesend geschehen.
Seidler:
(nähert sich vorsichtig) Den haben sie aber
schön zugerichtet.
Kindler: Er
braucht einen Arzt.
Gerber: (wendet
sich an die Umstehenden) Versteht jemand etwas von
Verletzungen?
Seidler: Ich war
im Krieg. Da sieht man so manches. Doch ... ich
weiß nicht ... ob ...
Kindler: Er wird
ohnmächtig.
Seidler: Er
sollte sich hinlegen. (Blickt sich um) Vielleicht
könnte man ihn auf den Boden ...
Gerber: (geht zur
Wand und holt zwei Stühle, die er nebeneinander
stellt) Helfen sie mir doch.
Ender holt
ebenfalls zwei Stühle und stellt sie zu den zwei
anderen.
Gerber: (zu
Ender) Nehmen sie ihn bei den Beinen.
Vorsichtig, von
den anderen umstanden, legen sie ihn der Länge nach
über die vier Stühle. Gerber und Ender treten
zurück. Alle umstehen Jäger in einem offenen
Kreis. Jäger kommt langsam zu sich.
Kindler: Sie
haben ihn halbtot geschlagen.
Seidler:
Vielleicht hat er auch nur einen Unfall gehabt. (Tritt
näher zu Jäger) Wie ist das
passiert?
Jäger:
(richtet sich etwas auf) Heute ... heute nacht ... heute
nachmittags ...
Seidler:
(ungeduldig) Was war heute nachmittags?
Kindler: So
lassen sie ihn doch in Ruhe.
Jäger:
(stockend) Ich habe ihnen ... gesagt, daß ich nicht
kommen werde. (Kurze Pause) Ich sagte, daß ich ...
nicht länger ... mitmachen werde ... ich ... Schon
vor einem halben Jahr ... haben sie mich bestellt
...
Kindler: Lassen
sie ihn doch. In seinem Zustand ...
Seidler: Wir
müssen wissen, was hier vorgeht.
Gerber: Das
werden wir noch früh genug erfahren.
Kindler:
(beipflichtend) Jetzt soll er sich erst einmal ausruhen.
Sehen sie ihn doch an. Er bringt kaum ein Wort heraus.
(Wendet sich an Jäger) Haben sie
Schmerzen?

Jäger: Nein.
Ich fühle sie nicht mehr.
Gerber: Lassen wir
ihn in Ruhe. Wir können später mit ihm sprechen,
wenn er sich erholt hat.
Jäger:
(protestierend, aber schwach) Ich, ich will
Kindler: (schiebt
Jäger ihre Handtasche unter den Kopf) So! Und nun
sprechen sie nicht mehr.
Die anderen treten
etwas zurück.
Ender: Ich werde das
Fenster aufmachen. Die Luft hier herinnen ist zum
Ersticken.
Seidler: Das geht
nicht. Das Fenster läßt sich nicht
öffnen.
Gerber: Das ist wie
in einem Gefängnis.
Seidler: Die ganze
Welt ist ein Gefängnis. Warum sollte hier keines
sein?
Gerber: So ein
Unsinn!
Die rechte Türe
öffnet sich. Maximilian tritt ein. Er ist etwa 40
Jahre, hat schwarze nach hinten gekämmte Haare,
trägt eine schwarze Hornbrille. Er will die Türe
hinter sich schließen, da wird sie vom Türsteher
wieder aufgedrückt und eine alte Frau hereingeschoben.
Sie ist etwa 70 Jahre, geht vorgebeugt auf einen Stock
gestützt. Maximilian wendet sich um, nimmt die alte
Frau bei der Hand und führt sie zu einem Stuhl, auf den
sich die Frau mühsam niederläßt. Sie blickt
Maximilian dankend an. Die übrigen haben diesen Vorgang
kaum bemerkt. Maximilian erblickt den auf den Stühlen
liegenden Jäger, der regungslos liegt. Er ist etwas
irritiert. Für einen Augenblick tritt vollkommene
Stille ein.
Kindler: Guten
Abend.
Maximilian: (noch
immer verwirrt) Guten Abend. (Lauter) Guten
Abend.
Gerber: Sie sind
auch vorgeladen worden.
Maximilian:
Vorgeladen? Vorgeladen!
Gerber: Ja,
vorgeladen. Wissen sie, weshalb?
Maximilian:
(memorierend) Wissen? Wissen! Gewissen! Weshalb? Halbes
Gewissen. Gewiß!
Ender: Oh Gott! Ein
Irrer! Der hat uns noch gefehlt.
Maximilian:
(lächelnd) Irres Gewissen! Wirres Wissen.
Gewiß.
Kindler: Hören
sie auf.
Seidler: Richtig, so
kommen wir nicht weiter.
Gerber: Wollen wir
denn weiterkommen?
Seidler: Ich
möchte endlich wissen, was das alles soll. Man hat uns
hierhergeholt, ohne uns zu sagen, warum und wieso. Wir alle
(unsicher) wollen doch wissen, warum wir hier sind? (Es
tritt eine Pause ein) Ich werde den Türsteher fragen.
(Geht energisch zur rechten Tür und versucht sie zu
öffnen) Abgeschlossen!
Gerber: (geht zur
linken Tür) Ebenfalls abgeschlossen. Meine
Herrschaften, wir sind eine (ironisch) durch und durch
geschlossene Gesellschaft.
Wieder tritt einen
Augenblick Stille ein. Alle verharren in ihren Positionen.
Die alte Prau nickt vor sich hin. Da fällt ihr
plötzlich der Stock um, den sie neben sich angelehnt
hatte. Alle wenden sich ihr zu. Angelika geht zur alten Frau
und lehnt ihn wieder hin. Wieder eine kurze
Pause.
3. S z e n e
Gerber: Wir sind
vollzählig.
Seidler: Wie wollen
sie das wissen.
Gerber: Acht
Stühle, acht Personen. Alles hervorragend
organisiert.
Maximilian: Acht
Stühle organisiert. Acht Personen organisiert. Acht
Stuhlpersonen. Organisationsstühle.
Gerber: (den Einwurf
von Maximilian nicht beachtend) Wir müssen
herausfinden, was sie von uns wollen.
Seidler: Jetzt auf
einmal! Zuerst haben sie gesagt,
Gerber: Das ist
jetzt uninteressant. Es ist besser, wenn wir Klarheit
erhalten.
Ender: Es muß
doch einen Grund geben, warum gerade wir (zeigt auf die
Umstehenden) hierher vorgeladen wurden.
Gerber: (zuckt mit
den Schultern) Vielleicht wollen sie etwas erfahren?
Vielleicht wollen sie etwas wissen?
Seidler: Sie
registrieren doch alles.
Gerber: In unserem
Fall vielleicht nicht!
Ender: Was
heißt Fall?
Gerber: Ein Vorfall
eben. Über den sie Klarheit haben wollen.
Ender: Wir kennen
einander doch nicht. Wir haben uns bewußt doch noch
nie gesehen. Außer meiner Frau und mir.
Gerber: Irgendeinen
gemeinsamen Bezugspunkt muß es doch geben.
Seidler: Vielleicht
wohnen wir in der Nähe.
Gerber: Da ist zwar
unwahrscheinlich, aber bitte. Ich wohne im zwölften
Bezirk.
Seidler: Ich im
dreizehnten.
Ender: Wir im
achten.
Maximilian:
Maximiliansbezirk. Maxibezirk.
Kindler: (kichernd)
Ich wohne im neunzehnten.
Gerber: (sich an
Jäger wendend) Und sie?
Kindler: Er ist
eingeschlafen.
Gerber geht zur
alten Frau, die vor sich hinnickend, unbeteiligt geblieben
war.
Gerber: (laut) Wo
wohnen sie?
Die alte Frau
registriert kaum, daß sie angesprochen wurde. 8ie
nickt nur vor sich hin, ohne eine Antwort zu geben. Sie
lächelt.
Seidler: So kommen
wir nicht weiter!
Gerber: Das kann es
also nicht sein. Vielleicht ...
Es ertönt eine
Stimme aus einem nicht sichtbaren Lautsprecher.
Stimme: Die Schuld
ist allgemein.
Alle sind
erschrocken. Sie verharren in ihren Positionen.
Maximilian:
(nachäffend) Die Schuld ist allgemein. Die Schuld ist
allgemein. Die Schuld ist allgemein.
Seidler: (erregt)
Was war das? Und was soll das heißen?
Ender: Das ist
sicher ein neuer Trick von denen.
Seidler: Wer ist
schuld? Woran schuld? Ich bin nicht schuld! Ich habe nichts
getan!
Gerber: Unsinn! Wenn
sie uns eine Schuld vorwerfen, dann müssen sie uns
nicht in dieser obskuren Art und Weise hier
zusammenrufen.
Ender: Die Schuld
ist allgemein! Vielleicht haben wir eine gemeinsame
Schuld.
Gerber: Wozu gibt es
Gerichte und Untersuchungsausschüsse?
Ender: Vielleicht
bilden wir einen dieser neuen
Laienuntersuchungsausschüsse.
Gerber: Wir sind
keine Richter.
Angelika: Langsam
glaube ich, daß wir angeklagt werden.
Gerber: Wessen
wollen sie uns anklagen?
Angelika: Sie haben
doch gehört
Kindler: Ich habe
Angst.
Seidler: Ich finde
diese Vorgangsweise unerhört. Ich werde mich
beschweren. Ich bin eine anerkannte Persönlichkeit und
habe mir nichts zuschulden kommen lassen. Ich lasse mir das
nicht bieten. Ich protestiere auf das
Entschiedenste!
Gerber: Proteste
helfen uns nicht. Und bei wem wollen sie denn protestieren.
Wir sind nicht zuständig.
Seidler: Das
weiß ich. Warum kommt denn niemand und sagt uns, was
das soll.
Gerber: Das
dürfen sie mich nicht fragen. Aber wir sind nun einmal
in dieser Situation und wir müssen versuchen
...
Seidler: Was
heißt versuchen? Wir haben ein Recht darauf zu
erfahren ...
Gerber: Recht?
Welche Rechte haben Gefangene? Und daß wir hier
gefangen sind, wissen wir bisher mit Sicherheit. Das ist die
einzige Tatsache!
Seidler: Ich bin
nicht gefangen. Ich bin freiwillig hier ... Ich ... ich ...
lasse mich nicht einsperren!
Ender: Trotzdem sind
sie hier. Sie sind nur einer von acht Gefangenen.
Seidler: Aber ich
bin doch ...
Gerber: Diese
Diskussion bringt uns nicht weiter. Wir sind (ironisch)
freiwillige Gefangene.
Ender: Wir sollten
uns vorstellen. Mein Name ist Ender und das ist meine Frau
Angelika.
Seidler: Endlich ein
vernünftiger Vorschlag! Seidler, Dr.
Seidler.
Gerber:
Roche.
Kindler: Kindler,
sehr erfreut.
Maximilian:
Maximilian. Dr. Maximilian. Draximilian.
Jäger: Ich bin
schuld. (Richtet sich auf)
Alle blicken
verwundert zu ihm hinüber.
Seidler: Was wollen
sie damit sagen?
Jäger: Sie sind
doch Dr. Seidler von der Vierthalerschule?
Seidler:
(verwundert) Ja, aber woher kennen sie mich?
Jäger: Das ist
eine lange Geschichte.
Maximilian: Lange
Geschichte. Geschichte! Geschichte.
4. Szene
Jäger liegt,
auf einen Arm gestützt, quer über die Stühle.
Die anderen, bis auf die alte Frau, umstehen Jäger bzw.
holen sich die freien Stühle und setzen sich um ihn
herum. Jäger spricht langsam, immer wieder
stockend.
Jäger: Sie, Dr.
Seidler, erinnern sich vielleicht an meinen Bruder - Abel
Mandel?
Seidler: (nickt,
sich besinnend) Ja, vor etwa sieben, acht Jahren
Jäger: Vor acht
Jahren wurde mein Bruder von ihrer Schule
ausgeschlossen.
Seidler: (abwehrend)
Nicht m e i n e Schule! Damals war ich noch nicht Leiter,
damals war ich nur ein kleiner Lehrer unter vielen
...
Jäger: Sie
kennen die ...
Seidler: Ich habe
mit der Sache nichts zu tun gehabt! Überhaupt
nichts!
Jäger: Das
meine ich nicht! Aber sie kennen die Geschichte meines
Bruders?
Seidler: Ja, ihr
Bruder hatte eine Mitschülerin ... hatte mit einer
Mitschülerin etwas.
Jäger: Er hat
sie vergewaltigt. -
Seidler: Deshalb
wurde er von der Schule verwiesen. Es war ein einstimmiger
Beschluß. Wir hatten keine andere Wahl.
Jäger: Mein
Bruder wurde damals nicht nur von der Schule ausgeschlossen
sondern in eine Korrekturanstalt gebracht.
Seidler: Aus der er
dann geflohen ist.
Jäger: Mein
Bruder ist geflohen und hat dieses Mädchen
umgebracht.
Seidler: Es stand in
allen Zeitungen. Dann ist das vertuscht worden. Mehr
weiß ich davon nicht.
Jäger: Ja, es
wurde ein Veröffentlichungsverbot ausgesprochen. Mein
Bruder blieb verschwunden. Eines Tages wurde ich von der
Polizei abgeholt. Man schleppte mich in eine dieser damals
gerade eingeführten Verhörkammern, schloß
mich an einen Apparat an und verhörte mich. Stundenlang
immer dieselben Fragen. Doch sie glaubten mir nicht. Dennoch
wurde ich freigelassen. Man konnte mir nicht beweisen,
daß ich meinen Bruder decke. Das war erst der Anfang.
Ziemlich regelmäßig wurde -ich vorgeladen,
verhört und wieder entlassen. Mit ihren Worten waren
sie freundlich - aber so reden sie ja immer - doch sie
brachten mich soweit, daß ich meinen Bruder
verfluchte. Ich verlor meine Arbeit, denn oft blieb ich
zwei, drei Tage bei diesen Verhören. Endlich war es
ihrer Meinung nach so weit, war i c h soweit! Sie
erklärten mir, daß ich ihr Problem und damit auch
mein Problem lösen könnte. Sie dürften meinen
Bruder nicht töten, sie dürften ihn nicht einmal
verurteilen. Ich sollte ihnen diese Arbeit abnehmen. Ich
sollte meinen Bruder töten, meinen Bruder, dem ich die
Verhöre, den Verlust meiner Arbeit zu verdanken
hätte. Ich begann meinen Bruder zu hassen. Immer wieder
zeigten sie mir das Bild meines Bruders und das Bild des
Mädchens, das er getötet hatte. In immer
schnellerer Folge zeigten sie mir diese Bilder. Am Anfang
dachte ich noch, sie wollten herausfinden, wo mein Bruder
versteckt war, ob ich etwas wüßte. Doch die
Fragen hatten nur den Zweck, meinen Haß zu
schüren, mich gegen meinen Bruder und seine Tat
aufzubringen. Auf meine Fragen, wozu diese Verhöre
dienten, antworteten sie nur, daß es für das Wohl
der Gemeinschaft wäre. Oder sie sprachen auch von
Experimenten für die Zukunft, für ein besseres
Menschengeschlecht. Dann eines Tages, führten sie mich
in ein Zimmer. Ein langgestrecktes Zimmer, das wie ein
Schießstand aussah. Sie gaben mir auch eine Pistole
und ich sollte auf ein Ziel schießen, das sie mir
zeigen würden. Von Tonbändern spielten sie mir die
Schreie eines Mädchens vor, das vergewaltigt wird. Es
wären Schreie des Mädchens, das mein Bruder
getötet hatte. Ich fragte nicht mehr, woher sie diese
Aufnahmen hatten, ich glaubte ihnen alles, was sie
erzählten.
Zu diesem Zeitpunkt wußte ich nicht mehr, was ich tat
und woran ich glaubte. Sie zeigten mir Bilder meines Bruders
und des Mädchens, das er umgebracht hatte. Sie zeigten
mir Bilder, auf denen mein Bruder dieses Mädchen
erwürgte. Und immer wieder die Schreie des
Mädchens. Sie befahlen mir, auf das Bild meines Bruders
zu schießen. Ich schoß auf jedes Ziel, das sie
mir zeigten. Ohne auf die Gesichter zu achten. Gesicht,
Mädchen, Bruder, Schießen. Immer wieder. Und ich
lernte an diesem Spiel, wie sie es nannten, Gefallen zu
finden. Schießen, schießen und schießen.
Und dann kam dieser Tag, an dem sie mir keine Bilder mehr
zeigten. Ich flehte sie an, mir die Bilder zu zeigen, ich
bettelte um das Geschrei des Mädchens, seinen
Todesschrei. Ich war bereit, meinen Bruder zu töten.
Ich mußte es tun. Ich erschoß meinen Bruder, als
sie ihn hereinschleppten.
Die Umstehenden, die
ihm gefolgt waren, weichen unwillkürlich einen Schritt
zurück. Aber sie bleiben stumm. Es tritt eine Pause von
etwa 20 Sekunden ein!
Jäger: (mit
tonloser Stimme) Als ich meinen Bruder auf dem Boden liegen
sah, trat ich seinen Körper mit den Füßen.
Gedankenlos, besinnungslos. Sie ließen mich frei. In
Gedanken habe ich meinen Bruder seit diesem Tag immer wieder
getötet, ihn getreten, die Gesellschaft von einem
Mörder befreit. Und mit diesen Gedanken befreite ich
mich! Ich begann die Lücken, die Unstimmigkeiten in den
Abläufen zu entdecken. Ich begann mir Fragen zu
stellen. Fragen, die ich früher beiseite geschoben
hatte, Fragen, die sie mit meinem Haß zum Verstummen
gebracht hatten. Wie konnten sie Bilder von meinem Bruder
besitzen, Bilder und Tonbandaufnahmen seiner Tat? Wie konnte
mein Bruder überhaupt aus einer ihrer sicheren
Anstalten ausgebrochen sein? Wie hatten sie meinen Bruder
gefunden? Ein Spiel hatten sie es genannt. Alles war nur ein
Spiel, wußte ich plötzlich.
Ich begann meinen Bruder zu suchen. Ich hatte ihn nicht
getötet. Wie besessen begann ich überall nach
meinem Bruder zu suchen. Ich würde ihn finden, davon
war ich überzeugt. Alles war ja doch nur ein Spiel,
mußte ein Spiel gewesen sein. Die Tat meines Bruders,
die Verhöre, der Mord an meinem Bruder. Ich nahm einen
anderen Namen an. Ich nannte mich Jäger.
Besessen von dem Gedanken, alles aufzulösen, meine
Schuld, an die ich nicht mehr glauben konnte, von mir
abzustreifen, suchte ich nach meinem Bruder. Eines Tages
standen sie vor meiner Tür, drangen in meine Wohnung
ein. Ich sollte die Suche nach meinem Bruder aufgeben. Er
sei tot. Es sei ihm und der Gesellschaft Gerechtigkeit
widerfahren. Ich sei nur ein Werkzeug dieser Gerechtigkeit
gewesen. In mir hätte sich die Gerechtigkeit der
Gesellschaft, das Wohl der Gesellschaft manifestiert. Da
begann ich zu verstehen, da begann ich zu ahnen - was ich
heute weiß. Alles war ein großes Experiment, sie
haben meinen Bruder manipuliert, mich manipuliert. Sie
wollten Herausfinden, wozu ein Mensch fähig ist. Sie
wollten die Grenzen finden. Ich wollte ein Ende machen. Aber
ich hatte denken gelernt, ich begann, sie und ihre Absichten
zu durchschauen. Ich begann einen Kampf gegen sie. Nicht
offen, versteckt. Ich arbeitete mit denselben Methoden. Ich
unterrichtete andere, dieses Spiel zu durchschauen. Den
Mantel herunterzureißen, der ihre Lügen verbirgt:
daß alles zum Wohle der Gemeinschaft wäre, zum
Wohle aller. Ich weiß, daß das heute das Ende
ist. Sie werden nicht länger zuschauen - und sie
schauen zu! Sprechen sie mich schuldig. Ich kämpfe
gegen die Gesellschaft. Ich bin schuldig.
Es tritt abermals
eine kurze Pause ein.
Gerber:
Wir alle sprechen sie frei. Sie sind nicht
schuldig.
Jäger: Sie
müssen mich schuldig sprechen. Sie erwarten es von
ihnen. Wenn sie mich nicht schuldig sprechen, dann kommen
sie vielleicht nie mehr hier heraus.
Gerber: Nein, das
glaube ich nicht. Wir alle haben - bis auf Dr. Seidler -
nichts von dieser Sache gewußt. (Wendet sich
Zustimmung holend an die anderen. Diese schütteln den
Kopf,- nur Dr. Seidler will etwas erwidern, besinnt sich
dann aber) Nein! Es muß etwas anderes sein. Etwas
Gemeinsames. Wer kann von sich behaupten, keine Schuld auf
sich geladen zu haben?
Jäger: Die
Schuld liegt nicht in uns. Sie machen uns
schuldig.
Seidler: Ich bin mir
keiner Schuld bewußt. Ich habe nichts Unrechtes getan.
Niemals hätte ich jemanden umgebracht.
Ender: Vielleicht
sind wir ausgewählt worden, ihn schuldig zu sprechen,
ihn zu verurteilen und ihn dann ... (er
zögert)
Maximilian: (die
Pause nützend) Ausgewählt verurteilen.
Verurteilen. Ausurteilen.
Ender: Aber wir
müssen doch irgendeine Funktion erfüllen. Wir sind
gemeinsam hier eingeschlossen, wir werden gezwungen
...
Er wird
unterbrochen. Wieder ertönt die Stimme aus dem
unsichtbaren Lautsprecher.
Stimme: Alle sind
schuldig.
Maximilian: Alle
sind schuldig. Alle sind schuldig. Alle sind
schuldig.
5. S z e n e
Alle stehen noch
unter dem Eindruck der Stimme.
Seidler: (Maximilian
anfahrend) Hören sie doch mit ihrem albernen
Nachplappern auf. Wir sind alle nicht schuldig. Zumindest
ich ...
Kindler: Alle! Sie
haben doch gehört: alle!
Gerber: Wir
müssen ihr Spiel mitspielen. Nicht weil sie es wollen,
weil wir es müssen. Wir müssen handeln, wir sind
dazu gezwungen, wenn wir hier jemals wieder herauskommen
wollen.
Jäger: Sie
dürfen mich nicht freisprechen. Ich habe mich schuldig
gemacht. Sprechen sie mich schuldig, dann werden sich die
Türen für sie öffnen.
Gerber: Dazu kann
uns niemand zwingen. Niemand. Auch sie mit ihren Methoden
nicht. Wir sind keine Richter und keine Henker.
Ender: Wir lassen
uns nicht zwingen.
Jäger: Mich
haben sie zum Mörder gebracht mit ihren Methoden. Sie
werden sie zwingen, mich schuldig zu sprechen.
Kindler: Ich habe
nichts zu verlieren, darum werde ich sie niemals schuldig
sprechen.
Seidler: Sie haben
nichts zu verlieren, aber ich ...
Ender: Hören
sie doch mir ihren Unschuldsbeteuerungen auf. Wer
weiß, was sie alles getan haben.
Seidler:
(macht Anstalten, Ender anzugreifen) Das ist eine infame
Unterstellung. Nehmen sie das sofort zurück oder ich
...
Ender: (kalt) Ich
wüßte nicht, was ich zurücknehmen
sollte.
Seidler:
(stürzt sich auf Ender, wird aber von Gerber daran
gehindert) Sie nehmen das sofort zurück ...
Gerber: (schreit)
Aufhören!
Seidler: Mischen sie
sich da nicht ein. Er hat behauptet, daß ich
...
Gerber: Merken sie
denn beide nicht, daß uns das nicht weiterbringt.
Genau das wollen sie doch. Nur wenn wir an einem Strang
ziehen, kann es eine Lösung geben. Wir alle sind in
dieser Situation - alle! Nehmen sie sich doch
zusammen.
Kindler: Bitte
hören sie auf zu streiten. Ich werde meine Geschichte
erzählen.
Seidler: (der sich
etwas beruhigt hat) Dazu kann sie niemand
zwingen.
Kindler: Wer spricht
von Zwang? Ich will erzählen.
Maximilian:
Erzählen. Erzählen. Erzählen.
Seidler: Hören
sie mit ihrem Gefasel auf!
Kindler: Bitte
hören sie auf. Das hat doch keinen Sinn.
Maximilian: Keinen
Sinn! Keinen Sinn. Keinen Sinn.
Seidler: (will etwas
erwidern, macht aber nur eine abwertende Handbewegung) Mit
ihnen ...
Kindler: Ich werde
meine Geschichte erzählen. Ich habe einen Sohn,
vielmehr, ich hatte einen Sohn. Mein Mann ist ein Jahr nach
der Geburt von Walter gestorben. Da wurde ich von den
Behörden vor die Alternative gestellt, entweder mich
wieder zu verheiraten oder das Kind zur Adoption
freizugeben. Ich lief von einem Amt zum anderen. Ich wollte
nicht mehr heiraten. Überall sagte man mir: wenn sie
nicht heiraten wollen, dann müssen sie ihren Sohn
freigeben. Das Gesetz verbietet einer Frau, ein Kind allein
- großzuziehen.
Seidler: Ein Kind
braucht einen Vater! Sie hätten heiraten müssen,
wenn sie ihren Sohn behalten wollten.
Kindler: Ich hatte
meinen Mann geliebt.
Seidler: Trotzdem.
Sie mußten ihrem Sohn einen Vater geben.
Kindler: Ich konnte
es nicht. Sie nahmen mir das Kind und es erhielt neue
Eltern. Gute Eltern. Sie besaßen ein schönes
Haus, Geld, Einfluß. Mein Sohn würde es gut
haben. Sie sagten, besser als bei mir. Was könnte ich
ihm schon bieten.
Seidler: Dieses
Gesetz ist gut.
Kindler: Gut
für wen?
Seidler: Für
unsere Kinder und Kindeskinder.
Kindler: So steht es
auf dem Papier. Haben sie Kinder?
Seidler: Eine
Tochter.
Kindler: Und es ist
ihr eigenes Kind?
Seidler:
Natürlich! Meine Frau und ich sind sehr stolz auf
unsere Tochter.
Kindler: Ich wollte
auch einen Sohn haben, auf den ich stolz sein könnte.
Ich hätte ihn zu einem wertvollen Menschen erziehen
können.
Seidler: Ohne
Väter gibt es keine wertvollen Menschen.
Gerber: Unterbrechen
sie Frau Kindler nicht immer.
Kindler: Schon gut.
Sie nahmen mir meinen Sohn. Anfangs durfte ich ihn noch
besuchen. Doch das Kind, das in einem fremden Haus bei
fremden Menschen aufwuchs, war nicht mein Kind. Eines Tages,
Walter war gerade vier Jahre alt, verbot man mir die
Besuche. Die Eltern fanden, daß ich mich in ihre
Erziehung einmischte. Ich hätte kein Recht mehr. Das
hätte ich mir früher Überlegen sollen. Ich
wußte, in welche Schule mein Sohn gehen sollte Als er
mit fünf Jahren in die Schule kam, verbarg ich mich
vis-a-vis vom Schultor, wo mich niemand sehen konnte.
Jahrelang beobachtete ich ihn. Er schien glücklich zu
sein.
Dann kam jener Tag. Walter war zwölf. Wieder hatte ich
ihn beobachtet. Da lief er wie immer aus dem Schultor heraus
über die Straße. Er stürzte. Ich
vergaß in diesem Augenblick alles. Ich lief zu ihm und
half ihm auf die Beine. Er blutete ein wenig. Ich wischte
das Blut von seinen Knien. Tut es weh, Walter, fragte ich.
Erstaunt blickte er mich an, woher kennst du meinen Namen?
Und dann sagte ich jenen Satz, der meine Schuld
begründete: Ich bin deine Mutter. Zuerst begriff er den
Sinn der Worte nicht. Dann rief er: du lügst, du bist
nicht meine Mutter. Er riß sich los und lief
davon.
Angelika: Das
muß entsetzlich für sie gewesen sein.
Kinder: In diesem
Augenblick wurde mir zum ersten Mal bewußt, was ich
getan hatte. Ich weiß nicht mehr, wie ich nach Hause
gekommen bin. Nach einigen Tagen erhielt ich eine Nachricht
von den Behörden. Man machte mir klar, daß es
besser wäre, wenn ich in eine andere Stadt zöge.
Man würde mich notfalls zwingen. Damals war ich selber
froh über diesen Vorschlag.
Angelika: Sie haben
ihren Sohn nicht wiedergesehen.
Kinder: Doch, aber
das ist eine andere Geschichte.
Angelika: Sie
sollten sie erzählen. Vielleicht hilft es
ihnen.
Kindler: Mir kann
nichts mehr helfen, aber ich werde erzählen. Sie kennen
meinen Sohn vielleicht unter dem Namen Walter
Martens.
Gerber: Den
Wissenschaftler?
Kindler: Ja, der
Wissenschaftler. Es ist etwas aus ihm geworden.
Seidler: Auf den
können sie stolz sein. Es war richtig, ihn in eine
vollständige Familie zu geben. Sie können trotzdem
stolz sein.
Kindler: Kann ich
das?
Seidler: Meine
Tochter soll auch eine Wissenschaftlerin werden. Sie besucht
jetzt die Universität. Alle Tests ergaben hohe
Begabungsreserven. Sie hat ausgezeichnete Zensuren. Der
Staat sorgt für unsere Begabungen.
Gerber: Lassen sie
Frau Kindler doch weitererzählen.
Kindler: Nein,
erzählen sie nur von ihrer Tochter.
Seidler: Nun, meine
Tochter wird eine bedeutende Forscherin werden, auch wenn
sie anfangs nicht so recht wollte. Sie wollte Schauspielerin
werden. Stellen sie sich vor: Schauspielerin!
Kindler: Nun, was
ist daran so Schlimmes?
Seidler: Meine
Tochter eine Schauspielerin. In meiner Position als Vater
einer Schauspielerin. Diese Flausen habe ich ihr schon
ausgetrieben. Sie hat anfangs zwar mit Trotz reagiert, doch
ich habe ihren Trotz gebrochen. Seither ist sie eine
ausgezeichnete Schülerin und eines Tages wird sie mir
dankbar dafür sein.
Kindler: Das
wünsche ich ihnen.
Gerber:
Erzählen sie wieder von ihrem Sohn.
Kindler: Das ist
rasch erzählt. In einer U-Bahn-Station hielt mir jemand
die Türe auf - mein Sohn. Ich habe ihn sofort erkannt
und ich muß wohl einigermaßen betroffen
ausgesehen haben. Ich vergaß, die Türe zu halten
und ich bedankte mich auch nicht. Es waren nur einige
Sekunden gewesen - für mich war es eine Ewigkeit. Er
wird sich gewundert haben über die seltsame alte Frau,
die ihn zwischen Tür und Angel anstarrte. Erst als ich
mich gefangen hatte, dankte ich ihm. Er ging
kopfschüttelnd weiter.
Seit diesem Tag weiß ich, daß ich gelernt habe.
Seit diesem Tag habe ich keinen Sohn mehr. Ich habe niemals
einen Sohn gehabt. Niemals.
Angelika tritt zu
ihr und legt die Hand um ihre Schultern. Es tritt einen
Augenblick Stille ein.
Stimme:
Schuldig.
Die Reaktionen sind
jetzt weniger heftig als vorher.
Maximilian:
Schuldig. Schuldig. Schuldig.
6. S z e n e
Ender: Auch wir sind
schuldig.
Angelika: Ich
weiß, was du meinst.
Seidler: (der aus
dem Hintergrund hervorgetreten ist) Was soll es für
einen Sinn haben, wenn wir uns alle hier
entblößen? Das wollen sie doch nur. Um uns dann
umso leichter verurteilen zu können. Wir werden uns
aber nicht selber schuldig sprechen.
Gerber: Glauben sie
nicht, daß es gleichgültig ist, was wir tun? Sie
beobachten uns, sie beobachten unsere Reaktionen. Ob wir nun
unsere Schuld bekennen oder nicht. Das ist vielleicht die
letzte Chance ... unsere einzige, um ...
Angelika:
Um dem zu entkommen? Glauben sie noch daran?
Gerber: Ich
weiß es nicht. Aber hier zu sitzen und zu warten hilft
uns nichts. Je besser wir einander kennenlernen, je mehr wir
voneinander wissen ...
Angelika: Wir
müssen diese Chance nützen, irgendwie ... Auch wir
müssen unsere Geschichte erzählen. (Blickt Ender
an)
Ender: Außer
uns beiden weiß niemand davon, zumindest haben wir das
geglaubt. Die Lage, in der wir uns jetzt befinden, beweist
mir, daß sie alles wissen. Sie kennen die
Bestimmungen, die Gesetze, die es uns heute erlauben, Kinder
zu bekommen. Wir haben die vorgeschriebenen unzähligen
Untersuchungen über uns ergehen lassen. Bis uns eines
Tages mitgeteilt wurde, daß wir kein Kind haben
dürfen. Kein normal gezeugtes Kind, denn die Verbindung
unserer Chromosomen sei für die Gesellschaft nicht
wünschenswert. Das stand in dem Befund. Man ließ
uns eine Möglichkeit: eine künstliche Befruchtung
mit geprüftem Samen. Angelika und ich haben lange
darüber nachgedacht und wollten auf ein Kind
verzichten. Doch ein befreundeter Kollege verriet mir den
Namen eines Arztes. Dieser erklärte sich bereit, eine
künstliche Befruchtung wieder abzutreiben. Die
Entscheidung war nicht leicht. Doch wir stimmten dann
überein, daß es die einzige Chance ist. So
ließ sich Angelika künstlich befruchten. Das Kind
wurde abgetrieben und wir zeugten ein Kind. Wir. Ein Kind,
unser Kind. Wie wir von unseren Eltern gezeugt worden
waren.
Gerber: Ich habe
auch von diesen Bestimmungen gehört, daß nur
geprüftes Erbgut für unsere glorreiche Jugend
verwendet werden darf.
Angelika: Sie
bestimmen unsere Zukunft. Sie wollen aber auch bestimmen,
wie unsere Kinder aussehen sollen, welche
Persönlichkeit sie haben sollen. (Bitter) Zum Schutz
und Wohle der Gemeinschaft. Zur Optimierung künftiger
Generationen.
Kindler: Wie alt ist
ihr Kind jetzt?
Ender: Wir haben
kein Kind. Als es gerade ein Jahr alt war, haben sie es nach
einer ärztlichen Untersuchung im Krankenhaus
dabehalten. Es müßte Überwacht werden. Es
sei nicht gesund. Wir wären nicht in der Lage, es
aufzuziehen.
Angelika: Sie haben
unser Kind umgebracht.
Ender: Dafür
gibt es keinen Beweis.
Angelika: Was ich
heute erfahren habe, nimmt mir jede Hoffnung. Sie machen mit
uns, was sie wollen. Wir haben keine Chance mehr, unser
Leben und das Leben unseres Kindes selber zu bestimmen.
Geprüft und nicht in Ordnung befunden.
Ender: Wie lange
wollen wir uns das noch gefallen lassen? Wie lange wollen
wir diese Zwänge noch hinnehmen?
Seidler: Wir haben
keine Chance, etwas zu ändern. Wir sind acht Menschen
in einer anonymen Masse, auf die es bei den
Überlegungen dort oben nicht ankommt. Man muß das
Ganze sehen, sagen sie immer. Sie lachen sicherlich nur
über unser Geschwätz ...
Ender: (fanatisch)
Sollen sie lachen, sollen sie uns auslöschen
...
Kindler: Glauben
sie, daß sie uns ... alle ...
Seidler: Nein, das
wagen sie nicht. Das können sie nicht. Wir haben doch
schließlich Freunde, Bekannte, die nach uns fragen
werden.
Kindler: Nach mir
fragt niemand. -
Seidler: Aber mich
können sie nicht so einfach liquidieren. Ich bin der
Leiter einer Schule, meine Kollegen, meine Schüler
werden sich das nicht gefallen lassen.
Ender: Sie haben
doch vorhin selber gesagt, daß wir nur acht
Einzelschicksale sind. Wir alle sind nicht so viel für
die Gesellschaft wert.
Gerber: (zustimmend)
Wir sind nicht die Menschheit. Wir sind nur ein
unwesentlicher Bestandteil einer Maschinerie. Bestandteile
wechselt man aus, wenn sie nicht mehr richtig funktionieren.
Früher war es das Alter, die geringere
Leistungsfähigkeit, wenn jemand abgeschoben wurde.
Heute sind es die Chromosomen. Man wird ausgetauscht, wenn
sie den Erwartungen der Herrschaften dort oben nicht
entsprechen.
Seidler: Trotzdem
sehe ich nicht den Sinn, daß gerade wir hier
zusammengeholt wurden.
Gerber: Wir bedeuten
für sie irgendeine Gefahr. Eine Gefahr, die wir zu
diesem Zeitpunkt nur noch nicht erkennen können. Darum
ist alles, was wir hier sagen, lebensnotwendig.
Seidler: Ich habe
mich immer loyal verhalten.
Ender: (Seidler
nicht beachtend) Wir dürfen uns das nicht gefallen
lassen. Wir müssen eine Gemeinschaft bilden. Nur so
haben wir eine Chance, vielleicht doch hier
herauszukommen.
Gerber: Wir
müssen zusammen ein Schwert schmieden, mit dem wir die
Köpfe dieser Hydra abschlagen können. Nicht wir
sind schuldig. Sie wollen nur, daß wir uns schuldig
fühlen. Wir dürfen uns nicht zu Schuldigen
machen.
Seidler: Die sind
schuldig. Nicht wir. Keiner von uns ist schuldig.
Gerber: Sie spielen
mit uns. Sie spielen mit unserer Angst und unserem
Gewissen.
Seidler: (schreit)
Wir sind unschuldig.
Stimme: Unschuldig
ist wer schweigt.
Maximilian:
Unschuldig ist wer schweigt. Unschuldig ist wer schweigt.
Unschuldig schweigt.
7. S z e n e
Seidler: (läuft
zur linken Türe und trommelt mit den Fäusten
dagegen. Schreit) Ich habe immer geschwiegen! Die anderen
sind schuldig! Ich bin unschuldig! Unschuldig! (Mit sich
überschlagender Stimme) Unschuldig!
Die anderen haben
den Ausbruch bewegt verfolgt. Zuerst sind sie
unentschlossen. Gerber nähert sich Seidler, der vor der
Türe weinend in sich zusammengesunken ist, legt die
Hand auf seine Schulter, hilft ihm auf die Beine und
führt ihn, der willenlos alles mit sich geschehen
läßt, zu einem freien Stuhl. Seiler fällt
hilflos darauf, stützt den Kopf in seine
Hände.
Ender: Wir
dürfen jetzt nicht die Nerven verlieren.
Gerber: Darauf
warten sie nur.
Angelika: Diese
Situation ist doch nicht zum Aushalten.
Maximilian:
(brüllend, daß die anderen sich ihm zuwenden) Ich
bin unschuldig. (Mit Genugtuung die Zuwendung bemerkend
stellt er sich auf einen Stuhl und beginnt zu deklamieren)
Maximilian, ich bin unschuldig. Ich hatte ihn geliebt. Ach,
armer Maximilian. Die Schuld ist allgemein. Auch du,
Maximilian. Es sind die besten, Maximilian. Das höchste
Gericht. Davor zu stehen, Maximilian. Alle. Die
Verurteilung. Unschuldig ist wer schweigt. Maximilian. Du
schweigst. Die Beweiskraft. Erdrückend. Maximilian.
Nicht du allein. Ich hatte ihn geliebt. Alle. Geliebt.
Guten Abend, Maximilian. Alle sind Mutter. Unschuldig. Ja,
mein Kind. Beschütze mich. Maximilian, ich bin bei Dir.
Mutter. Ich bin bei Dir. Maximilian. Mutter? Weine nicht.
Ich liebe Dich. (Beinahe zärtlich) Auch wenn du das
Glas zerbrochen hast. Schuldig, Mutter. Nein, mein Kind. Ich
habe es zerbrochen. Ich liebe dich, Maximilian. Mutter, ist
Liebe. Ist Schuld. Liebe ist Unschuld. Mutter, hilf mir.
Maximilian, ich bin bei dir. Mutter. Mutter. Mutter.
(beinahe erleichtert) Schuldig. Auch du? Tritt näher.
Auf deiner Stirn. Maximilian. Unschuldig? Nein. Maximilian.
Mutter, du. (Bricht zusammen)
Mutter. Mutter. Maximilian, mein Kleiner. Das Haar zu
streicheln. Maximilian. Ein Kuß. Mutter. Ich bin bei
dir. Unschuldig, Mutter. (Bricht in Tränen
aus)
Die anderen sind von
seinen Worten ergriffen.
Angelika: Ich habe
Angst.
Kindler: Wir alle
haben Angst.
Jäger: (der
nach seiner großen Erzählung wieder erholt ist)
Sie brauchen keine Angst zu haben, keine Angst vor diesen
Kreaturen. Sie haben nur ihre Gesetze. Wir haben unsere
Gefühle und unseren Willen.
Angelika: Was
nützen uns Gefühle?
Jäger:
Gefühle kann uns niemand nehmen, auch sie nicht. Sie
können unseren Verstand zerstören, aber nicht
unser Fühlen. Sie können unsere Angst, unsere
Liebe, unser Mitleid, unsere Hoffnung nicht mit Gesetzen
bestimmen. Sie können uns nicht befehlen, keine Angst
zu haben. Deshalb können sie uns auch nicht befehlen,
daß wir sie fürchten.
Ender: Unsere Angst
ist unsere Stärke.
Angelika: Das hilft
uns nicht hier heraus.
Jäger: Das ist
nun nicht mehr wichtig. Wir sind stark. Und unsere Situation
soll uns stark machen im Kampf gegen diese Diktatur des
Verstandes.
Ender: (legt die
Hand um die Schultern Angelikas) Unsere Liebe macht uns
stark.
Angelika: (umarmt
Ender wortlos)
Jäger: Wir
haben hier gelernt, wozu dieses Regime fähig ist. Ich
habe einen Kampf gegen ihn begannen. Heute habe ich wieder
die alte Kraft, den alten Haß in mir gefühlt. Der
Haß gegen dieses Regime ohne Gefühl und ohne
Menschlichkeit wird uns die Kraft geben für unseren
Kampf.
Maximilian:
(brüllend) Kampf! Kampf! Kampf!
Alle wiederholen
leiser, teilweise zögernd, das Wort "Kampf". Alle
treten sie zueinander und nehmen sich an den Händen.
Sie wiederholen immer wieder das Wort Kampf, bis es
schließlich im Chor wie eine Stimme klingt.
Stimme: Kampf!
(Gelächter) Kampf! (Sich überschlagendes
Gelächter)
Das Gelächter
des Tonbandes wird von einem gemeinsamen Ruf "Kampf" aller
übertönt.
8. S z e n e
Nach dem Schwur hat
sich die Situation beruhigt.
Ender: Jeder hat
seine Geschichte erzählt. Nun sind sie an der Reihe,
Roche.
Gerber:
(zögernd) Ja, ich bin an der Reihe. Auch ich bin
schuldig geworden. Lange, zu lange liegt alles
zurück.
Seidler: Sie
vergessen nichts. Sie registrieren alles.
Gerber:
Ich habe meine Mutter verlassen. Ich bin vor ihrer Liebe
geflohen. Sie hatte alles für mich bestimmt, hatte
jedes Hindernis aus dem Wege geräumt. Sie hat mich
behütet, mich vor allen Gefahren versteckt. Ich glaubte
an die Nüchternheit, an die Kraft des Verstandes. Ich
haßte alle Gefühle. Ich hatte meine Mutter, die
immer von Gefühlen sprach. Ich bin vor diesen
Gefühlen davongelaufen. Das war vor vielen Jahren.
Ich nahm einen anderen Namen an und lebte in einer fremden
Stadt. Vor zwei Jahren bin ich zurückgekehrt. Ich hatte
in einer Welt der Rationalität gelernt, daß der
Mensch mehr ist als sein Verstand. Daß er auch mehr
ist als ein Bündel von Gedanken und Emotionen. Ich
hatte Sehnsucht nach Liebe, nach Geborgenheit. Ich hoffte
meine Mutter wiederzufinden. Ich suchte unser altes Haus
auf, doch es stand leer. Man sagte mir, sie wäre
ausgezogen. Ein Nachbar erzählte mir aber, daß
meine Mutter abgeholt worden war. Ich bin zu den
Behörden gelaufen. Doch dort wußte man nichts
über das Verbleiben meiner Mutter. Man sagte mir
nichts, oder man wollte mir nur nichts sagen. Ich begann
nach meiner Mutter zu suchen. Doch weiß ich nicht
einmal, wie sie aussieht. Lebt sie noch? Ich weiß,
daß ich eine Schuld auf mich geladen habe. Eine
Schuld, die ich nicht gutmachen kann. Doch glaubte ich an
eine Chance, wenigstens einen Teil dieser Schuld abtragen zu
können, ein Unrecht gutmachen zu können. Ich bin
schuldig.
Kindler: Wie alt ist
ihre Mutter jetzt?
Gerber: Sie
müßte zweiundsiebzig Jahre sein.
Kindler: So alt
vielleicht wie diese Frau dort auf dem Stuhl?
Gerber: (folgt ihrem
Blick) Ja, so alt ... vielleicht. (Zögernd, dann
entschlossen) Nein, das kann nicht sein! Ich
müßte meine Mutter doch wiedererkennen. (Pause)
Ich müßte doch fühlen ... Kann man seine
Gefühle denn verlieren? (Nähert sich der alten
Frau, die aber unbeteiligt bleibt und nur vor sich hinnickt)
Nein. (Er schüttelt immer wieder den Kopf. Kniet vor
der alten Frau nieder, nimmt ihre Hände)
In diesem Augenblick
wird die Bühne hell angestrahlt.
9. S z e n e
Die Türe links
öffnet sich und Weiß tritt herein, begleitet von
zwei Soldaten. Alle sind angezogen und abgestoßen
zugleich.
Seidler: Wir wollen
eine Erklärung ...
Ender: Wir wollen
wissen ...
Jäger: Wir
fordern Rechenschaft ...
Kindler: Endlich ...
Weiß: (unterbricht die auf ihn Einstürmenden
geradezu freundlich) Sie sollen eine Erklärung
erhalten. Nehmen sie doch Platz. (Er weist mit einer
Handbewegung die beiden Soldaten an, die Stühle wieder
an die Wand zu stellen. Flankiert von den zwei Soldaten holt
er einen Zettel aus der Tasche, bemerkt, daß sich noch
niemand gesetzt hat) Nehmen sie bitte Platz.
Zögernd folgen
alle seiner Aufforderung. Nur Gerber kniet nach wie vor
kopfschüttelnd vor der alten Frau.
Weiß: Sie
haben an einem Experiment teilgenommen. (Beschwichtigt
einige, die sich protestierend erhoben haben) Bitte behalten
sie doch Platz. Wir wollen zu einem Ende kommen. Ich habe
ihnen das Resultat zu verkünden. Sie sind
schuldig.
Weiß hebt die
Hand und die beiden Soldaten heben die Maschinenpistolen und
exekutieren die acht Personen mit zwei Garben. Die acht
sinken zu Boden. Ruhig, wie man zu Boden sinkt, wenn man auf
einem Stuhl eingeschlafen wäre. Weiß schickt die
beiden Soldaten hinaus. Sie kommen mit dem Türsteher
und zwei anderen Soldaten zurück. Alle Vorgänge
sind lautlos! Im Zuschauerraum erheben sich auf eine
Handbewegung von Weiß hin acht Personen, die im
Zuschauerraum verteilt sind, und kommen auf die Bühne.
Die acht Personen sind dem Aussehen nach identisch mit den
acht Personen auf der Bühne, Kleidung, Haartracht
müssen übereinstimmen. Der Transparentvorhang
fällt. Die acht Personen treten zu ihren am Boden
liegenden Doppelgängern.
Sie bewegen sich wie
Marionetten. Weiß deutet den Soldaten mit einer
Handbewegung, daß sie die acht Personen hinausbringen.
Die Soldaten treiben die acht Personen, die alles
teilnahmslos über sich ergehen lassen, zur rechten
Türe hinaus.
Das Licht verdunkelt
sich, nur die drei Lampen brennen wie am Beginn der ersten
Szene. Weiß will bei der linken Türe abtreten.
Besinnt sich. Nimmt aus der Manteltasche den Fensterknauf
und öffnet das Fenster. Von draußen sieht man das
gelbe Licht eines Sonnenaufgangs. Während Weiß
langsam abtritt, wird die Sonne immer heller und
überflutet schließlich den Zuschauerraum mit
ihrem gleißenden Licht. Langsam fällt der
Vorhang.
(Linz
1979)

[Autor
anno 1980]
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